Freitag, Februar 28

An den Olympischen Spielen 1972 in München ereignet sich mit der palästinensischen Terroraktion eine Tragödie. Aus sportlicher Sicht nimmt ein Duell zwischen den Erzrivalen USA und Sowjetunion ein Ende, wie es der Sport kaum je gesehen hat.

Wenn in der Nacht auf Montag die Oscars für die besten Filme verliehen werden, ist in der Kategorie «bestes Drehbuch» auch das Werk «September 5» des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum nominiert.

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Was sein Film erzählt: wie die amerikanische Rundfunkanstalt ABC an den Olympischen Sommerspielen 1972 in München live vor Ort über den Terroranschlag berichtete, bei dem elf Angehörige der israelischen Delegation ums Leben kamen.

Was sein Film nicht erzählt: dass es an diesen Spielen auch ein sportliches Drama gab, das ebenfalls bis heute nachwirkt. 53 Jahre später sind die amerikanischen Basketballer immer noch der Ansicht, dass sie im Final gegen die Sowjetunion zu Unrecht um Gold gebracht worden sind.

Die ihnen zugesprochenen Silbermedaillen haben sie nie akzeptiert, der damaligen Siegerehrung blieben sie fern. Der Ausgang des Basketballfinals an jenen Olympischen Spielen gilt als einer der umstrittensten in der Sportgeschichte. Beobachter, die es mit den USA hielten, sprachen von einem Skandal. Aus Schweizer Sicht interessant: Joseph S. Blatter, der spätere Präsident des Weltfussballverbands (Fifa), war damals mittendrin. Doch was ist passiert?

63 Spiele, 63 Siege

Erst vier Tage waren seit dem Anschlag der palästinensischen Organisation Schwarzer September vergangen, als im Final des Basketballturniers ausgerechnet die USA und die Sowjetunion aufeinandertrafen – die beiden Erzfeinde während des Kalten Kriegs.

Die Amerikaner galten als favorisiert, bis dahin hatten sie sämtliche 63 Olympiapartien gewonnen, ergo auch die sieben seit 1936 vergebenen Goldmedaillen. Im Halbfinal hatten sie Italien mit dreissig Punkten Vorsprung deklassiert. Doch die Sowjets, zuvor immerhin einmal Weltmeister, witterten ihre Chance. Ihre Olympiadelegation hatte sich zum Ziel gesetzt, München zum 50-Jahr-Jubiläum der Sowjetunion mit 50 Goldmedaillen zu verlassen. Vor dem Basketballfinal fehlte dazu noch eine.

Zudem hatten sie eine routinierte Mannschaft. Später hiess es, ihr Kern sei über die Jahre so zusammengeblieben, dass die Sowjetunion sich während vierhundert Partien auf das Duell mit den USA habe vorbereiten können. Die Spieler waren de facto Staatsangestellte und Profisportler, was man jedoch nicht so zugeben durfte, weil zu jener Zeit nur Amateure zu den Olympischen Spielen zugelassen waren.

Die Amerikaner entsandten eine bunt zusammengewürfelte Equipe aus jungen College-Talenten nach München, wie sie das immer an Sommerspielen taten; die Profis aus ihrer NBA waren ja nicht teilnahmeberechtigt. Die Spieler des US-Teams hatten nur ein Dutzend Partien zusammen absolviert, um sich vor dem Olympiafinal kennenzulernen.

Erschwerend kam hinzu, dass der potenziell beste Spieler Bill Walton abgesagt hatte. Niemand wusste so genau, weshalb. Wollte er seinen Körper schonen? War er noch immer verärgert über die WM 1970, an der ihm vieles missfallen hatte und die USA ein Debakel erlitten? Oder hatte es damit zu tun, dass Walton die Rolle seines Landes im Vietnamkrieg offen ablehnte?

Trotz seiner Absenz rechneten viele mit einem weiteren Triumphzug der USA. Schliesslich wusste der Headcoach Henry Iba von 1964 und 1968 her, wie man Olympiagold gewinnt. In der Vorbereitung auf München hatte er seine Aspiranten auf dem Armeestützpunkt in Pearl Harbor für ein Trainingscamp zusammengezogen. Es gab Spieler, die hinterher sagten, es seien die härtesten drei Wochen ihres Lebens gewesen.

Fast wie beim Rütlischwur

Aber der Final entwickelt sich nicht so, wie es sich die Amerikaner vorgestellt haben. Sie lassen sich einlullen vom langsameren Spielstil des Gegners. Die Sowjets liegen zur Pause vorne und bauen danach die Führung aus.

Auf dem Court wird es immer gehässiger. Bei einem Zweikampf mit dem russischen Jungstar Alexander Below verletzt sich der amerikanische Power Forward Jim Brewer, er kann nicht mehr weiterspielen. Sein Teamkollege Dwight Jones, der Topskorer der USA, muss ebenfalls vom Feld, ein Gegenspieler soll ihn provoziert haben – beide werden ausgeschlossen.

