Adolf Muschg erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Athen und erinnert sich an seine Griechenland-Erfahrungen. Sie begannen an einem Zürcher Gymnasium mit vielen Schreibfehlern.

Meine erste Begegnung mit Griechenland begann am Palmsonntag 1951. Ich war siebzehn, als ich zur Konfirmation einen stattlichen Bildband mit dem Titel «Ewiges Griechenland» geschenkt bekam. Ich hatte gerade einen privaten Weltuntergang erlebt. 1948 war mein Vater, der fromme Lehrer, gestorben, und meine Mutter, gelernte Krankenschwester, war schon seit einem Jahr selber krank. Ich musste unser Haus und das Zürcher Literargymnasium verlassen und froh sein, mithilfe eines gewichtigen Nachbarn statt im Waisenhaus und in einer Schneiderlehre in einem frommen Bündner Internat unterzukommen, bis meine Mutter sich wieder zutraute, meine Erziehung selbst in die Hand zu nehmen.

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Zwei lange Jahre sollte es dauern, bis das Heimwehkind wieder an den Zürichsee und in seine alte Schule zurückkehren konnte, wo inzwischen Altgriechisch im Stundenplan stand – und schon viele Lektionen weiter gediehen war als in der Lehranstalt hinter den Bergen. Aber ich gab mein Bestes, um meine Mutter, die sich mein Schulgeld mit Nachtwachen verdienen musste, ihrer selbst sicherer zu machen. Sie sparte gar eine Uniform für die Pfadfinder zusammen, wo ich bald zum «Führer» einer Gruppe wurde, mit Fähnchen, das wir in sogenannten Schlachten verteidigten.

Mein Vize war ein Sohn aus besserer Familie, und es war sein Vater, Medizinprofessor, der mir unerwartet «Ewiges Griechenland» spendierte, mit einem Foto auf der ersten Seite, die zugleich seine handschriftliche Widmung trug: «So frei und weit wünsche ich / Dir wie diesen Blick von / Agamemnons Grab / Werden und Wachsen / Deiner eigenen künftigen / Welt!»

Auf Gedeih oder Verderb

Texte sagten mir damals mehr als Bilder, darum las ich mich wie berauscht in Hölderlins «Archipelagos» hinein, dann in «Griechische Landschaft» von Hofmannsthal – und ahnte zum ersten Mal, in welcher Sprache man über Griechenland sprechen konnte – und durfte. Das Schuldeutsch von Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums» war es nicht, sondern ein Läuten durch Leib und Seele. Und jetzt, wo meine Zürcher Mitschüler im Lehrbuch schon zwanzig Lektionen weiter waren als ich, klang diese Musik zugleich unerreichbar entfernt.

Unser Griechischlehrer, «Bubi» genannt, war gerade ein solches nicht, sondern ein unerbittlich Fordernder. Wenn er eintrat und an der Schiefertafel Altgriechisch zu schreiben begann, wussten wir, was uns blühte: eine Prüfung auf Gedeih oder Verderb. Im Unterricht war Xenophons «Anabasis» an der Reihe, und jetzt war ein Stück davon in unser Heft korrekt zu übersetzen, das auch noch, wie ein Minenfeld, mit grammatischen Fragen gespickt war.

Kamen unsere Hefte zurück, von Rotstift gezeichnet, wussten wir: Es genügte nicht, unsere Fehler schriftlich zu verbessern. War auch die Korrektur noch fehlerhaft, wurde eine sogenannte Nachverbesserung fällig – und die überforderte mich erst recht. Dabei wusste ich: War meine Griechischnote im Zeugnis ungenügend, so musste ich die Klasse repetieren – oder die Schule verlassen. Schliesslich gab ich, hoffnungslos kühn, statt aller Verbesserung ein eigenes Gedicht ab. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!

Mein Werklein stattete Xenophon für seine Heimkehr mit einem Zauberschiff aus, und die letzte Strophe klang so: «Und wenn mich Morpheus sanft in seine Arme liesse gleiten, / Trieb’ an der grünen Delos träumend ich vorbei / Und blickt’, erwachend, in der Heimat lichte Weiten – / ‹Hier brauchst du nicht zu träumen. Komm an Land, und sei!›»

In der nächsten Stunde, als die Hefte zurückkamen, stellte sich Bubi gleich an die Wandtafel und schrieb einen neuen Prüfungstext darauf. Die Klasse begann leise stöhnend zu arbeiten, mich aber winkte der Lehrer mit meinem Heft zur hintersten Bank und besprach mit mir – nicht etwa mein Gedicht, mit keinem Wort! – dafür die unterlassene Korrektur, Punkt für Punkt, schrieb sie selbst ins Heft und quittierte am Ende mit dem Haken V = eingesehen. Noch nie war mir ein Mensch unerbittlich hilfreich so nahe getreten.

