Donnerstag, Februar 27

«A Complete Unknown» dreht sich um fünf prägende Jahre im Leben des Singer/Songwriters. Der Film verschränkt geschickt Musik und Coming-of-Age.

Im Auto über die Brücke hinein in die Stadt. Ein Mitfahrer steigt aus und steht mitten in Manhattan. Der halbwüchsige Mann ist aus Minnesota in die Metropole getrampt. Auffällig an ihm ist nur die Gitarre, die ihm über der Schulter hängt. Sonst bewegt er sich mit seiner verfilzten Jacke, dem verwaschenen Schal und der abgetragenen Schirmmütze als graue Maus durch das bunte Stadtleben. Hier wird er sich neu erfinden können. Hier wird er sich behaupten müssen.

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Durch den Strassenlärm dringen flirrende Latin-Rhythmen, Gitarrenklänge, Jazz, Bluesgesang. Diese Sounds werden ihn alle inspirieren. Jetzt aber ist er auf einer speziellen Mission. Der Nobody aus der Provinz will sein Idol treffen: den alten Folksänger Woody Guthrie.

Sterbenskrank liegt er in einem Spital in New Jersey. Als ihn der junge Mann aufsucht, sitzt am Krankenbett bereits Pete Seeger. Der Folkexperte bittet den Nobody um eine Kostprobe seines Könnens. Und so singt dieser ein Lied, das er für Guthrie geschrieben hat. Die Zuhörer sind beeindruckt. Wie heisst der junge Musiker? Bobby, Bobby Dylan.

Eine entscheidende Lebensphase

Dylans Besuch bei Woody Guthrie ist der Angelpunkt von «A Complete Unknown», James Mangolds Bob-Dylan-Biopic. Der für acht Oscars nominierte Film beschränkt sich auf die Jahre 1961 bis 1965, die tatsächlich besonders signifikant sind. Mit der Übersiedlung nach New York begann eine entscheidende Phase im Leben Dylans, der sich jetzt ganz für die Musikerlaufbahn entschieden hatte. Seine Bewunderung für Guthrie zeigt die Leidenschaft für Folk.

Das Zusammentreffen der drei Künstler in der bedrückenden Leere eines beinahe verlassenen Spitals aber stilisiert Mangold zu einem Ereignis von mythischer Bedeutung. Guthries Krankheit erscheint wie ein symbolisches Fanal für die Folktradition schlechthin. Der Sänger, der nur noch stottert und hustet, muss sein Vermächtnis jüngeren Generationen überlassen. Die Filiation führt über Pete Seeger zu Bob Dylan.

Ist der junge Künstler dieser Aufgabe würdig? Im Laufe des Films stellen sich die Gralshüter des Folk diese Frage mit wachsender Sorge. Zunächst aber sind alle begeistert von Bob Dylan. Das gilt insbesondere für Pete Seeger. Der etwas biedere, aber aufrichtige Sänger, der sein eigenes Publikum wie ein Lehrer und ohne Starallüren zum Mitsingen auffordert, kümmert sich väterlich um Dylan. Er verschafft ihm Zugang zu einschlägigen Klubs und empfiehlt ihn dem Musikbusiness.

Und doch wird Seeger enttäuscht. Bob Dylan wird sichtlich vom Rock-Bazillus infiziert. Er setzt sich bald eine dunkle Brille auf, schlüpft in die Lederjacke und kauft sich ein Motorrad. In einer der eindrücklichsten Sequenzen des Films sieht man Dylan gefangen im kreativen Prozess: Er sitzt am Klavier, er hämmert etwas in die Schreibmaschine, er ringt in der Badewanne nach Worten und Tönen. So entsteht der Rocksong «Like A Rolling Stone», den er schliesslich im Studio zusammen mit einer Rockband aufzeichnet. – Aus dem Dylan-Klassiker stammt auch der Filmtitel: «A Complete Unknown».

Herkunft und Zukunft

Nach knapp zwei Stunden steuert der Film auf sein Ende zu: Der unterdessen gefeierte und bejubelte Singer/Songwriter tritt 1965 am Newport Folk Festival auf – mit einer E-Gitarre und einer ungestümen Band. Das Publikum ist mehrheitlich empört. Den elektrifizierten Rock-Sound empfindet es als expressiven Bluff, als Geschmacklosigkeit – mehr noch: als Sakrileg. Heute ist das schwer nachvollziehbar. Aber es zeigt, wie viel Kultur in einer klanglichen Differenz stecken kann.

