Die palästinensische Terrororganisation übergibt die Verschleppten, obwohl sie am Montag angekündigt hatte, die Freilassung auszusetzen. Wie stabil ist die Waffenruhe noch?
Am Ende kamen sie doch frei: Sascha Troufanov, Yair Horn und Sagui Dekel-Chen wurden von der Hamas auf eine Bühne gezerrt und gezwungen, sich zu bedanken. Wenige Minuten später, gegen 10 Uhr 30 Ortszeit am Samstag, übergab das Internationale Rote Kreuz die drei verschleppten Männer der israelischen Armee. Nach 498 Tagen Tortur kehrten die Israeli in ihre Heimat zurück.
Der ähnliche Ablauf wie in den vergangenen Tagen – zynische Propagandashow im Gazastreifen, Bangen und Freude auf dem «Platz der Geiseln» in Tel Aviv – hätte beinahe darüber hinweggetäuscht, dass diese Geiselübergabe kurz zuvor noch auf der Kippe stand. Am Montagabend hatte die Hamas angekündigt, vorerst keine weiteren Geiseln freizulassen. Die Terrororganisation warf Israel unter fadenscheiniger Begründung vor, die Übereinkunft für eine Waffenruhe gebrochen zu haben. Die palästinensischen Islamisten forderten vor allem, dass mehr Hilfsgüter sowie Mobilheime und schwere Maschinen in den Gazastreifen geliefert werden.
Israel verlegte daraufhin Truppen an die Grenze zum Gazastreifen und schwor, den Krieg wieder aufzunehmen, falls die Geiseln nicht freigelassen werden. Kurz vor dem Zusammenbruch des Abkommens wurden sich die Hamas und Israel allerdings noch einig. Am Donnerstag erreichten erstmals über 800 Lieferwagen mit Hilfsgütern den Gazastreifen, tags darauf übermittelte die Hamas die Liste der drei freizulassenden Geiseln. Dennoch: In der vierten Woche der Waffenruhe ist das Geiselabkommen so brüchig wie noch nie.
Folter und Misshandlung der Hamas
Die Hamas sieht sich unter Druck wegen Donald Trumps Gaza-Plänen. Mit der Drohung am Montag wollten die Islamisten vor allem ein Signal senden: Über eine Zukunft des Gazastreifens soll nicht ohne sie verhandelt werden. Der Plan des US-Präsidenten sieht eine Entvölkerung des Gazastreifens und einen Machtverzicht der Hamas vor.
Sollte dieses Szenario tatsächlich kurz bevorstehen, sind die verbliebenen Geiseln die einzige Lebensversicherung für die Terroristen. Mit ihrer Ankündigung vom Montag hat die Hamas in Erinnerung gerufen, dass sie zumindest mit einem Bruch der Waffenruhe spielt, falls die Aussichten für sie zu schlecht werden. Dazu passt auch, dass am Donnerstag erstmals seit Beginn der Waffenruhe eine Rakete aus dem Gazastreifen abgefeuert wurde. Sie landete in Gaza, die israelische Luftwaffe beschoss die Abschussrampe.
In Israel ist seit der vergangenen Woche der Druck auf die Regierung noch stärker gestiegen, alles für eine Rückkehr der verbliebenen Geiseln zu tun. Die Bilder der ausgemergelten Männer bei der vorangegangenen Freilassung haben bei vielen Israeli die Überzeugung gestärkt, auch die restlichen Geiseln so schnell wie möglich zurückzubringen. Über zwei Drittel der Bevölkerung unterstützen laut einer Umfrage eine Fortsetzung des Geiselabkommens.
Die am Samstag freigekommenen Männer sahen ebenfalls dünn aus, liefen allerdings mit festem Schritt von der Bühne zum weissen Fahrzeug des Internationalen Roten Kreuzes. Doch auch bei ihnen ist davon auszugehen, dass sie in den vergangenen 498 Tagen Hunger gelitten haben und Folter ausgesetzt waren.
Je mehr Geiseln freikommen, desto klarer wird, unter welchen schrecklichen Bedingungen die Verschleppten von der Hamas festgehalten werden. Geiselangehörige berichteten diese Woche, dass ihre Familienmitglieder von ihren Wächtern gewürgt und geknebelt wurden, bis sie beinahe erstickten. Zudem seien ihnen Brandwunden zugefügt worden. An manchen Tagen sollen die Wächter einer Gruppe von Männern nur ein verfaultes Stück Brot gegeben haben, das sie miteinander teilen mussten. Den jungen Soldatinnen, die zu Beginn der Waffenruhe freikamen, spielte die Hamas Videos der Folterungen vor. So berichtete es Shira Albag, die Mutter einer Verschleppten.
Im Austausch für die drei Geiseln hat Israel am Samstag 369 palästinensische Gefangene freigelassen, darunter 33, die unter anderem wegen tödlicher Terrorangriffe eine lebenslange Haftstrafe verbüssen. Auch einige der palästinensischen Gefangenen kamen bei vergangenen Freilassungen in einem schlechten gesundheitlichen Zustand aus der Haft und mussten teilweise sofort ins Spital überführt werden. Immer wieder wird Israel vorgeworfen, Palästinenser in Gefängnissen zu misshandeln und gar zu foltern.
Das Abkommen steht auf tönernen Füssen
Obwohl beide Seiten diese Woche noch eine Einigung erzielen konnten, steht das Abkommen zwischen Israel und der Hamas auf tönernen Füssen. Eine zentrale Forderung der Hamas ist offenbar nicht erfüllt: Schwere Maschinen sowie Mobilheime sollen sich laut Medienberichten vor dem Grenzübergang Rafah im Süden des Gazastreifens stauen, allerdings nicht hineingelassen werden. Am Mittwoch sagte ein Sprecher von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, dass Israel diese Güter nicht in den Küstenstreifen hineinlasse.
Zudem haben die Verhandlungen über die zweite Phase der Waffenruhe noch nicht begonnen. Das teilte zuerst Netanyahu und wenige Tage darauf ein Hamas-Sprecher mit. Gemäss der Übereinkunft hätten die Verhandlungen über die zweite Phase schon vor zwei Wochen beginnen sollen. Diese soll die Freilassung aller lebenden Geiseln und ein Ende des Krieges beinhalten – Letzteres lehnen Netanyahu und seine rechtsextremen Koalitionspartner ab.
Die Hamas scheint hingegen daran interessiert zu sein, die Waffenruhe fortzusetzen. Wohl auch, weil die zweite Phase einen permanenten Abzug israelischer Truppen beinhaltet. Sie hofft offenbar, so ihre Kontrolle zu festigen und den Trump-Plan abwenden zu können. Ihre Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen signalisierte die Terrorgruppe am Samstag in besonders zynischer Weise. Auf der Bühne, wo die freigelassenen Geiseln eine Dankesrede halten mussten, hatten die Terroristen ein Foto von Matan Zangauker neben einer Sanduhr und dem Schriftzug «Die Zeit läuft ab» platziert. Der junge Mann soll erst in der zweiten Phase der Waffenruhe freikommen.

