Freitag, Februar 28

Die Walliser Regierungswahlen am Sonntag sind zum Gähnen – wäre da nicht der inoffizielle König des Kantons. Verzeihen die Walliser dem Mitte-Staatsrat Darbellay, dass er parallel vom Bundesrat träumte?

Am Ende überraschte Christophe Darbellay vielleicht sogar sich selbst. Mitte Januar hatte er sein Interesse an einer Kandidatur für den Bundesrat geäussert, dann bereitete er sich zwei Wochen lang vor: Er reaktivierte sein Netzwerk in Bern, erhielt in der Presse Zuspruch, selbst von einem SVPler, bekam am Telefon Tipps vom SP-Nationalrat Roger Nordmann. Und liess seine Parteisektion ein Treffen ansetzen, um seine Nachfolge als Walliser Regierungsrat zu regeln.

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An einem Sonntagabend schliesslich, an einer eigens im Dorf Charrat anberaumten Medienkonferenz zur besten Sendezeit, gut 18 Stunden vor Ablauf der Frist seiner Partei zur Kandidatensuche, tat Christophe Darbellay was? Verkündete seinen Verzicht auf eine Bundesratskandidatur. Er habe im Wallis noch viel zu tun, sagte er, und er wolle genug Zeit für seine Familie haben.

Der Machtpolitiker Darbellay verzichtet aufs höchste Amt

Das ist der Kern des Rätsels Christophe Darbellay: Hat er auf jener Pressekonferenz die ganze Wahrheit erzählt? Oder gab es noch andere Gründe dafür, dass der machtbewusste Vollblutpolitiker auf seine vielleicht letzte Chance aufs höchste Amt des Landes verzichtete? Und was halten die Walliser von Darbellays Flirt mit Bern?

Diese Fragen stellen sich auch Parteifreunde und andere Weggefährten, die es gut meinen mit Darbellay. Sie sagen hinter vorgehaltener Hand, dass die Wähler bei den Staatsratswahlen diesen Sonntag Darbellay abstrafen könnten. Schon 2021 fuhr er das schlechteste Ergebnis aller Staatsräte ein.

Und nun? Ist Darbellays Resultat praktisch das einzige Spannende bei diesen Wahlen, die sonst langweilig sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Fünf Posten gibt es, nur sechs Personen kandidieren. Zum Vergleich: In Neuenburg gibt es für die Regierungsratswahlen im März für ebenfalls fünf Posten neunzehn Kandidaten.

Im Wallis kandidieren drei Staatsräte inklusive Darbellay erneut. Die beiden abtretenden Staatsräte Roberto Schmidt (Mitte) und Frédéric Favre (FDP) dürften durch Parteifreunde ersetzt werden, durch Franziska Biner bzw. Stéphane Ganzer. Der sechste Kandidat, ein Grüner, gilt im konservativen Kanton als chancenlos.

Positiv gesehen bildet die Walliser «Zauberformel» also gut den Wählerwillen ab, wie er sich etwa auch bei den Nationalratswahlen zeigte: zwei Posten für die traditionell dominierende Mitte-Partei, je einen für FDP, SP und SVP.

Wallis erwartet geringe Wahlbeteiligung

Negativ gesehen haben die Parteien unter sich entschieden, was eigentlich Aufgabe der Wähler sein sollte. Was bringt eine Wahl ohne Auswahl? Erste Zahlen aus den Gemeinden deuten auf eine ungewöhnlich niedrige Wahlbeteiligung hin. Das kann man angesichts der zeitgleich stattfindenden Parlamentswahlen doppelt bedauern.

Das Schlimmste also, was Darbellay am Sonntag passieren kann, ist es, erneut das schlechteste Ergebnis aller Regierungsräte zu bekommen. Und das scheint durchaus möglich: Wenn manche Wähler offenbar schon 2021 genug hatten vom omnipräsenten, von sich selbst überzeugten Darbellay, dann könnte der Überdruss in der ablaufenden Wahlperiode noch gestiegen sein.

Denn Darbellay mischt sich regelmässig in Dossiers von Regierungskollegen ein. Zum Beispiel gilt er als treibende Kraft dafür, dass der Kanton in Person des zuständigen SVP-Staatsrats Franz Ruppen im Mai 2024 das grösste Hochwasserschutzprojekt der Schweiz, die sogenannte dritte Rhonekorrektion, infrage stellte. Wenige Wochen später erlebte das Wallis, wieder einmal, ein «Jahrhunderthochwasser» – mit einem Toten und Schäden in Höhe von mindestens 125 Millionen Franken.

