Russland ist der weltweit grösste Produzent von Diamanten. Doch seit einem Jahr dürfen diese nicht mehr in die G-7-Länder eingeführt werden. Die Händler sind im Dilemma zwischen Moral und Business.
Auf den ersten Blick sieht das Antwerpener «Diamantkwartier», wie man das lediglich einige hundert Quadratmeter grosse Viertel in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof nennt, aus wie immer. Unzählige Bijouterien säumen den Weg, die Schaufenster glitzern wie ein Sternenhimmel.
Das eigentliche Herz des Diamanten-Mekkas beginnt ein paar Meter weiter. Ausser dem Schürfen wird in Antwerpen so ziemlich jeder Schritt ausgeführt, der dem Bodenschatz im Verlaufe seines «Lebens» widerfährt. An der unscheinbaren Hoveniersstraat nehmen Spezialisten die Diamanten in Empfang, schleifen sie, polieren sie und verkaufen sie weiter. Die Händler, viele von ihnen indischen oder jüdischen Ursprungs, wuseln durch die Häuserschluchten. Manche ziehen – gut bewacht von Sicherheitsleuten und Kameras – gar einen Rollkoffer mutmasslich kostbaren Inhalts hinter sich her. Es ist nicht ohne Grund, dass der Zugang zum Viertel mit Strassenbarrieren eingeschränkt wird.
Der Diamantenhandel in Antwerpen ist ein Milliardengeschäft. Viele Jahre konnte man damit gutes Geld verdienen. Doch nun sind düstere Zeiten angebrochen, wie das Antwerp World Diamond Centre (AWDC) mitteilt: Die Importe und Exporte von Diamanten seien 2024 gegenüber dem Vorjahr um nicht weniger als 25 Prozent eingebrochen.
Labordiamant im Ehering
Die Ursachen sind vielfältig: Im Labor gefertigte Diamanten sind zu einer massiven Konkurrenz herangewachsen. Sie werden nicht mehr nur von der Industrie nachgefragt, sondern immer mehr auch von den Konsumenten – ein künstliches Juwel im Verlobungsring ist kein Tabu mehr. Die Preise für natürliche Diamanten sind dadurch stark unter Druck geraten und bewegen sich derzeit in ungeahnten Tiefen.
Das Wehklagen in Antwerpen hat aber noch einen weiteren, standortspezifischen Grund – und da wird die Geschichte politisch: Als Strafe für den Aggressionskrieg in der Ukraine dürfen russische Diamanten nicht mehr in die EU- und die G-7-Länder eingeführt werden.
Mit dem Argument, dass damit ein Mitgliedstaat – Belgien – weit überdurchschnittlich getroffen würde, hatte sich die EU-Kommission erst noch gegen die Massnahme ausgesprochen. Am 1. Januar 2024 trat das Sanktionspaket dann doch in Kraft, ab März wurde zudem ein indirektes Einfuhrverbot umgesetzt – also auch für russische Steine, die anderswo bearbeitet worden sind. Kurz: Die Antwerpener Diamantenindustrie ist derzeit einem «perfekten Sturm» ausgesetzt.
Ein Drittel kam aus Russland
Was einer breiten Öffentlichkeit nicht unbedingt bekannt ist: Russland ist der weltweit wichtigste Diamantenproduzent, deutlich vor afrikanischen Staaten wie Botswana oder Kongo. Entsprechend hart treffen die Sanktionen nun den Handelsplatz Antwerpen: Vor dem Ukraine-Krieg kam dort noch mehr als jeder dritte Rohdiamant aus Russland, nun fällt diese Quelle komplett weg.
Die Sanktionen würden zudem äusserst strikt umgesetzt, sagt die AWDC. Im Februar hätten die belgischen Ermittler eine illegale Einfuhr im Wert von 10 Millionen Euro entdeckt. Einem Rohdiamanten sehe man die Herkunft zwar nicht an, aber die Dokumentation sei präzise und werde genau überprüft – so sei den Behörden auch jener Fisch ins Netz gegangen.
Hunderte Leute in einer einzigen Firma entlassen
Das Luxusgütergeschäft ist per se grösseren Fluktuationen ausgesetzt als andere Wirtschaftsbereiche. Zum (Über-)Leben braucht niemand Diamanten, die Nachfrage folgt Konjunktur- und Modetrends. Wenige wissen das so gut wie Isi Mörsel, dessen Grossvater die Dali Diamonds Company einst mitgegründet hat. Er habe schon andere Einbrüche erlebt, doch diesmal sei die Krise heftiger, erzählt er.
