Eine der wichtigsten Aufgaben des neuen VBS-Chefs ist die Suche nach einem neuen Armeechef. Es kursieren diverse Namen.
Armeechef Thomas Süssli bleibt noch bis Ende des Jahres im Amt, doch die Suche nach seinem Nachfolger beginnt bereits. Der Auswahlprozess wird mehrere Monate dauern. Der Kreis der möglichen Kandidaten ist begrenzt: Ernannt wird naturgemäss eine Person aus der obersten Armeeführung, denn der Wiederaufbau erfordert detaillierte Kenntnisse, ein starkes Netzwerk und breite Akzeptanz.
Korpskommandant Laurent Michaud, der Chef Kommando Operationen, kommt von den harten Jungs, war er doch Instruktionsoffizier bei den Grenadieren und Kommandant des Kommandos Spezialkräfte. Der 59-jährige Romand war ab September 2019 für ein Jahr stellvertretender Kommandant der Kosovo-Truppe Kfor. Als Chef Kommando Operationen unterstehen ihm derzeit unter anderem der militärische Nachrichtendienst, eine mechanisierte Division, vier Territorialdivisionen, die Luftwaffe sowie das Kompetenzzentrum Swissint. Michaud, der an der Universität von Burgund Weinbau studiert hat, ist die Nummer drei in der Armee und zählt allein aufgrund der militärischen Hierarchie zu den Favoriten für die Position des Armeechefs. Sein Führungsstil gilt als preussisch und entsprechend hart. War Thomas Süssli eher ein Armeemanager, wäre Michaud wieder ein Offizier alter Schule. Mit ihm könnte der neue VBS-Chef den Röstigraben überbrücken.
Müsste man für eine Action-Serie auf Netflix die Rolle eines Top-Militärs besetzen, würde Raynald Droz schon optisch perfekt passen. Droz, seit Anfang 2025 Kommandant Territorialdivision 1, gilt jedoch auch von seinem Naturell her als Macher: als Mann der lieber entscheidet, als lange zu philosophieren. Bekannt geworden ist Droz während der Pandemie: Als Stabschef des Kommandos Operationen leitete er den ausserordentlichen Einsatz der Armee und trat regelmässig in den Medien auf. Der 59-Jährige hatte des Instituto Tecnico Nautico in Camogli (Italien) besucht und dort die italienische Matur absolviert. 2003 erwarb er den Master of Defense Administration an der Cranfield University. Er trat als Berufsoffizier ins Instruktionskorps ein und übernahm diverse Armeefunktionen. Ab 2012 war er Chef Operationen im Führungsstab der Armee. 2018 ernannte ihn der Bundesrat zum Stabschef der Armee und zum Brigadier. 2019 wurde er Stabschef Kommando Operationen, ab 2022 war er Kommandant der Militärpolizei.
«Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.» Mit diesem Zitat von Friedrich Dürrenmatt schmückt Divisionär Rolf A. Siegenthaler sein Linkedin-Profil. Der 61-jährige Zürcher weiss, dass er als Chef der Armeelogistik in einem explosiven Umfeld tätig ist. Vor kurzem erklärte er in einem Interview mit der NZZ, dass er die Logistik der Schweizer Armee für den Kriegsfall auf einer Skala von 1 bis 10 «etwa auf Stufe 3» einordnen würde. Dass die Politik ihre Fallstricke haben kann, hat Siegenthaler das Schicksal seiner Frau klargemacht. Die Aargauer SVP-Regierungsrätin Franziska Roth trat 2019 nach einer parteiinternen Schlammschlacht zurück. Siegenthaler selbst war früher ebenfalls für die SVP politisch aktiv. Seine Chancen, neuer Chef der Armee zu werden, stehen eher schlecht. Seine Tatkraft ist derzeit gefragt, um wieder eine kriegstüchtige Logistik zu schaffen.
