Eine Umfrage zum Verkehr zeigt die Vorlieben der Stadtbevölkerung, die widersprüchlich und überraschend sind.
Ob es um Velovorzugsrouten oder um Tempo 30 geht, um Parkplätze oder um Strassensperrungen: Kaum ein Thema gibt in der Stadt Zürich so viel zu reden wie der Verkehr. Doch die Debatten scheinen hier weniger zu nützen als anderswo. Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass die Zürcherinnen und Zürcher mit ihrer Verkehrssituation unzufriedener sind als die Bewohner anderer Schweizer Grossstädte.
Im Auftrag der schweizerischen Städtekonferenz Mobilität hat das Institut GfS Bern 15 372 Personen aus 17 Schweizer Städten befragt. In den Grossstädten Basel, Bern, Winterthur und Zürich zeigen sich insgesamt 72 Prozent der Befragten zufrieden oder sehr zufrieden mit der allgemeinen Verkehrssituation in ihrer Stadt. Betrachtet man Zürich gesondert, dann liegt dieser Wert allerdings bei bloss 66 Prozent.
Und: Fragt man nach dem Stossverkehr, sinkt die Zufriedenheit auf insgesamt 49 Prozent. In Zürich sind dann bloss noch 46 Prozent der Befragten mit dem Verkehr zufrieden. Als störende Faktoren werden falsch abgestellte Velos und Trottinette, Verkehrsbehinderungen und zu wenig Parkplätze genannt.
Daneben birgt die Umfrage zahlreiche überraschende, teilweise auch widersprüchliche Erkenntnisse. Dies sind die wichtigsten drei.
Zürich liebt seinen öffentlichen Verkehr
Als Erstes fällt auf, dass die Zürcher mit dem Verkehr zwar unzufriedener sind als die Basler (67 Prozent), Berner (78 Prozent) und Winterthurer (76 Prozent) – dass sie insgesamt aber zufriedener sind, als man vielleicht vermutet hätte.
Auf dem Sorgenbarometer von 2023 belegte der Verkehr zusammen mit dem Wohnraum noch den ersten Platz – und zwar mit Abstand. Die Umfrage von GfS Bern zeichnet nun ein differenzierteres Bild. So wird deutlich, dass die Zürcher mit dem Verkehr in mancher Hinsicht ausserordentlich glücklich sind: Die Zürcher lieben ihren öV über alles.
69 Prozent der Bevölkerung nutzen Tram, Bus und S-Bahn, um ihren Arbeitsort zu erreichen. Das sind mehr als irgendwo sonst im Land. Und die Zürcherinnen und Zürcher können von den öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht genug bekommen. In ihrer Freizeit benutzen sie sie deshalb noch häufiger: 76 Prozent der Befragten gaben an, sich auch unabhängig von der Arbeit mit dem öV zu bewegen.
Bemerkenswert ist, dass mit 44 Prozent fast die Hälfte aller Zürcher zu Fuss arbeiten geht.
Das Velo ist weniger beliebt, als man meinen könnte
Zürich will eine Velostadt sein und fördert den Veloverkehr mit Vorzugsrouten und Velogaragen. Ende Mai wird zudem der Velotunnel eröffnet, der unter dem Hauptbahnhof hindurchführt. Erstellt wurde er ursprünglich nicht für den Zweiradverkehr, sondern ist ein Überbleibsel der Strassenplanung der 1960er Jahre, als Zürich die Autobahn unter den Boden verlegen wollte.
Verglichen mit Bern, Basel und Winterthur sind die Zürcher Fahrrad-Zahlen allerdings bescheiden. So geben 59 Prozent der befragten Zürcherinnen und Zürcher an, Velo zu fahren. Demgegenüber stehen 69 Prozent in Winterthur, und je 64 Prozent in Bern und Basel. Dass man dort häufiger mit dem Velo unterwegs ist als an der Limmat, könnte aber auch an der hügeligen Topografie von Zürich liegen.
Zu den tiefen Nutzungsdaten passt die Tatsache, dass die Zürcher weniger Zweiräder besitzen als die Bewohner der anderen Grossstädte. Hier haben 59 Prozent der Bewohner ein Velo und oder ein Cargo-Velo, während es in den anderen Grossstädte durchschnittlich 64 Prozent sind, die ein solches Gefährt ihr eigen nennen.
In der Umfrage konnten die Teilnehmer auch angeben, ob sie E-Bike fahren oder Velo- und Trottinette-Sharing-Angebote nutzen. Da Mehrfachantworten möglich waren, lassen sich die beiden Werte nicht einfach zusammenzählen. Ebenso lässt sich nicht ausschliessen, dass Teilnehmende sowohl dass Auto als auch das Velo nutzen.
Das Auto hält sich wacker
Das Auto hat bei der Mobilität in den grossen Schweizer Städten nach wie vor einen hohen Stellenwert.
So gaben 52 Prozent der befragten Zürcherinnen und Zürcher an, sich mit dem Auto fortzubewegen – entweder setzen sie sich selber hinter das Steuer oder sie sind Beifahrer. Das sind gleich viele wie bei der Befragung von 2018. Allerdings ist eine Verschiebung beim Antrieb der genutzten Fahrzeuge zu beobachten: 45 Prozent erwähnten bei der jüngsten Erhebung an, ein Auto mit Verbrennungsmotor zur Verfügung zu haben. Das sind 5 Prozentpunkte weniger als 2018. Der Anteil der Umfrageteilnehmer, die ein Auto mit alternativem Antrieb fahren, ist in dem Zeitraum von 2 auf 7 Prozent gestiegen.
Damit ist Zürich aber nicht die Stadt, in der das Auto am intensivsten genutzt wird. Bei den Grossstädten ist das ausgerechnet die Velostadt Winterthur mit 66 Prozent. Auch in Basel fahren mehr Personen Auto als in Zürich (54 Prozent).
Auffällig ist, dass zwar 43 Prozent aller Zürcher Befragten über den Mangel an Parkplätzen klagen – mehr Parkplätze fordern allerdings nur rund 22 Prozent. Verglichen mit der Mobilitätsbefragung von 2018 ist das eine Steigerung um zwei Prozentpunkte.
In Sachen Car-Sharing liegen Zürich und Bern gleichauf. Je 18 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, ein solches Angebot zu nutzen. In Winterthur und Basel sind es jeweils 14 Prozent.