Nordkorea attackiert das verfeindete Bruderland mit Abfall und Fäkalien – ein Höhepunkt im jahrzehntelangen Propagandakrieg zwischen Pjongjang und Seoul.
Südkoreas Bevölkerung hat vielfältige Erfahrungen mit Bedrohungen aus Nordkorea gemacht – Raketentests, Spionage-Drohnen oder rhetorische Salven. Doch dürften viele nicht schlecht gestaunt haben, als sie in der Nacht auf Mittwoch übelriechende Flugkörper am Himmel entdeckten.
Das südkoreanische Militär teilte inzwischen mit, es seien im ganzen Land verteilt mehr als 260 Ballons aus Nordkorea sichergestellt worden. An ihnen hingen Säcke mit Abfall: Plastikflaschen, Batterien, Schuhsohlen, Waschpulververpackungen und offenbar Exkremente. Südkorea sprach von einem gefährlichen und vulgären Akt. Die Ballons sollen drei bis vier Meter lang sein.
Die Bevölkerung wurde zeitweise davor gewarnt, sich draussen aufzuhalten und «nicht identifizierbare Objekte» zu berühren. In einigen Grenzorten erhielten Bewohner SMS mit dem Hinweis: Achtung, Luftalarm! Nach Militärangaben waren auch Spezialeinheiten für chemische, biologische und atomare Waffen im Einsatz.
Güsel-Angriff mit Ansage
Obwohl Nordkorea immer wieder Überraschungsmanöver startet: Diesmal war es ein Angriff mit Ansage. Am Wochenende hatte Kim Jong Uns Regime angekündigt, Haufen von Altpapier und Dreck über die stark befestigte Grenze zu befördern. Südkorea werde merken, wie viel Mühe es mache, alles zu beseitigen, hiess es in einer Erklärung des Vizeverteidigungsministers Kim Kang Il. Die Massnahmen seien eine Antwort auf Flugblätter und andere «Propaganda» aus Südkorea.
In der Tat zählen Propaganda-Ballons zum Repertoire von Aktivisten aus dem Süden. Die «Kämpfer für ein freies Nordkorea» verteilten Mitte Mai rund 2000 USB-Sticks mit K-Pop-Videos und Pamphlete auf 20 Ballons und schickten die Ladung Richtung Norden. Auf einem Banner wurde der Diktator Kim als Feind des koreanischen Volkes gebrandmarkt. Auch Bargeld und Schokoladebiskuits gelangten schon mit dieser Art Luftpost in die verarmte Diktatur.
Nordkoreas Führung, die jede regimekritische Äusserung als geistigen Unrat geisselt, sah sich offenbar genötigt, es dem verhassten Süden mit richtigem Unrat und – was die Zahl der Ballons betrifft – in zehnfacher Menge heimzuzahlen.
Provokation oder Meinungsfreiheit?
Unter der früheren liberalen südkoreanischen Regierung trat 2021 ein Gesetz in Kraft, wonach das Versenden von Flugblättern und anderer Objekte an der militärischen Demarkationslinie verboten ist. Damit sollte das bizarre und nicht ungefährliche «Pingpong» der beiden schwerbewaffneten Nachbarn gestoppt werden.
Als Zeichen der Annäherung wurden vorübergehend auch die Lautsprecher am 38. Breitengrad abgedreht. Südkorea spielte nämlich regelmässig Pop in ohrenbetäubender Lautstärke ab und zählte die wirtschaftlichen Errungenschaften des Tigerstaats auf. Der kommunistische Norden nervte den kapitalistischen Süden mit einem eigenen Beschallungsprogramm und pries die Vorzüge im «Arbeiterparadies».
Seit dem Amtsantritt des konservativen Präsidenten Yoon Suk Yeol vor zwei Jahren hat sich das Verhältnis zu Pjongjang spürbar verschlechtert. Ende 2023 lösten die Nordkoreaner ein Militärabkommen auf, bei dem sich beide Seiten zu deeskalierenden Massnahmen verpflichtet hatten. Seither bauen sowohl Nord- wie Südkoreaner Grenzbefestigungen aus. Pjongjangs Machthaber Kim Jong Un erklärte das Ziel einer Wiedervereinigung für obsolet.
Im vergangenen Jahr hob das Verfassungsgericht zudem das Flugblätter-Verbot wieder auf. Der Bevölkerung zu untersagen, Botschaften in den Norden zu schicken, schränke die Meinungsfreiheit unverhältnismässig ein, befand die Justiz.