Wie der scheidende Armeechef Thomas Süssli ist der 55-jährige Alexander Kohli erst seit einigen Jahren Berufsmilitär. Zuvor arbeitete Kohli in der Privatwirtschaft. 1995 schloss er an der ETH sein Studium als Kulturingenieur mit dem Doktortitel ab. Nach einem Zwischenschritt bei der Versuchsanstalt für Wasserbau war er bis 2015 bei einem Schweizer Unternehmen im Bereich Bauingenieurwesen, wo er 2001 Partner und Mitglied der Geschäftsleitung wurde. 2016 erfolgte der Wechsel zur Armee: Der Bundesrat ernannte ihn zum Kommandanten der Infanteriebrigade 5 und beförderte ihn zum Brigadier. Ab 1. Januar 2018 führte Kohli die neu gebildete Mechanisierte Brigade 4 als Kommandant. Kohli gilt als unabhängig und politisch geschickt, die Armeeführung wird ihm durchaus zugetraut – ob er an dem Posten allerdings selber interessiert ist, ist offen.
Mit seinen 49 Jahren wäre Simon Müller für einen Chef der Armee geradezu unverschämt jung. Doch der Physiker ETH hat in der Armee rasch Karriere gemacht. Von 2013 bis 2014 war er als Berater für das Rüstungsunternehmen Thales Suisse SA tätig, bevor er per 1. Januar 2015 zum Zugeteilten Stabsoffizier des Chefs Armeestab ernannt wurde. 2024 wurde er direkt vom Oberst im Generalstab zum Divisionär befördert. Zu diesem Zeitpunkt übernahm Müller aufgrund seiner Fachkenntnisse und weniger aufgrund seiner Führungserfahrung als erster Chef Kommando Cyber eine Schlüsselaufgabe in der Armee. Das Cyberkommando ist für Lagebild, Cyberabwehr, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Verschlüsselung und elektronische Kriegsführung zuständig. Neben seinem Alter spricht auch die Tatsache, dass Müller erst seit kurzem an dieser wichtigen Position ist, gegen eine weitere Beförderung. Er hat einen modernen, mitreissenden Führungsstil.
Divisionär Daniel Keller strebte zunächst keine klassische Militärkarriere an. In seinen ersten Berufsjahren war er als Lehrer an einer Primarschule tätig und absolvierte danach ein Betriebswirtschaftsstudium. 1996 trat er ins Instruktionskorps der Infanterie ein und bekleidete in den folgenden zwei Jahrzehnten diverse Schlüsselpositionen in der Armee. Im vergangenen Jahr leitete er als Kommandant der Territorialdivision 2 den Armee-Einsatz rund um die Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock. Seit dem 1. Januar 2025 ist der gebürtige Luzerner Chef des Armeestabs. In dieser Funktion ist er für die militärstrategische Umsetzung politischer Vorgaben sowie für die Digitalisierung und Weiterentwicklung der Armee verantwortlich. Gegen die Wahl von Keller könnte allerdings dessen Alter sprechen: Wenn Armeechef Süssli seinen Posten Ende Jahr definitiv verlässt, ist Keller bereits 62 Jahre alt.
Statt von kämpfen hätten alle nur noch von schützen, helfen und retten gesprochen, erklärte Divisionär Willy Brülisauer vor wenigen Tagen an einem Vortrag in Schaffhausen: «Doch wer nicht kämpfen kann, kann auch nicht schützen.» Klare Ansagen mag Willy Brülisauer, der wohl nicht so schnell unter Wokeness-Verdacht gerät. Brülisauer begann seine berufliche Laufbahn als Vermessungszeichner und Bauführer, bevor er 1990 als Berufsoffizier in die Panzertruppen eintrat. Seine militärische Karriere umfasste verschiedene Lehr- und Führungspositionen. Nach einem Studienaufenthalt in Wien übernahm er leitende Funktionen in der Generalstabsschule. In seiner Milizlaufbahn kommandierte er verschiedene Bataillone und war Stabschef einer Infanteriebrigade. 2014 wurde er zum Brigadier und Kommandanten der Panzerbrigade 11 ernannt. Seit 2018 ist er als Divisionär Kommandant der Territorialdivision 4.