Samstag, August 30

Der Südafrikaner William Kentridge hat Goethes Klassiker in ein multimediales Puppentheater über Kolonialismus verwandelt. Am Theaterspektakel begeistert «Faustus in Africa!» durch hinreissende Bilder und diabolischen Witz.

Ist alles nur Traum, sind alles nur Hirngespinste? Schön wär’s! Und zunächst könnte man sich das vorstellen. In der Studierstube von Doktor Faustus gibt es nicht nur alte, hohe Gestelle voller Ordner und Bücher (von «The Origin of Species» bis «Me and My Prostate») sowie ein Pult und einen Katheder aus altem, dunklem Holz, sondern – fast wie im Kino – auch eine Leinwand. Und während sich der alte Gelehrte in traurigem Monolog beschwert über die Nichtigkeit seines Wissens, werden seine Gedanken und Klagen von einem Film aus animierten Kohlezeichnungen begleitet.

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Bald aber zeigt sich, dass die Wahrheit und die harte Wirklichkeit ausgerechnet durch die raschen Skizzen ans Licht gebracht werden, während sich der alte, verknöcherte Faust, von einer hageren Holzpuppe im hellen Laborantenkittel verkörpert, in Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit übt.

Tiefsinniges Kabinettstück

Der animierte Film ist das Werk des 70-jährigen südafrikanischen Künstler-Stars William Kentridge, der zusammen mit der Handspring Puppet Company Goethes «Faust» in «Faustus in Africa!» überführt hat. Premiere feierte die Inszenierung 1995. Dreissig Jahre später hat man es aus dem Archiv geholt und den Text, der in den ersten Szenen noch Goethes Original folgt, etwas aufgefrischt. Am Zürcher Theaterspektakel erweist sich «Faustus in Africa!» nun als tiefsinniges Kabinettstück und als eine Multimediaproduktion mit der Anmutung einer bedeutenden historischen Ausgrabung.

Doktor Faust mag sich selber als eine geistige Autorität verstehen. Allein die Macht seiner Vernunft scheint in Kentridges Puppentheater schon dadurch relativiert, dass er sich, wie fast alle Figuren des Stücks, nur dank zweier Puppenspieler äussern und bewegen kann.

Mephisto hingegen wird von einem Schauspieler aus Fleisch und Blut gespielt. In telefonisch verkabelter Kommunikation mit Gott erstreitet er sich die Gelegenheit, den europäischen Gelehrten zu verführen. Dem alten weissen Mann verspricht er Verjüngung und sinnliches Vergnügen. Sein perfider Plan führt dabei direkt nach Afrika. Zu zweit fliegen sie durch den südlichen Kontinent, um sich zunächst vor allem an der Ostküste zu vergnügen. Auerbachs Keller etwa ist in Dar es Salaam. Die Safari aber, auf der Faust alles Mögliche tötet und zerstört, könnte auch in Kenya sein oder in Moçambique.

Irgendwann findet Faust in Afrika in der Gestalt einer Forscherin auch sein Gretchen. Kaum aber hat er es geschwängert, wird er es verraten und im Stich lassen. Er hat es nun auf Helena abgesehen – eine majestätische, blonde Schönheit, die aus den homerischen Epen entschlüpft zu sein scheint, um nun gemeinsame Sache zu machen mit den afrikanischen Imperatoren und den europäischen Imperialisten.

Gott hat genug gesehen

Faust sucht Anschluss zur Elite, während sich sein Schüler Johnston (bei Goethe: Wagner), ein linker Aktivist, der afrikanischen Befreiungsbewegung andient, um selbst an die Macht zu kommen. Zuletzt wird die alte afrikanische Garde samt ihrer Generalität und ihren europäischen Helfershelfern gestürzt. Johnston mutiert zu Mobutu, der nicht nur den verbrecherischen Kolonialherren Amnestie gewährt, auf dass sie sein Regime unterstützten, sondern auch Mephisto, der nun die Fäden ziehen wird auf der Welt.

Gott hingegen sieht man im Film zuletzt per Flugzeug davonfliegen. Wahrscheinlich hat ihn erschreckt, was Kentridge in seinen Zeichnungen zeigt: Europas Übergriff auf Afrika hat allenthalben die Natur strapaziert, blutige Kriege provoziert und den atlantischen Sklavenhandel installiert.

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