Der Zürcher Professor Joachim Voth hat untersucht, welche Faktoren am meisten zu einem erfüllten Leben beitragen. Er hält es für widersinnig, wie die Gesellschaft die Arbeit verteufelt und die Freizeit glorifiziert.
Herr Voth, wir alle wünschen uns ein erfülltes und zufriedenes Leben. Sie haben wissenschaftlich untersucht, was es dazu braucht. Dann verraten Sie uns doch das Geheimnis.
Zunächst möchte ich erklären, wie wir zu unseren Erkenntnissen gekommen sind. Die US-Regierung erstellte in den 1930er Jahren eine Sammlung von 1500 Biografien über Personen aus dem gewöhnlichen Volk. Seither lagerten die Dokumente weitgehend ungenutzt in einem Archiv. Zusammen mit zwei Kollegen haben wir diese faszinierenden Lebensrückblicke nun ausgewertet. Die zentrale Frage für uns lautete: Was war den Menschen wichtig im Leben?
Wie lautet Ihre Antwort?
Entscheidend sind im Wesentlichen drei Faktoren: Als wichtigste Quelle für ein erfülltes Leben nennen die Leute die Arbeit. Dabei geht es nicht in erster Linie um die finanzielle Absicherung. Vielmehr ist es dieses Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sowie seine Aufgaben gut gemeistert zu haben und dafür Wertschätzung zu bekommen. Im Zentrum stehen also der Stolz auf das Erreichte, auf den Beitrag zum grossen Ganzen sowie die Kameradschaft bei der Arbeit.
Welche beiden weiteren Faktoren sind von Bedeutung?
Einen grossen Stellenwert besitzen ebenso enge Beziehungen in der Familie. Und das dritte Element bildet die Rolle der Menschen in ihrer Gemeinschaft: Hier geht es um den Beitrag, den sie etwa in der Nachbarschaft, in der Stadt oder einem Verein geleistet haben und der ihnen soziale Anerkennung eintrug.
In der heutigen Gesellschaft hat die Arbeit ein eher schlechtes Image. Sie wird häufig als eine Last dargestellt. Nun zeigt Ihre Studie im Gegenteil, dass kein Faktor wichtiger ist für ein zufriedenes Leben als die Arbeit.
Das ist richtig. Heute richten wir uns primär nach dem Konzept der Work-Life-Balance. Demnach stehen das glückliche Leben und die Arbeit in einer Konkurrenz zueinander. Sobald ich eine Minute mehr für meine Arbeit verwende, fehlt mir diese Zeit für das eigentliche Leben. Die von uns analysierten Biografien verdeutlichen jedoch, dass dieser Gegensatz so nicht existiert: Erst wenn wir etwas Sinnhaftes leisten können im Leben, finden wir unsere Erfüllung.
Das mag für einen Arzt zutreffen. Doch gilt es ebenso für eine Verkäuferin oder einen Fabrikarbeiter?
Das ist ein wesentlicher Aspekt dieser Lebensgeschichten – wir sehen durch alle sozialen Schichten hindurch ein fast deckungsgleiches Resultat. Egal, ob Mann oder Frau, welche Hautfarbe oder welches Alter: Die Faktoren für die Lebenszufriedenheit bleiben stets dieselben. Beeindruckt hat mich das Beispiel einer einfachen Bibliothekarin: Detailliert wird in ihrer Biografie geschildert, welchen Stolz sie daraus zog, dass sie anderen Menschen einen Dienst erweisen konnte, indem sie ihnen den Zugang zu bestimmten Büchern vermittelte.
Wie man Zufriedenheit definiert, ist sehr subjektiv. Schmälert das nicht die Aussagekraft Ihrer Studie?
Das ist ein wichtiger Punkt. Das Glücksempfinden ist stark vom Moment abhängig. Ich fühle mich gut, wenn ich gerade gegessen oder ein Nickerchen gemacht habe. Doch eine Anweisung für das Leben können wir nicht daraus ziehen – niemand sollte den ganzen Tag essen und schlafen. Deshalb sind diese Biografien, die aus einer gewissen Distanz den Rückblick auf das eigene Leben ermöglichen, so wertvoll. Daraus erfahren wir, welche Entscheidungen und Prioritäten sich gelohnt haben und welche sich als falsch herausstellten.
