Die Klotener spielen zwei Runden vor dem Ende der Qualifikation noch immer um den direkten Einzug in die Play-offs. Die Hausse verdankt sich auch dem Umstand, dass der Klubpräsident Jan Schibli aus der Vergangenheit gelernt hat.
Platz 7, mehr Siege als Bern, Gottéron, Genf/Servette und Lugano. Das ist keine Momentaufnahme, entstanden in den Zufälligkeiten des Herbsts, wenn die besten Eishockeyklubs des Landes noch darunter leiden, dass ihren Stars die Musse fehlt.
Mittlerweile sind 50 Runden gespielt, und der EHC Kloten hat sämtliche Saisonziele bei weitem übertroffen. «Besser als letztes Jahr» wollten die Klotener sein, nachdem sie die Qualifikation auf Rang 13 abgeschlossen hatten. Jetzt sind sie Siebenter, obwohl ihnen das niemand zugetraut hätte. Und statt gegen den Abstieg spielen sie um die direkte Play-off-Qualifikation. Dafür müsste das sechstplatzierte Gottéron überholt werden – es wäre die Sensation dieser Eishockeysaison.
Es gibt Umstände, die sich nicht verändert haben: Nur der HC Ajoie, der notorische Tabellenletzte, verfügt über ein kleineres Budget als Kloten. Es fehlt an Geld – aber nicht mehr an Perspektiven und einer Strategie.
Vor Jahresfrist hatte der EHC Kloten ein beklagenswertes Bild abgegeben. Und das nicht nur wegen des Schwalls an Niederlagen. Die Klubführung hatte das Engagement des Trainers Stefan Mair durchgedrückt, das Ende des Sportchefs Larry Mitchell war spätestens zu diesem Zeitpunkt besiegelt. Mittlerweile hat Mitchell bei Augsburg ein Doppelmandat als Coach und Manager inne und ist Tabellenletzter der DEL. Der Kloten-Präsident Jan Schibli sagt: «Letzte Saison habe ich mich eingemischt und musste leidvoll erfahren, dass das der falsche Weg ist. Vielleicht war es ein bisschen Selbstüberschätzung, sicher aber war es lehrreich. Das werde ich nie mehr machen.»
Der Kloten-Präsident Jan Schibli hat den Klub befriedet
Es sind erfrischend ehrliche Worte jenes Mannes, dessen Wort in Kloten zählt: Seit dem Herbst hält Schibli knapp 99 Prozent der Aktien. Die Aufstockung von Schiblis Anteilen bedeutete einen finanziellen Kraftakt, aber sie hat es ermöglicht, den Klub zu einen und das Umfeld zu beruhigen. Die Vision ist heute klar: junge Spieler ausbilden und fördern und sich mittelfristig in der erweiterten Spitze etablieren. «Das muss in den nächsten fünf Jahren unser Anspruch sein», sagt Schibli.
Da trifft es sich gut, dass Kloten bei der Besetzung der Schlüsselpositionen Sportchef und Trainer für einmal einen guten Riecher bewiesen hat. Als Manager ist Ricardo Schödler eingestellt worden, ein junger Zürcher, der diesen Job zuvor nur in Bassersdorf und Bülach ausgeübt und jüngst als Teammanager für die Schweizer Nationalmannschaft gearbeitet hatte. Schödler, 36, hat in kurzer Zeit viel bewirkt. Er professionalisierte Abläufe und schob Dinge an. Schödler versprüht einen ansteckenden Elan und hat rasch verstanden, in welchen Gewässern er fischen muss.
Kloten ist heute weit davon entfernt, gestandene Nationalspieler verpflichten zu können. Aber der Schluefweg kann das ideale Sprungbrett für einen Akteur wie Noah Delémont sein, einen jungen Verteidiger, der schon an der Schwelle zur Nationalmannschaft stand, sich in Biel aber aufgrund von läuferischen Defiziten nicht durchsetzen konnte. Es gibt keine Garantie dafür, dass Delémont ab 2025/26 in Kloten durchstartet – aber immerhin kann man sich das vorstellen. Schödler hat das Kader um einige dieser Rubellose erweitert. Vielleicht verbirgt sich hinter einem der Transfers ja ein Jackpot.
Es wird die Aufgabe des Trainerteams um den Headcoach Lauri Marjamäki sein, das herauszufinden. Marjamäki, 47, hatte in Finnland praktisch alle Prestige-Jobs innegehabt. Er war Nationaltrainer, coachte Jokerit Helsinki und wurde mit Kärpät Oulu Meister. Doch nach mehr als einem Jahrzehnt im Rampenlicht wirkte er in der Heimat ausgebrannt, sein Ruf war zuletzt etwas angeknackst.