Das Treffen mit Woody Guthrie (es wiederholt sich nochmals) einerseits und der Auftritt in Newport andrerseits – zwei narrative Schwerpunkte, mit denen Mangold Bob Dylans Karrierelinie von der Herkunft im Folk zur Zukunft im Rock definiert. Freilich handelt es sich nicht um eine Gerade, das Leben sorgt stets für Kurven und Volten. Und auch in «A Complete Unknown» geht es nicht bloss um Dylans stetigen Aufstieg.

Vielmehr mäandert der Film zwischen künstlerischen Stationen und einer Art Coming-of-Age, das vor allem durch Bob Dylans Liebschaften bestimmt wird. Sie verleihen dem Film zuweilen den Charakter eines intimen Kammerspiels. Öfter als auf der Bühne oder im Studio ist Bob Dylan in engen Wohnungen und Hotelzimmern anzutreffen, wo das Licht- und Schattenspiel zu den wechselhaften Affären passt.

An einem Blueskonzert lernt Bob Dylan Sylvie Russo kennen (der Name ist fiktiv, es handelt sich um Dylans damalige Freundin Suze Rotolo). Die Frau mit den langen roten Haaren und anrührenden Mädchenaugen engagiert sich in der Bürgerrechtsbewegung, interessiert sich für Malerei und kümmert sich wie eine ältere Schwester um den burschikosen Künstler. Und während er bei ihr wohnt, ermutigt sie ihn auch, vermehrt eigene Songs zu singen.

Mit seinem Talent beeindruckt er bald auch die Folksängerin Joan Baez, die sich nicht nur als Muse bewährt, sondern auch als eine Art Sparringpartnerin. Eine Zeitlang harmonieren die beiden auf der Bühne so gut wie im Bett. Aber sie teilen auch gegenseitig aus. «Deine Songs erinnern an die Art von Ölbildern, die in Zahnarztpraxen herumhängen», sagt er ihr. «You’re an asshole», gibt sie zurück.

Mangold verschränkt Karriere und Liebesleben dramaturgisch geschickt, so dass sie sich mit der Zeit wie gegenseitige Spiegelungen ausnehmen. Damit gewinnt der Film, der sich zuerst wie eine verklärende Reportage ausnimmt, immer mehr Spannung. Und damit wirken auch die Darsteller immer lebendiger – allen voran Timothée Chalamet in der Hauptrolle; aber auch Edward Norton als Pete Seeger, Monica Barbaro als Joan Baez (alle drei sind für einen Oscar nominiert) und Elle Fanning als Sylvie Russo.

Bob Dylan, der sich von der Folkszene nicht vereinnahmen lässt, gibt sich auch als Liebhaber unabhängig und unzuverlässig. Er profitiert von Zuneigung und Sex, seinerseits aber scheint ihm die persönliche Hingabe zu widerstreben. Der Film kulminiert emotional in einem Auftritt, bei dem Bob Dylan mit Joan Baez «It Ain’t Me, Babe» intoniert. Sylvie Russo hört zu und merkt, dass dieser Song offenbar von den falschen Hoffnungen handelt, die sie sich gemacht hat. Das besiegelt das Ende ihrer Liebe.

Verständnis für die Abgehängten

Während man sich angesichts der traurigen Trennung eine Träne aus den Augen wischt, mündet der Film erst ins besagte Finale. Dass Bob Dylan in Newport zur elektrischen Gitarre griff und das konservative Folkpublikum provozierte, halten Dylanologen zumeist für den Beweis seines künstlerischen Heroismus.

Mangolds Film aber weckt ein gewisses Verständnis für die empörten Festival-Veranstalter Alan Lomax, Theodore Bikel und Pete Seeger. Diese etwas kauzigen Typen waren verdienstvolle Musiker, die Folk als ihre Religion sahen, in der es mehr um die Gemeinschaft gehen sollte als um die individuelle Profilierung – ähnlich wie im Gospel. Und so wie afroamerikanische Musiker, die in den Pop wechselten, im Gospel oft als Sünder verachtet wurden, so wurde Bob Dylan von seinen Förderern in Newport als Verräter empfunden.

Aber sie täuschten sich. Bob Dylan wollte sich nicht lossagen vom Folk. Vielmehr wehrte er sich gegen jegliche stilistische Vereinnahmung und Umklammerung.

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