Aus Sicht der Araber in Lod häufen sich die Schiessereien wegen der Diskriminierung und einer untätigen Polizei. Der jüdische Bürgermeister vermutet sogar einen grossangelegten Plan hinter den Morden.

Mitten in der Altstadt von Lod befindet sich das «Dreieck des Friedens»: Eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche stehen in der zentral gelegenen Stadt in Israel direkt nebeneinander. Friedlich ist es hier allerdings schon lange nicht mehr – vor allem in den vergangenen Monaten gab es immer wieder Schiessereien. Israelische Städte wie Lod, die einen grossen arabischen Bevölkerungsanteil aufweisen, versinken schon seit einiger Zeit im Morast der organisierten Kriminalität. Zwischen Januar und Ende März wurden sechs Menschen in Lod Opfer von Gewaltkriminalität, landesweit wurden 58 Israeli palästinensischer Abstammung ermordet. Das entspricht einem Mord alle anderthalb Tage. In Lod gibt es inzwischen Gegenden, wo sich nach Einbruch der Dunkelheit weder Juden noch Araber hin trauen.

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«Am schlimmsten ist es in der Altstadt», sagt Fida Shehada. Rund um das «Dreieck des Friedens» komme es häufiger zu Schiessereien. Während die 40-Jährige im einzigen Café von Lod in der Nähe eines Einkaufszentrums einen Cappuccino trinkt, bietet auf dem Parkplatz ein junger Mann mit roter Kappe Passanten Drogen an. Fida Shehada leitet die Organisation «Frauen gegen Waffen», sass bis im vergangenen Jahr als Vertreterin der arabischen Liste im Stadtrat von Lod. Der Kampf gegen die grassierende Kriminalität in der arabischen Gemeinschaft ist eine Herzensangelegenheit der Frau mit den glatten, braunen Haaren.

Rund 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind palästinensischer Abstammung. In Lod mit seinen 85 000 Einwohnern liegt der Anteil bei etwa einem Drittel. Mit der Staatsgründung Israels 1948 hatten auch die nichtjüdischen Araber die israelische Staatsbürgerschaft erhalten. Vor dem Gesetz haben sie die gleichen Rechte wie ihre jüdischen Mitbürger. Doch bis auf wenige Ausnahmen leisten sie keinen Militärdienst, sind statistisch gesehen ärmer und häufiger Opfer von Gewaltkriminalität. Die Mordrate unter arabischen Israeli ist die dritthöchste unter entwickelten Staaten.

«Wir lassen die Araber sich gegenseitig umbringen»

Fida Shehada hat dafür eine Erklärung. «Die Kriminalität ist nur ein Symptom», sagt sie entschieden. Die Wurzel des Problems liege woanders: Die arabischen Israeli hätten einen schlechteren Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt, wenig Orte, wo sich Jugendliche treffen könnten. Der wichtigste Grund sei allerdings ein politischer: «Bei Verbrechen unter Arabern wird nicht ermittelt. Das ist so gewollt», ist sich Fida Shehada sicher.

Besonders drastisch drückte das am 18. Februar der Bürgermeister von Lod, Yair Revivo, aus. Auf X schrieb er, dass Israel Donald Trumps Entvölkerungsplan für den Gazastreifen in erweiterter Form bereits in seiner Stadt umsetze: «Anstatt die Araber umzusiedeln, was jede Menge Ärger verursacht, lassen wir sie sich gegenseitig umbringen. So werden wir sie los», schrieb der Bürgermeister der kleinen Stadt mit beissendem Sarkasmus. Nur so könne er sich erklären, dass in Lod innert zwei Wochen vier Araber ermordet, die Täter aber nicht gefasst worden seien.

Diese Aussage ist umso brisanter, weil Revivo nicht unbedingt als Freund der arabischen Bevölkerung gilt. Der gläubige Jude ist Mitglied der rechten Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. In der Vergangenheit hatte er sich über die Lautstärke des Muezzin-Rufs in Lod beschwert und impliziert, dass eine arabische Bevölkerungsmehrheit in Lod eine Bedrohung für die nationale Sicherheit Israels sei. Für ein Gespräch stand Revivo nicht zur Verfügung. Er habe keine Zeit, hiess es auf Anfrage.