Weil Dali Diamonds auf den Import von Rohdiamanten spezialisiert ist, fiel der Umsatz noch stärker als im Branchendurchschnitt – gemäss eigenen Angaben um mehr als 50 Prozent. Nicht weniger als ein Viertel der weltweit 1300 Angestellten habe er entlassen müssen, so Mörsel.
«Wir sind mehr bestraft als Russland»
Den Akteuren in Antwerpens Diamanten-Cluster schlagen zwei Herzen in der Brust: Aus einer moralischen Perspektive unterstützt man die Russland-Sanktionen vollumfänglich. Fürs Business hingegen sind sie schädlich. «Wir leisten gerne unseren Beitrag, verlangen aber gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle», sagt die AWDC-Mediensprecherin Ine Tassignon.
Am einfachsten liesse sich dies realisieren, wenn die Staaten, die andere wichtige Diamanten-Handelsplätze wie Mumbai, Dubai oder Hongkong beherbergen, die G-7-Sanktionen ebenfalls übernehmen würden. Das jedoch ist unrealistisch. Weil Antwerpen durch die Sanktionen an Bedeutung verliert, profitieren die anderen davon – schliesslich kann das Regime von Wladimir Putin einfach auf andere Abnehmer ausweichen. «Wir sind mehr bestraft als Russland», fasst Mörsel zusammen.
Um das Sanktionenregime der EU und der G-7 beeinflussen zu können, ist der politische Einfluss des Branchenverbandes zu klein. Also wendet er sich nun an «seinen» Staat. «Wir rufen die belgische Regierung auf, den Diamantensektor des Landes zu unterstützen», heisst es in einem Communiqué.
Inder erhalten das Visum kaum
Die Vereinigung, die im «Diamantkwartier» mit seinen drei Strassenzügen nicht weniger als 1400 Unternehmen vertritt, verlangt von den Behörden, dass sie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern. Will heissen: einfachere ausländerrechtliche Prozeduren, weniger strikte Bankenvorschriften und mehr Kontrollkulanz bei geringfügigen Abweichungen, etwa beim Gewicht einer Lieferung.
Man habe verschiedene Fälle dokumentiert, bei denen nichteuropäischen Familien – insbesondere indischen Kunden – die Visa-Erlaubnis erst nach langem Hinhalten oder gar nicht erteilt worden sei, sagt Tassignon. «Sie wollen die Ware sehen, bevor sie diese kaufen. Das ist doch verständlich», sagt sie.
Derzeit gibt es jedoch gar keinen befugten Adressaten, an den sich die Vereinigung wenden kann. Bis die neue Koalition steht, wird Belgien von einer Übergangsregierung verwaltet. Entsprechend kurz angebunden reagiert der Mediensprecher des Noch-Ministerpräsidenten, wenn man ihn nach einer Reaktion auf die Vorwürfe der Diamanten-Lobby fragt. Deren Forderungen richteten sich «klar an die neue Regierung», sagt er lediglich. Dort wiederum ist noch niemand zu sprechen: Die Medienverantwortliche des mutmasslich künftigen Ministerpräsidenten reagiert auf eine Anfrage nicht.
Sanktionen als Marketing-Chance
Den Kopf in den Sand zu stecken und auf externe Hilfe zu warten, kann für die Diamantenindustrie freilich keine Strategie sein – schliesslich haben die Sanktionen durchaus ein Marketingpotenzial: Ein Stein aus Antwerpen stammt mit allergrösster Wahrscheinlichkeit weder aus dem Aggressor-Staat Russland noch sonst einer Konfliktregion, wie es der sogenannte Kimberley-Prozess verlangt. Andere Handelsplätze gewährleisten nicht die gleiche Transparenz.
«Kundinnen und Kunden fragen gezielt nach Diamanten, die ethischen Standards entsprechen», sagt Tassignon. Zudem will die Branchenvereinigung von Antwerpen, wo praktisch keine Laborerzeugnisse gehandelt werden, die Vorteile von natürlichen Diamanten stärker anpreisen. Dies gelte einerseits für die «überaus fragwürdige» Nachhaltigkeitsbilanz, die künstliche Juwelen wegen des hohen Energiekonsums hätten.
Aber es geht auch um die Emotionen, die ein echter Stein auslösen soll. Der Händler Mörsel zieht einen Vergleich zum Kunstmarkt und sagt: «Eine Picasso-Kopie wird immer günstiger sein – und höchstwahrscheinlich sehen Sie nicht einmal einen Unterschied. Aber das Gefühl, wenn das Original an Ihrer Wand hängt, ist ganz ein anderes.»

