1988 traf Herbert von Karajan zufällig in Wien auf seinen künstlerischen Antipoden: Leonard Bernstein. Der Streit der beiden ist nun am Broadway zu sehen.

Als Herbert von Karajan am 15. März 1955 mit den Berliner Philharmonikern in der New Yorker Carnegie Hall sein Amerika-Debüt geben will, empfangen ihn Demonstranten. Sie halten Plakate, auf denen «No harmony with Nazis» zu lesen ist, «Nazis go home» skandiert die Menge. Der Protest jüdischer Organisationen gegen das einstige NSDAP-Mitglied Karajan geht im Saal weiter: Vor dem «Tristan»-Vorspiel steigen im Zuschauerraum weisse Tauben auf.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Heute, siebzig Jahre später, treffen Bernstein und Karajan in einem Theaterstück auf einer Kammerspielbühne nicht weit vom damaligen Schauplatz aufeinander. Bernstein provoziert: «Und, wie war das mit dem Buh-Konzert in der Carnegie Hall?» Karajan gibt sich demonstrativ desinteressiert. Wie damals. Karajan zog das legendäre Konzert stoisch durch und trat danach noch fünfzig Mal mit den Berlinern in der Carnegie Hall auf. Die Proteste der Amerikaner blieben ihm treu.

Ein alter Mann am Broadway

Die Frage, ob Karajan nur Mitläufer oder Täter war, ist nicht abschliessend geklärt. Und so brisant wie eh und je in Zeiten, in denen gerade in der Kulturszene Antisemitismus wieder hoffähig geworden ist.

Wer war dieser Herbert von Karajan wirklich, der zum Synonym des Dirigentenberufs wurde? Dessen Perfektionismus so legendär war wie seine Selbststilisierung als unnahbarer, weltabgewandter Zeremonienmeister elitärer Kunstgottesdienste?

Am Broadway ist er ein alter Mann, der beim Partiturstudium Tee trinkt. Der Unterkiefer mahlt, aus dem Off tönt der erste Satz von Brahms’ Erster, zu den Klangfluten seiner eigenen, schwerblütigen Interpretation knetet er mit hochgezogenen Schultern das imaginäre Orchester.

Die deutsche Schauspielerin Lucca Züchner kommt Karajan verblüffend nahe auf der spärlich möblierten Kammerspielbühne. Das karge Bühnenbild deutet die «Blaue Bar» des berühmten Hotels Sacher hinter der Wiener Staatsoper an. Dort sass nämlich an einem späten Abend im Jahr 1988 der echte Herbert von Karajan, der für einen seiner letzten Auftritte nach Wien gekommen war. Dort traf er zufällig auf seinen grossen Rivalen und künstlerischen Antipoden: Leonard Bernstein, den jüdisch-amerikanischen Tausendsassa, den Erfinder der Musikvermittlung, den kettenrauchenden Rauschkünstler und das pure Gegenteil von Karajans Perfektionismus und seiner stilisierten Strenge.

Bernstein durfte zu Karajans Lebzeiten nur einmal dessen Berliner Philharmoniker mit Mahlers Neunter dirigieren. Weihnachten 1989 – die Berliner Mauer war gefallen, Karajan im Juli gestorben – trieb es ihn dann als Homo politicus an den Ort der Weltgeschichte, um mit den Berlinern Beethovens Neunte aufzuführen und den Chor «Freiheit» statt «Freude» singen zu lassen. Das Konzert kam letztlich mit einem anderen Orchester zustande, ein Jahr darauf starb auch Bernstein.

Die historische Begegnung der beiden Giganten 1988 an der Bar hatte nur einen Zeugen, nämlich den Kellner, der sie damals bediente und die Sensation dieser Begegnung für sich behielt. Mehr als dreissig Jahre später bediente ebenjener diskrete Kellner in der «Blauen Bar» den amerikanischen Theaterautor Peter Danish, der sich gerade in Leonard Bernsteins gesammelte Briefe vertiefte. Der Kellner sah das Buch und erzählte von der zufälligen Begegnung der beiden Klassikstars. Danish schrieb noch am gleichen Abend den ersten Entwurf für sein Theaterstück «Last Call», das nun in New York zur Uraufführung kam.

