Die stark gestiegene Inflation sowie der wachsende Druck auf Medikamentenpreise zwingen Pharmafirmen, ihre Kosten zu senken. Takeda, Pfizer, Roche und Novartis bauen in der Schweiz zusammen Hunderte von Stellen ab.
Der japanische Pharmariese Takeda hat sich beim Umbau seiner Zentrale in Opfikon nicht lumpen lassen. Das sechsstöckige Bürogebäude wurde komplett renoviert und mit der neusten Technik ausgestattet.
Viel Wert hat das Unternehmen, das an diesem Standort unweit des Zürcher Flughafens rund 1200 Mitarbeitende aus über 60 Nationen zählt, auf Schallschutzmassnahmen gelegt. Die Beschäftigten sollen auch in ihren Grossraumbüros möglichst ungestört arbeiten können. Für den ungezwungenen Austausch stehen Sitzgruppen, Kaffeeräume und eine ebenfalls neu gestaltete Kantine mit mehreren täglich wechselnden Menus zur Verfügung.
Doch die Stimmung innerhalb der Belegschaft ist trotz all den Annehmlichkeiten und einer grosszügigen Home-Office-Regelung, die das Arbeiten von zu Hause an bis zu drei Tagen pro Woche erlaubt, gedrückt. Vor drei Wochen hatten die Mitarbeiter erfahren, dass Takeda in Opfikon, von wo das gesamte europäische Geschäft der Firma gesteuert wird, jeden zehnten Arbeitsplatz aufheben will.
Inzwischen ist das Konsultationsverfahren mit den Beschäftigten abgeschlossen worden, und der Standortleiter Thomas Wozniewski hat keine guten Nachrichten. 120 Stellen fallen weg.
Wenig Hoffnung auf interne Weiterbeschäftigung
Gespräche zwischen den vom Stellenabbau Betroffenen und ihren Vorgesetzten sind in den nächsten zwei bis drei Wochen geplant. Diejenigen, denen gekündigt wird, sollen bei der Vergabe offener Stellen bevorzugt werden. Viel Hoffnung, etwas anderes bei Takeda zu finden, können sie sich aber nicht machen. Das Unternehmen, das weltweit 50 000 Mitarbeiter beschäftigt, hat ein globales Kostensenkungsprogramm gestartet.
Wie viele Jobs weltweit wegfallen sollen, gibt Takeda nicht bekannt. «Es gibt hierzu keine globale Vorgabe», sagt Wozniewski, der auch für das gesamte Produktionsnetz des Konzerns verantwortlich zeichnet. Allerdings hat Takeda die Kosten der Restrukturierung auf 900 Millionen Dollar veranschlagt. Die hohe Summe deutet darauf hin, dass wohl mehrere tausend Mitarbeiter die Stelle verlieren werden.
Ein schwacher Trost für die Betroffenen ist, dass längst nicht nur sie, sondern Beschäftigte zahlreicher Pharmakonzerne um ihren Arbeitsplatz bangen müssen. Besonders umfangreiche Einsparungen plant Pfizer. Während bei Takeda der Verlust des Patentschutzes für das viel verschriebene Medikament Vyvanse gegen die Konzentrationsstörung ADHS Mindereinnahmen verursacht, leidet der amerikanische Multi unter dem Wegfall seines einst so lukrativen Covid-Impfstoff-Geschäfts.
Bereits im vierten Quartal des vergangenen Jahres hatte Pfizer bekanntgegeben, jährlich 4 Milliarden Dollar einsparen zu wollen. Wie im Mai bekanntwurde, sollen nun weitere 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr dazukommen. Ähnlich wie Takeda hüllt sich der Konzern zum globalen Ausmass des damit verbundenen Personalabbaus aber in Schweigen.
Amerikanische Multis stehen auf der Bremse
Pfizer beschäftigt in der Schweiz deutlich weniger Mitarbeiter als sein Konkurrent aus Japan, doch gehen wegen der Sparmassnahmen hierzulande auch bei ihm Stellen verloren. In der Zürcher Niederlassung, die in unmittelbarer Nähe der Zentrale von Takeda liegt, wurden bereits 23 Arbeitsplätze abgebaut. Weitere bis zu 90 Mitarbeiter müssen in der Zuger Geschäftsstelle der neuen Tochterfirma Seagen mit der Entlassung rechnen. Pfizer schluckte Ende letzten Jahres zum Preis von 43 Milliarden Dollar das Biotechnologieunternehmen aus Seattle und ist nun damit beschäftigt, Doppelspurigkeiten auszumerzen.
Offen ist, wie stark die Schweizer Organisation des ebenfalls amerikanischen Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb (BMS) bluten muss. Das Unternehmen, das in der Schweiz 1200 Mitarbeitende – den Grossteil davon im neuenburgischen Boudry – beschäftigt, gab im April bekannt, weltweit Kosten von 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr einsparen zu wollen. «Diese Initiative wird auch Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in der Schweiz haben», sagt eine Sprecherin. Noch könne man aber keine genaueren Angaben dazu machen.