Darbellay streitet seine Einmischung nicht ab. Im Gegenteil, für ihn ist sie Teil des Jobs. «Ich wurde als Staatsrat gewählt, nicht als Departementsvorsteher für Wirtschaft und Bildung», sagt er am Donnerstag in einem Empfangssaal am Regierungssitz in Sitten – an der Wand hängt ein Raclette-Stillleben, im Regal stehen Spirituosen. Ausserdem, sagt Darbellay, sei er auch angesichts seiner Zuständigkeiten Industrie, Tourismus und Landwirtschaft praktisch von allen Themen betroffen.

Darbellay will weniger Hochwasserschutz – und «Sicherheit»

Zur Rhonekorrektion wird Darbellay nachgesagt, auf Druck der Unterwalliser Bauern für ein kleineres Projekt zu plädieren, um mehr Landwirtschaftsflächen zu bewahren. Darbellay hingegen behauptet nun, bald ein Jahr nach dem desaströsen Hochwasser, etwas anderes: Zuvorderst gehe es ihm um «Sicherheit» und darum, das langwierige Projekt endlich zum Laufen zu bringen.

Als seinen wichtigsten Erfolg in der ablaufenden Amtsperiode bezeichnet er die Beruhigung des Schulwesens, nach tumultuösen Jahren unter seinem berüchtigten SVP-Vorgänger Oskar Freysinger. Unter Darbellay wurden etwa «Förderlehrer für das Zusammenleben» eingestellt, um in schwierigen Klassen zu vermitteln. Zudem wurde die Arbeitslast für Lehrer, die in Umfragen vor drohenden Burnouts gewarnt hatten, reduziert.

In der kommenden Legislatur möchte Christophe Darbellay die Wasserkraft ausbauen. Passend dazu soll der EPFL-Campus in Sitten zum schon länger diskutierten Nationalen Zentrum für Grüne Energien ausgebaut werden. Und die «Fern-Uni» in Brig, bisher offiziell nur ein Institut, soll 2027 offiziell als «Matterhorn University» akkreditiert werden.

Kinder, Jagen und Feiern sind Darbellay wichtig

Einmal noch zurück in die Vergangenheit: Was also geschah in jenen Tagen und Stunden Ende Januar, Anfang Februar, dass Christophe Darbellay überraschend darauf verzichtete, sich als Nachfolger von Verteidigungsministerin Viola Amherd zu bewerben? Der bald 54-Jährige erzählt von emotionalen Diskussionen mit seinen Kindern. «Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht: Soll ich die Armee retten oder mich um meine Kinder kümmern?»

Im Nachhinein, nach den prominenten Rücktritten bei der Armee und dem Nachrichtendienst des Bundes, ist Darbellay vielleicht besonders froh um seinen Verzicht. Er sei besser dort aufgehoben, wo er jetzt sei, sagt er wohl nur halb im Scherz – und erzählt von seiner persönlichen Work-Life-Balance: Regieren, klar – und auf die Jagd gehen, Spaziergänge in den Bergen machen, feiern. «Als Bundesrat klammert man sein Privatleben zehn Jahre lang aus.»

Aber da war auch ein Treffen am ersten Februarsamstag, einen Tag vor jener merkwürdigen Pressekonferenz. In Crans-Montana, offenbar am Rande eines Wahlkampfauftrittes, traf Darbellay Granden seiner Partei aus dem Oberwallis, allen voran den mächtigen Ständerat Beat Rieder.

Rieder will darüber nicht reden. Insider sagen, er sei alles andere als amused gewesen über Darbellays mögliche Bundesratskandidatur: Darbellay hätte kurz nach seiner wahrscheinlichen Wiederwahl im Wallis zehn Tage später zurücktreten müssen, um am 12. März gegebenenfalls in den Bundesrat einzuziehen. Wer wäre ihm nachgefolgt? Und hätte das den Walliser Wahlkampf der zweiten Mitte-Kandidatin Franziska Biner torpediert?

Träumt Darbellay vom Ständerat?

Darbellay erklärt dazu, Rieder habe ihm klar gesagt: «Wir brauchen dich im Wallis.» Rieders Wort dürfte für Darbellay besonderes Gewicht haben, nicht nur aufgrund von Rieders prominenter Rolle in der Partei und in Bern. Sondern auch, weil Darbellay ihn womöglich 2027 als Ständerat ablösen will. Davon jedenfalls gehen nicht nur Insider aus.

Darbellay selbst beantwortet die Frage nach erneuten Berner Träumen vor allem mit seiner Körpersprache: Der sonst so offensive Rhetoriker lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Er antwortet ausweichend, erwähnt einen möglichen Rückzug aus der Politik nach bald 25 Jahren Karriere, spricht von anderen Aufgaben «im Wallis oder anderswo». Um dann doch zu sagen: «Alles ist möglich, auch die Politik.»

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