Die Gefahr eines Börsencrashs ist real. Das globale Finanzsystem ist ohnehin angeschlagen – vor allem wegen der explodierenden Schulden.

Die alte Weltordnung zerfällt. Ausgerechnet Amerika, der Hort der freien Marktwirtschaft, bricht einen Handelskrieg vom Zaun. Plötzlich ist Europa für die USA kein Verbündeter mehr, sondern ein Schmarotzer. Was bedeutet diese abrupte Wende für die Finanzmärkte, kommt es gar zu einem Crash?

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«Ab jetzt herrscht das Gesetz des Dschungels», mahnt Ray Dalio zu Recht. Der Gründer des weltgrössten Hedge-Funds Bridgewater zeichnet für die Zukunft ein düsteres Bild: Er prognostiziert geopolitische Umwälzungen, wie sie die meisten Menschen heute als unvorstellbar einstufen.

Gravierend sei dieser Handelskrieg vor allem deshalb, weil gleichzeitig die weltweiten Schulden explodieren. Selbst die USA könnten innerhalb von drei Jahren einen Schuldenkollaps erleiden, davon ist Dalio überzeugt. «Wir stehen vor einer gewaltigen Herausforderung», erklärte der schwerreiche Investor gegenüber dem TV-Sender CNBC. «Wir müssen uns auf überraschende Entwicklungen einstellen, die uns ebenso schockierend erscheinen wie manche Ereignisse aus der Vergangenheit.»

Nun erwachen die «Animal Spirits»

Wie soll man sich als Anleger in diesem Börsendschungel zurechtfinden? Letztlich geht es an den Finanzmärkten stets um dasselbe: um Vertrauen. Es braucht viel Zeit, um dieses wertvolle Kapital aufzubauen. Doch zerstört ist das Vertrauen im Nu. Gerade in unsicheren Zeiten erwachen die «Animal Spirits», die animalischen Instinkte, der Anleger. Ihr Verhalten folgt nicht mehr rationalem Kalkül. Stattdessen nehmen unreflektierte Impulse wie Herdentrieb oder gar Panik überhand.

Deshalb ist der von US-Präsident Donald Trump entfachte Handelskrieg so gefährlich. Die Zuversicht an den Märkten ist jäh umgeschlagen in Nervosität und Skepsis. Seit Februar hat der US-Index S&P 500 über 10 Prozent an Wert verloren. Dabei hat keine andere Börse mehr vom Vertrauensbonus der Anleger profitiert als die amerikanische. Das zeigt sich exemplarisch an ihrer rekordhohen Bewertung.

Ein geeigneter Massstab ist der sogenannte Buffett-Indikator. Der legendäre Investor Warren Buffett setzt die Börsenkapitalisierung eines Landes in Relation zu seiner Wirtschaftsleistung. Derzeit kostet der amerikanische Aktienmarkt unerreichte 200 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Der frühere Höchstwert von 140 Prozent stammt aus dem Jahr 2000, bevor die New-Economy-Blase platzte. Auch Buffett selbst traut der Lage nicht mehr. Er hat massenhaft Aktien verkauft und hortet inzwischen über 300 Milliarden Dollar an Cash.

Pikanterweise verdankt die US-Börse ihren Erfolg auch jenen Ländern, mit denen Trump nun einen Handelskrieg anzettelt. Aktien im riesigen Wert von 17 000 Milliarden Dollar befinden sich in ausländischen Händen. Die Schweiz steht mit 800 Milliarden Dollar auf Rang sieben, Deutschland mit 500 Milliarden auf Platz elf. Ähnlich gross ist der ausländische Besitzanteil bei den amerikanischen Bonds.

Seit diesem Jahr allerdings hat eine bemerkenswerte Umkehr der globalen Geldflüsse eingesetzt. Plötzlich wenden sich die Investoren von den erfolgsverwöhnten Amerikanern ab. Die US-Börse liegt im Minus, während die europäischen oder chinesischen Märkte deutlich zugelegt haben. Trotzdem bleiben die Grössenunterschiede gewaltig: Obwohl nur 4 Prozent der Weltbevölkerung in den USA leben, erreicht der Anteil an der globalen Börsenkapitalisierung 65 Prozent. Das zweitplatzierte Japan kommt im MSCI-Weltaktienindex derweil auf mickrige 5 Prozent.

Trump kann die Börse nicht steuern

Die erdrückende Dominanz der US-Börse lebt vom Glauben an den «Amerikanischen Exzeptionalismus». Doch Trump hat dessen Strahlkraft bereits erheblich ruiniert. Wohl kann der US-Präsident mit seinen Dekreten das politische Geschehen lenken. Die internationalen Geldflüsse jedoch entziehen sich seiner Macht. Die Börse ist ein unbestechlicher Wächter von Trumps Staatsführung – und eine der wenigen verbleibenden Kontrollinstanzen.

Die merkantilistische Handelspolitik offenbart die Abneigung von Donald Trump gegenüber den Marktkräften. Erst recht gilt diese Haltung für seinen Vizepräsidenten J. D. Vance. «Wir sind fertig damit, die Wall Street zu bedienen. Stattdessen setzen wir uns für die Arbeiter ein», versprach er anlässlich seiner Nominierung. Die Partei der Arbeiter, das sind heute die Republikaner. Am meisten Stimmen haben sie bei den jüngsten Wahlen im unteren und mittleren Einkommenssegment geholt.

