Donnerstag, April 3

Christoph Marthaler hat «Wachs oder Wirklichkeit» an der Volksbühne inszeniert, zu deren neuem Intendanten Matthias Lilienthal berufen wurde. Die beiden retten das Berliner Theater aus seiner Lethargie.

Auf der Bühne links sind in einem Museumsschrank Körperteile zu sehen – von Kopf bis Fuss. Rechts steht ein Automatenmensch, der mit wild blinkenden Augen und Blechstimme allerlei Unsinn von sich geben wird. Ein Besuch von Christoph Marthaler und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock im Panoptikum Hamburg habe die beiden Künstler zur neuen Theaterproduktion «Wachs oder Wirklichkeit» inspiriert, liest man noch rasch auf dem Programmzettel.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Aus Wachs erscheinen einem zunächst alle Figuren, die in dem zweistöckigen, feudal in die Jahre gekommenen Raum wie angewurzelt herumstehen. Eine zweifelhaft gediegene Gesellschaft. Man erkennt Heino und Karl Lagerfeld, den Fernsehmoderator Horst Lichter und andere illustre Gäste.

Original und Duplikat

In dieser Wachs-Versammlung werden wirkliche Menschen auftauchen, um einen Abend lang über Sinn und Unsinn ihrer Existenz zu reden oder zu singen. Und man wird ihnen schon bald anmerken, dass ihnen ein Dasein als starre, stumme, geformte Figuren eigentlich angenehmer wäre als ihr verzweifeltes Schwafeln über die Notwendigkeit ihrer Existenz.

Diese scheint ein Zufall zu sein, ihre Lebendigkeit ist keineswegs zwingend. Also retten sie sich mit müdem Aktionismus und Textgewölle über die Runden, wehren sich halbherzig gegen ihre Künstlichkeit und halten sich beim Klang von Schnulzen über Wasser.

Geraten sind sie in eine Welt, in der die Realität nicht mehr von ihrer Nachahmung zu trennen ist, wo die eigene Persönlichkeit einem unversehens als Duplikat in die Quere kommen kann. Es ist keine ferne, erfundene Welt, vielmehr gleicht sie den Schreckensvisionen, an deren Realisierung längst gearbeitet wird.

Der Schweizer Christoph Marthaler aber nimmt das alles nicht allzu ernst. Er pfeift sich ein Liedchen drauf, mag es noch so schnulzig und angestaubt sein. Seine Figuren sind altmodische Wiedergänger, denen die Zukunft suspekt bleibt. Sie leben von Erinnerungen, während um sie herum und über sie hinweg die Veränderungen jagen. Dann stehen sie da wie vergessen, wie ausrangiert, von der Zeit überholt, mit einer Intelligenz, die ihnen nur noch als Ort des Rückzugs in eine poetische Vorstellung der Wirklichkeit dient.

Das ist saukomisch. Das ist aber auch traurig und hoffnungslos. Diese Menschen landen über kurz oder lang im Panoptikum, wo man sie ungläubig anstarren wird als die Letzten ihrer Art. Der Kreis schliesst sich, die Wirklichkeit wird zu Wachs.

Man fragt sich, wenn man in der voll besetzten Berliner Volksbühne sitzt, wo anders solch eine Vorstellung laufen könnte als genau hier – hier, wo schon immer Experimente am Saum des Bewusstseins gewagt wurden und gescheitert oder geglückt sind. Die alte Piscator-Bühne aber war in den letzten Jahren ins Gerede und Schlingern gekommen. Nach Frank Castorfs Weggang schien hier nichts mehr zu klappen: falsche Personalentscheidungen, Vorwürfe, Hausbesetzungen, halbherzige Neuanfänge, Enttäuschungen.

Als der letzte Intendant René Pollesch starb, von dem man sich die gute alte Zeit zurückgewünscht hatte, verfielen Macher und Publikum in eine Lethargie. Dieser Müdigkeit konnte nur noch mit Theaterabenden begegnet werden, die sich zwischen Trauerarbeit und rauschhafter Happening-Atmosphäre bewegten. Das Haus im Osten mit seiner proletarisch-aufmüpfigen Tradition schien sich in Belanglosigkeit einzurichten.

Theaters für das 21. Jahrhundert

In Paris irgendwo hoch oben auf dem Montmartre sitzt Matthias Lilienthal. Wir erreichen ihn dort, weil er sich eine Produktion ansehen will, telefonisch. Er bestellt einen Espresso auf Französisch und spricht gleichzeitig in sein Handy. Im Herbst 2026 soll er als Intendant die Volksbühne übernehmen – der Täter kehrt zurück an einen Tatort, an dem der 65-Jährige unter Frank Castorf bereits als Dramaturg waltete. Mit Christoph Schlingensief realisierte er grosse Erfolge. Zudem war er in Berlin schon Leiter am HAU und in München Chef der Kammerspiele.

Hätte er gedacht, jemals wieder am Rosa-Luxemburg-Platz zu landen? «Nicht im Traum!», ruft er ins Mobiltelefon. «Eigentlich denke ich stets: Never come back!» Aber er liebe die Volksbühne. «Was an allen anderen Theatern nur als Ausnahme möglich ist, kannst du an der Volksbühne mit jeder Produktion machen.» Andrerseits sei vieles nicht passend, was den Regelbetrieb anderer Theater präge: «Klassiker konventionell durchmogeln geht nicht.»

Es scheint, dass Lilienthal, der Ermöglicher eines Theaters für das 21. Jahrhundert, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufschlägt. Gegen seine Berufung gab es seitens der Volksbühnen-Fantruppe kaum Einwände, man traut ihm zu, dass er sich hier wieder etwas traut.

Lilienthal kann sich nicht in ein gemachtes Bett legen. Die Sparmassnahmen des Berliner Senats auf kulturellem Gebiet treffen ihn gleich bei Amtsantritt: Zwei Millionen Euro weniger erhält die Volksbühne. Jetzt versuche er Drittmittel zu akquirieren und Gelder von aussen zu bekommen, hat er sich vorgenommen.

Akzent auf Choreografie

Lilienthal will an der Volksbühne einen starken Akzent auf Choreografie setzen, wobei ihm da Florentine Holzinger und Marlene Monteiro Freitas zur Seite stehen. Darüber hinaus wird er mit vielen internationalen Regisseuren arbeiten. Das sei auch ein Teil des Widerstandes gegen eine Gesellschaft, die ja gerade mehr auf Nationalisierung setze und der Fremdes suspekt sei.

«In Berlin musst du mit jeder Produktion die Zukunft neu entwerfen, Expeditionen in unbekannte Welten starten», sagt Matthias Lilienthal. Und während in Marthalers Wachs-Stück auf der Volksbühne gerade jemand sagt: «Mir gelingt nichts, aber ich versuche auch nichts», rafft sich der künftige Intendant noch einmal auf, um das Neue, vielleicht Unmögliche zu wagen.

«Nicht einschlafen», tönt es in Dauerschleife in Marthalers neuem Stück. Die lebendigen Figuren finden kein Ende bei ihrer Sinn- und Identitätssuche. Dann erklingt auf der Bühne noch ein Lied, und man meint fast, es wäre Matthias Lilienthal auf den Leib geschrieben: «Nimm mich mit in die Wirklichkeit, irgendwas nimmt mir die Sicht. Nur durch einen Spalt seh ich dies wunderbare Licht.» Ein Funzeln am Horizont?

Exit mobile version