Während das Tragen von «Smart Glasses» wie etwa von Ray-Ban und Meta in der Schweiz eher heikel ist, hat ein neues Modell von Even Realities ohne Kamera etwas mehr Potenzial.

An der letzten Pariser Modewoche schlug das angesagte Label Coperni mit einem Spektakel rund um eine Smartbrille hohe Wellen. In der Show, die als 24-stündige LAN-Party für 200 Gamer und Tech-Enthusiastinnen im Stile der 1990er Jahre inszeniert wurde, trugen einige Models eine Ray-Ban-Meta-Brille und zeichneten ihre Erlebnisse auf dem Laufsteg mit der neuen Coperni-Fassung auf, quasi um die Verschmelzung von High Fashion und Technologie zu unterstreichen.

Was hinter dem dabei entstandenen Hype um die auf 3400 Stück limitierte Coperni-Version der Meta-Brille von Ray-Ban steckt? Viel heisse Luft, beschränkt sich doch deren Begehrlichkeit eigentlich nur aufs Design, den stolzen Preis von 540 Dollar und die Exklusivität, sich mit einem raren Stück von der Masse abheben zu können: Die transparente Fassung offenbart an den durchscheinenden Bügeln ihr technologisches Innere, kombiniert mit grau verspiegelten Gläsern und den Logos von Coperni und Ray-Ban.

Wie bei regulären Ray-Ban-Meta-Brillen, die halb so teuer sind, umfassen die Features eine Kamera, 32 GB Speicherplatz und freihändige Interaktionen über Meta AI. Es gibt zudem Funktionen wie Live-Streaming, Musikwiedergabe und Übersetzung in Echtzeit zwischen mehreren Sprachen.

In der Schweiz ist aber das Tragen von Smartbrillen dieser Art heikel. «Wer eine solche Brille nutzt, um andere Menschen mit Bild und Ton zu erfassen, riskiert, das Datenschutzrecht zu verletzen, allenfalls auch das Strafrecht», so Martin Steiger, Anwalt und Unternehmer für Recht im digitalen Raum. Problematisch seien beispielsweise heimliche Aufnahmen und das dauerhafte Filmen in der Öffentlichkeit. Ob das mit einem Smartphone, mit einer Dashcam oder mit einer Smartbrille geschieht, mache rechtlich keinen wesentlichen Unterschied, so Steiger.

«Google Glass» ebnete vor über zehn Jahren den Weg

Ist die Coperni-Show dennoch ein Anzeichen, dass Smartbrillen in naher Zukunft mehr in den Alltag integriert werden? Ein ganz ähnliches Szenario mit einer digitalen Sehhilfe, das sich aber nicht durchsetzte, gab es schon 2012: Damals wurde die Google-Brille mit viel Trara an der Modenschau von Diane von Fürstenberg für Frühjahr/Sommer 2013 vorgestellt.

Die wohl bekannteste AR-Brille dieser Ära umfasste ein «Heads-up»-Display mit Sprachsteuerung, stiess aber aufgrund von Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der eingeschränkten Funktionalität auf eine starke Gegenreaktion.

Das Projekt wurde dann aber 2015 eingestellt und ist nun Teil der Wanderausstellung «Museum of Failure», nebst dem Cybertruck und über 150 anderen gescheiterten Produkten und Geschäftsideen, die aber den Weg für andere grosse Erfindungen geebnet haben.

Rund zehn Jahre nach der Google-Brille gibt es eine Reihe weiterer Versuche, Wearables in den Alltag zu integrieren, etwa die «Snap Spectacles» von Snapchat oder die «Air»-Brillen Xreal. Letztere haben keine Kamera, aber integrierte Displays und Lautsprecher, um Inhalte von verbundenen Geräten für Medienkonsum, Gaming und produktives Arbeiten anzuzeigen.

Auch die Firma Magic Leap richtete ihr Produkt auf den Unternehmenssektor aus. Die «Magic Leap 2» richtet sich an verschiedene Branchen wie Gesundheitswesen, Bildungswesen und Produktion.

