Novo Nordisk dominiert das Geschäft mit neuartigen Spritzen gegen Fettleibigkeit. Gesteuert wird es aus Zürich. Endlich soll kein Patient mehr leer ausgehen.
Vom Mitarbeiter an der Réception bis zum Mitglied der Konzernleitung schaffen es nur ganz wenige, erst recht bei einem multinationalen Unternehmen. Maziar Mike Doustdar, dem Chef des internationalen Geschäfts der dänischen Pharmagruppe Novo Nordisk, ist dieses Kunststück gelungen.
Umsatz steigt um über einen Viertel
Der 54-jährige österreichisch-iranische Doppelbürger verantwortet von seinem Büro am Zürcher Flughafen aus einen Umsatz von 112 Milliarden dänischen Kronen (knapp 15 Milliarden Franken). In seinen Einflussbereich fallen sämtliche Aktivitäten des Konzerns ausserhalb der USA.
Als Topmanager steht Doustdar mittendrin in einer Wachstumsphase, um welche die meisten anderen Pharmaunternehmen Novo Nordisk beneiden. Novo Nordisk zählt zusammen mit dem amerikanischen Konkurrenten Eli Lilly zu den beiden Firmen, die das Geschäft mit den neuartigen Abnehmspritzen dominieren. Im vergangenen Jahr stieg der Gesamtumsatz der Dänen um einen Viertel auf fast 38 Milliarden Franken.
Doustdar erinnert sich noch gut, wie er mit 22 Jahren als einfacher Büroangestellter in der Wiener Niederlassung von Novo Nordisk zu arbeiten begann. Den Grossteil seiner Zeit verbrachte er mit dem Erstellen von Fotokopien. Danach wurde er an die Réception versetzt, um Telefonanrufe entgegennehmen. Doustdar hatte Ärzte, Apotheker, Patienten, Lieferanten und hin und wieder auch Behördenvertreter am Apparat.
Managementverantwortung im grösseren Stil übernahm er erst ab 2007 als Leiter des Nahostgeschäfts von Novo Nordisk in Istanbul. Zuvor hatte er noch verschiedene Aufgaben in den Bereichen Finanzen, IT, Logistik und Marketing erfüllt und dabei offensichtlich seine Vorgesetzten überzeugt. Ab 2013 wurde ihm Schritt für Schritt die Führung des gesamten internationalen Geschäfts übertragen.
Markt im Gesamtwert von bis zu 160 Milliarden Dollar?
Doustdar hat bis heute nie den Arbeitgeber gewechselt. Im Gespräch in seinem Büro im Gebäudekomplex des Circle betont er, dass er stets gut behandelt und für seine Leistungen wertgeschätzt worden sei. «Wieso hätte ich woanders arbeiten gehen sollen?»
Zugleich scheint Doustdar Wert darauf zu legen, trotz seinem steilen beruflichen Aufstieg nicht abzuheben. Er sagt, dass die Türe seines Büros offen stehe und sich Mitarbeitende jederzeit ohne Voranmeldung bei ihm melden dürften. Mit der Hand zeigt er auf einen Spruch, der über einem grossen Bildschirm an der Wand prangt: «Arrogance kills» steht da geschrieben. Auf Deutsch: «Arroganz tötet.»
Mit Blick auf die enormen Wachstumsraten, die Marktbeobachter dem Geschäft mit den neuen Abnehmspritzen attestieren, könnte man bei Novo Nordisk ohne weiteres ein Stück weit in Hochmut verfallen. Manche Analytiker sprechen von einem Markt von 100, 120 oder gar 160 Milliarden Dollar, der über die nächsten Jahre entstehen werde.
2024 belief sich der branchenweite Umsatz bei Therapien gegen Fettleibigkeit auf rund 20 Milliarden Dollar. Novo Nordisk brachte es als Marktführer auf 8,5 Milliarden Dollar. Die restlichen knapp 30 Milliarden Franken seines Umsatzes erwirtschaftete der Konzern zum Grossteil mit Medikamenten gegen Diabetes. Sie bilden traditionell das Hauptgeschäft der dänischen Firma.
Erst ein Bruchteil fettleibiger Patienten wird behandelt
Doustdar will selbst keine Schätzung für den Spitzenumsatz abgeben, den Therapien gegen Fettleibigkeit dereinst abwerfen könnten. Diese Aufgabe überlasse er lieber Finanzanalysten, sagt er. Die genannten Grössenordnungen hält er indes für plausibel.
Der Manager, der mit seiner niederländisch-türkischen Ehefrau und einem der beiden Kinder (das ältere studiert bereits in Schottland) in der Schweiz lebt, weist auf die noch geringe Zahl behandelter Patienten hin. So seien im vergangenen Jahr erst ungefähr 15 Millionen von Fettleibigkeit Betroffene mit einer der Abnehmspritzen von Novo Nordisk oder Eli Lilly behandelt worden. Weltweit gebe es rund eine Milliarde Fettleibige.
