1974 zündeten Neofaschisten eine Bombe in Brescia. Der tödliche Anschlag erschütterte Italien. Nun hat ein Jugendgericht den heute 67-jährigen Täter verurteilt. Er ist unterdessen Schweizer geworden. Das ist womöglich sein Glück.

Die Piazza della Loggia in Brescia ist ein schöner, von historischen Palazzi umsäumter Treffpunkt: Hier trifft man sich zum Kaffee, zum Aperitivo, zum Flirt und zur «chiacchierata», dem rituellen Schwätzchen am Abend. Kaum vorstellbar heute, dass sich hier vor 51 Jahren eines der schlimmsten Attentate der italienischen Geschichte zugetragen hat.

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Es war der 28. Mai 1974, als sich auf der Piazza della Loggia etwa 10 000 Menschen versammelten, um gegen die in jenen Tagen und Wochen aufkeimenden neofaschistischen Umtriebe, gegen Einschüchterungsversuche und Übergriffe zu protestieren. Um 10 Uhr 12 explodierte in einem Abfalleimer ein Sprengsatz. Drei Frauen und fünf Männer kamen ums Leben, 102 Menschen erlitten teilweise gravierende Verletzungen.

«Die Erinnerung der Italiener an diesen schrecklichen Tag ist unauslöschlich», sagte Staatspräsident Sergio Mattarella letztes Jahr anlässlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Attentats. Das Ziel der Terroristen sei es gewesen, jene zu bestrafen und zu terrorisieren, die damals gegen den Neofaschismus und für die Demokratie demonstriert hätten, sagte Mattarella. «Es war auch der Versuch, die italienische Republik und ihre demokratischen Institutionen zu destabilisieren.»

Saubermachen, bevor die Ermittler kommen

Das Blutbad auf der Piazza della Loggia gehört zu einer langen Reihe von rechts- und linksextremen Anschlägen jener Zeit – es waren die sogenannten bleiernen Jahre. In fast allen Fällen folgten dem Schrecken langjährige, zähe Ermittlungen, die oft hintertrieben wurden. Auf der Piazza della Loggia etwa wurden die Spuren des Attentats beseitigt, noch bevor die Spezialisten ihre Arbeit aufnehmen konnten. Und einer der Untersuchungsrichter, der an den Ermittlungen beteiligt war, wurde 1976 ermordet. Lange sah es denn auch so aus, als würde das Attentat von Brescia nie restlos aufgeklärt werden.

Doch die Justizbehörden liessen nicht locker. Jahrzehnte später wurden die Auftraggeber und Organisatoren des Blutbads zur Rechenschaft gezogen und ins Gefängnis gesteckt. Und am Donnerstag, fast 51 Jahre nach der Tat, ist nun schliesslich jener Täter verurteilt worden, der damals die Bombe gelegt hatte. Es handelt sich um einen inzwischen 67-jährigen Mann. Zum Zeitpunkt der Tat war er gerade einmal 16 Jahre alt – was das Kuriosum erklärt, dass das Urteil am Donnerstag von einem Jugendgericht in Brescia gefällt wurde. Es verurteilte ihn zu dreissig Jahren Haft.

Vergangenheitsbewältigung

Der Mann dürfte seine Strafe aber kaum absitzen müssen. Wie frühere Recherchen des Tessiner Fernsehens RSI gezeigt haben, lebt er seit Jahrzehnten in der Schweiz, wurde mittlerweile eingebürgert und hat seinen Namen geändert. Er profitiert nun davon, dass die Schweiz ihre Bürger nicht ausliefert. «Schweizer Bürgerinnen und Bürger dürfen nicht an einen anderen Staat ausgeliefert werden, es sei denn, sie stimmen dem schriftlich zu», sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Justiz (BJ) in Bern auf Anfrage.

Theoretisch besteht die Möglichkeit, dass Italien die Schweiz um die Übernahme der Strafvollstreckung ersucht. «Bislang ist kein solches Ersuchen beim Bundesamt für Justiz eingegangen», teilt der BJ-Sprecher mit. Damit das Urteil in der Schweiz vollzogen werden kann, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Unter anderem muss das Urteil rechtskräftig sein. Beim Jugendgericht in Brescia handelte es sich um die erste Instanz.

Doch selbst wenn der Täter die Haftstrafe nicht antreten muss: Die Kommentatoren sind sich einig, dass der Urteilsspruch auch 51 Jahre nach der Tat noch nützlich ist. Zum einen bringe er den Angehörigen der Opfer eine gewisse Genugtuung, zum anderen, so der «Corriere della Sera», habe das Verfahren und dessen lange Dauer das ganze Ausmass der Vertuschungsversuche und Ablenkungsmanöver aufgezeigt. Auch diese Erkenntnis gehört zur Bewältigung der Geschichte jener dunklen Jahre.

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