Seit zwanzig Jahren zeigt Guido Schilling den Medien, wie es um die Frauenquote auf Schweizer Führungsetagen steht. Die Antwort ist jedes Jahr: schlecht.
Guido Schilling weiss, wie man die Dinge in schöne Worte verpackt. Er spricht von einer «Trendwende», von «Fortschritten», von einer «Sensibilisierungsphase» und einer «Bewusstseinsphase». Immer wieder betont er: Man ist gut unterwegs.
Schilling, heute 65 Jahre alt, hat darin Erfahrung. Seit fast vierzig Jahren arbeitet er als Headhunter, hilft Unternehmen dabei, neue Verwaltungsratspräsidenten oder CEO zu finden. Und seit zwanzig Jahren spricht er über ein Thema, das besonders viel «Sugarcoating» benötigt: die Frauenquote in Schweizer Führungsetagen.
«Transparenz an der Spitze» lautet das Motto des «Schillingreports», den Schilling in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal den Medien präsentiert. Er untersucht darin, wie sich Geschäftsleitung und Verwaltungsräte der hundert grössten Schweizer Arbeitgeber zusammensetzen. Es geht dabei auch um Bildungshintergründe und Nationalität, aber im Vordergrund stehen die Frauen.
Die Geschäftsleitungen der hundert grössten Schweizer Arbeitgeber seien in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich diverser geworden, so Schilling. Auch beim Verwaltungsrat sei man «auf einem guten Weg».
Noch 107 Jahre bis zur Parität?
Was er damit meint, zeigen Zahlen: Im Jahr 2010, als Schilling erstmals die Frauenquote im Verwaltungsrat berechnete, hatte von den untersuchten Unternehmen genau eines eine VR-Präsidentin. 2025 sind es sieben. «Beeindruckend», findet Guido Schilling.
Auf dem Weg Richtung Geschlechtergleichheit ist die Schweiz nach wie vor sehr langsam unterwegs. Sechs zusätzliche Präsidentinnen in 15 Jahren – geht es in diesem Tempo weiter, wird in 107 Jahren die Hälfte aller von Schilling betrachteten Unternehmen eine VR-Präsidentin haben.
Bei den CEO schien es erst, als würde die Entwicklung noch langsamer vorangehen. Im Jahr 2006 hatten zwei der untersuchten Unternehmen eine Geschäftsführerin, 2020 waren es drei – bei hundert Unternehmen eine fast schon absurd tiefe Zahl. 2025 kann Guido Schilling aber immerhin auf zwölf weibliche CEO verweisen.
«In den ersten 15 Jahren wurde ich immer gefragt: Warum dauert das so lange?», erzählt Schilling. Auch er habe anfangs gedacht, die Firmen würden schneller vorwärtsmachen beim Thema Geschlechterparität.
Nun geht es etwas schneller
Doch Ernüchterung ist nicht Schillings Ding. «Seit etwa fünf Jahren sehen wir, dass es deutlich schneller vorwärtsgeht.» Die Ochsentour durch ein Unternehmen, bis man so weit ist, eine Geschäftsleitungsposition zu übernehmen – das dauere eben seine Zeit. Von 2006 bis 2020 stieg die Frauenquote in den Geschäftsleitungen von 4 auf 10 Prozent. 2025 liegt sie bei 22 Prozent.
Schilling spricht deswegen gerne von einem «Generationenprojekt» – und von der «Gender Diversity Pipeline». Das sind die Frauen, die in den nächsten Jahren bereitstehen, oberste Führungspositionen zu übernehmen. Diese Pipeline, so Schilling, sei nun besser gefüllt als noch vor einigen Jahren.
Auch hierzu stehen in seinem Report Zahlen: Bei den Firmen, die Schilling befragte, beträgt die Frauenquote im mittleren Management 28 Prozent. Im Topmanagement sind es 20 Prozent.
