Die Tessinerin hat geschafft, woran andere gescheitert sind: Sie blieb auch nach ihrem Jahr als Miss Schweiz relevant – weil sie noch immer mehr Projektionsfläche als Persönlichkeit ist. Ein Porträt.

Die Miss-Schweiz-Wahl im Jahr 2006 war ein Fernsehabend, wie es ihn heute nicht mehr gibt. Zur besten Sendezeit, Samstag um 20 Uhr 10, übertrug das Schweizer Fernsehen, wie die fünfzehn Kandidatinnen in Abendkleidern und im Bikini über den Laufsteg stolzierten. Danach riefen 170 000 Zuschauer an, um ihrer Favoritin eine Stimme zu geben.

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Kurz vor dem Finale waren noch zwei Frauen übrig: Christa Rigozzi, «die Treue», wie der «Blick» sie nannte, weil sie seit sechs Jahren mit ihrem Freund zusammen war, und Xenia Tchoumitcheva, «die Wilde», die «Angelina-Jolie-Lippen» hatte und Sätze sagte wie: «Vielleicht bin ich zu sexy fürs Krönchen.»

Um 22 Uhr 12 sagten die Moderatoren: «Miss Schweiz 2006 ist: Christa Rigozzi!»

Man erinnert sich heute nur noch an wenige Gewinnerinnen. Melanie Winiger etwa, die Schauspielerin, oder Linda Fäh, die jetzt Schlagermusik macht. Aber erinnern Sie sich an Bianca Sissing, Whitney Toyloy, Lauriane Sallin?

Eine aber kennen alle noch: Christa Rigozzi. Sie ist die mit Abstand erfolgreichste Miss des Landes, weil sie bis heute mehr Projektionsfläche als Persönlichkeit ist. Rigozzi hat daraus ein Geschäftsmodell entwickelt, noch bevor das Wort «Influencerin» die Schweiz erreichte.

Rigozzi wirbt für alles Mögliche

Rigozzi schreibt auf ihrer Website, sie sei Markenbotschafterin für die Bank Cembra, die Automarke Genesis oder den Schuhladen Ochsner Shoes. Auf dem Instagram-Profil geht es weiter. Dort wirbt Rigozzi für den Bettenhersteller Hasena, den Staubsauger von Dreame, das Kollagen-Getränk von Mypureskin. Dazu gab es in der Vergangenheit schon Werbe-Posts für den Detailhändler Lidl, den Uhrenhersteller Omega oder die Fast-Food-Kette Burger King.

Die Liste liesse sich problemlos erweitern. Rigozzis Social-Media-Auftritt wirkt wie ein nicht enden wollender Werbespot.

Sie sagt: «Wenn mir ein Produkt nicht gefällt, werbe ich nicht dafür. Alles, was ich mache, ist authentisch, zu jedem Produkt gibt es eine Geschichte.» Im Falle der Bank Cembra klingt das so: «Christa ist eine Unternehmerin, sie ist viel unterwegs, im Inland und Ausland, sie braucht eine Kreditkarte.»

Wenn sie in der dritten Person von sich spricht, ist es, als gebe es zwei Rigozzis: einmal den Menschen, einmal die Unternehmerin.

Die Unternehmerin Christa Rigozzi ist erfolgreich und längst Millionärin. Neben den Werbeeinnahmen, die dann und wann auch mit Sachleistungen wie Reisen oder Fahrzeugen vergütet werden, sind vor allem die Moderationen lukrativ. Pro Anlass verdient Rigozzi bis zu 8000 Franken. Im Monat macht sie im Durchschnitt zehn Events.

Das Sprachtalent

An einem Februarmorgen moderiert Christa Rigozzi einen Event für den italienischen Luxusgüterhersteller Bulgari. Schauplatz: die Bar des Fünfsternehotels Hyatt Park in Zürich.

Fünfzig, sechzig Leute sind eingeladen. Mitarbeiter von Modemagazinen, Fotografen, Gäste. Viele tragen Jupe und Bluse, Rollkragenpullover und Einstecktuch. Das Servicepersonal schenkt Champagner aus. Zwei Models betreten den Raum, Abendkleider am Vormittag.

Rigozzi begrüsst ein paar Leute, die Organisatoren. Hier ein Küsschen, da eine Umarmung. Rigozzi antwortet und fragt, lacht und nickt. Es ist die grosse Kunst des Smalltalks.

Zehn Minuten später steht Rigozzi auf einer kleinen Bühne und heisst das Publikum willkommen. Bulgari hat seine Markenbotschafter eingeladen, die Rigozzi nun erzählen, welche Werte sie mit dem Unternehmen teilen. Das Video des Skirennfahrers («Geschwindigkeit, Technik, Präzision») übersetzt Rigozzi direkt vom Französischen ins Deutsche und Italienische. Mit der Balletttänzerin («Perfektion, Schönheit, Präzision») spricht sie Französisch, mit der Schauspielerin («Inspiration») Deutsch, mit dem Koch («Mischung aus Tradition und Moderne») Französisch.

Rigozzi kann switchen, hin und her zwischen den Welten und zwischen den fünf Sprachen, die sie fliessend spricht.

Rigozzi lernt die Schweiz kennen

Das hat mit ihrer Kindheit zu tun. Die Sommerferien verbringen die Rigozzis zwar in Italien und im Tessiner Rustico des Grossvaters. Im Herbst aber reisen sie durch die Schweiz. Christa ist vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Bärengraben und den Zytglogge in Bern sieht. Sie hat früh gelernt, dass es nicht nur la Svizzera gibt, sondern auch la Svizra, la Suisse und die Schweiz.

