Mit Jack Doohan fährt der Sohn eines mehrfachen Töff-Weltmeisters in der Formel 1; den ersten Kart bekam er von Michael Schumacher. Rennfahrer auf zwei und vier Rädern wechseln gerne das Gefährt – und immer geht es um den Temporausch.

Von null auf hundert in zweieinhalb Sekunden: Das treibt Motorsportlern das Adrenalin ins Blut. MotoGP-Fahrer sind nach dem Start bis hoch zu Tempo 180 gleich schnell wie die Formel-1-Piloten – und dennoch bewundern die einen die anderen. Es ist nicht zwingend der Grenzbereich, der von vier auf zwei Räder und umgekehrt lockt. Sondern der unbändige Wille, sich jedes rasende Sportgerät untertan zu machen. Willkommen in einem faszinierenden Paralleluniversum des Top-Motorsports, dem Reich der Mut-Kurven.

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Die Sportgeschichte kennt nur einen, der den Weltmeistertitel sowohl auf zwei als auch auf vier Rädern erringen konnte: den Briten John Surtees. Sein Vater war Besitzer eines Motorradgeschäfts, die Mutter auch Töff-Pilotin, mit 14 sass Surtees folgerichtig im Beiwagen. Der erste Sieg zusammen mit dem Vater wurde noch aberkannt, weil John minderjährig war. Aber als er selbst im Sattel sitzen konnte, gab es kein Halten mehr.

Mit seiner MV Agusta holte er in den Fünfzigern zusammen sieben Weltmeistertitel in der 350er-Klasse und bei den 500 Kubikzentimetern. Mit Ende 20 stellte ihm der Teamchef von Lotus, Colin Chapman, an den freien Wochenenden ein Formel-1-Auto zur Verfügung. Es dauerte nicht lange, da fuhr Surtees auch dort um Siege mit. Weltmeister wurde er, wie auf dem Motorrad, mit einer stolzen italienischen Marke – 1964 im Ferrari.

Die Umgewöhnung fiel selbst einem Champion wie ihm nicht immer leicht: «Einmal in Goodwood habe ich eine schmale Lücke gesehen, um an die Spitze zu kommen, und bin auch in sie hineingestochen. Leider hatte ich für einen Moment vergessen, dass ich vier Räder um mich hatte. Dafür war die Lücke viel zu eng.»

Der grosse Unterschied geschieht bei Tempi um 200 km/h

Grosse Probleme beim Umsteigen kennen die Top-Piloten der Neuzeit offenbar nicht. Der Unterschied in der Beherrschung eines Motorrads und eines Formel-1-Autos beginnt im Tempobereich um die 200 km/h, wenn beim Rennwagen die Fahrzeug-Elektronik vieles regelt, der Motorradfahrer aber noch immer selbst am Gas drehen muss. Es ist diese unmittelbare Beherrschung der Geschwindigkeit, die Bike-Piloten süchtig werden lässt. Eine Begeisterung, die voll auf die treue Fangemeinde durchschlägt. Die MotoGP ist so anspruchsvoll und professionell wie die Formel 1, aber erscheint dennoch purer. Dazu trägt sicher auch die um zehn Dezibel lautere Geräuschkulisse bei.

Abgesehen vom Sound handelt es sich um eine Glaubensfrage. Aber der entscheidende Unterschied ist ein anderer: In der MotoGP ist der Rider viel wichtiger als das Bike, in der Formel 1 erscheint es umgekehrt. Die Direktheit wird besonders in den Kurven deutlich. Rad gegen Rad heisst wortwörtlich Mann gegen Mann, der Körper ist die Knautschzone.

Das sieht häufig spektakulärer aus, wenngleich hinter dem Autolenkrad ein mindestens so grosses Fahrgefühl und Reaktionsvermögen erforderlich ist. Angesichts der viel besseren Bodenhaftung und Aerodynamik sind Rennwagen in den Kurven auch deutlich schneller. Mögen manche Motorräder mit einem Top-Speed jenseits der 360 km/h auf den Geraden erstaunlicherweise fast gleichwertig mit den Grand-Prix-Boliden sein, müssen die Piloten doch gut 200 Meter früher bremsen.

Der achtfache MotoGP-Champion Marc Márquez, der kaum ein Formel-1-Rennen am Bildschirm versäumt, sagt: «Ich finde die Bremspunkte sehr beeindruckend. Alles hängt vom Auto ab. Bei uns kann man ein bisschen mehr mit dem Körper machen. Das ist schon einfacher.» Komplimente unter Adrenalin-Junkies zählen doppelt.

Jack Doohan gehört zu den Debütanten in der neuen Formel-1-Saison. Der 22-Jährige trägt einen grossen Namen, sein Vater Mick war in den Neunzigern fünfmal in Folge Motorrad-Champion. Dieser Ruhm nützt seinem Sohn beim Alpine-Rennstall wenig, denn der Teamberater Flavio Briatore will dem jungen Australier keine lange Schonzeit einräumen. Sollte er nach Ansicht der grauen Eminenz nicht gleich schnell genug sein, ist er alsbald sein Cockpit los.

