Er kritisiert europäische Demokratien und provoziert einen Disput mit Selenski im Oval Office. Sein angriffiges Verhalten hat einen Überbau: Der Vizepräsident der USA interessiert sich für radikale politische Visionen.
Eigentlich hat sich J. D. Vance in seinem Amt bisher auffällig diskret verhalten. Gegenüber den Medien machte er sich im ersten Monat geradezu rar. Man fragte sich schon: Steht Vance im Schatten von Elon Musk und Donald Trump, wie Kamala Harris im Schatten von Joe Biden und seiner Berater stand?
Mitnichten: Inzwischen ist klargeworden, dass der Vizepräsident eine zentrale Rolle an der Seite von Donald Trump einnimmt. Das beflügelt die Spekulationen, dass er als Trumps Kronprinz in der kommenden Präsidentschaftswahl kandidieren wird.
Wenn der 40-jährige Vance spricht, fliegen die Fetzen. In München hielt er eine Brandrede, in welcher er europäische Staaten und ihre demokratischen Institutionen kritisierte. Die verbale Ohrfeige war das Stadtgespräch in toute l’Europe. Im Oval Office mischte er sich alsbald ebenso disruptiv in das Gespräch zwischen Trump und Selenski ein, was zu einer bedrohlichen diplomatischen Krise führte.
Vance hat sich in nationalkonservativen Kreisen schon länger als treibende Kraft etabliert. Er ist gut vernetzt im Kosmos von Denkfabriken und Influencern, die sich zur Bewegung der Neuen Rechten zählen. Vance interessiert sich für politische Philosophen, die vor ein paar Jahren noch als exotisch galten, aber auf der Welle von Donald Trumps Erfolg heute in Washington steigenden Einfluss geniessen.
Die Szene ist am Blühen: Die Edmund Burke Foundation veranstaltet seit 2019 die jährliche National Conservatism Conference, an der J. D. Vance regelmässig als Redner auftritt. Sie ist ein Tummelfeld für rechte Aktivisten, die für ökonomischen Populismus, konservative Werte und Nationalismus einstehen. An der Westküste, in San Bernardino, erlebt ein Think-Tank aus der Reagan-Ära neuen Aufschwung: Das Claremont Institute pflegt engste Beziehungen zu Vance.
In seinen Reden sowie einer Anzahl Artikel in konservativen Magazinen wie «The Lamp» und «The American Conservative» macht Vance Referenzen auf politische Philosophen und Aktivisten, die seine Denkweise und seine Weltsicht geformt haben. Unter ihnen befinden sich Postliberale, Katholisch-Konservative, ein rechtspopulistischer Ökonom und ein neoreaktionärer Monarchist.
Der postliberale Dogmatiker: Patrick Deneen
Der Professor für politische Theorie lehrt an der University of Notre Dame im Gliedstaat Indiana. Sein Buch «Why Liberalism Failed» wurde 2018 zum Bestseller. Darin argumentiert Deneen, dass exzessiver Individualismus und Turbokapitalismus den gesellschaftlichen Kitt zerstört hätten. Weil sich die Menschen aber nach gemeinsamen Werten und Zugehörigkeit sehnten, scheitere der Liberalismus. Er propagierte den katholischen Kommunitarismus als Gegenmittel.
In seinem Buch «Regime Change» (2023) radikalisierte sich Deneen und legte ein kämpferisches postliberales Manifest vor. Der ökonomische und soziale Liberalismus habe sich zur Tyrannei der «wenigen» über die «vielen» entwickelt. Deshalb müsse die heutige liberale mit einer konservativen Elite ersetzt werden. Ihm schwebt eine populistische Aristokratie vor, die für das «gemeinsame Wohl» regiert.
«Ich will die Regierung nicht gewaltsam umstürzen», sagte Deneen an seiner Buchvernissage, «ich beabsichtige etwas viel Revolutionäreres.» An diesem Anlass war auch Vance als Stargast eingeladen; der Senator bekannte sich zur «postliberalen Rechten» und erklärte, eine «explizite Anti-Regime-Politik» zu verfolgen.
Der technologische Utopist: Peter Thiel
Der Tech-Multimilliardär Peter Thiel, Paypal-Mitgründer und Chef von Palantir, verkörpert den libertären Silicon-Valley-Unternehmer, der die Software der Gesellschaft neu codieren will. In einem Blog-Eintrag schrieb Thiel im Jahr 2009: «Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie kompatibel sind.» Als alternative Regierungsform schwebten ihm politikfreie Räume vor, sogenannte «Mikrostaaten», denen man sich als Bürger anschliesse. Heute investiert Thiel in Kryptowährungen und in Longevity-Projekte, um den Alterungsprozess aufzuhalten.
Vance arbeitete von 2015 bis 2017 als Partner in der von Thiel gegründeten Risikokapitalfirma Mithril Capital in San Francisco. Als er seine eigene Investmentfirma mit einem Startkapital von fast 100 Millionen Dollar im Mittleren Westen gründete, hat Thiel kräftig investiert.
