Sonntag, März 30

Trotz Rekordernten in den USA und Brasilien waren Pestizide 2024 wenig gefragt. Starker Preisdruck und Überkapazitäten zwingen die Branchenriesen Bayer und Syngenta zu Sparmassnahmen.

Noch nie lag der Konsum von Weizen und Sojabohnen auf der Welt höher als im vergangenen Jahr. Zum rekordhohen Verbrauch trug neben dem Nahrungsbedarf der erneut gewachsenen Weltbevölkerung und der Viehzucht auch die zunehmende Nachfrage nach Biotreibstoffen bei. In den USA gab es dank günstigen Wetterbedingungen Rekordernten, auch Farmer in Brasilien erfreuten sich an prächtigen Erträgen.

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Für die Hersteller von Pflanzenschutzprodukten war 2024 gleichwohl kein Jubeljahr – im Gegenteil. Laut Branchenschätzungen schrumpfte der Gesamtmarkt um 6 Prozent auf 70 Milliarden Dollar. Syngenta, der Branchenriese aus Basel, gab am Mittwoch einen Umsatzeinbruch von 1o Prozent bekannt.

Die Konkurrenz kam noch besser weg

Der amerikanische Konkurrent Corteva und die Agrarsparte des deutschen Chemie- und Pharmakonzerns Bayer kamen glimpflicher weg. Allerdings mussten auch sie im vergangenen Jahr einen Rückgang von je 2 Prozent hinnehmen. Die Verkäufe des Geschäftsbereichs Agricultural Solutions von BASF, der als Nummer vier der Branche gilt, sanken um knapp 3 Prozent.

Lagerbestände, die noch aus der Zeit der vielen Bestellungen während der Pandemie rührten, machten den Anbietern von Agrochemikalien zu schaffen. Die gestiegenen Zinsen zwingen zudem viele Landwirte, ihr Kapital schonender einzusetzen. Bestellt wird zunehmend «just in time» – also erst, wenn die Felder gespritzt werden müssen.

Generikahersteller aus Fernost fluten den Markt

Dazu gesellt sich wachsender Preisdruck wegen der starken Konkurrenz durch Generika. Denn wie bei Medikamenten gibt es auch für Pestizide Nachahmerprodukte. Sie sind deutlich günstiger als Originalpräparate, die noch unter Patentschutz stehen. Zusätzliche Produktionsbetriebe, die in den vergangenen Jahren vor allem in China und Indien entstanden sind, fluten regelrecht den Markt mit Generika.

Der Preisdruck bekam besonders Bayer nicht gut. Die Umsatzrendite auf Stufe Betriebs-Cashflow (Ebitda) fiel 2024 in der Agrarsparte um 2,3 Prozentpunkte auf 19,4 Prozent. Dabei handelt es sich um einen bereinigten Wert, in dem ausserordentliche Aufwendungen insbesondere für Restrukturierungen nicht eingeschlossen sind.

Die Konzernzentrale in Leverkusen reagierte: Um wieder auf eine höhere Profitabilität zu kommen, hat das Management einen fünfjährigen Aktionsplan verabschiedet. Details dazu, wo in Forschung und Entwicklung, Produktion, Vertrieb und in globalen Funktionen Kosten eingespart werden sollen, will der Konzern im zweiten Quartal veröffentlichen.

Die Messlatte für die angestrebten Verbesserungen hat die Firmenführung indes schon gesetzt. So soll auch dank Innovationen die bereinigte Ebitda-Marge bis 2030 auf einen Wert in der Grössenordnung von rund 25 Prozent gesteigert werden.

BASF hält an Börsenplänen für Agrargeschäft fest

Corteva will diese Kennziffer bereits bis 2027 auf 23 bis 24 Prozent erhöhen. Der amerikanische Konzern, der aus den früheren Agrargeschäften der Chemieunternehmen Dow und DuPont entstand, profitiert davon, seit seiner Gründung 2019 Jahr für Jahr die Strukturen gestrafft zu haben. Er ist so bereits vergleichsweise schlank aufgestellt und eher in der Lage, mit dem Preisdruck fertigzuwerden. Im vergangenen Jahr stieg seine Ebitda-Marge erstmals auf über 20 Prozent.

Denselben Wert wies 2024 die Agrarsparte von BASF aus. Die Voraussetzungen, damit der Bereich wie geplant übernächstes Jahr separat an die Börse gebracht werden kann, sind damit intakt. Investoren dürften erwarten, dass er in Sachen Profitabilität ähnlich gut wie Corteva abschneidet.

Bei der Ebitda-Marge den Anschluss verloren

Den umgekehrten Weg beschritt vor acht Jahren Syngenta. Die neuen staatlichen Eigentümer aus China beschlossen nach dem Erwerb Mitte 2017, das Unternehmen von der Börse zu nehmen. Das Management sah sich damit nicht mehr dem Scheinwerferlicht des Aktienmarkts ausgesetzt.

Aus heutiger Sicht hat die Dekotierung der Leistungskraft der Firma aber deutlich geschadet. 2015, im letzten Jahr vor der Ankündigung des Besitzerwechsels, erzielte Syngenta noch eine Ebitda-Marge von 20,7 Prozent. Der Umsatz erreichte damals 13,4 Milliarden Dollar.

Mittlerweile ist Syngenta, gemessen am Konzernerlös, gut doppelt so gross. Die Ebitda-Marge sank hingegen 2024 um weitere 0,7 Prozentpunkte auf 13,5 Prozent. Damit steht der Basler Konzern von allen vier Branchenschwergewichten mit Abstand am schlechtesten da.

Ertragsschwache Aktivitäten in China

Die Medienstelle des Unternehmens argumentiert, dass Corteva und die Bayer-Agrarsparte einen höheren Anteil am Umsatz mit Saatgut erwirtschafteten. Dieses wirft typischerweise höhere Margen ab als der Pflanzenschutz.

Auch, so fügt der Konzern hinzu, müsse berücksichtigt werden, dass Syngenta mit der Tochterfirma Adama im vergleichsweise ertragsschwachen Geschäft mit Generika tätig sei. Ausserdem stelle man in China für den lokalen Markt Düngemittel her und betätige sich im Handel mit Agrochemikalien – beides ebenfalls wenig profitable Aktivitäten.

Die breite Aufstellung hat Syngenta indes selbst gewählt. Spitz formuliert könnte man auch von einem Gemischtwarenladen sprechen. Vor zehn Jahren konzentrierte sich der Konzern noch wie seine heutigen Hauptkonkurrenten auf Originalprodukte im Pflanzenschutzbereich sowie auf Saatgut.

Kehrt 2025 die Nachfrage zurück?

2025 rechnet Hengde Qin, der aus China stammende Finanzchef von Syngenta, mit einer Markterholung. «Der Abbau von Lagerbeständen sollte weitgehend zum Abschluss kommen», erklärt er auf Anfrage.

Der Umsatzeinbruch und die gedrückte Profitabilität haben auch das Syngenta-Management zum Einschreiten gezwungen. Laut Qin wurde der globale Personalbestand 2024 um rund 4000 auf 56 000 Mitarbeitende reduziert. Auch in der Basler Konzernzentrale kam es zu Entlassungen.

Die Anstrengungen, das Unternehmen fitter zu machen, sollen im laufenden Jahr weitergehen. Der Handlungsdruck bei Syngenta ist nach wie vor gross.

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