Auf der Fähre nach Patras

Später erfuhr ich: Bubi war ein Freund von Friedrich Dürrenmatt, davon hat er nie gesprochen. Aber von jenem Tag an, wo er mir eine Prüfung geschenkt hatte, begann sich meine Note im Altgriechischen zu verbessern, und im Maturitätszeugnis war sie besser als genügend.

Unsere Klasse verdankte Bubi auch – heute undenkbare – Strapazen. Jeder Schüler musste einen Gesang der «Odyssee» auswendig hersagen können – fehlerlos. Aber Bubi wusste: Wer Verse nicht «by heart» lernt, kann sich die Welt immer noch ausrechnen – doch lesen kann er sie nicht.

Viele Jahre danach, auf der ersten Reise nach Griechenland, mit drei Freunden in einem kleinen Fiat, habe ich mir auf der Fähre nach Patras einen bleibenden Knick im rechten Ringfinger geholt: Man kann von einer Verlobung sprechen. Und um mit Goethe zu reden: «Das Land der Griechen mit der Seele suchend», durfte sich meine Seele in einigen Reisen dort weiter eingemeinden.

Eine hat uns auf die Spur der Kabiren geführt, der Naturgottheiten in Fausts «Klassischer Walpurgisnacht», doch in umgekehrter Richtung: zurück nach Samothrake, der Insel kabirischer Mysterien und der Heimat meines zweisprachigen Freundes Theo. Hier haben wir seinen Geburtstag gefeiert, und ohne seine Übersetzungen meiner Bücher wäre es wohl nicht zu diesem heutigen Festtag gekommen.

Aber mit meinem Pass verdanke ich Ihrem Land schon ein fast vergessenes, doch gewichtiges Stück gemeinsamer Geschichte. Es ist mit dem Namenspatron dieser Universität verbunden: Ioannis Kapodistria. Hätte ich für Hellas tun können, was der westionische Edelmann für mein Land getan hat, hätten Sie mich wohl gar zum Ehrenbürger befördert. Denn als solcher wird Kapodistria im frankofonen Westen der Schweiz geehrt, vor allem in Genf, der Stadt Calvins, Rousseaus und Benjamin Constants. Denn der damals jüngste Kanton verdankt Kapodistria sichere Grenzen und die Zugehörigkeit zur Schweiz.

Der Schweiz selbst, dem Bundesstaat, verschrieb er die Leitlinie «immerwährender Neutralität» als Garantie einer republikanischen Verfassung mitten im Europa der Fürsten. Unter ihnen gab es allerdings einen – Alexander I. von Russland –, der von einem Schweizer erzogen und gebildet worden war. Zar geworden, erhob er den Auslandgriechen Kapodistria zum Aufseher seiner Aussenpolitik.

Wie dieser am Wiener Kongress die Unabhängigkeit der Schweiz in Europa zu garantieren hoffte, so betrieb er danach die Freiheit Griechenlands vom Osmanischen Reich. Er schien sie als erster gewählter Präsident erkämpft zu haben und musste dennoch sein Leben für sie lassen, von Mörderhand, da die geordnete Staatlichkeit, die er für unentbehrlich hielt, den Aufgeregten als Verrat an ihrer Freiheit vorkam.

Europas griechische Wurzeln

Auch die Geburt eines neuen, zur Einheit befähigten Europa war schwer. Ohne die Katastrophen zweier Weltkriege wäre sie nicht zu erreichen gewesen. Heute steht die Einheit auf der Kippe. Europa, das den Namen einer Griechin – mit nahöstlichen Wurzeln – trägt, droht entweder zur Quantité négligeable oder, schlimmer: zur Teilnehmerin von Kriegen zu werden, die nicht zu gewinnen sind. Denn auf der Strecke bleibt der kategorische Imperativ der Aufklärung: Vernunft durch Humanität.

Ich erinnere mich aber auch an die Finanzkrise der nuller Jahre, als die EU ausgerechnet Griechenland auszusortieren drohte. Wenn schon von Schuldigkeit die Rede sein soll, so wird Europa immer in der Schuld der Griechen bleiben – oder es versteht sich selbst nicht mehr.

Kapodistria wurde ermordet – und er lebt. Diese Universität trägt seinen Namen. Es sind griechische Freunde, die mich hierher- und immer auch ein Stück mir selbst nähergebracht haben. Individuen sollen, wie ihr Name sagt, unteilbar sein – sie sind es nur, wenn sie teilen können, sich mitteilen, schenken.