Keine digitale Brille im herkömmlichen Sinne, aber als Meilenstein in der vermischten Realität mit hochauflösenden Displays und Eye-Tracking gilt die 2024 vorgestellte «Vision Pro», ein Mixed-Reality-Headset von Apple. Laut diversen Quellen könne aber die Produktion des rund 4000 Franken teuren Gadgets eingestellt werden – wohl ist der Preis zu hoch und die Nachfrage zu gering.

Neue smarte Sehhilfe ohne Kamera

Und dann gibt es noch die junge Marke Even Realities. Die rundliche «Even G1 A» und die kantigere «Even G1 B» haben keine Kamera und keine Lautsprecher. Das kommt dem schlankeren Design und mit 43 Gramm dem leichteren Tragkomfort zugute. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man bei Trägern dieser Brille, dass die Technologie an den Bügeln – versteckt hinter dem Ohr – integriert ist.

Auch wenn sich diese digitalen Brillen kaum von einer normalen unterscheiden, werden anhand integrierter Projektoren Informationen wie Notizen, Übersetzungen und Navigation direkt im Sichtfeld angezeigt. In einem leuchtenden Grün schweben Schrift und Grafik rund zwei Meter vor einem in der Luft.

Die Höhe und Distanz sowie weitere Einstellungen werden via Dashboard in der App gesteuert, bedient wird via Touch-Knöpfe und Mikrofonen (für Sprachbefehle) in den Bügeln. Unterstützt werden die Funktionen durch künstliche Intelligenz, aufgeladen wird die Brille mit dem stilvollen Etui; der Akku soll rund eineinhalb Tage halten.

Hinter dem Startup stecken drei langjährige Experten aus den Gebieten Technologie, Optikbranche und Design: Der CEO Will Wang trug als Engineering Project Manager und Global Supply Manager zur Entwicklung und Produktion der Apple Watch bei. An seiner Seite ist als Principal Strategy Officer Nikolaj Schnoor, einst bei der Brillenmarke Lindberg tätig. Für das klassisch-modern Design ist Philipp Haffmans, einst Co-Gründer von Mykita und IC! Berlin, verantwortlich.

Teleprompter, Navigation und Übersetzung

Stark sind aber auch die inneren Werte, etwa der Teleprompter. Laut dem Optiker David Kirtz von Eyebrands und dem Geschäft Zeiss Vision Center in Zürich wird die Funktion von den Kunden für freies Sprechen an Vorträgen genutzt. Es braucht schon etwas Übung in der Bedienung und im Ablesen, damit der starre Blick beim Publikum nicht auffällt, aber liest man den in die App eingespeisten Text ein, erkennt die Brille das Gesprochene und scrollt entsprechend in den Zeilen weiter.

Die Brille kann zudem gesprochene Sprache in Echtzeit in Text umwandeln und als Notiz anzeigen und speichern, oder es wird als Untertitel direkt auf den Gläsern angezeigt, was vor allem für hörbehinderte Menschen attraktiv ist, ebenso die Tatsache, dass akustische Signale wichtige Hinweise oder Alarme visuell anzeigen können.

Zudem kann Gesprochenes übersetzt und angezeigt werden; 13 Sprachen sind derzeit verfügbar. Die Navigation ist vorerst nur für Fussgänger erlaubt, könnte aber eine grosse Hilfe sein, um sich in einer fremden Stadt zu bewegen, ohne ständig aufs Handy schauen zu müssen.

Bei der Brille von Even Realities wird ein Textfeld auf rund zwei Metern Distanz auf dem Sichtfeld projiziert.

Vergangenen Herbst kamen die ersten Brillen in den Verkauf – und sie verkaufen sich. «Diese Art Brille wird früher oder später eine bedeutende Rolle in unserem Alltag spielen – weit über das Sehen hinaus», sagt der Optiker David Kirtz.

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