Jack Doohan hatte sich als Kind früh motorisiert auf zwei Rädern bewegt, die Karriere schien vorgezeichnet. Bis ein Nachbar in Monte-Carlo, wo seine Familie zeitweise lebt, ihm und seiner Schwester Renn-Karts schenkte: Der nette Mann hiess Michael Schumacher. Die Freundschaft zu den Doohans war so eng, dass der Rekordweltmeister der Formel 1 seinen Sohn Mick taufte. Und ausgerechnet den hatte Jack Doohan im Ausscheidungsfahren der Talente um einen Platz bei Alpine ausgestochen. Dass Briatore einst Schumis erster Weltmeistermacher war, komplettiert diesen schicksalshaften Kreis.

Max Verstappen, der amtierende Formel-1-Champion, würde liebend gern ein MotoGP-Bike ausprobieren, allerdings hat ihm das der Red-Bull-Berater Helmut Marko strengstens untersagt. Dass die Zweitbeschäftigung nicht ungefährlich ist, zeigt Michael Schumacher. Nach seinem Rücktritt bei Ferrari 2006 hatte der Ausnahmerennfahrer seine Temposehnsucht auf dem Bike gestillt.

Privat schon lange Harley-Fahrer, nutzte er jede Chance, auch MotoGP-Bikes auszuführen. Im festen Glauben, dass es auf der Rennstrecke sicherer sei, als sich im Strassenverkehr zu bewegen. Was auch auf Anhieb ziemlich gut klappte. Um noch schneller zu werden, ging er allerdings auch häufiger zu Boden: «Das Gefühl für das Vorderrad beim Motorrad zu finden, ist der Knackpunkt. Beim Hinterrad stellt man irgendwann fest, wo die Grenze ist.»

Michael Schumacher zog sich mit dem Motorrad einen Schädelbruch zu

Schumacher fuhr regelmässig in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft mit, bis 2009 die Formel 1 wieder rief. Doch das Comeback als Ferrari-Ersatzmann nach einem Unfall von Felipe Massa scheiterte am ärztlichen Einspruch. So kam heraus, dass Michael Schumacher im spanischen Cartagena einen schweren Crash erlitten hatte. Beim Anbremsen auf einer Bodenwelle verlor er offenbar die Kontrolle über sein Honda-Superbike und soll danach sogar eine Zeitlang bewusstlos im Kiesbett gelegen haben. Bestätigt wurden Frakturen an Halswirbeln, Rippen und im Bereich der Schädelbasis.

Was Schumacher und Lewis Hamilton für die Formel 1 bedeuten, ist Valentino Rossi für den Motorradsport. Ende 2019 tauschten der neunfache Motorradweltmeister und Hamilton in Valencia die Jobs. Rossi sass im Weltmeister-Silberpfeil, Hamilton auf Rossis Yamaha. «Es ist so grossartig, eine Legende wie Valentino im Auto zu sehen», schwärmte Hamilton.

Noch begeisterter war Rossi: «Ich fühlte mich einen Tag lang wie ein echter Formel-1-Fahrer und wollte gar nicht mehr, dass es aufhört.» Nach den anschliessenden Zweirad-Runden lobte er Hamilton: «Die Strecke ist anspruchsvoll, und es war sehr windig. Irgendwann dachte ich, es würde schwierig werden für Lewis, aber sein Umgang mit dem Motorrad war grossartig.» Das Team hatte sich sogar Sorgen gemacht, weil Hamilton immer schneller wurde. Das liegt wohl am Nachholbedarf, Hamilton hatte als Fünfjähriger ein Motorrad gewollt, aber sein Vater schlug die Bitte ab: «Unmöglich! Zu gefährlich.» Doch die Leidenschaft hat er nie verloren.

2006 February 1 & 2 - Valentino Rossi test Ferrari F2004 @ Valencia

Valentino Rossi hatte schon 2006 vor einem ernsthaften Einstieg in die Formel 1 gestanden. Was wäre das für eine Traumehe geworden! Zunächst hatte der Italiener eine Probefahrt auf der Ferrari-Teststrecke in Fiorano absolviert. Um die Aktion geheim zu halten, sass Rossi mit einem Helm von Michael Schumacher im Auto. Später nahm er an einem offiziellen Testtag der Formel 1 teil und liess als Elfter mit einem zwei Jahre alten Auto immerhin vier Formel-1-Stammpiloten hinter sich.

Das nährte die Hoffnung auf einen Umstieg, es war sogar ein umfangreicher Plan ausgearbeitet worden. Rossi sollte erst Testfahrer werden, dann bei einem kleineren Team wie Sauber oder Minardi auf den Einstieg bei Ferrari vorbereitet werden. Diese Geduld hatte der stolze Rossi aber nicht. Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo hatte das Angebot zunächst nur für eine höfliche Geste gegenüber einem grossen Sportler gehalten: «Aber bald sah ich, dass Valentino wirklich stark war. Es fehlte ihm zwar an Konstanz, aber er hatte sehr viel Potenzial und einen grossen Willen. Doch er war schlau. Rossi wollte lieber die Nummer 1 bei den Motorrädern bleiben, als Vierter oder Fünfter im Rennwagen zu werden.»

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