«O megas aither!» O grosser Äther! Das sind, bei Sophokles, die letzten Worte von Ödipus auf «Kolonos», im Tempel der Eumeniden. Einen solchen gab es auch in Athen – und in Sophokles’ «Orestie» – an der Stelle, wo Pallas Athene die erzürnten Muttergottheiten mit dem Muttermörder Orest versöhnt hatte. Der Areopag, das Gericht der Alten, hätte ihn verurteilt, aber zum Patt fehlte nur eine einzige Stimme – und es war die Vorsitzende, Athene selbst, die einen weissen Stein in die Urne legte. Ohne Orest freizusprechen, bestimmte sie die Erinnyen zu Schutzgöttinnen der Stadt und befreite sie selbst zu Eumeniden, Wohlgesinnten.

Doch der alte Ödipus – wie soll der zu retten sein?

In seinem letzten Stück zeigt Sophokles dem Publikum – den Mitbürgern im Theater, die auch seine Richter sind – einen Blinden auf dem Gipfel seines Elends. Er hat, als er ein Orakel missdeutete, alles verloren: seine Eltern, seine Frau, seine Söhne und Töchter, sein Augenlicht. Die einzige Hoffnung bleibt der Tod, in den ihn Theseus allein, der König Athens, begleiten darf. Und was sieht und sagt der Blinde auf seinem letzten Weg: «O megas aither!»

Das strahlend Offene der Erde, auf die der Mensch geboren ist und zu der er wieder werden muss. Und doch darf, gerade am dunkelsten Tag, Hölderlins Wort gelten: «Komm! ins Offene, Freund!»

Dieser Glanz des Offenen ist meiner Frau und mir in Sunion begegnet, wo die Spitze der Halbinsel Attika, die Erde Athens, ins Meer stürzt – und zugleich in den Abgrund offenen, strahlenden Himmels: O megas aither!

Antike Baumeister

Das zweite Wunder, von dem ich noch singen und sagen möchte, steht auf der Höhe der Akropolis – der Parthenon. Es ist sein Mass. Warum kann er keine Ruine werden? Seit er in einem Perserkrieg zerstört und unter Perikles wieder aufgebaut wurde, ist ihm nichts erspart geblieben. Christen und Muslime haben das Heiligtum der Athene zur Kirche oder Moschee umgebaut, Räuber haben ihn geplündert, und seine Verehrer – wie Lord Elgin – erst recht. In der frühen Neuzeit ist er als Pulverkammer explodiert. Man sieht dem Parthenon den Schaden an – und zugleich bleibt sein Bild intakt. Wie geht das zu?

Ich denke, weil er im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von Hand aufgerichtet wurde und mit ganzer Seele. In jeder Säule, jedem Fragment, jedem abgestürzten Marmorblock steckt Rücksicht auf den Betrachter, welche die Handwerker vor bald dreitausend Jahren jedem Stück Marmor eingeschärft haben, und ebenso nahmen sie Rücksicht auf die Sprache des Steins.

Entasis ist nur ein Detail dieser Praxis. Die Wikipedia-Sprache redet von Anspannung der Säulen: «Hervorgerufen wird sie durch eine kreisbogenförmige nichtlineare Verjüngung des Säulendurchmessers, die sich vor allem ab dem unteren Drittelspunkt oder der Mitte des Schafts nach oben beschleunigt.» Der Dichter Rilke hat dieses Handwerk in seinem «Archaischen Torso Apolls» bündiger benannt: «denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.»

Der grosse Äther und das menschliche Mass sind Verwandte im griechischen Kosmos. Darauf brauche ich mir heute keinen Vers mehr zu machen. Aber so viel weiss ich: Im Athen des Perikles brauchten die Arbeiter seines Baumeisters Pheidias nur acht Jahre, um das zerstörte Heiligtum neu aufzurichten. Und wie lange arbeitet Athen heute schon an seiner Restauration? Das Werkzeug dafür ist gar nicht mehr zu vergleichen mit dem vor dreitausend Jahren – eben. Praktisch, wie es ist, hat es keine Rücksicht auf Menschen und Steine mehr im Programm.

Ihr ehrenvolles Papier gibt mir die vielleicht letzte Gelegenheit, den Parthenon wiederzusehen.

Der Schriftsteller Adolf Muschg lebt in Männedorf. Der vorliegende Text ist seine Dankesrede zur Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Capodistria-Universität in Athen, gehalten am 27. März.

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