Danish überlässt die Bühne zunächst Herbert von Karajan und seinem missmutigen Partiturstudium, auf Deutsch ruft er nach dem Kellner, der ihn nicht erkennt. Doch dann betritt Bernstein die Bar mit Zigarette und Whiskey-Glas. Helen Schneider, Rock- und Musical-Sängerin und charismatische Schauspielerin, gibt Leonard Bernstein und versucht gar nicht erst, wie er auszusehen. Sie stellt die Nähe zum Original anders her, nämlich durch ihre lässige Körperpräsenz, ihre heitere Angriffslust und ihre swingende Beweglichkeit, die Lucca Züchners Karajan-Starre umso plastischer wirken lässt.

Kein Gender-Spiel, sondern Kalkül

Die Kölner Produktionsfirma, die mit «Last Call» am Broadway debütiert, hat den Regisseur Gil Mehmert verpflichtet. Der gewiefte Profi wusste gleich, dass er die beiden Herren von zwei Frauen verkörpert sehen wollte. Was weniger modisches Gender-Spielchen ist als schlüssiges Kalkül, denn nach wenigen Minuten hat man vergessen, dass hier zwei Frauen zwei alte Männer spielen.

Man folgt gebannt dem zwischen Komödienton und ernster Auseinandersetzung elegant schlingernden Streitgespräch. Danish hat mit leichter Hand ein «well-made play» geschrieben, aber er lässt keinen Konflikt zwischen den Antipoden aus, die Herren schenken sich nichts: Bernstein wirft Karajan seine zweifache Mitgliedschaft in der NSDAP vor, Karajan nennt Bernstein einen jüdischen Nationalisten und bemängelt dessen überbordenden Dirigierstil. Es geht um Bruckner und Mahler, um den typischen, heute als allzu glatt empfundenen Karajan-Sound. Und es geht um ewige Fragen der Interpretation: Wie viel Gefühl braucht Mahler? Wann wird es Kitsch? «Wenn du Bruckner so dirigierst wie Mahler, wird das ein Desaster», sagt Karajan.

Danish ist klar auf Bernsteins Seite und dichtet Karajan sogar Neid auf den Jüngeren an. Beim unvermeidlichen Gang aufs stille Örtchen hält Karajan einen Monolog, in dem er darüber nachdenkt, wie er sein Leben lang Musik gestaltet und geformt hat. «Aber er, er ist Musik!» Danish gelingt das Kunststück, letzte Fragen und ernste Themen mit leichter Hand zu servieren, der Abend unterhält und zielt dennoch auf elementare Fragestellungen. Auch damit ist er ganz bei Bernstein und seinem umarmenden Kunstverständnis.

Das New Yorker Publikum geht begeistert mit, viele sind im Saal, die noch nicht geboren waren, als die Herren im Hotel Sacher sassen. Ein Ticket kostet 150 Dollar, fast schon ein Schleuderpreis im Vergleich zu anderen Broadway-Shows, von denen «Othello» mit Denzel Washington in der Titelrolle mit 900 Dollar pro Karte an der Spitze liegt, vor George Clooney, der im Winter Garden mit «Good Night, and Good Luck» für 700 Dollar live zu sehen ist. Mondpreise, über die sich in New York niemand aufregt. Und die Theater sind voll, für Clooney stehen die Fans schon morgens in Schlangen einmal um den Block.

Auf den Strassen rund um den Times Square sieht es dagegen ernüchternd aus, ganz in der Nähe hausen Obdachlose in Pappkartons, die Strassen sind löchrig, die Müllabfuhr kommt nicht hinterher. «New York ist so dreckig wie immer», sagt Helen Schneider als Bernstein – die gebürtige New Yorkerin lebt inzwischen in Hamburg und wird künftig im Bremer «Tatort» als Rechtsmedizinerin zu sehen sein. «Ich war mit New York durch, aber für dieses Theaterstück musste ich zurückkehren», erzählt sie vor der Premiere. Mit Bernstein verbindet sie ihre eigene musikalische Vita: «Ich bin aufgewachsen mit ‹The Young People’s Concerts›. Es war unheimlich, was er geschaffen hat. Er war jung, er war gutaussehend, ein wahnsinniger Mann. Er hat die Spinnweben weggefegt von der Klassik!»

Die Themen des Stücks erlebt die Schauspielerin mit jüdischen Wurzeln als hochbrisant, «weil es Karajans Versagen im Widerstand gegen den Faschismus thematisiert», und die derzeitige Stimmung in New York vergleicht sie mit der unmittelbar nach 9/11: «Die Leute stehen unter Schock. Aber es verbindet auch, die Leute sind freundlicher miteinander, respektvoller. New York hat sich nicht verändert. Es ist so divers und offen und so multikulti wie immer.»

Exit mobile version