Als die Nationalmannschaft mit ihm zu selten gewann, bezeichnete ihn der angriffslustige Boulevard als «meistgehasster Mann Finnlands». Marjamäki sagt: «Natürlich ist das nicht angenehm. Aber ich blende es aus. Es gehört zum Trainer-Dasein dazu. Wenn dieser Job zu hart für dich ist, musst du dir einen anderen suchen. In meinem ist es nun einmal so, dass dreimal pro Woche 6000 Leute darüber urteilen, wie gut du arbeitest. Ich glaube, für meine Familie und den Bekanntenkreis war es schwieriger. Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollten in der Schule doch einfach zurückfragen: ‹Was macht denn dein Vater? Was hat es mit mir zu tun, wenn Finnland ein Spiel verliert?›»
Und doch: Der Wechsel in die Schweiz war für Marjamäki eine Art Befreiung. Er geniesst es, dass er hier ein unbeschriebenes Blatt ist und man ihm ohne Vorurteile begegnet. Es ist in erster Linie sein Verdienst, dass Kloten mit einem bescheidenen Kader so erfolgreich spielt. Und sich auch vom Dopingfall um den Stürmer Miro Aaltonen nicht hat beirren lassen. Aaltonen, 31, war mit einigem Abstand Klotens bester Skorer und der begnadetste Individualist im Kader. Er wurde nach einer Partynacht mit Kokain erwischt, woraufhin der Klub seinen Vertrag auflöste. Mittlerweile spielt Aaltonen für den SC Bern.
Die Episode hatte das Potenzial, Klotens Saison zu ruinieren. Kein Team verkraftet den Ausfall seines Nummer-1-Centers einfach so. Aber die Klotener führten ihren Weg erstaunlich unbeeindruckt fort, auf eine kurze Baisse liessen sie jüngst drei Siege in Serie folgen. Schödler sagt, das hänge mit einer der wichtigsten Qualitäten des Trainers zusammen: «Jeder weiss, wie er spielen muss. Und wenn jemand fehlt, rückt der nächste nach. Das System und die Spielidee sind sehr klar, davon profitieren wir.»
Die Skepsis des Publikums liess sich nur langsam abbauen
Die Frage ist bloss, wie nachhaltig der Erfolg ist. Die Rapperswil-Jona Lakers, zuletzt das Vorbild der Klotener, haben bewiesen, dass es durchaus möglich ist, länger als einen Winter lang sämtliche Erwartungen zu übertreffen. Doch auf Dauer führt kein Weg daran vorbei, das Budget zu erhöhen, ewig lässt sich das System nicht überlisten. Der Kloten-Präsident Schibli sagt, der Klub sei stets bestrebt, neue Mittel zu generieren. Aber für die Saison 2025/26 werde er nicht mehr Geld ausgeben können als gegenwärtig. Nach den finanziellen Querelen in der vergangenen Dekade haben die Klubverantwortlichen in Kloten begreiflicherweise genug von Luftschlössern.
Die Zurückhaltung bei der Budgetplanung liegt auch daran, dass das Publikum den momentanen Höhenflug erst spät honorierte. Der Zuschauerschnitt liegt mit 5532 Besuchern nur marginal über dem Wert des vergangenen Jahres von 5449. Schibli sagt: «Es hat mich erstaunt, wie lange es dauerte, bis die Halle wieder voll war. Möglicherweise haben die letzten Jahre mehr Goodwill gekostet, als wir wahrhaben wollten.»
In letzter Zeit aber wirkten Klub und Anhang versöhnt wie ein altes Liebespaar. Die Halle war selbst bei einem «Legendenspiel» Anfang Januar, als Felix Hollenstein, Anders Eldebrink, Wladimir Jursinow und Roman Wäger sich die Ehre gaben, fast ausverkauft. Von den Sphären dieser Granden der Vergangenheit ist Kloten 2025 ein gutes Stück entfernt – die letzte gewonnene Play-off-Serie in der National League liegt elf Jahre zurück: 4:2 gewann Kloten 2014 mit dem Trainerduo Eldebrink/Hollenstein im Halbfinal gegen Gottéron; es war ein letztes Aufbäumen vor trüben Jahren voller Kummer. Das Trauma ist mittlerweile längst aufgearbeitet. Zeit für neue Helden.