Die mondäne, wunderschön über dem Neuenburgersee gelegene Zentrale in Boudry war Ende 2019 via die Akquisition der Biotechfirma Celgene zu BMS gestossen und bildet seither einen der grössten Standorte des Konzerns ausserhalb der USA. Die hochspezialisierte Belegschaft, die sich um Themen wie die Arzneimittelsicherheit oder die Ausgestaltung von klinischen Studien kümmert, ist ähnlich international zusammengesetzt wie jene bei Takeda in Opfikon.
Novartis und Roche specken in der Entwicklung ab
Bei den Schweizer Branchenschwergewichten Novartis und Roche liegt die Ankündigung der letzten grossen Restrukturierung zwei Jahre zurück. Novartis hatte im Juni 2022 bekanntgegeben, weltweit bis zu 8000 Stellen, 1400 davon in der Schweiz, abzubauen. Für die Umsetzung gab sich das Unternehmen drei Jahre Zeit. Allerdings haben beide Konzerne seit Anfang dieses Jahres kleinere Reorganisationen bekanntgegeben, die Aktivitäten im Bereich der späten Produktentwicklung vor der Markteinführung tangieren. Sie führen hierzulande zum Verlust von rund 500 Stellen, wobei der Grossteil auf Novartis entfällt.
Auf die Frage, ob weitere Effizienzmassnahmen geplant seien, antwortet Novartis ausweichend: «Wie zu jeder Zeit prüft Novartis kontinuierlich die sich bietenden Möglichkeiten und geht dabei mit den schwankenden makroökonomischen Rahmenbedingungen um.»
Roche wiederholt schon früher gemachte Zusicherungen, wonach der Personalbestand 2024 «insgesamt stabil» bleiben wird. Dies bedeutet indes nicht, dass gewissen Mitarbeitern nicht gleichwohl aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wird. So machen in letzter Zeit immer wieder Berichte von Abgängen im Forschungszentrum der Firma in Schlieren die Runde. Und Roche bestätigt dies nun auch auf Anfrage: «Nach sorgfältiger Abwägung haben wir unseren Personalbestand im Konzernbereich Pharmazeutische Forschung und frühe Entwicklung (pRED) punktuell reduziert.»
Kostendruck holt Medikamentenhersteller ein
Die Pharmabranche profitierte jahrelang von einem günstigen Umfeld. Grosse Fortschritte in der Entwicklung neuer Therapien insbesondere gegen Krebserkrankungen erlaubten ihr, die Preise laufend weiter nach oben zu schrauben. Zugleich standen die Medikamentenhersteller dank hohen Gewinnmargen und Patentschutz deutlich weniger unter Kostendruck als andere Industriefirmen. Dies ermöglichte ihnen, den Personalbestand stark auszuweiten. In der Schweiz stieg die Gesamtzahl der Beschäftigten im Pharmasektor in den vergangenen 30 Jahren um mehr als die Hälfte auf über 50 000 Mitarbeitende.
Seit dem Ausbruch des Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine müssen indes auch Medikamentenhersteller mit einem starken Kostenschub fertigwerden. «Alles ist teurer geworden, Energie, Rohwaren, die Durchführung klinischer Studien, die Gehälter der Mitarbeiter», sagt Sabine Bruckner, die Chefin der Schweizer Ländergesellschaft von Pfizer. Dazu gesellten sich, ergänzt die Managerin, rückläufige Medikamentenpreise. «Es ist kein Wunder, dass Pharmaunternehmen dadurch unter Zugzwang geraten.»
Wegen des starken Spardrucks, dem sich Gesundheitssysteme weltweit ausgesetzt sehen, steht die Branche auch auf der Einnahmenseite unter Druck. «Wir können und wollen die Preise für Medikamente nicht beliebig erhöhen», macht Wozniewski klar, «denn unsere Produkte sollen für viele Patienten verfügbar sein.»
Branche beharrt auf Personenfreizügigkeit
Was den Standort Schweiz anbelangt, zählt der Manager von Takeda die zentrale geografische Lage, ein stables Rechtssystem, die Nähe zu erstklassigen Universitäten und einen breiten Pool von Fachkräften als Vorteile auf. Doch die Schweiz müsse Teil von Europa bleiben, sagt Wozniewski und meint damit besonders die Beibehaltung der Personenfreizügigkeit mit der EU.
Vertreter der Schweizer Pharmaindustrie heben seit Jahren die grosse Bedeutung des uneingeschränkten Zugangs zu Fachkräften in Europa hervor. Fällt die Personenfreizügigkeit weg, könnte sich der Aderlass in der Branche hierzulande rasch beschleunigen.
Medikamentenhersteller bleiben trotz Spardruck auf hochspezialisierte Arbeitnehmer angewiesen, die sich allein in der Schweiz nur beschränkt rekrutieren lassen. Firmen wie Takeda, Pfizer und Novartis operieren weltweit und schlagen dort ihre Zelte auf, wo sie am einfachsten die besten Mitarbeiter finden.