Ein weiteres Mal sucht das Stadtparlament einen nachhaltigen Umgang mit Abfall.
Während Monaten hat im vergangenen Jahr eine einzige Frage die Stadtzürcher Politik dominiert: Soll es künftig etwas kosten, wenn Zürcherinnen und Zürcher eine Polstergruppe zu entsorgen haben? Oder soll dies – wie bisher – kostenlos bleiben?
Die Antwort darauf hat die zuständige Stadträtin Simone Brander (SP) längst gegeben: Die Gratis-Entsorgungscoupons werden nicht wieder eingeführt. Entsorgungen werden dadurch kostenpflichtig.
Doch nun kehrt das Thema in die städtische Politik zurück. Denn jetzt fragt sich, wie mit ungebrauchten oder defekten Haushaltgegenständen künftig zu verfahren sei. Zur Debatte stand das Pilotprojekt «Josy» aus Branders Tiefbaudepartement.
Dieses hat sich das Schlagwort Kreislaufwirtschaft auf die Fahne geschrieben und ist mit Kosten von 5,2 Millionen Franken veranschlagt.
Ratspräsident wird nicht am Limmatquai gewählt
Zunächst aber redeten sich die Ratsmitglieder in einer ganz anderen Angelegenheit in Stimmung. Die FDP-Fraktion hatte vorgeschlagen, die konstituierende Sitzung mit der Wahl des neuen Ratspräsidenten Christian Huser im historischen Rathaus am Limmatquai statt im Rathaus Hard abzuhalten.
Es handelte sich um eine vermeintliche Formalität. Doch die Idee der Bürgerlichen zog eine beinahe halbstündige und teilweise gehässig geführte Debatte nach sich.
Weil die FDP-Fraktion angeboten hatte, zusätzlich anfallende Kosten für die auswärtige Sitzung selbst zu tragen, sprach David Garcia Nuñez (SP) von einem Versuch, einen Staatsakt in eine «private Party» zu verwandeln. Er scherzte, die FDP wolle wohl die Zeit zurückdrehen – dahin, als sie noch mehr Macht gehabt habe.
Bernhard im Oberdorf (SVP) nahm die angegriffene FDP sogleich in Schutz und äusserte den Wunsch, einen Staatsakt mit entsprechender Würde durchzuführen – und nicht in dieser «hässlichen Kirche». Gemeint war damit das Rathaus Hard, das in der Kirche am Bullingerplatz untergebracht ist.
Im Oberdorfs engagierter Redebeitrag blieb aber ohne Erfolg – der Rat lehnte den FDP-Vorschlag ab. Die konstituierende Sitzung findet demnach im Rathaus Hard statt.
Was Kreislaufwirtschaft ist, war umstritten
In der darauffolgenden Debatte über das Pilotprojekt «Josy» blieb der aufgebaute rhetorische Schwung durchaus erhalten.
Die Zürcher Stadtverwaltung will die Bevölkerung mit «Josy» dazu animieren, ihren Hausrat möglichst lang zu behalten. Wenn einmal etwas kaputtgeht, dann soll man den Gegenstand reparieren lassen. Doch das lohnt sich finanziell nur in den wenigsten Fällen: Ein neuer Staubsauger kostet in manchen Fällen sogar weniger als die Arbeit einer Fachperson.
Deshalb möchte die Stadt auf dem Josef-Areal einen Ort schaffen, an dem Reparaturen an solchen Haushaltgegenständen durchgeführt werden können. Das Pilotprojekt umfasst ausserdem finanzielle Mittel, welche die Stadt der Bevölkerung im Sinne eines «Bonus» zur Verfügung stellen möchte, wenn sie Gegenstände flicken lassen will.
Damit wolle die Stadt Zürich einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten, heisst es in der Projektierung von «Josy». Dass dies eine löbliche Bemühung sei, darin waren sich die Vertreter aller Fraktionen am Mittwochabend zwar einig.
Was Kreislaufwirtschaft überhaupt ist, das war jedoch umstritten.
Niemand in den linken Parteien habe eine Ahnung von «richtiger» Kreislaufwirtschaft – so eröffnete Johann Widmer (SVP) sein Votum. Er hingegen wisse, dass eine wirklich nachhaltige Kreislaufwirtschaft mit «Josy» nicht zu erreichen sei. Die veranschlagten 5,2 Millionen seien daher «verpulfertes Geld» und dienten bloss dazu, dass «die linken Klubs und Vereine» in die Staatskasse greifen könnten.
Auch Emanuel Tschannen von der FDP bekannte sich zur Kreislaufwirtschaft, als er die FDP als «älteste Umweltpartei in diesem Rat» bezeichnete. Er bezweifelte jedoch, dass «Josy» überhaupt auf die erhoffte Nachfrage stossen werde, und nannte es angesichts der Kosten ein zu grosses Risiko.
Ein Projekt mit symbolhaftem Charakter
Simone Branders Dienstabteilung Entsorgung und Recycling Zürich stellt sich das neue Reparaturregime ungefähr so vor: Ab Anfang 2026 sollen auf einer digitalen Plattform die registrierten Reparaturbetriebe einsehbar sein. Wer in der Stadt wohnt, kann dort einen individuellen Rabatt-Code herunterladen.
Der Code ist 100 Franken wert und bleibt 30 Tage lang gültig. Ist die Reparatur vollzogen, erhält der Betrieb sein Geld über die Plattform. Die Stadt rechnet mit 40 000 Reparaturen, die mit durchschnittlich 75 Franken unterstützt werden.
Simone Brander bedankte sich in ihrer Verteidigung des Projekts für das grosse Interesse an der Vorlage und betonte deren symbolhaften Charakter: Auf der Josefwiese, wo wir hundert Jahre lang Abfall verbrannt hätten, könne man nun die Wende einläuten, sagte sie sinngemäss. «Künftig können hier Gegenstände eine neue Besitzerin oder ein längeres Leben bekommen.»
Hatte Emanuel Tschannen noch abschätzig von einem «Projekt zur Volkserziehung» gesprochen, so wendete Stadträtin Brander dieses Attribut ins Positive: «Es gehe darum, die Bevölkerung zu motivieren, ihre CO2-Bilanz zu senken.» Man wolle deshalb «einmal schauen», wie sich das Projekt entwickle.
Der Rat folgte ihr und nahm die Vorlage an.