Doch die Amerikaner scheinen rechtzeitig zu erwachen und starten eine fulminante Aufholjagd. Gut zehn Sekunden vor Schluss liegen sie nur noch 48:49 zurück, und Alexander Below unterläuft ein Fehlpass. Der wirblige Doug Collins fängt den Ball ab und lanciert den Konter. Auf dem Weg zum Korb kann er nur durch ein Foul gestoppt werden.

Die USA erhalten Freiwürfe. Es ist klar: Werden sie verwertet, ist dem Favoriten der Sieg kaum mehr zu nehmen. Die Matchuhr zeigt an, dass danach nur noch drei Sekunden zu spielen sind. Collins, eben noch angeschlagen am Boden, übernimmt die Verantwortung – und trifft zweimal, 50:49 für die USA. Das muss es gewesen sein. Doch es folgen Szenen, wie sie der Sport kaum je gesehen hat.

Der letzte Gegenzug der Sowjets scheint erfolglos zu versanden, einige Amerikaner jubeln bereits. Doch die sowjetischen Betreuer am Spielfeldrand monieren, sie hätten schon lange ein Time-out genommen. Nun entsteht ein wildes Durcheinander, in dem die Schiedsrichter und die Verantwortlichen am Zeitnehmertisch die Übersicht verlieren. Später heisst es, die Kommunikation zwischen den Offiziellen habe nicht funktioniert, weil jeder eine andere Sprache gesprochen habe, die beiden Schiedsrichter stammten aus Brasilien und Bulgarien.

Die Amerikaner beklagen, dass die Sowjets ihr Time-out nicht korrekt angemeldet hätten. Und dass sich der Generalsekretär des Basketball-Weltverbands unbefugterweise eingemischt habe: der Brite Renato William Jones, eine graue Eminenz, die im Verdacht stand, kein Freund der Amerikaner zu sein. Er streckte am Zeitnehmertisch drei Finger in die Luft. Und tatsächlich: Die letzten drei Sekunden der Partie wurden wiederholt.

Hier kommt Sepp Blatter ins Spiel. Der Walliser war als Marketingbeauftragter der Schweizer Uhrenfirma Longines in München, die mitverantwortlich war für die Zeitmessung. Blatter erzählt heute, er sei im Tohuwabohu konsultiert worden: ob es möglich sei, die Matchuhr auf der Anzeigetafel zurückzustellen und mit dem Chronometer am Zeitnehmertisch zu synchronisieren?

Natürlich gehe das, habe er geantwortet. Als Jones seine Geste mit den drei Fingern gemacht habe, wähnte er sich beim Rütlischwur von 1291, bei dem die drei Eidgenossen auf ähnliche Weise Finger abgespreizt haben. Blatter sagt dazu: «Für mich war dieses Ereignis eine gute Schulung in Sachen Geopolitik.» Drei Jahre später wechselte er zur Fifa.

The Most Controversial Basketball Game | USA v USSR | 1972 Munich Olympics

Kritik an der Trainerlegende

Der erste Anlauf bei der Zeitanpassung schlägt jedoch fehl. Die Schiedsrichter geben das Spiel wieder frei, der Angriff der Sowjets scheitert, die Schlusssirene ertönt, wieder jubeln die Amerikaner. Doch: wieder Intervention der Offiziellen, wieder Chaos. Die Matchuhr war nicht rechtzeitig zurückgestellt worden. Also: noch ein Versuch. Die Amerikaner akzeptieren das – aus Angst, andernfalls disqualifiziert zu werden.

Und diesmal gelingt den Sowjets der kaum für möglich gehaltene Geniestreich: Iwan Jadeschka, nach amerikanischer Ansicht zuvor unerlaubt eingewechselt, wuchtet den Ball von der Grundlinie aus wie ein Kugelstösser über das ganze Feld zu Alexander Below, der sich vor dem gegnerischen Korb in der Luft gegen zwei Verteidiger behauptet – und zum 51:50 für die Sowjetunion trifft. Schluss. Aus. Diesmal definitiv. Aber es ist erst der Anfang der Kontroverse.

Die Amerikaner legen offiziell Protest gegen die Wertung ein; er wird mit 3:2 Stimmen abgelehnt. Das überrascht kaum. Im Gremium sitzen Funktionäre aus Ungarn, Polen und Kuba, also aus Ländern, die Sympathien für die Sowjets hegen. An der Siegerehrung bleibt die zweite Stufe des Podests leer, die Amerikaner verzichten auf die Entgegennahme ihrer Silbermedaillen. Ihre Haltung: Wir wurden nicht bezwungen, sondern betrogen – und haben nur Gold verdient.