Dass künftig mehrere hundert Millionen Menschen ihr Übergewicht medikamentös bekämpfen werden, vermag man sich selbst bei Novo Nordisk nicht auszumalen. «So viele Betroffene sollten nicht Medikamente einnehmen», sagt Doustdar. «Auch wäre dies nicht finanzierbar.» Allerdings hält man es in der Führungsetage des inzwischen wertvollsten europäischen Pharmakonzerns nicht für vermessen zu glauben, dass dereinst bis zu hundert Millionen Patienten auf Abnehmspritzen sowie neue Arzneimittel zur oralen Einnahme zurückgreifen werden.
Warten auf die erste Pille
Noch befinden sich keine Medikamente auf dem Markt, die derselben Wirkstoffklasse wie die Abnehmspritzen angehören und sich in Tablettenform verabreichen lassen. Novo Nordisk hat indes als erster Anbieter ein solches Produkt gegen Diabetes lanciert. Laut Doustdar soll es bald auch gegen Fettleibigkeit erhältlich sein. Als Erstes ist der Markteintritt in den USA geplant.
Die Pharmabranche setzt trotz allen Erfolgen mit den Abnehmspritzen grosse Hoffnungen in orale Therapien. Solche dürften die Hemmschwelle, sich gegen Fettleibigkeit behandeln zu lassen, weiter senken.
Sich jede Woche eine Spritze zu setzen, wie dies das Medikament Wegovy von Novo Nordisk und das Konkurrenzprodukt Zepbound von Eli Lilly verlangen, ist nicht jedermanns Sache. Präparate in Pillenform wären auch einfacher herzustellen und zu lagern als die Abnehmspritzen.
Die meisten Patienten brechen die Therapie rasch ab
Ein grosses Problem, gegen das die Pharmabranche noch kein Rezept gefunden hat, ist die hohe Abbrecherquote bei Therapien gegen Fettleibigkeit. In Branchenkreisen ist immer wieder die Rede davon, dass die Mehrheit der behandelten Patienten schon nach einem Jahr auf die Verwendung der Spritzen verzichte.
Doustdar führt aus, dass es wegen des geringen Alters der neuen Therapien noch zu wenig Daten zum langfristigen Verhalten der Patienten gebe. Man wisse jedoch, dass die Abbrecherquote deutlich höher liege als bei den entsprechenden Medikamenten gegen Diabetes. Der Manager erklärt sich dies in erster Linie damit, dass viele Patienten die Behandlung beendeten, sobald sie spürbar an Gewicht verloren hätten. «Sie bedenken leider nicht, dass sie dadurch in Kauf nehmen, wieder rasch zuzunehmen.»
Ein weiterer Grund seien die Kosten, die Patienten in vielen Ländern nach wie vor selbst tragen müssten, sagt Doustdar. Lediglich als dritten Faktor erwähnt er Nebenwirkungen. Die Abnehmspritzen sind bekannt dafür, unter anderem Brechreiz, Verstopfung oder Durchfall sowie Müdigkeit zu verursachen.
Bachem und Ypsomed unterstützen Novo Nordisk
In der Schweiz versuchen inzwischen mehrere zehntausend Patienten, mithilfe der neuen Spritzen abzunehmen. Lange Zeit war die Rede davon, dass von Fettleibigkeit Betroffene trotz gültigem Rezept nicht zu ihrem Medikament gekommen seien. Doch Doustdar bezeichnet das Problem der Unterversorgung inzwischen als gelöst. «Es gibt in der Schweiz keine Engpässe mehr.» Patienten erhielten überall das Produkt Wegovy. Dasselbe gelte für Deutschland.
Novo Nordisk steuert vom Zürcher Flughafen aus mit über 250 Mitarbeitenden das Geschäft in allen Ländern mit Ausnahme der Vereinigten Staaten. Anders als in mehreren europäischen Staaten, den USA, Brasilien und China betreibt der Konzern in der Schweiz aber keine eigene Produktionsstätte. Zugleich leisten zwei Schweizer Industriekonzerne einen bedeutenden Beitrag zur Fertigung der Abnehmspritzen. Novo Nordisk kollaboriert sowohl mit dem Baselbieter Pharmazulieferer Bachem als auch mit dem Berner Anbieter von Injektionssystemen Ypsomed.
Vorsprung auf Roche und andere Nachzügler
Aufmerksam verfolgt man bei Novo Nordisk die steigenden Ambitionen des Basler Konkurrenten Roche im Geschäft mit Therapien gegen Fettleibigkeit. Darauf angesprochen, erwähnt Doustdar zunächst das, was Manager in einem solchen Kontext immer sagen: «Konkurrenz belebt das Geschäft.» Dann räumt er ein, dass der Wettbewerb zunehme.
Gleichzeitig vertraut der Manager wie die gesamte Führung von Novo Nordisk auf den Vorsprung, den der Konzern zusammen mit Eli Lilly nach wie vor auf Nachzügler wie Roche besitzt. Er beruht laut seiner Darstellung nicht nur auf der wissenschaftlichen Arbeit, die das Unternehmen seit über zwanzig Jahren auf dem Gebiet der Behandlung der Fettleibigkeit geleistet habe.
Auch die Produktionskapazitäten von Novo Nordisk suchten ihresgleichen, findet Doustdar. Und schliesslich sei niemand so bekannt für Abnehmspritzen wie sein Arbeitgeber. Mit all diesen Vorteilen im Rücken kann man es sich trotz allem leisten, ein wenig arrogant zu klingen.