Wie sind Sie vorgegangen, um diese 1500 Lebensläufe auszuwerten?
Die Analyse erfolgte mithilfe von KI-Programmen. Dabei mussten wir sicherstellen, dass die KI die Biografien nicht anders interpretiert als ein Mensch. Wenn verschiedene Forscher die Texte lesen, so kommen diese ebenfalls zu leicht unterschiedlichen Schlüssen. Die KI ist somit dann nützlich, wenn ihre Abweichungen nicht grösser sind als diejenige zwischen zwei Menschen. Wir haben über 15 000 Stichproben gemacht, um sicherzustellen, dass die KI hier zuverlässige Aussagen trifft.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Forschung: Braucht unsere Gesellschaft wieder mehr Lust auf Arbeit?
Heute verteufeln wir die Arbeit und glorifizieren die Freizeit – das halte ich für widersinnig. Der Beruf ist weit mehr als ein Mittel zum Geldverdienen, um sich dadurch in der Freizeit den grösstmöglichen Spass erkaufen zu können. Das sehen wir zum Beispiel bei einem Stellenverlust: Dank der Arbeitslosenversicherung geht das Einkommen nur beschränkt zurück. Trotzdem sinkt die Lebenszufriedenheit massiv. Weshalb? Weil die Arbeit stark zur persönlichen Befriedigung beiträgt.
Selbst wenn es zu einer Plackerei wird?
Natürlich habe ich im Beruf selten das gleiche Vergnügen, das ich etwa in einem Freizeitpark erleben kann. Es gibt Menschen in unseren Biografien, die mit ihrer Arbeit wenig anfangen konnten – beispielsweise ein Metzger in einem industriellen Schlachthaus. Doch wir Menschen sind im Allgemeinen nicht auf eine dauernde Bespassung angelegt. Ich halte es hier mit dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus, der sagte, wir sollten uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. In der griechischen Mythologie muss dieser einen Felsblock den Berg hinaufwälzen. Und stets, wenn er fast auf dem Gipfel ankommt, rollt der Stein wieder ins Tal hinunter. Die Arbeit, so mühevoll sie manchmal sein mag, ermöglicht es uns, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen und zu verbessern. Sie schafft Beziehungen, Stolz auf das Erreichte. Das wird in der heutigen Zeit leider immer mehr verkannt.
Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz will die Höchstarbeitszeit auf 38 Stunden pro Woche beschränken, verteilt auf maximal viereinhalb Tage. Sie sehen darin keinen sozialen Fortschritt?
Auch mit dieser Forderung wird uns die Vorstellung vermittelt, die Arbeit sei etwas Feindseliges. Für die Wirtschaft jedoch wäre eine solche Regelung Gift. Wenn wir die Arbeit immer mehr einschmelzen, können die Menschen ihre Kompetenzen nur ungenügend entwickeln. Um auf einem Gebiet Experte zu werden, muss ich Zeit dafür investieren – als Faustregel spricht man von den berühmten 10 000 Stunden.
Joachim Voth
Professor an der Universität Zürich
Der 57-jährige gebürtige Deutsche Joachim Voth studierte Wirtschaftsgeschichte in Bonn und Freiburg und promovierte in Oxford. Im Jahr 2014 wurde er Professor für Entwicklungsökonomie an der Universität Zürich. Seit 2017 ist er zudem wissenschaftlicher Direktor des UBS Center for Economics in Society. (sal.)
Als Argument für eine tiefere Arbeitszeit wird oft gesagt, der Stress habe zugenommen.
Das halte ich für einen valablen Punkt. Nicht alle können gleich gut mit Druck umgehen. Trotzdem denke ich, unsere Gesellschaft entwickelt sich auch beim ständigen Klagen über den Stress in eine falsche Richtung. Wenn ich im Beruf eine Herausforderung bewältigen muss, so ist dies in erster Linie positiv zu bewerten. Ich kann dadurch lernen, ambitionierte Ziele zu erreichen. Ein Leichtathlet am Start eines Hundert-Meter-Laufs schüttet ebenfalls eine höhere Menge Adrenalin ins Blut aus.