Die nationale Politik trägt eine Verantwortung

«Der Bürgermeister hat recht», sagt Fida Shehada. Laut der Aktivistin ist auch die Politik für die gestiegene Kriminalität verantwortlich. Unter dem Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, habe die Polizei kaum Interesse an der Aufklärung der Kriminalität unter arabischen Israeli gezeigt.

Während seiner Amtszeit hatte der rechtsextreme Politiker erfahrene Polizeibeamte entlassen, die mit der Bekämpfung der Kriminalität unter arabischen Israeli beauftragt waren, oder Treffen mit Ministerpräsident Netanyahu geschwänzt, die die Kriminalität in der arabischen Gemeinschaft zum Thema hatten. Im Jahr 2023, unter Ben-Gvirs Ägide, verdoppelte sich die Mordrate unter arabischen Israeli. Laut der israelischen Zeitung «Haaretz» wurden im vergangenen Jahr nur 15 Prozent der Morde an arabischen Israeli aufgeklärt, während die Aufklärungsrate unter jüdischen Israeli bei über 80 Prozent liege.

Zu diesen Zahlen will sich die israelische Polizei auf Anfrage nicht äussern. Die Behörde führe gemeinsam mit der nationalen Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Kriminalität in der arabischen Gesellschaft «einen entschlossenen Kampf gegen schwere Kriminalität in den arabischen Gemeinschaften», heisst es in einer schriftlichen Antwort. Die Polizei benötige allerdings mehr Personal, bessere Technologie sowie volles Engagement aller relevanten Behörden und der Anführer aus der arabischen Gemeinschaft, um dieser «nationalen Herausforderung» Herr zu werden.

Fida Shehada hat noch einen weiteren Grund für die gestiegene Anzahl an Schiessereien ausgemacht: «Ben-Gvir hat Waffen verteilt, als wären sie Süssigkeiten», sagt sie. Ein müdes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Der Polizeiminister hatte nach Beginn des Gaza-Kriegs über 100 000 neue Waffenscheine herausgegeben und Tausende Sturmgewehre an sogenannte zivile Sicherheitsteams verteilt, die damit schnell auf mögliche Terrorangriffe reagieren sollten. «Viele dieser Waffen sind auf dem Schwarzmarkt gelandet, der von den arabischen Mafiabanden kontrolliert wird», sagt Shehada. Israels Polizei teilt mit, dass sie allein im vergangenen Jahr «Tausende» illegale Feuerwaffen konfisziert habe.

Gleichzeitig arbeitet die israelische Regierung nicht mehr mit voller Entschlossenheit daran, die Wurzel des Problems zu bekämpfen. Im Jahr 2021 hatte die damalige Regierung unter Naftali Bennett einen Fünf-Jahres-Plan für die Bekämpfung der Kriminalität unter arabischen Israeli verabschiedet. Dieser sogenannte «Plan 550» sah erhebliche finanzielle Hilfen für die arabische Gemeinschaft vor – unter anderem für Bildung, Beschäftigung und die Einbindung in das Finanzsystem. Doch unter dem neuen Finanzminister Bezalel Smotrich wurden die vorgesehenen Zahlungen für den Plan zurückgehalten. Im kürzlich verabschiedeten Haushalt spart Israel massiv bei der Kriminalitätsprävention ein.

Besonders der einfachere Zugang zu Krediten könnte eine grosse Auswirkung auf die Gewaltkriminalität haben. «Die Kreditvergabe für jüdische und arabische Israeli ist sehr ungleich», sagt Fida Shehada. Daher würden sich viele arabische Israeli an die kriminellen Gangs wenden, die Darlehen zu Wucherzinsen vergäben. Dass israelische Banken ungern Kredite an Araber vergeben, belegt auch die Statistik: Nur 1,5 Prozent aller Hypothekarkredite wurden im Jahr 2020 an Personen aus mehrheitlich arabischen Gegenden vergeben. Wer die exorbitanten Zinsen der kriminellen Banden nicht bedienen kann, kommt schnell in Gefahr. «Oft töten sie ein Familienmitglied, um den Druck zu erhöhen», sagt Shehada.

