Philosophie ist keine westliche Angelegenheit. Auch in Asien und Afrika wurden Denksysteme entwickelt. Der britische Bestsellerautor Julian Baggini legt eine globale Geschichte der Philosophie vor. Und verklärt mehr, als er erklärt.

Es gibt verschiedene Erklärungen für die Zunahme von Populismus und Nationalismus in den westlichen Gesellschaften. Der englische Autor Julian Baggini sieht darin eine Gegenreaktion auf die «allmähliche Erosion von Zugehörigkeit» zu traditionellen Gruppen und Verbänden. Der ausgeprägte Individualismus, der die westliche Welt stark gemacht habe, untergrabe das Gemeinschaftsgefühl heute so sehr, dass er sie schwäche. Die Kultur des Westens sei aus dem Gleichgewicht geraten, ja zu westlich geworden.

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In seinem neuen Buch, «Wie die Welt denkt», richtet Baggini den Blick nach Osten – in der Hoffnung, dass chinesische, japanische und indische Vorstellungen von Individuum und Gesellschaft Wege aus der Krise aufzeigen. Als ob dies nicht genug wäre, bezieht der «philosophische Journalist» bei seiner kulturkritischen Mission auch noch islamische, afrikanische und australische Modelle sozialer Interaktion mit ein. Der Untertitel seines weltumspannenden Unterfangens lautet denn auch: «Eine globale Geschichte der Philosophie».

Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Wer das grosse Ganze auf 400 Seiten darstellen will, muss zusammenfassen und verdichten. Auf allzu feine Unterschiede und Differenzierungen kann eine Gesamtschau nicht eingehen. Dass es dennoch Grenzen der Komplexitätsreduktion gibt, die nicht überschritten werden dürfen, scheint Julian Baggini nicht zu kümmern.

Er übergeht nicht nur Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West, sondern nivelliert auch Unterschiede innerhalb der östlichen Denkweisen. Seine Vogelschau, die weniger erklärt als verklärt, reiht sich ein in die lange Tradition der Bücher, die im Osten die dringend notwendige Ergänzung zum Westen sehen.

Exemplarisch für die unzulässigen Verallgemeinerungen stehen drei pauschale Thesen, die Julian Baggini in der Mitte des Buches auf gerade einmal zehn Seiten aneinanderreiht: Das chinesische Denken differenziere nicht zwischen dem «Natürlichen und Übernatürlichen»; im afrikanischen Denken spiele die Unterscheidung zwischen dem «Materiellen und Geistigen» keine Rolle; das islamische Denken unterscheide nicht zwischen dem «Sakralen und Säkularen». Und in Indien herrsche «Einigkeit allen Seins».

Diese Ein- und Allheit des Seins finde Ausdruck in einer Philosophie des Sowohl-als-auch, die Widersprüche nicht aus-, sondern einschliesse. Diese vermeintliche Geschlossenheit und Harmonie des Lebens und Denkens stellt Baggini dem abendländischen Individualismus und Rationalismus gegenüber, der auf einem Entweder-oder-Denken beruhe. Im Unterschied zum Weltbild des Fernen Ostens, das Religion und Philosophie nicht scharf voneinander trenne, gehörten Gegensätze zum unabdingbaren Besteck westlicher Wahrheitssuche.

Im Dschungel der Zitate

Trotz den schlichten Thesen, die sich auch in Einführungen in die Weltreligionen finden, ist die Lektüre anstrengend: Denn das Buch wimmelt nur so von Zitaten. Als ob er sich seiner Sache nicht sicher wäre, lässt Julian Baggini dauernd andere Autoren und Interviewpartner zu Wort kommen. Seine schematisch-vereinheitlichende Darstellung der östlichen Denkweisen findet ihre Entsprechung in der einseitigen Charakterisierung der europäischen Philosophie: Erwähnt wird Descartes’ «Cogito» und nicht etwa Heideggers Konzept des Daseins als «Mit-Sein».

Der «Siegeszug des Westens», der im einleitenden historischen Überblick erwähnt wird, ist in den Augen Julian Bagginis ins Stocken geraten. Die westliche Kultur sei zwar nicht unterlegen, bedürfe aber des Ausgleichs durch andere mündliche und schriftliche Denktraditionen. Auf seinen Reisen in den Fernen Osten, aber auch nach Afrika und Australien scheint der Journalist fündig geworden zu sein.

Zu überzeugen vermag seine «Globale Geschichte der Philosophie» dennoch nicht. Der Autor populärer Sachbücher, der das binäre Denken des Westens wiederholt kritisiert hat, argumentiert selbst binär: Hier Verstand, Wissenschaft und lineare Zeit; dort Meditation, Weisheit und zyklische Zeit. So einfach ist die Sache dann doch nicht. Weder im westlichen noch im östlichen oder im afrikanischen Denken. Und dass der Westen wirklich zu westlich ist, darf mit gutem Grund bezweifelt werden. Gerade in Zeiten wie den heutigen, in denen es zentrale Werte der Aufklärung zu verteidigen gilt.

Julian Baggini: Wie die Welt denkt. Eine globale Geschichte der Philosophie. Aus dem Englischen von Frank Lachmann, Karin Schuler und Thomas Stauder. C.-H.-Beck-Verlag, München 2025. 437 S., Fr. 49.90.

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