Montag, Januar 19

In den Debatten um den Krieg in der Ukraine kommen Begriffe und Namen aus der europäischen Kriegsgeschichte zum Einsatz. Erklären sie etwas?

Ist Donald Trump ein Leisetreter und Putin-Versteher? Der britische Historiker Timothy Garton Ash sieht es so: «Im Vergleich zum amerikanischen Präsidenten ist Neville Chamberlain ein prinzipienfester, mutiger Realist.» Der EU-Aussenbeauftragten Kaja Kallas geht es ähnlich: Die amerikanische Absage an die ukrainische Rückeroberung der besetzten Gebiete sei nichts als «Appeasement».

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Appeasement – Chamberlain – München 1938: In den Debatten um das Kriegsende in der Ukraine hat das begriffliche Dreigestirn wieder Konjunktur. Es wird meist polemisch benutzt, um mit einer (angeblichen) historischen Analogie zu zeigen, dass taktische Konzessionen den Eroberungs-Appetit eines Aggressors steigern und nicht mindern.

Appeasement als «Friedenspolitik»

Das historische Muster für diesen Zusammenhang entfaltete sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Hitlers unbestrafter Griff nach deutsch besiedeltem Territorium. Berlin hatte nach dem Friedensvertrag von Versailles 1919 zuerst insgeheim und nach Hitlers Machtübernahme 1933 ganz offen und massiv aufgerüstet.

Damit verstiess Berlin gegen geltendes Völkerrecht. Doch Grossbritannien und Frankreich, die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, traten Hitler nicht entschieden entgegen. Das ermutigte den «Führer», immer dreister vorzugehen.

  • Im März 1936 marschiert die Wehrmacht ins demilitarisierte Rheinland ein. Das ist eine klare Verletzung des Versailler Abkommens, doch Paris und London reagieren nur verhalten. Einem energischen Eingreifen von Frankreich hätte die noch schwache Wehrmacht wenig entgegensetzen können.
  • Im März 1938 erfolgt der «Anschluss» Österreichs ans Deutsche Reich. Weil die Österreicher sich kaum dagegen wehren, sondern meist Hitler bejubeln, wird die Expansion als innere Angelegenheit der beiden Länder abgetan.
  • Im September 1938 verlangt Hitler von Prag die Herausgabe des mehrheitlich deutschsprachigen Sudetenlandes. Eigentliches Ziel ist die Zerschlagung der Tschechoslowakei. Separatisten, unterstützt von Deutschland, greifen die tschechoslowakische Armee an. Mit dem Münchner Abkommen erhält Hitler das Sudetenland.

Weshalb gaben London und Paris so oft nach? Der Krieg sollte vermieden werden. Es ging den Alliierten um Appeasement – ein zunächst durchaus positiv besetzter Begriff, der das Streben nach Ausgleich und Frieden bezeichnete. Heute wird damit vor allem der damalige britische Premierminister Neville Chamberlain (1869–1940) in Verbindung gebracht.

Doch seine Politik der Zurückhaltung genoss in Grossbritannien breite Unterstützung. In der Bevölkerung war die Erinnerung an das Leid und die Opfer des Ersten Weltkriegs noch frisch. Die Briten waren kriegsmüde und wollten sich nach der erst gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise auf ihr wirtschaftliches Vorankommen konzentrieren.

In weiten Teilen sprach sich auch die politische und wirtschaftliche Elite für die Beschwichtigung Deutschlands aus: Der Grossteil der Konservativen (mit Ausnahme von Winston Churchill) stützte die Haltung der Regierung. Aber auch das Königshaus, das Oberhaus und die BBC sprachen sich für die «Friedenspolitik» aus.

Eine wichtige Rolle spielte die Sorge um das Empire. Grossbritannien fürchtete, ein neuer Krieg könnte dessen Bestand gefährden. Denn die Loyalität der Kolonien und Dominions hatte in den 1930er Jahren Risse bekommen. Und auf diesem Empire gründete Britanniens Status, Identität und Reichtum.

Chamberlain, München 1938 und Appeasement als Schimpfwort

Premierminister Chamberlain strebte seit seinem Amtsantritt 1937 den Ausgleich mit Deutschland an. Ihm schwebte eine europäische Sicherheitsarchitektur vor, die eine deutsche Interessensphäre in Mittel- und Südosteuropa umfasste. Dafür glaubte er, würden Deutschland und seine Verbündeten Italien und Japan die britischen Kolonialinteressen in Übersee respektieren.

Das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 beendete die Sudetenkrise. Es wurde von Deutschland, Italien, Grossbritannien und Frankreich unterzeichnet. Prag sass nicht am Tisch. Die Westmächte akzeptierten die deutsche Annexion des Sudetenlandes und erhielten die Zusage Hitlers, er hege keine weiteren Ansprüche an die Tschechoslowakei.

Chamberlain flog nach London zurück und sagte dort die berühmt gewordenen Worte, er habe den Frieden für unsere Zeit gesichert («Peace for our time!»). Die öffentliche Meinung applaudierte, doch es gab prominente Kritiker, darunter Winston Churchill und der Anführer der Labour-Partei, Clement Attlee. Sie waren empört, dass Hitlers Strategie aufging und er sich Schritt für Schritt die ethnisch-deutschen Gebiete in Europa einverleibte.

Doch Chamberlain war nicht naiv. Er wusste um Hitlers Gefährlichkeit. Seine Nachgiebigkeit war nicht bloss eine fehlgeleitete Friedenspolitik, sondern auch der militärischen Schwäche Grossbritanniens geschuldet. Er hoffte, Zeit zu gewinnen, um die britische Luftwaffe aufzurüsten und die Küstenverteidigung zu stärken. Für ein robusteres Auftreten, so glaubte er, fehlten ihm auch Verbündete. Frankreich war politisch instabil, die USA nicht an Europa interessiert.

Manche Historiker argumentieren gegen diese Sicht: Hätten Grossbritannien und Frankreich früh interveniert, hätten sie Hitler aufhalten können. Der ging seinen Weg weiter, zerschlug im Frühjahr 1939 die Tschechoslowakei und griff am 1. September Polen an. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Am 3. September erklärten Grossbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. «Sie können sich vorstellen, wie bitter es ist, dass mein Ringen um Frieden vergeblich war», sagte Chamberlain in seiner Radioansprache. Hitler werde weiter Gewalt anwenden und «er kann nur durch Gewalt gestoppt werden!». Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Appeasement ein Begriff für strategisches Versagen geworden – Versagen aus Unentschlossenheit.

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