Der Schweizer Aktionskünstler experimentiert mit explosiven Stoffen und jagt immer wieder einmal etwas in die Luft. Zurzeit hat er das Kunsthaus Zürich im Visier, wo ihm eine grosse Retrospektive gilt.
Alles kann sehr schnell vorbei sein in der Kunst von Roman Signer. Das zeigt sinnbildlich ein Kurzfilm, der jetzt in der grossen Retrospektive des Schweizer Aktionskünstlers im Kunsthaus Zürich zu sehen ist. Darin kommt eine Fusspumpe vor, wie man sie etwa zum Aufpumpen eines Schlauchboots verwendet.
Die Pumpe liegt auf einer Brücke. Der Schlauch führt über das Geländer hinaus an einen Berghang, wo eine Vorrichtung montiert ist, bei der das Ende des Schlauchs auf den brennenden Docht einer Kerze gerichtet ist. Nun kommt Roman Signer in seinem Auto daher gefahren und überrollt die Pumpe. Worauf Sekunden später der Luftstrom am Schlauchende die Kerze ausbläst.
So rasch geht das, und alles ist zu Ende. Und schon freut man sich auf eine neue Aktion von Roman Signer. Es ist eine Freude am Schock, an der Überraschung, am Unerwarteten, auch wenn man oft bereits ahnt, worauf seine Einfälle hinauslaufen. Signer verführt zum Staunen. Warum das so ist? Weil in jedem von uns ein kleiner Roman Signer steckt, begraben meistens unter der Angepasstheit, die das Erwachsensein gebietet.
Was aber als Zwischenfall dazwischenfunkt im runden Alltag, das ist dann eben Kunst in Signerschem Sinn. Roman Signer versteht den Unfall aus scheinbar reinem Zufall meisterhaft zu provozieren. Da gibt es dieses pure Vergnügen am Untergang, mit dem der Appenzeller Aktionskünstler auch schon einmal einen Modellhelikopter in einem Teich versenkte. Der dramatische Verlust war da aufgehoben durch die schiere Schaulust.
Zündende Ideen
Der Künstler als Tüftler, Poet und Provokateur – all das in vollendeter Harmonie: Das ist die Signatur von Roman Signer. Wundert es, dass er auf der «Bilanz»-Rangliste der besten Schweizer Künstler stets ganz oben aufgeführt ist? Signer ist zugänglich für das oft etwas Kunst-skeptische Schweizer Publikum. Dies wohl, weil seine Freiheit zum Spiel diese berauschend-einnehmenden Kunsterfahrungen generiert.
Das ist und war bei anderen Schweizer Künstlern nicht immer der Fall. Zwar mag Jean Tinguely, der Bastler von absurden Maschinen, über einen ähnlichen Kunst-Spieltrieb verfügt haben. Gleichwohl musste er erst die Schweiz Richtung Paris verlassen und sich im Ausland Anerkennung suchen, bis man ihn hierzulande für voll nahm. Das war auch bei Alberto Giacometti nicht anders, der auch schon nach Paris emigriert war. Oder heute bei Urs Fischer, der aus der Distanz von New York aus operiert. Sie alle mögen eine Spur zu existenzialistisch sein für das nicht immer durchschaubare Schweizer Kunstverständnis.
Signer hingegen wurde in der eigenen Heimat schon bald ziemlich ernst genommen. Auch wenn dies zuerst vor allem bei der Obrigkeit der Fall war – die Polizei hielt es für angebracht, diesen Künstler etwas zu beobachten. Auch das hat seinen Grund. Mit Signer können alle etwas anfangen. Seine Kunst wird auf Anhieb verstanden. Sein Werk ist nie intellektuell überhöht.
Nehmen wir die Aktion, bei der er sich von einem abgefeuerten Knallkörper die Mütze vom Kopf und ab in den Himmel reissen lässt. Oder auch das Filmchen, in dem Signer, geschüttelt von den Vibrationen eines alten Massageapparats, versucht, mit der Pistole eine Büchse zu treffen. Das ist anschaulich. Und doch völlig überraschend.
So verwundert es auch nicht, dass dieser explosive Sprengmeister selbst ganz zarte Saiten anschlagen kann. Das beweist die Aktion mit einer Geige. Unter dem Geriesel von Sand erzeugen die Saiten des Instruments die geheimnisvollsten Klänge.
Literweise blaue Farbe
Seit den siebziger Jahren hat Roman Signer die Skulptur im Sinn von Bewegung in Zeit und Raum neu definiert. Ausschlaggebend war Harald Szeemanns epochale Ausstellung «When Attitudes Become Form» von 1969 in der Kunsthalle Bern. Da wurden banale Objekte in einer anarchistischen Materialschlacht zur Kunst erklärt. Das war revolutionär. Singer, der sich selber als Bildhauer verstand, nahm es als Ansporn, den Kunstbegriff vollends zu entgrenzen.