Thiels Einfluss erstreckt sich über ein weites Netz von Investoren und Politikern, das Journalisten als «Thielverse» bezeichnen. Er ist ein wichtiger Geldgeber für die Neue Rechte. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 unterstützte er Donald Trump, war jedoch von seiner ersten Amtszeit enttäuscht, weil sie «viel zu wenig disruptiv» war. 2022 spendete er J. D. Vance 15 Millionen Dollar. Dieser pflegt regelmässigen Kontakt zu Thiel.
Der Neomonarchist: Curtis Yarvin
Der Software-Programmierer und Blogger wird oft als «Hausphilosoph» der Neuen Rechten zitiert und verbreitet ein Gedankengut, das er als «neoreaktionär (NRx)» bezeichnet oder als «dunkle Aufklärung». Als Trump 2016 gewählt wurde, sass er in Peter Thiels Wohnzimmer und schaute am Fernsehen zu.
Unter dem Pseudonym Mencius Moldbug publizierte Yarvin von 2007 bis 2014 neomonarchistische Schriften. Er hat den Begriff «redpilled» erfunden, in Anlehnung an den Film «The Matrix». Die amerikanische Elite bezeichnet er als «Kathedrale», die das Land durch Indoktrination und den Deep State bedrohe. Er träumt von einem massiv verkleinerten Staatsapparat mit einem absolutistischen CEO an der Spitze.
Vance hat Yarvin 2021 in einem konservativen Podcast zitiert, im Zusammenhang mit der Zerschlagung des Beamtenapparats. Kurz danach gab er den später vielzitierten Rat an Trump von sich: «Feure sämtliche Zivilbeamte in der Verwaltung und ersetze sie mit unseren Leuten». In einem Interview mit «Politico» im Januar sagte Yarvin, er halte den Vizepräsidenten für «in fast jeder Hinsicht perfekt».
Der populistische Ökonom: Oren Cass
Er ist ein Intellektueller, der in Washington auffällt, weil er klassenkämpferische Ideen verbreitet, die bei J. D. Vance und andern Politikern mit einer Affinität für die Interessen der Arbeiterschaft gut ankommen. In den letzten Monaten trat Cass in vielen namhaften liberalen Podcasts auf, unter anderem bei Ezra Klein in dessen «New York Times»-Podcast.
Cass war Mitt Romneys Berater in dessen Wahlkampagne 2012; nach Trumps erstem Wahlsieg gründete er den Think-Tank American Compass, der zum politischen Nervenzentrum einer jüngeren Generation von Anti-Establishment-Republikanern geworden ist.
Der 41-jährige Konservative glaubt, dass die Republikaner eine Allianz mit Gewerkschaften eingehen sollten. Ihm schwebt eine neue Organisation nach Sektoren vor, mit einer stärkeren Kooperation zwischen Arbeiterschaft und den Unternehmen. Er tritt für höhere Löhne und eine protektionistische Wirtschaft ein. Gleichzeitig vertritt der Ökonom sozial-konservative Werte. Vance, der seine schwierige Kindheit in verarmten Verhältnissen in seinem Buch «Hillbilly Elegy» eindrücklich beschrieben hat, setzt sich für die Arbeiterklasse ein.
Freunde in Europa: James Orr und Rod Dreher
Der Brite James Orr ist Assistenzprofessor der Religionsphilosophie an der Cambridge-Universität und ein Mitgründer der Edmund Burke Foundation und der National Conservatism Conference in Grossbritannien. Er ist seit 2019 mit Vance befreundet, die Familien haben in England Ferien zusammen verbracht. Vance nannte Orr seinen «britischen Sherpa», der ihm die britische Politik erkläre.
Orr ist ein scharfer Kritiker der Diversitäts- und Gleichstellungspolitik. In einem Meinungsartikel im «Catholic Herald» propagiert er eine Rückkehr zu theologisch geprägten Ideen vor der Aufklärung, die er als «Regenerierung» bezeichnet. Er sieht sich als Speerspitze der nationalkonservativen Bewegung in Europa nach dem Vorbild der USA.
Auch der Journalist und Autor Rod Dreher ist persönlich mit Vance befreundet. Bekannt wurde er 2006 mit dem Bestseller «Crunchy Cons» – einer Art poppigem Gospel für wiedererweckte Konservative.
Wie Vance konvertierte Dreher zum Katholizismus, schliesslich wurde er orthodox. Dreher lebt in Budapest, wo er laut dem Magazin «The New Yorker» die Rolle eines intellektuellen Ratgebers von Viktor Orban einnimmt. Vance nennt Dreher seinen «Buddy» und wirbt auf der Plattform X für dessen Projekte.
Was heisst das nun?
Diese sechs Männer sind eine Auswahl aus dem Denkuniversum, in dem sich J. D. Vance bewegt. Keiner erhebt öffentlich den Anspruch, dass er einen entscheidenden oder auch nur direkten Einfluss auf den amerikanischen Vizepräsidenten ausübt. Im Gegenteil: Darauf angesprochen, wiegeln sie ab. Wie es Patrick Deneen ausdrückt: Er sei «ein unersättlich neugieriger und intellektuell versierter Mensch», der seine eigenen Schlüsse ziehe. Eigen ist ihnen allen, dass sie radikale Ideen zur Erneuerung der Gesellschaft wälzen – und den sozialen und den ökonomischen Liberalismus verabscheuen.