Dieser Sinneswandel in den USA bedroht vor allem auch die globale Währungsordnung. Das universale Vertrauen in den Dollar bildet den wichtigsten Garanten für ein stabiles Finanzsystem. Doch nun propagieren namhafte Kräfte in der Regierung Trump eine Abwertung der US-Währung. Der starke Dollar zerstöre die Arbeitsplätze in der Industrie und damit den Wohlstand der Arbeiterklasse, lautet deren Begründung.

Der Dollar droht abzustürzen

Manche Ökonomen, etwa vom renommierten Institut BCA Research, halten eine Dollar-Abwertung von 20 bis 30 Prozent in den nächsten drei Jahren für realistisch. Ausländische Anleger in den USA sehen sich damit einem doppelten Risiko ausgesetzt: Nicht nur drohen am hoch bewerteten Aktienmarkt Kursverluste. Banken wie JP Morgan beziffern das Rezessionsrisiko inzwischen auf 40 Prozent. Hinzu kommt die Gefahr eines Dollar-Einbruchs – bewusst provoziert durch die Regierung Trump. «Die Investoren wagen es, sich eine Welt jenseits des Dollars vorzustellen», titelte die «Financial Times» kürzlich und berichtete darüber, dass wohlhabende Amerikaner ihre Gelder vermehrt in die Schweiz transferieren.

Im Börsendschungel lauern derzeit viele Fallstricke. Und trotzdem wäre es falsch, nun pauschal die Aktienbestände auf den Markt zu werfen. Denn die meisten Börsenplätze ausserhalb der USA, namentlich in Europa, weisen keine Überbewertung auf. Die Fallhöhe bei einer allfälligen Baisse ist damit deutlich geringer. Um sich gegen eine Krise abzusichern, sollten sich Investoren aber wieder vermehrt dem Heimmarkt zuwenden. So können sie wenigstens dem Währungsrisiko ausweichen.

Die entscheidende Frage für jeden Anleger lautet ohnehin: Gibt es auf lange Frist eine bessere Alternative als Aktien? Die Antwort lautet Nein. Hier kommt das von Ray Dalio erwähnte Szenario einer möglichen Schuldenkrise ins Spiel. Schon jetzt sitzen die USA auf einem gigantischen Schuldenberg von 36 000 Milliarden Dollar. Dieses Jahr wird der Staat ein Defizit von 6,2 Prozent des BIP einfahren – solch riesige Fehlbeträge entstanden früher nur in einer wirtschaftlichen Depression.

Anlass zur Sorge gibt vor allem der rasante Anstieg der Ausgaben für den Schuldendienst. Bereits zahlt der amerikanische Staat pro Jahr 1000 Milliarden Dollar an seine Gläubiger. Das entspricht 18 Prozent der staatlichen Einnahmen – und übertrifft sogar den Budgetposten für das Militär. Laut offizieller Schätzung werden sich die Kosten für die Zinszahlungen in den nächsten zehn Jahren auf 14 000 Milliarden Dollar summieren – das sind 40 000 Dollar pro Kopf. Viele andere Länder stehen kaum besser da.

Schulden befeuern die Inflation

Die ausufernden Staatsschulden fordern von der Bevölkerung einen hohen Tribut. Umso grösser wird der Druck der Regierungen auf die Zentralbanken, die Zinsen möglichst tief zu halten – und den Schuldendienst des Staates zu entlasten. Donald Trump hat die US-Notenbank Fed bereits eindringlich ermahnt, «das Richtige zu tun».

Für die Sparer sind dies unheilvolle Aussichten: Die Staaten wollen ihr Schuldenproblem mittels Teuerung «weginflationieren». Und die Gefahr einer globalen Teuerungswelle ist mit dem Handelskrieg nochmals deutlich gestiegen. In den USA sind die Inflationserwartungen der Konsumenten auf den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten geklettert. Die Ökonomen bezeichnen diesen schleichenden Sparverlust auch als «finanzielle Repression». Das Perfide daran ist, dass risikoaverse Anleger, welche ihr Kapital in festverzinslichen Obligationen halten, am stärksten darunter leiden.

In der neuen Weltordnung bietet das Sparbuch somit nur eine vermeintliche Sicherheit. Die Zeit des risikolosen Investierens ist endgültig vorbei. Für die Sparer heisst dies, dass sie ihre Aktienphobie, welche gerade im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist, überwinden müssen. Wer sich gegen die Geldentwertung schützen will, kommt nicht um Realwerte wie Aktien, Immobilien oder Gold herum.

Vermeiden lässt sich die Ungewissheit nicht. Niemand weiss, welchen Schaden die disruptive Politik von Donald Trump an den Märkten noch anrichten wird. Doch die Unternehmen haben in der Vergangenheit schon Dutzende Male bewiesen, wie erfindungsreich sie auf schwierige Umstände reagieren können.

Das Leben im Börsendschungel ist gefährlich – gerade in diesen Zeiten. Wer sich aber auf das Wagnis einlässt, kann mit Ausdauer und Disziplin respektable Renditen erzielen. Oder wie es der Altmeister André Kostolany einst treffend formulierte: «An der Börse gibt es nur Schmerzensgeld. Zuerst kommen die Schmerzen, dann das Geld.»

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