Donnerstag, April 3

Auf den ersten Blick haben die beiden Krankheiten wenig miteinander zu tun. Doch nun zeigt eine Studie: Bei beiden könnte das gleiche Virus eine Rolle spielen. Auch das spricht für eine Impfung, die Senioren ohnehin empfohlen wird.

Vor 27 Jahren lobte der amerikanische Virologe Leslie Norins einen Preis aus, die Alzheimer’s Germ Quest: Eine Million Dollar sollten den Wissenschaftern zustehen, die als Erste Beweise dafür vorlegen, dass der Morbus Alzheimer eine Art Infektionskrankheit ist. Dass also Bakterien, Viren oder andere Erreger für die Zerstörungen im Gehirn verantwortlich sind.

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Norins war es leid. Schon Jahre zuvor hatte die Biophysikerin Ruth Itzhaki Herpesviren in den Gehirnen von verstorbenen Alzheimerkranken entdeckt. Und dennoch erzielte das Fachgebiet keine Fortschritte. Mit zahlreichen Methoden hatte die Wissenschaft versucht, Amyloid-Eiweisse im Gehirn von Erkrankten zu entfernen. Diesen wird laut gängiger Theorie bislang die Hauptschuld am Untergang der Nervenzellen zugewiesen. Bilden Menschen zu viel davon, so das Konzept, führt das unter Beteiligung weiterer zerstörerischer Proteine zum Untergang des Gewebes.

Ein neuer Ansatz: Alzheimer als Infektionskrankheit

Alle diese Therapie-Versuche waren gescheitert. Und noch immer konnte niemand wirklich erklären, warum die Kranken überhaupt solche Amyloid-Plaques bilden. Wäre es nicht an der Zeit, einmal einen neuen Ansatz ausprobieren?, fragten er und einige Kollegen sich. Und endlich die Hypothese, infektiöse Erreger könnten dahinterstecken, zu überprüfen?

Am Mittwoch haben Wissenschafter nun, 27 Jahre nach Norins Aufruf, in der Fachzeitung «Nature» erstmals etwas vorgelegt, das dem gewünschten Beweis zumindest nahekommt. Zwar konnten die Ökonomen Markus Eyting und Min Xie von den Universitäten Mainz und Heidelberg nicht direkt belegen, dass ein Erreger für die Entstehung von Demenzen verantwortlich ist. Aber ihre Studie liefert überzeugende Hinweise dafür, dass eine Impfung – umgekehrt – vor Demenz schützt oder zumindest teilweise dazu in der Lage ist.

Die Forscher haben mit Kollegen die Gesundheitsdaten von Senioren aus Wales ausgewertet, die kurz vor oder nach dem 1. September 2013 achtzig Jahre alt geworden sind. Der jüngeren Gruppe wurde die Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus nahegelegt, der älteren nicht. Der Erreger verursacht die Windpocken und bei Immungeschwächten und älteren Menschen die Gürtelrose.

Demenzrisiko um 20 Prozent vermindert

Das Ergebnis der Datenanalyse: Das Risiko, im Verlauf der kommenden sieben Jahre eine Demenzdiagnose zu erhalten, lag bei den nach dem Stichtag Geborenen um 20 Prozent niedriger als bei der anderen. Statt bei 17,5 Prozent der Senioren wurde in dem Zeitraum nur bei 14 Prozent die Krankheit festgestellt.

Überzeugend ist die Studie vor allem durch ihren klugen Aufbau: «Wenn etwas einer randomisiert kontrollierten Studie nahekommt, dann ist es das Design unserer Untersuchung», sagen die beiden Autoren. Beweiskraft wird in der Medizin eigentlich nur diesem Goldstandard der wissenschaftlichen Untersuchung zugestanden. Denn randomisiert bedeutet, dass Versuchspersonen zufällig einer Behandlung zugeteilt werden oder alternativ einer Scheintherapie. Dieses Design soll dafür sorgen, dass keine fremden Einflussfaktoren die Ergebnisse verfälschen können.

Wer die Wirksamkeit von Impfungen testet, muss zum Beispiel den Einflussfaktor neutralisieren, dass sich besonders gesundheitsbewusste Menschen nicht nur eher impfen lassen, sondern auch seltener an Demenz erkranken. Eyting und Xie ist das gelungen. Denn bei den von ihnen verglichenen Personen gibt es nur einen einzigen, minimalen Unterschied: den Geburtstermin. Die beiden Wissenschafter haben mittels statistischer Methoden weitere Störfaktoren ausgeschlossen: andere Impfungen, beliebte Medikamente oder häufige Diagnosen beispielsweise.

Viren gelten schon länger als Verdächtige

Überraschend ist ihr Ergebnis nicht: Schon vorher hatten sich jüngst die Hinweise gehäuft, dass gerade Varizella Zoster bei der Entwicklung von Demenzen eine massgebliche Rolle spielt oder enge Verwandte von ihm, andere sogenannte Herpesviren: Im Labor liess sich zeigen, dass solche Erreger in künstlichen Nervenzellkonglomeraten alzheimerartige Veränderungen auslösen. Eine Studie deutete zudem darauf hin, dass Menschen mit Herpesinfektion häufiger zu Alzheimeropfern werden.

