Sie sind ein Paar und Weltklasse: der Springreiter Martin Fuchs und die Dressurreiterin Simone Pearce. Sie sagen, welche Disziplin anstrengender ist und welche Pferde teurer sind. Und erklären, wie ihr gemeinsames Business funktioniert.

Simone Pearce, Sie nahmen als Dressurreiterin zwei Mal an Olympischen Spielen teil, nun starteten Sie auch an Springturnieren. Sind Reiter ab einem gewissen Level fähig, alle Disziplinen zu reiten?

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Simone Pearce: Nein, das Wechseln zwischen den Disziplinen ist schon schwierig. Gewisse Dinge sind ähnlich, andere sehr, sehr verschieden. Für mich ist es einfach eine Herausforderung, etwas Neues zu lernen, und das macht Spass.

Gibt es ein Level, das alle Reiter in sämtlichen Disziplinen beherrschen müssen?

Pearce: Das Fundament ist die Dressur. Hier entstehen die Basis einer guten Sitzposition, die Balance, das Verstehen des Pferdes und die Verbindung zu ihm.

Martin Fuchs: Bevor man aufsitzt, ist alles gleich: wie man mit dem Pferd umgeht, es pflegt, transportiert. Beim Reiten werden die Unterschiede dann aber rasch gross. Bevor ich Simone kannte, dachte ich, dass das Reiten in den beiden Disziplinen nicht so verschieden sei. Seit ich viel mehr über Dressur weiss, sehe ich die grossen Unterschiede.

Können Sie ein Beispiel geben?

Fuchs: Das Auge fürs Detail muss bei der Dressur viel ausgeprägter sein. Die Disziplin ist komplexer, braucht sehr viel mehr Fokus. Beim Springreiten wird im Parcours vieles improvisiert, bei der Dressur gibt es mehr Wiederholungen, mehr Gewohnheiten. Die Dressurreiter streben nach Perfektion.

Sie, Simone Pearce, trainieren auch die Springpferde von Martin Fuchs. Die können also beides?

Pearce: Nein, das nicht. Ich wende die gleichen Prinzipien an, aber ich mache mit seinen Pferden kein Dressurtraining, etwa mit Pirouetten, wie mit meinen Pferden. Ich glaube, dass es für jedes Pferd ein Programm gibt, das ihm am besten liegt, und ich versuche bei allen Pferden, das Training auf sie zuzuschneiden. Ich schaue also, womit Martin Probleme hat bei seinen Springpferden, und versuche herauszufinden, wie diese Probleme gelöst werden können.

Welche Disziplin ist anstrengender für Pferd und Reiter?

Pearce: Schwierig zu sagen. Für mich ähnelt die Dressur eher Yoga oder Pilates. Ich bin schwach, wenn es ums Halten und Ziehen geht, kann aber sehr gut stabil bleiben. Beim Springreiten brauchst du wohl mehr Kraft und Ausdauer, es ist ein Stop-and-go-Sport. Und für die Pferde? Wir machen in der Dressur viel Intervalltraining, bauen Intensität auf und nehmen sie wieder zurück. Beim Springen ist ein Parcours für die Pferde eher kurz und intensiv.

Fuchs: Rennpferde etwa müssen zu 100 Prozent fit sein, um ein Rennen gewinnen zu können. Ein Springpferd kann ein Turnier auch gewinnen, wenn es körperlich nur bei 95 Prozent ist, aber glücklich und stark im Kopf. Es ist nach einer Runde nie erschöpft, von seiner Ausdauer her nie am Limit, könnte immer nochmals eine Runde springen. Am Weltcup-Final in Basel werden wir 15 Sprünge in 60, 65 Sekunden machen. So viele Hindernisse in kurzer Zeit zu bewältigen, ist zwar schwierig, aber physisch nicht so anstrengend.

Wie früh weiss man, für welche Disziplin ein Pferd geeignet ist?

Fuchs: Sie werden entsprechend gezüchtet. Man paart also Springpferde mit Springpferden und Dressurpferde mit Dressurpferden. Es gibt aber Ausnahmen: Die Schweizer Springreiterin Barbara Schnieper reitet ein Pferd, das ungefähr 1,45 oder 1,50 Meter hoch springt und dessen Vater das berühmte Dressurpferd Totilas ist. Oder Cosmo, der als Springpferd gezüchtet wurde und an Olympischen Spielen in der Dressur am Start war.

Was sind denn die wichtigsten Eigenschaften, die ein Pferd haben muss?

Fuchs: Im Springen muss es mutig sein, furchtlos, ein grosses Herz haben, um wirklich drauflos zu gehen. Dann braucht es möglichst viel Sprungkraft, muss aber auch vorsichtig sein, um die Hindernisse nicht zu berühren. Was für beide Disziplinen gilt: Wenn die Pferde im Kopf stark sind und wirklich wollen, können sie es auch.