24 Schüsse in den Kopf

In vielen Fällen wissen Familienmitglieder nicht, warum ihre Angehörigen erschossen werden. So geht es auch Nur. Die 45-jährige Frau hat eigentlich einen anderen Namen, er ist der NZZ bekannt. Doch aus Angst vor den kriminellen Banden will sie ihn nicht veröffentlicht sehen. Einem Treffen hat sie aus demselben Grund nicht zugestimmt, doch am Telefon gibt sie Auskunft.

«Es war im November 2023. Mein Sohn wartete an einer Strasse in Lod, wo er von einem Freund abgeholt werden sollte», erzählt Nur. Plötzlich seien bewaffnete Männer aus einem Auto gesprungen. «Sie haben meinem Sohn 24 Mal in den Kopf geschossen», erzählt sie. Das habe die Obduktion ergeben.

Nurs Stimme am Telefon zittert, immer wieder weint sie. Auf der ganzen Strasse seien Überwachungskameras angebracht gewesen, sagt sie. Die Polizei hätte die Mörder ihres Sohns finden können, wenn sie gewollt hätte, ist sie überzeugt. Nurs Sohn wurde 24 Jahre alt. «Er war nie in kriminellen Aktivitäten involviert», behauptet die Mutter. Auch habe sie nie irgendwelche Forderungen der kriminellen Banden erhalten.

Wenige arabische Israeli suchen die Gründe bei sich

Solche Fälle machen Khaled Zabarka wütend. Der 52-jährige Anwalt empfängt in seiner Kanzlei im Zentrum von Lod. Die Sonne ist schon lange untergegangen, Zabarka sitzt an einem Tisch mit einem grossen Bildschirm und einem Stapel Akten. Neben seiner Tätigkeit als Anwalt leitet Zabarka auch das sogenannte Bürgerkomitee, ein Zusammenschluss aller politischen Bewegungen, die sich für die Rechte der arabischen Bevölkerung in Lod einsetzen.

Der Anwalt und Aktivist gibt die Schuld für die hohe Mordrate dem israelischen Staat. Aus eigener Kraft könne die arabische Gemeinschaft nichts tun, um die Gewalt einzudämmen. Die Morde liessen sich nicht mit der arabischen Kultur oder dem Islam erklären, sagt er. «Die Mörder sind keine gläubigen Muslime», ist sich Zabarka sicher. Jeden Freitag würden die Imame in den Moscheen von Lod die Gewalt verurteilen. Mehr Aufklärung in den Schulen oder durch religiöse Autoritäten würden laut Zabarka keinen Unterschied machen.

Auch das gehört zur Wahrheit dazu: Viele arabische Israeli schieben die Verantwortung vollständig auf einen Staat ab, mit dem sie sich zumeist nicht identifizieren. Nur wenige Araber, wie etwa Ibrahim Hasarmeh, suchen den Grund auch in der eigenen Gemeinschaft. Nach dem Mord an einem 17-Jährigen Ende Februar sagte der Chef der Lokalverwaltung einer arabischen Kleinstadt in Nordisrael laut «Haaretz»: «Ja, die Polizei schaut auf uns herab, aber die Wurzel des Problems liegt bei uns.»

Hasarmeh stellte klar: «Wir haben ein Problem in unserer Religion – Vendetta.» Die niedrige Aufklärungsrate liege auch an der mangelnden Kooperation der arabischen Gemeinschaften mit der Polizei, meint der Lokalpolitiker. Viele arabische Israeli berichten von der verbreiteten Blutrache unter den kriminellen Grossfamilien. Trotz diesen Schwierigkeiten hat der Staat eine Verantwortung, die Morde aufzuklären. Aus Sicht der meisten arabischen Gemeinschaften wird Israel dieser nur selten gerecht.

So sieht es auch der Anwalt Khaled Zabarka: «Das Problem ist die Straflosigkeit.» Den Kriminellen sei bewusst, dass sie kaum Konsequenzen erwarteten, wenn sie einen Mord begingen. Zabarkas Bitte an die israelische Regierung ist simpel. «Sie soll der arabischen Gemeinschaft mit guten Absichten begegnen», sagt er. «Und ihre Aufgabe erfüllen: die Gesellschaft beschützen, so dass die Menschen ein normales Leben führen können.» Viel mehr verlangen die meisten arabischen Israeli nicht von ihrem Staat.

Mitarbeit: Mary Böhm

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