Zum Auftakt der nordischen Ski-WM in Trondheim sichert sich Fähndrich die Bronzemedaille im Sprint. Ein heikler Personalentscheid, den sie vor dieser Saison gefällt hat, scheint sich auszuzahlen.
Vor zwei Jahren, an den Nordisch-Weltmeisterschaften in Planica, blieb die Schweiz ohne Medaille; nun in Trondheim gab es schon bei erster Gelegenheit eine solche. Die Langläuferin Nadine Fähndrich errang unter den Augen der norwegischen Königsfamilie im Skating-Sprint Bronze. In ihrer ersten Reaktion sagte die Luzernerin im Schweizer Fernsehen, sie habe die «Lunge rausgekotzt», so sei sie ans Limit gegangen.
Fähndrich hatte zuletzt auch erwähnt, dass sie von einer neuen Gelassenheit profitiere, sie versteife sich bei ihren Zielsetzungen nicht mehr so stark auf Grossanlässe, das helfe. In der Vergangenheit war sie in wichtigen Momenten mehrfach nicht an ihr Leistungsoptimum herangekommen. Mal stürzte sie, mal liess sie sich von Rempeleien aus dem Tritt bringen, mal wählte sie die falsche Taktik. Wenn es darum ging, die Ellbogen auszufahren, zog sie oft den Kürzeren. Ihre Mutter meinte auch schon, sie sei zu lieb für das Duell Frau gegen Frau, das im Sprint immer wieder ausgetragen wird.
In den Spuren der letzten Schweizer WM-Medaillengewinnerin Evi Kratzer
An der Einstellung zum Sport hatte es bei Nadine Fähndrich nie gelegen. Sie gilt als akribische Arbeiterin. Nun, mit 29 Jahren, scheint sie aber auch die nötige mentale Robustheit zu haben. Sie wird immer noch hin und wieder von Selbstzweifeln geplagt, doch am Donnerstag in Trondheim konnte sie diese ausblenden, als es darauf ankam. Im Final setzte sie sich früh mit den anderen Medaillengewinnerinnen vom Rest ab, so dass sie gar nie in brenzlige Situationen geriet.
Für die Schweiz ist es erst die zweite WM-Einzelmedaille im Frauen-Langlauf; Evi Kratzer wurde 1987 in Oberstdorf über 5 Kilometer klassisch ebenfalls Dritte. Für Fähndrich ist es der zweite WM-Podestplatz, nachdem sie 2021 in Oberstdorf mit Laurien van der Graaff Silber im Teamsprint gewonnen hat.
Den WM-Titel verpasste Fähndrich in Trondheim um knapp drei Sekunden. Diesen sicherte sich die schwedische Olympiasiegerin Jonna Sundling – zum dritten Mal in Serie in dieser Disziplin. Kaum zu glauben, dass bei den Männern einer in dieser Disziplin eine noch bessere Bilanz hat: Der Norweger Johannes Klaebo kürte sich am Donnerstag vor Heimpublikum zum vierten Mal in Folge zum Weltmeister, und er ist bereits Doppel-Olympiasieger im Einzelsprint.
Für Fähndrich ist der neuste Erfolg keine Selbstverständlichkeit; an den letzten Weltmeisterschaften hatte sie im Einzelsprint jeweils Enttäuschungen verkraften müssen. Und vor gut einem Jahr tauchten diverse Fragezeichen auf. Zum einen kämpfte sie mit gesundheitlichen Problemen, sie musste sich aufgrund von Herzrhythmusstörungen gar einer Operation unterziehen. Zum anderen brach innerhalb der Schweizer Trainerequipe ein Konflikt zwischen zwei Chefcoaches aus.
Der Franzose François Faivre und der Slowake Ivan Hudac verfolgten unterschiedliche Philosophien, wie sie in der TV-Sendung «Sportpanorama» freimütig zugaben, was dazu führte, dass andere Verantwortliche vermitteln mussten. Im Beitrag kam auch Dario Cologna zu Wort, der vierfache Langlauf-Olympiasieger, der unterdessen als Experte für SRF arbeitet. Er sagte, diese Spannungen habe es schon zu seiner Aktivzeit gegeben, es brauche wohl langfristig gesehen eine Änderung. Am Ende der letzten Saison waren dann beide Trainer ihren Posten los.
Fähndrich stand Hudac näher, ihm hat sie einen guten Teil an ihrem Aufstieg zu verdanken, das strukturierte Denken verbindet sie. Und so prüfte sie Optionen, um weiter mit ihm zusammenarbeiten zu können. Die Lösung war, dass Fähndrich und ihr Bruder Cyril, der auch dem Schweizer Nationalkader angehört, Hudac auf die laufende Saison hin als Privatcoach engagierten. Die Geschwister mussten dafür finanzielle Mittel beschaffen und nach Kosteneinsparungen suchen.
Dario Cologna äusserte Bedenken zum Sondersetting
Die Fähndrichs sind weiter in Swiss-Ski-Aktivitäten integriert, gehen aber da und dort ihre eigenen Wege. Eine Konstellation, die nicht frei von Brisanz ist. Dario Cologna sagte zu Beginn dieses Winters in einem Interview mit «CH Media» sinngemäss, er sei kein Fan solcher Sondersettings, sie könnten sich negativ auf die Stimmung im Team auswirken. Und ohne Nadine Fähndrich fehle den anderen Frauen im Kader eine wichtige Referenzperson. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass das Pendeln zwischen mehreren Ansprechpersonen kräfteraubend sein könne.
Cologna wollte das Modell aber nicht abschliessend verurteilen. Solange es niemandem schade, könne man es quasi ausprobieren. Und am Ende komme es darauf an, ob es Erfolg bringe.
Für Nadine Fähndrich war dieser Erfolg zum WM-Start in Trondheim da – und bereits vorher: Im Weltcup lief sie jüngst mehrmals unter die Top 3, Anfang Jahr hatte sie den Sprint im Val di Fiemme gewonnen, der als Etappe der Tour de Ski galt.
Aufs Podest schaffte sie es auch im Teamsprint von Mitte Dezember in Davos, zusammen mit Anja Weber. Dies eröffnet Perspektiven für den WM-Teamsprint in Trondheim vom nächsten Mittwoch. Allerdings wird dieser klassisch gelaufen, und Fähndrich bevorzugte früher klar den Skating-Stil. Aber auch diese Dysbalance soll sie unterdessen dank ihrem Fleiss austariert haben.