Pearce: In der Dressur ist es einfacher, weil wir den Pferden viel beibringen. Wir starten früh und bauen sie über die Jahre auf. Auch einem nicht so talentierten Pferd können wir mit viel Zeit und einer guten Beziehung so viel beibringen, dass es erfolgreich ist. Das geht im Springreiten weniger. Aber für die Weltspitze braucht das Pferd natürliche Qualitäten und einen grossen Charakter.

Welche Charaktere sind in den beiden Disziplinen gefragt?

Pearce: Es gibt in beiden Disziplinen ganz unterschiedliche Pferde: hitzige, entspannte, faule, schreckhafte – und alle können gut sein, wenn man auf die richtige Weise mit ihnen arbeitet.

Fuchs: Ich würde sagen, dass eher die Reiter eine Präferenz haben. Ich etwa mag Pferde, die sehr viel Energie haben und heissblütig sind, aber es gibt auch gute Pferde, die langsamer oder fauler sind.

Und wie unterscheiden sich Springreiter und Dressurreiter im Charakter?

Pearce: Oh, da besteht ein grosser Unterschied!

Fuchs: Inwiefern denn?

Pearce: Ich finde, Springreiter sind viel entspannter als Dressurreiter. Das geht Hand in Hand mit der Disziplin. Wir in der Dressur sind Perfektionisten, nehmen es sehr ernst: Jeder Moment zählt, jede Show zählt, da geht es wieder in die strukturierte Richtung wie beim Yoga. Die Springreiter sind wie Streetdancer, die ihr Ding durchziehen.

Wie sieht ein normaler Trainingstag Ihrer Pferde aus?

Pearce: Ich reite jedes Pferd sechs Mal pro Woche, drei Mal davon sind Trainingseinheiten. Die Jüngeren machen ein bisschen weniger. Die Pferde selber gehen zweimal pro Tag raus, werden spazieren geführt oder gehen auf die Weide.

Fuchs: Bei uns werden sie auch sechsmal die Woche bewegt, wir springen aber nur einmal pro Woche.

Welche Disziplin hat die höhere Leistungsdichte weltweit?

Fuchs: Das Springreiten. Wir haben viel mehr Wettkämpfe, es gibt fast jedes Wochenende mehrere Fünfsterne-Prüfungen. In der Dressur findet in der gleichen Zeit nur eine statt.

Pearce: Unsere Pferde absolvieren viel weniger Wettkämpfe. Wir gehen nur an einen Wettkampf, wenn wir auf einem bestimmten Level sind und finden, es sei der richtige Zeitpunkt für das Pferd. Für Springreiter sind Turniere auch ein Training, sie nutzen sie zur Weiterentwicklung.

Fuchs: Bis ein Springpferd neun oder zehn Jahre alt ist, sind Turniere hauptsächlich dazu da, dass das Pferd besser wird.

Pearce: Und bei mir kann es sein, dass ein Pferd mit neun Jahren seinen ersten Wettkampf überhaupt hat.

Welche Pferde sind teurer?

Fuchs: Sie sind ähnlich teuer und oft unverkäuflich. Wenn ein Besitzer Freude an den Leistungen hat, möchte er das Pferd nicht verkaufen. Heute sind aber mehr Leute in mehreren Regionen bereit, viel zu zahlen, etwa in den Emiraten oder in Asien. Das spürt man auch an den Turnieren. Die Teilnehmer kommen aus mehr Ländern als früher, und das Niveau der Reiter ist gestiegen. Mein Vater sagt, früher hätten von 40 Teilnehmern an einem Grand Prix 10 gewinnen können. Heute sind es 35, die eine Siegchance haben.

Martin Fuchs, Sie handeln schon seit ein paar Jahren gemeinsam mit einem Geschäftspartner in den USA mit Springpferden. Mit Simone Pearce an Ihrer Seite neu auch mit Dressurpferden.

Fuchs: Genau. Ich kann mich glücklich schätzen, Simone als Business-Partnerin zu haben, denn sie hat viel Erfahrung in der Dressur-Branche. Sie ist vermutlich eine der Reiterinnen, die am meisten Grand-Prix-Pferde hervorgebracht haben in den vergangenen zehn Jahren. Sie kennt den Markt bestens, sie kennt die Pferde und kann das Beste aus ihnen herausholen. Und sie ist eine harte Arbeiterin.

Was sind Ihre Ziele in diesem Geschäft?

