Sie verliebten sich per Briefpost – und planten ihre Hochzeit, ohne sich ein einziges Mal gesehen zu haben. Wie sie es geschafft haben, zusammenzubleiben: Folge 3 der Serie «Alte Lieben».

Es war eigentlich ziemlich unwahrscheinlich, dass sich Roland und Mila Burkhard einmal vor dem Cheminée in ihrer Berner Wohnung gegenübersitzen würden – und auf über vierzig Jahre als verheiratetes Ehepaar zurückblicken. Denn Roland und Mila Burkhard lernten sich per Brieffreundschaft kennen. Zwei fremde Menschen aus zwei völlig fremden Ländern.

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Es war in den 1970er Jahren, Roland Burkhard doktorierte an der HSG in St. Gallen. Eine längere Beziehung ging gerade in die Brüche. Er war 28 Jahre alt und fühlte sich oft allein. Ein Kollege erzählte ihm, er habe zu Hause Listen mit Fotos und Adressen von Frauen aus dem Ausland – für Brieffreundschaften.

So fing alles an.

Er: «Ein Mädchen aus den Philippinen hat mir gut gefallen. Ich dachte mir: ‹Komm, der schreib ich doch mal.›»

Sie (erhebt ironisch den Mahnfinger und lacht): «Das war nicht ich.»

Er (lacht): «Nein, noch nicht.»

Mit der ersten Frau tauschte Roland Burkhard zwei, drei Briefe aus. Beide merkten bald: Das passt irgendwie nicht. Sie beendeten ihre Brieffreundschaft.

Einige Zeit später erhielt Burkhard wieder einen Brief aus den Philippinen. Er war verwirrt und dachte, die Frau wolle ihm nochmals etwas sagen. Doch als er das Couvert öffnete, war darin ein anderer Brief – von Mila, geschrieben auf dem Rezeptpapier eines Spitals im Süden des Landes.

Er: «Ich dachte: ‹Herrgottnochmal, das ist ja eine Ärztin, die mir da schreibt.› Ich war beeindruckt und habe sofort zurückgeschrieben.»

Sie: «Rolis erste Brieffreundin arbeitete mit mir im Spital, wo ich damals als Kinderärztin tätig war. Sie hatte eine Liste mit Männern für Brieffreundschaften. Die Kollegin verteilte Kontakte an Krankenschwestern und Ärztinnen. Am Ende blieben zwei Männer übrig. Beide hiessen Burkhard. Einer wohnte in Deutschland, der andere in der Schweiz. Ich dachte: Schweiz? Das klingt gut. Ich nahm das Rezeptpapier und stellte mich kurz vor.»

Aus einem Hobby wurde Liebe

Mila war damals 26 Jahre alt. Auch bei ihr ging gerade eine langjährige Beziehung in die Brüche. Sie langweilte sich und suchte ein neues Hobby: schreiben. Da kam eine Brieffreundschaft gerade richtig.

Der erste Brief von Mila Burkhard, geschrieben auf dem Rezeptpapier des Spitals, in dem sie arbeitete.

Doch es blieb nicht bei einer simplen Schreibübung. Beide merkten, dass sie irgendwie gleich tickten – und das, obwohl sie Tausende von Kilometer trennten.

Er: «Unsere Wertvorstellungen waren dieselben, auch unsere Träume, was unser Leben anbelangt. Es war schon sehr erstaunlich, dass dieses Mädchen vom anderen Ende der Welt gleich denkt wie ich.»

Sie: «Er schrieb, er könne nicht gut Englisch. Dennoch verfasste er siebenseitige Briefe. Ich war beeindruckt. Und seine Handschrift . . .» (Mila Burkhard kommt ins Schwärmen und grinst verschmitzt.) «Seine Handschrift war nicht verkrampft. Das sagte mir: Dieser Mann ist zielstrebig, tatkräftig.»

Er: «Meine ersten Briefe, ich kann Ihnen sagen: Das war eine titanische Arbeit. Mit dem Dictionnaire quälte ich mich durch die Nacht und noch weit darüber hinaus, bis die Briefe endlich fertig waren.»

Sie: «Schon bald schickten wir uns Fotos. Mir gefielen seine schönen Augen.» (Mila Burkhard lacht und klatscht in die Hände.) «Ich habe sein Foto unter mein Kissen geschoben und darauf geschlafen.»

Roland und Mila Burkhard verliebten sich per Brieffreundschaft. Sie warteten jeweils sehnsüchtig auf den Brief des anderen. Ein Jahr lang ging das so. Doch irgendwann merkten sie, dass Briefe nicht mehr ausreichten. Sie wollten sich endlich treffen.

Es ist die Zeit, in der die Probleme begannen.

