Mittwoch, Februar 26

Wer wird der nächste Filippo? Das Taktieren um den frei werdenden Stadtratssitz beginnt. Doch die Prominenten sagen reihum ab.

Einstmals, lang ist’s her, da dominierte der Zürcher Freisinn die Stadt Zürich. Eine Mehrheit in der Regierung, stärkste Kraft im Parlament und, natürlich, ein FDP-Mann im Stadtpräsidium. Diese Zeiten – sie sind längst vorbei. 1990 eroberte die SP das Stadtpräsidium, seit da ist auch die Regierungsmehrheit links.

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Nun, bei den Erneuerungswahlen von nächstem Jahr, muss die einst staatstragende Stadtpartei gar um ihre verbliebenen zwei Stadtratssitze bangen. Ihr bisheriger Kandidat, Stadtrat Michael Baumer, wäre bei den letzten Wahlen um ein Haar abgewählt worden. Dieses Mal bringt er sich als möglicher Stadtpräsident ins Spiel. Wohl auch, um so mehr Aufmerksamkeit zu erhalten – und die Wahl diesmal sicherer zu schaffen.

Und nun auch noch das: Der Schulvorstand Filippo Leutenegger, die charismatische Leitfigur der Zürcher FDP der letzten Jahre, tritt nicht mehr zur Wiederwahl an, wie die NZZ am Mittwoch berichtete.

Wer soll ihn beerben? Wer den Freisinn in der grössten Stadt des Landes wieder zu alter Grösse führen? Das sind – Stand jetzt – die wahrscheinlichsten Kandidatinnen und Kandidaten.

Der Ambitionierte: Përparim Avdili

Seine Ambitionen sind in der Partei bekannt, er selbst sagt aber nichts: Përparim Avdili, der sendungsbewusste Präsident der Stadtzürcher FDP, wäre ein Kandidat, wie ihn sich viele wünschen. Bekannt, klar bürgerlich und doch anschlussfähig für linke Wählerinnen und Wähler.

Das hat mit seiner Biografie zu tun: Avdili ist Sohn eines nordmazedonischen Saisonniers, kam als Baby mit Mutter und Geschwistern nach Zürich und wuchs in Altstetten auf. Er arbeitete sich hoch, ist heute im Finanz- und Bankensektor tätig. Zudem ist er in der albanischsprachigen Diaspora gut vernetzt.

Diese Aufstiegsgeschichte – zusammen mit seinem Engagement in parteiübergreifenden Gremien wie dem Verein Secondas Zürich – könnte ihn auch für jene wählbar machen, die mit seiner Politik weniger am Hut haben. Das hoffen jedenfalls seine Unterstützer in der Partei.

Avdili hat dem Vernehmen nach aber auch Kritiker, die sich an seinen Ambitionen stören – und solche, die lieber eine FDP-Frau im Stadtrat sähen.

Er selbst gibt sich auf Anfrage der NZZ bedeckt. Eine Kandidatur könne er weder bestätigen noch dementieren, sagt er. Klar sei, dass die FDP einen «Führungsanspruch» erhebe nach fast 30 Jahren rot-grüner Dominanz. «Es braucht jetzt einen Politikwechsel. Unser Ziel ist es, die FDP-Vertretung im Stadtrat auszubauen.»

Das heisst: Avdili spricht sich für ein Antreten mit drei Kandidierenden aus. Eine angriffige Strategie, die gleichzeitig seiner möglichen Kandidatur zupasskäme, falls sich parteiintern der Ruf nach mindestens einer Kandidatin neben dem Bisherigen Michael Baumer durchsetzt.

Auf die Frage, wie wichtig ein geschlechterdurchmischtes Ticket wäre, sagt Avdili: «Wir müssen den Wählerinnen und Wählern ein vielfältiges Angebot machen, und wir werden das auch tun.» Diversität beschränke sich dabei aber nicht auf das Geschlecht allein. Und sowieso: «Am wichtigsten ist die Leistung – dass wir die fähigsten Personen nominieren.»

Die Gescheiterte: Sonja Rueff-Frenkel

Wird beim zweiten Mal alles besser? Das hofft dem Vernehmen nach die FDP-Kantonsparlamentarierin Sonja Rueff-Frenkel. Sie, die bei den letzten Stadtratswahlen von 2022 abgeschlagen auf dem zwölften Platz landete, hinter zwei nicht gewählten Kandidaten von AL und Grünen und deutlich unter dem absoluten Mehr.

Sie überlege sich eine Kandidatur, bestätigt Rueff-Frenkel auf Anfrage der NZZ. «Ja, ich habe es schon einmal versucht», sagt sie, «aber die Ausgangslage ist dieses Mal eine völlig andere.»

Vier Jahre mehr rot-grüne Dominanz, vier Jahre mehr, in denen sie und die FDP mit «guter Politik» eine Alternative aufgezeigt hätten: Deshalb ist Rueff-Frenkel überzeugt, dass die FDP 2026 das Resultat der letzten Stadt- und Gemeinderatswahlen übertreffen wird.

Entschieden sei aber noch nichts – sie wolle die interne Diskussion in der FDP abwarten, bevor sie sich bezüglich einer Kandidatur festlege. Was damit gemeint sein dürfte, erklären andere FDP-Insider hinter vorgehaltener Hand: die Debatte um die Frage, ob man mit zwei oder drei Personen antreten soll.