Fuchs: Dass wir immer ungefähr drei Grand-Prix-Pferde haben. Wir haben im letzten Jahr ein paar tolle Pferde gekauft, die Simone nun über die vergangenen fünfzehn Monate aufgebaut hat. Ein neun- und ein zehnjähriges sind bald bereit, auf der Stufe Grand Prix anzutreten, daneben haben wir ein paar junge Pferde mit extrem viel Potenzial. Simone soll auf höchstem Level performen können, damit wir sie in die Top 10 der Welt bringen. Von dort aus können wir dann ein Pferd verkaufen, um wieder ein neues, jüngeres zu kaufen. Wir wollen also alles immer in Bewegung halten, damit es bezahlbar bleibt.

Das Reiterpaar

PD

Martin Fuchs und Simone Pearce

eva. Der 32-jährige Martin Fuchs ist seit Jahren einer der besten Schweizer Springreiter; sein Vater Thomas und sein Onkel Markus waren ebenfalls Springreiter. Martin Fuchs war bereits Europameister und hat WM-Silber errungen – beides mit seinem ehemaligen Spitzenpferd Clooney. In Basel möchte er zum zweiten Mal den Weltcup-Final gewinnen; sein derzeit bestes Pferd ist Leone Jei. Die Springprüfungen finden von Donnerstag bis Sonntag in der St.-Jakobs-Halle statt.
Die 33-jährige Simone Pearce ist in Australien geboren. Sie ritt schon für verschiedene Ställe und nahm mit dem Spitzenpferd Destano an den Olympischen Spielen in Tokio 2020 und in Paris 2024 teil.

Die meisten Reiter sind auf Mäzene angewiesen, um Toppferde reiten zu können – solche kosten Millionen. Haben Sie das Geld, Pferde für das Grand-Prix-Level zu kaufen?

Fuchs: Nein, deswegen hatte Simone im vergangenen Jahr eben kein Pferd für das höchste Level, als ihr Pferd Destano nach den Olympischen Spielen pensioniert wurde. Deshalb trainiert sie nun eben die kommenden Pferde. Das braucht Geduld und Zeit.

Simone Pearce, Sie leben in Aach in Deutschland nahe der Schweizer Grenze, und Sie, Martin Fuchs, in Wängi im Thurgau. Weshalb haben Sie nicht den gleichen Stall?

Fuchs: Wir haben einen Springstall mit so vielen Pferden, da gibt es keinen Platz für Dressurpferde. Wir könnten zum Beispiel den Indoor-Platz nicht teilen. Den benötigen wir für das Springtraining mit zwanzig Pferden pro Tag, während sie täglich acht bis neun Dressurpferde reitet. Wir mieten für sie also einen ehemaligen Springstall. Das Witzige ist, dass dieser einst die Basis für das bulgarische Springreiter-Team war, das von meinem Vater trainiert wurde. Er brachte das Team bis an die Olympischen Spiele von Sydney im Jahr 2000, das passt also ganz gut.

Simone Pearce, Sie leben in Europa, seit Sie Australien als 17-Jährige verlassen haben. Wird der Pferdesport dort anders wahrgenommen?

Pearce: Mit der Turnierszene in Australien bin ich nicht so vertraut. Ich bin im ländlichen Australien aufgewachsen und habe mit zwei Jahren angefangen zu reiten, allerdings auch auf Kühen auf der Farm. Ins Dressurreiten verliebte ich mich, als ich mit neun Jahren die Olympischen Spiele in Sydney besuchte und vom Dressur-Wettkampf fasziniert war. Aber Pferde sind in Australien Teil der Kultur, wir brauchen sie immer noch, um Kühe einzutreiben. Als ich nach Europa kam, sah ich aus wie ein Cowboy, nicht wie eine Dressurreiterin. Aber ich hatte ein gutes Gefühl für die Pferde. Ich habe als Pflegerin begonnen und hatte eine Mentorin, die mir von Beginn an sagte, dass ich gut sei und es an die Olympischen Spiele schaffen könne.

Was beeindruckt Sie am Reitstil des jeweils anderen?

Fuchs: Für mich ist es Simones Fähigkeit, die Pferde zu verstehen. Es ist faszinierend, wie sie jedes Pferd anders reitet und mir dann erklärt, weshalb sie das tut und wie sie dorthin gelangt ist – darüber hatte ich vorher noch nie nachgedacht. Ich versuche auch, das Beste aus meinen Pferden herauszuholen, aber sie passt sich dafür mehr dem Pferd an, als ich es tat, bevor ich sie kennengelernt habe.

Pearce: Ich finde, er ist mutig und kühn und vertraut sich und den Pferden sehr stark. Er hat ein Gespür dafür, was im jeweiligen Moment möglich ist und wie er das Beste aus jedem Pferd und in jeder Situation herausholt.

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