Frauen sind motiviert – und realistisch
Nina Probst teilt Schillings Optimismus nicht. Probst leitet das Genfer Büro der Unternehmensberatung McKinsey und verantwortet schweizweit den Bereich «People & Organizational Performance». Sie sagt: «Die Schweiz ist in vielen Bereichen progressiv. Aber Frauen sind auf den Führungsebenen der Unternehmen signifikant unterrepräsentiert.»
An der Motivation liege das nicht, sagt Probst überzeugt. Laut einer Studie der Universität St. Gallen sind Karrierefortschritte 90 Prozent der Schweizer Frauen wichtig. In Befragungen, die McKinsey in Europa durchgeführt hat, gaben 48 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer an, eine obere Führungsposition erreichen zu wollen. 42 Prozent der Männer hielten dieses Ziel für realistisch – aber nur 25 Prozent der Frauen.
Damit sind die Frauen erstaunlich nah dran an der Realität. Die Erkenntnis, dass es mit dem Aufstieg schwierig werden könnte, erreicht sie laut Probst auch schon recht früh in ihrer Karriere. «In den typischen Jahren für den Eintritt in den Arbeitsmarkt liegt der Anteil der Frauen mit Uni- oder Hochschulabschluss sogar höher als bei Männern. Doch schon bei frühen Karriereschritten geht die Schere auseinander.» Denn: Die meisten richtungsweisenden Beförderungen finden im Alter von 30 bis 40 Jahren statt – also dann, wenn viele Frauen Kinder bekommen und zumindest vorübergehend aus dem Beruf ausscheiden.
Die Schere geht früh auseinander
Wenn sie dann zurückkehren, so Probst, dann meist in geringeren Pensen oder mitunter sogar in einer Tätigkeit auf einer tieferen Stufe der Karriereleiter. Die Statistik gibt ihr recht: 58 Prozent der Schweizer Frauen arbeiten Teilzeit, aber nur 20 Prozent der Männer. «Darum ist es wichtig, dass Frauen bereits in den frühen Jahren genug Erfahrungskapital aufbauen», erklärt Probst.
Schweizer Frauen scheiden also schon sehr früh aus der «Diversity-Pipeline» aus. Für die Schweizer Firmen, von denen viele sehr international aufgestellt sind, ist das kein allzu grosses Problem: 55 Prozent der weiblichen Geschäftsleitungsmitglieder kommen laut dem «Schillingreport» aus dem Ausland.
Doch selbst mit der Unterstützung der zugewanderten Frauen liegt die Schweiz im internationalen Vergleich weit hinten. Während die Frauenquote in den hiesigen Verwaltungsräten bei 33 Prozent liegt, beträgt sie beim europäischen Spitzenreiter Frankreich 48 Prozent. Deutschland kommt auf 40 Prozent. Auch im Vergleich zu Ländern ohne gesetzlich festgelegte Quote, wie dem Vereinigten Königreich oder Dänemark, steht die Schweiz schlecht da.
Doch geht es nach Schilling, wird sich das schon bald ändern. Kotierte Unternehmen stünden unter Druck, schreibt er in seinem Report: Ab dem 1. Januar 2026 gilt für sie der gesetzliche festgelegte Richtwert von 30 Prozent Frauenanteil im Verwaltungsrat. Sollten sie diesen nicht erreichen, müssen sie im Vergütungsbericht die Gründe dafür angeben und Massnahmen zur Verbesserung darlegen.
21 Unternehmen, die Schilling in seinem Report unter die Lupe nimmt, fallen in diese Kategorie. Dazu gehören unter anderem Lindt, die Swatch Group, Swiss Life, Sulzer und Givaudan. Allzu gross scheint der Druck also nicht zu sein.
Doch Schilling lässt sich seinen Optimismus nicht nehmen. 2035, prophezeit er, will er seinen letzten Report publizieren. Dann soll die Quote laut seiner Prognose bei 50 Prozent liegen.