So sprengte er die üblichen räumlichen und zeitlichen Dimensionen eines Kunstwerks erstmals radikal mit einer zündenden Idee: In seiner berühmten «Aktion mit einer Zündschnur» von 1989 legte er von seinem Geburtsort Appenzell bis an seinen Wohnort in St. Gallen eine Zündschnur und überwachte sie während 35 Tagen rund um die Uhr.
Auch sein Verständnis von Malerei übertraf alles bisher Vorstellbare: Von Yves Kleins spektakulärem Einfall in den fünfziger Jahren, den blauen Himmel als sein eigenes Werk zu signieren und schliesslich blaue Monochrome zu malen, war es bis zum Jahr 2012 nochmals ein Riesenschritt: Damals liess Signer an der Biennale in Schanghai eine riesige Holzkugel von einem 30 Meter hohen Kamin hinunterfallen. Am Boden zerbarst das Objekt und verspritzte 800 Liter blaue Farbe in alle Richtungen.
In den sechziger Jahren besuchte Signer die Kunstgewerbeschulen in Zürich und Luzern, dann die Kunstakademie in Warschau. Zuvor hatte er eine Lehre als Hochbauzeichner absolviert. Bereits ab 1973 hatte er zahlreiche Ausstellungen in Galerien und Museen in der Schweiz. Später auch in London, New York und Tokio. Er feierte Erfolge an der Documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig, an der er 1999 die Schweiz vertrat.
Signer war ein guter Zeichner, schon bevor er zum Bauzeichner ausgebildet wurde. Seine Aktionen plant er akribisch mit dem Zeichenstift. Ein Atelierkünstler ist Signer aber nicht. Er arbeitet draussen in der Landschaft. Und er arbeitet mit den Elementen: Sand, Wasser, Wind und natürlich immer wieder Feuer. Und immer wieder auch mit ganz banalen Gegenständen wie Stühlen, Eimern, Tischen oder Stiefeln und Staubsaugern. Sein Schaffen umfasst Aktionen, Installationen, Filme, Videos, Skulpturen und Fotografien. Mit vielen seiner Arbeiten ist er weltweit in bedeutenden Museen vertreten.
Fliegendes Haus
Roman Signer versteht sich als Bildhauer. Dazu bekennt er sich auch in seiner Ausstellung im Kunsthaus. Dort hat er den ganzen Bührlesaal in eine weite Skulpturen-Landschaft verwandelt. Man begegnet hier etwa seinem kleinen, angebrannten Haus, das er einmal durch die Lüfte fliegen liess. Nur weil die Raketen etwas zu schwach waren, mit deren Antrieb das Häuschen fliegen lernte, ist es beim Absturz nicht zerschellt. In der Regel sind seine Skulpturen nämlich temporäre Erscheinungen – Zeitskulpturen sozusagen, die während der Aktion zerstört werden.
Deshalb auch hat er seine ephemeren Aktionen stets aufgezeichnet. Und so stellt sich die Frage, was in seiner Absicht eigentlich zuerst da war. Denkt er sich eine Aktion aus, die dann meistens ohne Publikum und ganz im Stillen durchgeführt wird, um damit einen Film zu machen? Oder macht er den Film, um die Aktion festzuhalten? Roman Signer ist eben nicht nur Bildhauer, er ist auch Filmemacher und Fotograf. Ohne diese beiden Medien wäre sein Werk nicht zu denken.
Ohne Film jedenfalls hätte niemand mitbekommen, dass sich Signer einmal in Island in der einsamen Natur in einem Zelt schlafen legte, um sein eigenes Schnarchen mit einem Mikrofon, das über seiner Nase baumelte, aufzunehmen und über zwei Lautsprecher in die Nacht hinaus ertönen zu lassen. Nur lustig ist aber Roman Signers Kunst bei weitem nicht. «Lachen ist erlaubt, muss aber nicht sein», sagt er selber. Das Lachen ergibt sich vielleicht aus einer Art Erleichterung darüber, dass die zerstörerischen Kräfte bei Signer in überaus kreative Resultate münden.
In einem Kurzfilm im Kunsthaus führt Signer die Aussichtslosigkeit vor Augen, den Wettlauf mit einer Rakete zu gewinnen: ein ermunterndes Sinnbild der Vergeblichkeit von so vielen sinnlosen Bemühungen im Leben.
«Roman Signer. Landschaft», Kunsthaus, Zürich, bis 17. August. Katalog: Fr. 34.–. In Zusammenarbeit mit den Arthouse-Kinos gibt es ein Filmprogramm: Infos und Tickets auf www.arthouse.ch.