Der Trend zur Freizeitgesellschaft kommt in einem ungünstigen Moment. Wegen der demografischen Entwicklung fehlt es an Arbeitskräften. Dieser Mangel wird durch die sinkende Arbeitszeit weiter verstärkt.
Hinzu kommt die verhängnisvolle Altersguillotine bei der Pensionierung. Es hat überhaupt keinen Sinn, kompetente, erfahrene Leute standardmässig aus dem Arbeitsprozess auszusortieren. Dahinter steckt die irrige Vorstellung, dass durch den Austritt eines 65-Jährigen ein Platz frei wird für eine junge Person. Tatsächlich aber handelt es sich hier nicht um ein Nullsummenspiel mit einer fixen Menge an Arbeit. Denn jeder, der im Arbeitsprozess drin ist, schafft dadurch wieder zusätzliche Aufgaben für weitere Menschen. Ausserdem steigen die Steuereinkommen für den Staat.
Trotzdem wehren sich viele Leute gegen ein höheres Rentenalter. In Frankreich etwa gingen die Menschen für Proteste auf die Strasse.
Die Politik hat hier eine falsche Anspruchshaltung geweckt. Diese suggeriert den Leuten: Ich habe in die Sozialversicherung einbezahlt. Dadurch erkaufe ich mir das Recht, mit 62 in Rente zu gehen – selbst wenn das versicherungsmathematisch nicht aufgeht. Erhöht die Politik nun das Rentenalter, so haben die Leute das Gefühl, man nehme ihnen etwas weg. Entsprechend wird das Arbeiten zur Strafe. Dabei ist es doch ein Privileg, wenn man gebraucht wird und etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft leisten kann.
Dank der steigenden Lebenserwartung dauert der Ruhestand länger. Und weil die Menschen besser ausgebildet sind, treten sie zudem später in den Beruf ein. Bedeutet dieses immer kürzere Erwerbsleben nicht eine Verschwendung von wertvollem Humankapital?
Das ist so. Dass wir Menschen sorgsam und nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen sollten, ist ein zentrales Thema unserer Zeit. Doch ausgerechnet bei der Arbeit leisten wir uns eine riesige Verschwendung. Dazu trägt auch das Steuersystem bei, welches das Arbeiten zu wenig belohnt. Leute mit einer super Ausbildung verzichten deshalb auf ein höheres Pensum, um auf diese Weise Steuern zu sparen, denn aufs Heimwerken fällt keine Einkommenssteuer an.
Was schlagen Sie vor, damit die Arbeit in unserer Gesellschaft wieder an Attraktivität gewinnt?
Ich möchte zwei Dinge erwähnen, die ich besonders in der Schweiz als positiv einstufe. Durch das System der Berufslehre kommen viele junge Menschen bereits frühzeitig in Kontakt mit der Arbeitswelt. Das erleichtert die Sozialisierung. Für Leute dagegen, die bis dreissig am Studieren sind, wird dieser Übertritt zunehmend schwieriger. Wenn sie im bisherigen Leben noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben, so empfinden sie die Berufswelt eher als etwas Feindseliges.
Welchen zweiten Punkt beurteilen Sie positiv?
Die gesellschaftliche Wertschätzung muss für alle Arten von Arbeit gelten. Entsteht dagegen ein zu tiefer Graben zwischen den gebildeten «Eliten» und den Arbeitskräften mit weniger Ausbildung, dann zerstört dies den Zusammenhalt. In der Schweiz funktioniert der Arbeitsmarkt so, dass selbst Ungelernte ein vernünftiges Einkommen erzielen können und nicht auf staatliche Zahlungen angewiesen sind. Eine grosse Abhängigkeit vom Staat wie in vielen europäischen Wohlfahrtsstaaten zersetzt auf Dauer die Motivation, sein Leben eigenverantwortlich zu bestreiten.