Rigozzis Eltern sind streng, stellen viele Regeln auf, fordern ihre Tochter. Aber sie fördern sie auch. Der Vater bringt ihr das Schwimmen, das Schlittschuhlaufen und das Skifahren bei. Rigozzi probiert alles aus, singt im Kirchenchor und geht ins Ballett.

Im Gymnasium wählt Rigozzi Latein als Schwerpunkt – und wird allmählich erwachsen: Sie entdeckt den Alkohol und den Ausgang, raucht den ersten und zugleich letzten Joint. Im Alter von 16 Jahren lernt Rigozzi vor dem McDonald’s in Bellinzona ihren heutigen Ehemann Giovanni kennen.

Rigozzi hat unzählige Male über ihre Kindheit gesprochen, die dann bisweilen wie ein Gemischtwarenladen wirkt. Es ist für jeden etwas dabei. Ein Joint? Ja, aber nur einmal. Alkohol, Ausgang, Dolce Vita? Natürlich, aber auch Disziplin.

Nach dem Gymnasium geht Rigozzi in die Deutschschweiz. Sie zieht nach Bern, um ihr Deutsch zu verbessern, und studiert in Freiburg, um ihr Französisch zu verbessern. Rigozzi wählt Medien- und Kommunikationswissenschaften im Hauptfach, Strafrecht und Kriminologie sowie Politikwissenschaften im Nebenfach. Und legt unbewusst den Grundstein für ihre Karriere.

Die Schweiz lernt Rigozzi kennen

Im Frühling 2006 sieht Rigozzi eine Werbung der Miss-Schweiz-Wahl. Sie ist 23 Jahre alt, das höchstmögliche Alter, um mitzumachen. Ihre Freundinnen überreden sie, der Vater springt als Fotograf ein und schiesst die nötigen Bilder.

In ihrem Missen-Jahr tourt Rigozzi durch die Schweiz. Sie gibt Interviews, setzt sich für Wohltätiges ein, tritt bei Sponsoren und im Fernsehen auf. Fast 600 000 Franken verdient sie in jenem Jahr, das ist Rekord. Gleichzeitig schliesst Rigozzi ihr Studium ab. Sie will auf Nummer sicher gehen, weil sie nicht weiss, ob sie im Showbusiness bleiben will.

Doch das Leben im Rampenlicht gefällt Rigozzi. Während die meisten Missen irgendwann einen anderen Weg einschlagen, sich früher oder später zurückziehen oder nicht mehr gefragt sind, macht Rigozzi nach dem Missen-Jahr einfach weiter: Interviews, Sponsorentermine, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Fernsehauftritte.

Die hiesigen Influencerinnen mögen heute deutlich mehr Follower haben als Rigozzi, aber sie bewegen sich in ihrer Social-Media-Bubble. Rigozzi dagegen kennen alle, die in den vergangenen zwanzig Jahren ab und zu ferngesehen haben.

Rigozzi hat «Bauer, ledig, sucht . . .» moderiert, den «Swiss Award» oder als Sidekick des damaligen SRF-Journalisten Jonas Projer das Format «Arena/Reporter». In «Die grössten Schweizer Talente» sass Rigozzi in der Jury und gab die gutgelaunte und gutaussehende Südländerin, die ab und zu einen Schenkelklopfer herausgehauen hat, den Herr und Frau Schweizer nicht zwischen den Zeilen suchen mussten.

Viele «Ja, aber»-Sätze

Bis vergangenen September hatte Rigozzi einen Manager. Seither organisiert sie sich selbst. Sie beschäftigt einen Make-up-Artisten und zwei Teilzeitsekretärinnen, die Rechnungen schreiben und Bürokram erledigen. Rigozzi selbst handelt Verträge aus, bespricht sich mit Sponsoren und Event-Managern, schreibt Moderationen, beantwortet E-Mails und Anrufe, betreut ihre Social-Media-Profile.

Christa Rigozzi ist ein One-Woman-Business, das mit sorgsam kalkuliertem Charme arbeitet. Sie ist sehr gewinnend, solange ihre Sendungen und Werbepartner erwähnt werden. So besteht Rigozzi zum Beispiel darauf, dass die Bilder dieses Artikels im Restaurant «Molino» gemacht werden, einem ihrer Sponsoren. Mails an Journalisten beendet sie auch einmal mit «Kiss».

Spricht die Unternehmerin oder die Privatperson?

Rigozzi sagt: «So, wie ich auf der Bühne bin, bin ich auch privat. Ich musste nie in die Rolle einer öffentlichen Person schlüpfen.» Vielleicht ist sie in ihrem Jahr als Miss Schweiz mit dieser Rolle verschmolzen – oder die Rolle mit ihr.

Ob Rigozzi deshalb oft so vage bleibt? Manchmal scheint es, als wolle sie möglichst wenig Angriffsfläche bieten, möglichst keinen Werbepartner verärgern. Sie sagt Sätze wie: «Ich kämpfe für die Frauen, aber ich bin keine Feministin.»

Es sind «Ja, aber»-Sätze, wie sie in der Schweiz, wo der Kompromiss König ist, gut ankommen. Es gehörte früher schon zum Wesen der Missen, mehr Projektionsfläche als Persönlichkeit zu sein. Rigozzi hat nie damit aufgehört. Womöglich braucht es auch deshalb keine Miss-Schweiz-Wahlen mehr. Das Land hat schon Christa Rigozzi, die ewige Miss.

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