Er: «Ich war mitten im Abschluss meines Doktorats, und Mila lebte in einem katholischen Land, in dem damals das Kriegsrecht herrschte. Sie verfügte nicht einmal über einen Pass. Trotzdem schrieb ich ihr: ‹Hey, ich fände es super, wenn wir heiraten würden.› Und sie? Sie sagte: Ja. Das war einer der schönsten Momente für mich.»

Roland Burkhard wollte, dass Mila in die Schweiz kommt. Sein Plan: Beide sollten hier zur Probe wohnen – um zu sehen, ob das mit ihnen beiden auch wirklich passt.

Doch Mila antwortete, sie könne nicht einfach ausreisen. Falls sie nicht heirateten und sie als Frau allein in die Philippinen zurückreisen müsste, dann würde sie in ihrem Heimatland geächtet.

Sie: «Ich sagte: ‹Wir heiraten, aber hier, in den Philippinen.›»

Er: «Das war ein Schock für mich. Zudem waren meine Eltern total dagegen. Sie sagten: ‹Du bist doch verrückt!› Auch meine Freunde sagten mir: ‹Du kannst doch nicht ein Mädchen heiraten, das du noch nie gesehen hast. Das ist doch, wie mit zusammengebundenen Beinen in einen Sumpf zu springen.›»

In Roland Burkhard kamen Zweifel hoch. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Rückblickend bezeichnet er dies als die schwierigste Phase in ihrer Beziehung.

Die Entscheidung fiel nach einer Nacht, in der er praktisch nicht geschlafen hatte. Burkhard willigte ein.

Per Briefpost planten die beiden ihre Hochzeit. Sie spielten administrativ alles durch, die Zeremonie, die Gäste, das Finanzielle.

Er: «Wir waren faktisch bereits verheiratet, ohne uns einmal gesehen zu haben.»

Hochzeit ohne die eigene Familie

Roland Burkhard buchte drei Tickets nach Manila. Eines für sich, zwei für seine Eltern. Am Ende flog er allein. Die beiden Plätze neben ihm blieben leer. Seine Eltern weigerten sich bis zuletzt, mitzukommen.

Am Flughafen von Manila sahen sich die Verlobten zum ersten Mal – vierzehn Tage vor dem Fest. Roland stieg die Treppe des Flugzeugs hinunter und sah Mila auf dem Rollfeld.

Er: «Wir gingen aufeinander zu, umarmten uns, küssten uns. So, als ob wir uns schon ein Leben lang gekannt hätten. Das war wunderschön.»

Sie: «Ich war mit meiner Mutter und einer Verwandten dort. Und beide waren erstaunt: Wie können sie sich so umarmen und küssen, obwohl sie sich vorher noch nie gesehen haben?»

Auch Milas Eltern waren anfangs nicht einverstanden mit dieser Heirat. Einen Ausländer zu heiraten, das sei ein Risiko, sagten sie. Allein in die Schweiz zu ziehen, wo ihr niemand helfen könne.

Sie (lacht): «Aber ich ging dieses Risiko gerne ein. Und als sie ihren Schwiegersohn kennengelernt hatten, seinen Charakter, seinen Humor, da waren sie glücklich.»

Er: «Ich fühlte mich sofort aufgenommen.»

Es wurde eine riesige Hochzeitsfeier. 250 Gäste kamen. 249 von Milas Seite – und Roland.

Sie (lacht): «Wir heirateten an meinem 27. Geburtstag. Am 22. August 1977. Ich wollte, dass er unseren Hochzeitstag nicht vergisst.»

Er: «Wir blieben ungefähr drei Wochen in den Philippinen. Dann sind wir in die Schweiz gereist.»

Die Ankunft in Bern war schwierig. Zwar empfingen Rolands Eltern das frisch verheiratete Ehepaar am Bahnhof. Doch die Begrüssung fiel eisig aus.

Er: «Das Erste, was meine Mutter zu mir sagte, war: ‹So schön ist sie also auch nicht› – und zeigte auf Mila.»

Sie (schüttelt nachdenklich den Kopf): «Für mich war das der schwierigste Moment in unserer Beziehung. Seine Mutter warf mir vor, ich hätte Roli nur wegen seines Doktortitels geheiratet. Ich aber sagte: ‹Ich habe selber einen Doktortitel.›»

Er: «Mila dachte, sie würde in eine Familie einheiraten, die sie willkommen heisst. Wo sie mit offenen Armen empfangen würde. Doch dem war nicht so. Mein Vater blieb zwar relativ neutral, kühl. Aber mit meiner Mutter gab es dauernd Streit.»

Sie: «Ich musste immer gegen Widerstände ankämpfen. Aber ich war glücklich, dass mich Roli stets verteidigt hat.»

Das Geheimnis? Immer Dankeschön sagen

Nach der Ankunft in Bern fand Mila Burkhard eine Anstellung als Ärztin am Inselspital in Bern. Roland machte derweil Karriere bei der Bundespolizei. Später wechselte auch Mila zur gleichen Behörde wie ihr Mann.

