Er gehörte zu den prägenden Schweizer Kabarettisten. Unvergesslich sind Sketches wie sein Aufklärungsgespräch mit dem Sohn und sein Telefonat in Bünzen. Am 4. April wäre Cés Keiser 100-jährig geworden.
César Keiser: was für ein Name! Man denkt gleich an einen Kaiser und an Cäsar. Und das Majestätische passt. Er war eine imposante Figur, dieser Kabarettist. Schlank, hochgewachsen und stets tipptopp gekleidet mit Hemd, Gilet und Krawatte, schmückte er sein Haupt mit buschigem Haar, Bart und wuchernden Koteletten. Seine Erscheinung zeugte von Selbstbewusstsein, wenn nicht gar von Eitelkeit. Und er erinnerte etwas an einen ehrwürdigen Kaufmann oder einen politischen Amtsträger, wenn er sich mit sonorer Stimme und kräftiger Basler Artikulation an sein Publikum wandte.
Freilich hatte er einen ganz anderen Hintergrund und eine künstlerische Berufung. Am 4. April 1925 geboren und eigentlich Hanspeter getauft, wurde er nach der Matura zuerst Zeichnungslehrer. Überdies spielte er damals als Schlagzeuger in diversen Jazzformationen. Als Gelegenheitskomiker gründete er 1946 das Cabaret Kikeriki. 1951 trat er dem Cabaret Fédéral bei, wo er seine spätere Frau und Bühnenpartnerin Margrit Läubli kennenlernte. Mit ihr sollte er fortan in zahlreichen Programmen im Zürcher Hechtplatztheater auftreten.
Scheitern und Scherzen
Cesar «Cés» Keisers war eigentlich ein Bohémien. Sein Humor jedoch hatte eine bürgerliche Komponente. Seine Witze waren Entladungen im Spannungsfeld gutschweizerischer Contenance und der Ansprüche der modernen Welt, mit der sich die Psyche alltäglich konfrontiert sieht. Je souveräner er wirkte, der Mann im Anzug, desto lustiger sein Scheitern, das sich im Stottern und Seufzen ausdrückte.
Man verstand, dass sich dieser Kabarettist nicht einfach nur über andere lustig machen wollte, sondern zunächst über sich selbst – zumindest jedenfalls über seine Bühnenfiguren. Aber natürlich konnte sich das Publikum mit ihm identifizieren, wenn seine Psyche den Tücken des Lebens nicht mehr gewachsen war.
Das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Wörtern erfordert höchste Konzentration, manchmal spannen Kopf und Sprache nicht immer zusammen. Zum Beispiel, wenn einer in Bünzen bei Boswil bei der Familie Klaus zu Besuch ist und per Telefon beim örtlichen Postamt eine separate Telefonrechnung erbittet. Niemand scheint zuständig, von einem «Frölein» wird der Antragsteller stets an weitere Beamte weitergereicht. Und wenn er so Mal für Mal sein Anliegen formulieren sollte, geraten die Worte im Hallraum des Gehirns durcheinander. Und plötzlich wohnt der Bittsteller in Klausen im Haus von Bünzens und verlangt ein Knopfloch und eine Ferienabrechnung.
Das Telefongespräch in Bünzen bei Boswil ist wie keine andere Nummer von Cés Keiser ins kollektive Gedächtnis der Schweiz eingegangen. Das hat wohl damit zu tun, dass viele Zeitgenossen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Tatsächlich geht der Sketch auf authentische Erlebnisse zurück. Denn um neue Kabarettnummern zu schreiben, hatte sich Keiser jeweils bei Freunden einquartiert, um von der Familie in Ruhe gelassen zu werden. Weil er dann aber doch täglich lange mit seiner Frau Margrit Läubli telefonierte, liess er sich eine separate Telefonrechnung ausstellen.
Auf seine persönlichen Lebensumstände geht wohl auch Keisers berühmte Aufklärungslektion zurück: «Mi Sohn, nimm Platz!», sagt mit einladender Geste ein Vater. «Du wirsch jetzt langsam a Ma, da git’s gwüssi Problem.» Es handelt sich nur um einen Probediskurs, der Vater versucht sich vorzustellen, wie er seinem Filius Sexualität und die Geburt von Kindern erklären sollte. Weil es ihm peinlich ist und er durch ein Telefongespräch abgelenkt wird, verliert er auch hier die Kontrolle über die Sprache und die Welt, so dass zuletzt Hühner die Blumen bestäuben und er abends mit Freunden keinen Jass macht, sondern ein Kind.
César Keisers Kabarett war weitgehend unpolitisch. Er versuchte bloss, den gesunden Menschenverstand, der noch nicht als Mainstream verschrien war, in Stellung zu bringen gegen Ideologien und Dogmen. Seine Komik liegt so gleichsam zwischen dem antifaschistischen Kabarett, das in der Schweiz durch das Cabaret Cornichon vertreten war, und der zeitgenössischen Comedy-Kultur.
Lyrische Experimente mit KI
Letztere hat er gewiss beeinflusst, auch wenn ihm Zoten und Zynismus heutiger Comedians fremd waren. Seine Pointen mögen unterdessen aber auch etwas brav wirken; nicht all seine Witze sind gleich gut gealtert. Aber es gibt Nummern, die höchst aktuell geblieben sind. In «iMerick» etwa erklärt Cés Keiser ein Programm, das er am iMac entwickelt habe – eine Software zur Formulierung von Limericks. Das Programm ist so gut, dass es dem Künstler ständig ins Wort fällt, um selbst witzige Verse zu generieren.
Und sofort denkt man heute an die Tragweite von künstlicher Intelligenz. Wird die KI die Weisheit der Menschen erweitern? Cés Keiser hätte kaum daran geglaubt, wie ein hochdeutscher Aphorismus zeigt, den er mit Läubli zusammen interpretierte: «Wer glaubt, dass der Homo einmal sapiens wird, soll es glauben. Wir glauben, er irrt.»