Ist Rueff-Frenkel, die vor drei Jahren als dritte FDP-Kandidatin das Nachsehen hatte, also nur bereit, auf einem Zweierticket anzutreten? Die Frage nach der Zahl der Kandidaturen spiele für sie tatsächlich eine Rolle, sagt sie. Weiter dazu äussern will sie sich aber nicht.

In jedem Fall ist klar: Würde sie die Nomination und die Wahl schaffen, wäre das eine kleine Sensation. Und eine späte Genugtuung für eine Politikerin, die als dossierfest und unaufgeregt gilt. Der aber gleichzeitig der Promi-Faktor und die Bühnenpräsenz eines Filippo Leutenegger fehlen.

Als Frau jüdischen Glaubens politisiere sie tendenziell vorsichtig und zurückhaltend, weil sie und ihre Familie immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert seien, sagte Rueff-Frenkel dazu einmal der NZZ. «Manchmal wünschte ich mir, ich könnte auch einfach nur hinstehen und das herausschreien, was ich denke.»

Die Unbekannten: Marita Verbali und Flurin Capaul

Abseits der Politbühne kennt man sie nicht, eine Kandidatur für den Stadtrat können sie sich dennoch vorstellen: Marita Verbali und Flurin Capaul – beide Gemeinderäte, beide aus Zürich Wiedikon, beide erst wenige Jahre im Stadtparlament.

Verbali arbeitet als Unternehmensentwicklerin im Stadtspital Zürich und als Dozentin für Gesundheitspolitik und Gesundheitsökonomie. Zuvor war sie lange in der Gesundheitsdirektion als Spitalplanerin tätig. Dadurch wisse sie, «wie die Verwaltung tickt und wo die Fallstricke sind», sagt die 54-jährige Seconda mit italienischen und argentinischen Wurzeln der NZZ.

Auch Flurin Capaul macht aus seinen Ambitionen kein Geheimnis. Darüber hinaus möchte er sich auf Anfrage aber nicht äussern. Es sei nun an der Findungskommission, zu entscheiden, wen die FDP neben Stadtrat Michael Baumer ins Rennen schicke. Diese wird von alt Stadträtin Katrin Martelli präsidiert und soll in den nächsten Wochen ihre Empfehlung abgeben.

Capaul hat sich bisher vor allem mit Kultur- und Wohnthemen beschäftigt. Er forderte aber auch schon per Vorstoss, dass die Stadtgärtnerei einen neuen Tukan bekommt.

Immer wieder spannt Capaul auch mit SP-Parlamentariern zusammen – beispielsweise für ein Postulat zur Austragung der Frauenliga-Nationalliga-A-Spiele im Letzigrund.

Das grösste Handicap von Verbali und Capaul ist ihre fehlende Strahlkraft. Denn parteiintern ist man sich einig: Der Sitzerhalt wird für die FDP nicht einfach – im Gegensatz zur SP könne man nicht mit irgendwem antreten und trotzdem gewinnen.

Oder wie Matthias Müller, Vizepräsident der Kantonalpartei, sagt: «Es muss eine starke Persönlichkeit sein, die mobilisieren kann.» Anders sei im rot-grünen Zürich nichts zu wollen. Er selbst will nicht kandidieren.

. . . und die Lieber-nicht-Fraktion

Eigentlich, so glaubt jedenfalls der Parteipräsident Avdili, sei die Ausgangslage für die FDP kommendes Jahr gar nicht so schlecht. Denn die linke Stadtratsmehrheit steht vor einer Erneuerung. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), der Bauvorsteher André Odermatt (SP) und Daniel Leupi (Grüne) sind alle seit über zehn Jahren im Amt. Leupi will es nochmals wissen, bei den beiden SP-Granden ist das noch offen.

«Entweder sie treten nicht mehr an, dann haben wir wegen der Vakanzen gute Chancen. Oder sie bleiben, und wir haben den Vorteil, gegen ein amtsmüdes Gremium anzutreten», sagt Avdili. «Mir ist beides recht.»

Dennoch fällt auf, dass viele valable FDP-Kandidatinnen und -Kandidaten für das Stadtratsamt jetzt schon absagen. Lieber nicht – das finden etwa die Nationalrätinnen Bettina Balmer und Regine Sauter. Ebenfalls nicht antreten will Gemeinderätin Yasmine Bourgeois, die als Bildungspolitikerin und Schulleiterin eigentlich zum frei werdenden Schuldepartement gepasst hätte.

Auch der kantonale Fraktionspräsident Claudio Zihlmann sagt gegenüber der NZZ ab, ebenso wie sein städtischer Kollege Michael Schmid. Ebenfalls kein Interesse haben Marc Bourgeois und Angie Romero aus dem Kantonsrat und Martina Zürcher aus dem Gemeinderat.

Die Gründe sind dabei stets ähnlich: andere Verpflichtungen, andere Interessen oder andere Prioritäten.

Der Stadtparlamentarier Jehuda Spielman – bei den letzten Wahlen mit gutem Ergebnis gewählt und als Stimme der jüdischen Gemeinschaft stadtbekannt – winkt aus privaten Gründen ab. Für ihn als Vater zweier kleiner Kinder komme eine Kandidatur derzeit nicht infrage, sagt er. «Da müssten Sie zuerst meine Frau überzeugen.»

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