«Aber bislang ist noch niemandem so überzeugend gelungen, das Umgekehrte zu zeigen: dass ein Schutz vor Viren, eine Impfung, mit weniger neurologischen Erkrankungen verbunden ist», sagt Konstantin Sparrer, der als Neurovirologe am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen am Standort Ulm arbeitet. «Das ist ein weiteres wichtiges Indiz dafür, dass nicht nur die Gene oder das Pech schuld an solchen neurodegenerativen Krankheiten sind, sondern dass auch Viren eine Rolle spielen.»

Wie die Erreger die Entstehung von Demenzen begünstigen, darüber lässt sich bislang nur spekulieren. Zeit genug hätten die Zoster-Viren, um Schlimmes zu bewirken. Die meisten Menschen infizieren sich bereits als Kind und erleben den Erstkontakt als Windpocken. Danach nistet sich der Erreger in Nervenschaltzentren in Nachbarschaft des Rückenmarkes ein, den sogenannten Spinalganglien – das ist bei mehr als 95 Prozent der Erwachsenen der Fall. Dort fällt er in den Schlaf, weil die Nervenzellen die Vermehrung der Viren unterdrücken.

Besonders gefährlich: häufige Gürtelrose-Schübe

Manchmal, wenn die Körperabwehr schwächelt, erwacht Varizella Zoster wieder. Dann beginnt es, sich wieder entlang der Nervenbahnen auszubreiten. Im Bereich des Körpers verursacht das die schmerzhaften Gürtelrose-Symptome, im Gehirn schlimmstenfalls eine Enzephalitis, eine Gehirnentzündung.

Diese Attacken auf das Gehirn, glaubt Konstantin Sparrer, könnten bei der Entstehung von Demenzen eine massgebliche Rolle spielen. Zudem geht mit dem Tod der Nervenzellen eine Entzündung einher, und diese verursacht zusätzliche Schäden. Es gibt sogar Indizien, dass das gefährliche Amyloid im Gehirn als Abwehrmittel gegen eindringende Erreger gebildet wird. «Wenn solche Aufwach-Zyklen mehrmals stattfinden, könnten sich die Schäden addieren und irreparabel werden», sagt Sparrer. Das würde erklären, warum sich ein Morbus Alzheimer über Jahrzehnte entwickelt. In der neuen Studie waren besonders die Personen gefährdet, die mehrere Gürtelrose-Schübe erlebten.

Eine andere mögliche Erklärung wäre, dass die Impfung indirekt schützend wirkt. Laut dieser These stimuliert sie überall im Körper das Immunsystem und damit auch Reparaturmechanismen im Gehirn. Das veranlasst die dort stationierten Abwehrzellen, vorhandene Schäden zu beseitigen. Für diese Überlegung spricht, dass in der Studie Frauen im besonderen Masse von der Impfung profitierten. Das Immunsystem von Frauen reagiert sensibler als das von Männern.

Womöglich hat das Virus einen Verbündeten

Noch komplexer wird die Angelegenheit dadurch, dass womöglich noch ein zweites Herpes-Virus bei der Entstehung von Demenz eine Rolle spielt: Herpes simplex. Die Theorie: Wenn Zoster-Viren im Gehirn aktiviert werden, stimulieren sie auch diesen gefährlichen Verwandten. Auch diese Kooperation könnte eine Impfung unterbinden.

«Mit dieser Studie gibt es einen weiteren guten Grund, die Impfung gegen Gürtelrose in Anspruch zu nehmen», sagt Klaus Überla, der Direktor des Virologischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen. Denn diese wird Menschen in Deutschland ab 60, in der Schweiz ab 65, ohnehin von den Impfkommissionen empfohlen. Allerdings kommt in beiden Ländern ein modernerer Impfstoff zum Einsatz als der, der in der Studie verwendet wurde. Der scheint aber nicht nur vor Gürtelrose, sondern auch vor Demenz noch besser zu schützen. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie aus dem vergangenen Jahr, die von der Machart der aktuellen sehr ähnlich ist.

Eyting und Xie wollen nun ihr Ergebnis noch einmal mit Daten aus anderen Ländern überprüfen. Der Leiter ihrer Arbeitsgruppe, Pascal Geldsetzer von der Stanford University, geht sogar noch weiter: Er bereitet gerade eine randomisiert-kontrollierte Untersuchung zum Thema vor: «Nur so wird sich die medizinische Community überzeugen lassen», schreibt er in einer Mail. Auf diese Weise würden sich auch viele verbleibende Zweifel beseitigen lassen.

Leslie Norins Preis wurde allerdings schon vergeben. Acht Finalisten mussten 2021 eine verringerte Belohnung unter sich aufteilen. Denn den abschliessenden Beleg für die Infektionskrankheit-Hypothese waren alle schuldig geblieben. Vielleicht war der Stifter einfach zu ungeduldig.

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