Er: «Wir suchten damals Leute für eine spezielle nachrichtendienstliche Operation: Früherkennung von ausländischen Terroristen. Hierfür brauchten wir Personen, die sensitive Daten verarbeiten sollten. Von aussen konnten wir aber niemanden einarbeiten, das wäre zu kritisch gewesen. Deshalb rekrutierten wir Angehörige, da sie bereits das volle Vertrauensverhältnis hatten. Daraus wurde irgendwann eine Daueranstellung für Mila. Mehr kann ich nicht sagen, wir sind noch ans Amtsgeheimnis gebunden.»

Sie: «Ich war ab dem Moment nicht mehr Ärztin. Mein Hobby – das Schreiben – wurde zum Beruf.»

Vor sechs Jahren kam es plötzlich zu einem Ereignis, das Roland Burkhard als den schlimmsten Moment in seinem Leben bezeichnet. Seine Frau musste notfallmässig ins Spital. Sie kam direkt auf die Intensivstation. Die Ärztin erklärte ihm, Mila befinde sich in einem sehr kritischen Zustand.

Er: «Vom Morgen bis Mitternacht war ich dort. Dann kam die Ärztin wieder und sagte, es wäre besser, wenn ich nach Hause gehen würde. Ich fragte: ‹Ist es schlimm?› Die Ärztin: ‹Ja.› – Gibt es Hoffnung? Dann kam die Antwort, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde: ‹Hoffen kann man immer.›»

Sie: «Ich war neun Tage im künstlichen Koma, ich hatte eine Lungenembolie.»

Er: «Ich ging nach Hause in der Überzeugung, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich die schlechte Nachricht erhalte. Ich habe keine Minute geschlafen. Am Morgen rief ich im Spital an. Sie sagten, der Zustand sei immer noch kritisch, aber stabil.»

Sie: «Ich musste alles wieder lernen: sprechen, Bewegungen, laufen, sitzen. Ich war wie eine Puppe.»

Er: «Nach der Intensivstation musste Mila zwei Wochen in die Reha. Da merkte ich, wie sehr ich sie brauche, liebe und wie sehr sie mir fehlte. Wenn man unfreiwillig getrennt wird, merkt man das.»

Und so kam es, dass zwei Menschen, die kaum weiter entfernt voneinander hätten aufwachsen können, zueinander gefunden haben – und auch nach diesem Schicksalsschlag zusammenbleiben konnten. Wie haben sie das geschafft?

Sie: «Mit Humor, mit Liebe.»

Er: «Mit Vertrauen.»

Sie: «Und mit Respekt.» (Mila Burkhard erhebt nochmals den ironischen Zeigefinger): «Man sollte nie vergessen, Danke schön zu sagen. Denn in einer Beziehung ist nichts selbstverständlich.»

Er: «Mir war auch wichtig, dass wir uns nie über Geld streiten. Von Anfang an sagten wir: ‹Was wir haben, gehört uns beiden.›»

Sie (nimmt den Arm ihres Mannes): «Auch Intimität ist wichtig. Berührungen.»

Er: «Wir sind heute beide von Krankheiten gezeichnet. Ich habe chronische Leukämie, Mila hat schwere Herzprobleme. Das hat natürlich auch Einfluss auf unsere Sexualität. Aber man kann Sexualität auch anders leben.»

Sie: «Wenn man jung ist, ist es eher physisch. Das ändert sich natürlich im Alter.»

Er: «Bei einem Punkt können wir allerdings nicht mitreden: Kinder. Wir hatten keine. Schon als wir uns kennenlernten, waren Kinder kein grosses Thema. Wir sagten uns: ‹Wenn es sie gibt, gibt es sie. Wenn nicht, sind wir auch nicht unglücklich.›»

Roland Burkhard steht von seinem Ledersessel auf, geht zum Salontisch und öffnet einen Ordner. Zuvorderst befindet sich der erste Brief von Mila, geschrieben auf dem Rezeptpapier jenes Spitals in den Philippinen.

Dann lässt Burkhard die restlichen Briefe durch seine Finger gleiten, als ob er ein Daumenkino abspielte. Jeder einzelne dieser Zettel brachte die beiden einander ein Stück näher – bis die Tausende von Kilometern, die sie trennten, gänzlich überwunden waren.

In der Serie «Alte Lieben» erzählen Paare im hohen Alter, wie sie zueinandergefunden haben – und wie sie es geschafft haben, zusammenzubleiben. Die Folgen erscheinen alle zwei Wochen. Sind Sie selbst ein Paar im Alter über 75 Jahre, das uns seine Geschichte erzählen will? Schreiben Sie uns, an gesellschaft@nzz.ch.

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