Die Sowjets sehen es selbstverständlich anders: Sie berufen sich auf ihre taktische Meisterleistung und bezichtigen die Amerikaner, schlechte Verlierer zu sein. In der Sowjetunion hat der Coup etwas Einendes. Zum Erfolg tragen nicht nur russische Stars der Grossklubs ZSKA Moskau und Spartak Leningrad bei, sondern auch Spieler, die aus den Teilrepubliken Litauen, Georgien, Kasachstan, Ukraine und Weissrussland stammen.

Die Amerikaner hadern aber auch mit eigenen Versäumnissen. Der Trainer Iba gerät in die Kritik. Ihm wird eine antiquierte Taktik vorgeworfen, sein Team sei im Final zu lange zu passiv aufgetreten. Und in den berüchtigten Schlusssekunden habe er die falsche Verteidigungsstrategie gewählt. Zu reden gibt überdies, dass er während der gesamten Partie Tommy Burleson draussen lässt, der dank seiner Grösse von 2 Metern 18 die entscheidende sowjetische Angriffsaktion womöglich vereitelt hätte.

Iba straft Burleson im Final ab, weil der zuvor seine Verlobte im olympischen Dorf empfangen hat. Der Frauenbesuch verstiess nach Meinung des Headcoachs gegen die Teamregeln. Burleson hätte sich bereit gefühlt, obwohl er Tage zuvor unerwartet mitten in die palästinensische Terroraktion geraten war. Auf einem Parkplatz sah er sich plötzlich umgeben von Terroristen, Geiseln und der Polizei. Ehe er als Unbeteiligter passieren durfte, spürte er ein Gewehr im Nacken – 45 Minuten später eskalierte die Situation auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck mit einem Massaker. Das schreckliche Erlebnis hat Burleson nie losgelassen. Als er als Basketballveteran daran erinnert wird, bricht er in Tränen aus.

Als sich die Amerikaner 2012, vierzig Jahre nach der Finalniederlage, noch einmal treffen, wird die Zusammenkunft filmisch festgehalten. In der Dokumentation «Silver Reunion» bekräftigen die zwölf Spieler ihre Ablehnung der Silbermedaillen. Das Edelmetall soll in einem Tresor des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) bleiben, das seinen Sitz in Lausanne hat. Der Captain Kenny Davis hält im Testament fest, dass auch seine Familienmitglieder die Medaille nicht annehmen dürfen.

Spätes amerikanisches Glück

Mittlerweile ist die Haltung einiger Amerikaner ein bisschen moderater. Tom McMillen zeigt der NZZ ein Schreiben, das er 2021 zuhanden des IOK-Präsidenten Thomas Bach verfasst hat, mit dem Vorschlag, dessen Organisation könnte die Medaillen an eine Anwaltskanzlei schicken, um sie danach einem Museum oder der Ruhmeshalle des Basketballs, der Naismith Memorial Hall of Fame in Springfield, zukommen zu lassen. Laut McMillen händigt das IOK die Medaillen aber nur aus, wenn sie die Spieler persönlich in Empfang nehmen würden. Was für einige von ihnen noch immer nicht infrage kommt. Und so bleibt alles beim Alten.

Viele amerikanische Spieler haben ihr Glück trotzdem gefunden. Die einen machten Karriere in der NBA, auch McMillen, der zudem als Politiker für die Demokraten den Gliedstaat Maryland im US-Kongress vertrat. Dieses Gremium hatte nie ein grösseres Mitglied: McMillen misst 2 Meter 11.

Doug Collins nahm viermal als Spieler und einmal als Coach am All-Star-Game der NBA teil, in Chicago und Washington trainierte er Michael Jordan. Als die amerikanischen Basketballer 2008 in Peking Olympiagold gewannen, war er als TV-Analyst dabei, während sein Sohn zum Betreuerstab des Nationalteams gehörte.

Von den Amerikanern leben noch zehn der zwölf Spieler von 1972, bei den Sowjets sind nur zwei übrig geblieben, unter ihnen Iwan Jadeschka. Der Matchwinner Alexander Below starb bereits mit 26 Jahren an einem Herztumor. Die grösste Karriere machte bei ihnen Sergei Below, der gegen die USA der sowjetische Topskorer war. Er schaffte es als Europäer in die Hall of Fame, obwohl er nie in der NBA spielte. An der Eröffnungsfeier der Sommerspiele 1980 in Moskau durfte er das olympische Feuer entzünden.

Die Spiele in München waren auch aus sportlicher Sicht nicht das friedliche Fest, auf das man gehofft hatte. Es gab zu viele umstrittene Entscheidungen mit bitterem Nachgeschmack, so auch im Boxen und im Landhockey.

Am kommenden Montag, nur wenige Stunden nach der Oscar-Verleihung, wird Sepp Blatter einen Auftritt vor Gericht haben, es geht um eine Millionenzahlung innerhalb der grossen Fussballverbände. In diesen Tagen kommt gerade viel zusammen – ein Hollywood-Regisseur hätte das nicht besser inszenieren können.

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