Mit der Einführung neuer Strafzölle löst Donald Trump weltweit Konsternation aus. Während China und die EU Gegenzölle angekündigt haben, halten sich andere Länder zurück. Die NZZ-Auslandkorrespondenten berichten.
Es gab sie, die Optimisten. Stimmen, die gehofft hatten, dass die USA an Donald Trumps «Tag der Befreiung» gegenüber den Handelspartnern und Verbündeten weniger drastische Strafzölle erlassen würden als befürchtet.
Aber am Mittwochnachmittag hat der US-Präsident Zölle in einer Höhe bekanntgegeben, wie sie die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen hat. Einzelne Staaten, so auch China, aber auch die EU, haben Gegenzölle angekündigt.
Die NZZ-Auslandkorrespondenten berichten aus ihren Regionen über die Reaktionen.
Peking: Xi Jinping bereitet den Gegenschlag vor
Die Regierung von Xi Jinping reagiert scharf auf die Ankündigung aus Washington. «China wendet sich aufs Schärfste gegen diesen Schritt und wird entschlossene Gegenmassnahmen ergreifen, um seine Rechte und Interessen zu schützen», teilte das Handelsministerium am Donnerstagvormittag mit. China dränge die USA, die Zölle umgehend zurückzunehmen und Handelskonflikte durch Dialoge zu lösen, heisst es in der Erklärung weiter.
Am Mittwoch hatte der US-Präsident zusätzliche Zölle in Höhe von 34 Prozent auf praktisch alle Waren aus China angekündigt. Bereits im Februar hatte Trump die Zölle auf chinesische Importe in zwei Schritten um 20 Prozent angehoben. Mit der jüngsten Erhöhung kommt Trump seinem im Wahlkampf erklärten Ziel, Waren aus China mit einem Zollsatz von 60 Prozent zu belegen, sehr nahe.
Wie aus dem Staatsrat, der chinesischen Regierung, zu hören ist, bereitet Peking als Antwort ein Paket aus Gegenzöllen und Exportkontrollen vor. Vorgestellt werden dürfte dieses allerdings erst in der kommenden Woche. Am Freitag ist in China Feiertag.
Auf die ersten beiden Zollrunden der USA hatte Chinas Regierung mit Zöllen, unter anderem auf amerikanische Agrarprodukte sowie Flüssiggas und Rohöl, Exportbeschränkungen für seltene Mineralien und Untersuchungen gegen sogenannte «unzuverlässige» Unternehmen reagiert.
Für die ohnehin angeschlagene chinesische Wirtschaft sind die neuen US-Zölle Gift. Zhang Ning, China-Analyst der UBS in Hongkong, geht davon aus, dass die Zölle Chinas Wirtschaftswachstum um 150 Basispunkte vermindern werden.
Brüssel: Am 14. April führt auch die EU Gegenzölle ein
EU-Kommissions-Mitarbeitern hat man die Anspannung in diesen Tagen angemerkt. Sichtlich genervt waren sie, weil sich Regierungschefs und Minister von Mitgliedsländern mit Kommentaren zum Handelskonflikt nicht zurückhielten. Handelspolitik ist Sache der Kommission; seit Wochen versucht sie, gegenüber den USA eine Strategie zu entwickeln, mit der die Mitgliedsländer leben können.
Doch das ist schwierig. Die Länder sind sich zwar mehr oder weniger einig, dass die EU auf die Zölle mit Gegenaktionen reagieren muss. Die Einheit ist aber in Gefahr, sobald amerikanische Massnahmen die eigene Wirtschaft stark treffen.
Laut Bernd Lange, dem Vorsitzenden des Handelsausschusses des EU-Parlaments, wird die EU am 14. April mit Gegenzöllen reagieren. In einem ersten Schritt werden sie auf Stahlprodukte, Textilien und Landwirtschaftsgüter anfallen. Später sollen weitere Güter hinzukommen.
Man sei weiterhin bereit, mit den USA zu sprechen, auch über gegenseitige Zollsenkungen sagte er. «Aber wir lassen uns nicht erpressen.» Lange vermisst seitens der USA Verhandlungspartner, die sich wirklich auf Gespräche einlassen. Es sei nicht klar, wer wofür zuständig sei.
Eine scharfe Eskalation wäre es, wenn die EU die amerikanischen Tech-Firmen mit Abgaben belastete. Noch schreckt die EU aber davor zurück.
Jerusalem: Zoll-Appeasement scheitert
Als hätte sie geahnt, was auf sie zukommt, veröffentlichte Israels Regierung am Dienstag eine ausführliche Mitteilung. Von jetzt an gälten keinerlei Zölle mehr auf Importe aus den USA, hiess es darin.
Der Schritt war vor allem symbolisch: Auf rund 99 Prozent aller amerikanischen Güter erhebt Israel ohnehin keine Zölle – jährlich kassiert Jerusalem nur knapp 10 Millionen Franken durch Abgaben auf amerikanische Lebensmittel und Agrarprodukte.
Geholfen hat der Schritt denn auch nur wenig. Auf israelische Güter erheben die USA ab sofort einen Einfuhrzoll in Höhe von 17 Prozent. Das dürfte Israels Wirtschaft empfindlich treffen. Die USA sind der grösste Handelspartner, über ein Viertel der Exporte gehen nach Amerika.
Unternehmen sorgten sich wegen Donald Trumps Zöllen sehr, sagte Ron Tomer, der Vorsitzende des israelischen Industrieverbands, dem Nachrichtenportal «ynet» am Donnerstag. «Dieser Entscheid bedroht die wirtschaftliche Stabilität Israels, könnte ausländische Investitionen gefährden und die Wettbewerbsfähigkeit israelischer Unternehmen in den USA schwächen.»
Berlin: Letzte Hoffnungen auf Verhandlungen
Für das exportorientierte und zugleich wirtschaftlich geschwächte Deutschland ist die Einführung der US-Zölle auf fast alle Einfuhren aus der EU ein weiterer herber Schlag. Der geschäftsführende Wirtschaftsminister Robert Habeck verglich die drohenden ökonomischen Auswirkungen am Donnerstag mit jenen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Unter Verweis auf die bereits vorbereiteten Gegenzölle der EU sagte er, es blieben noch knapp 14 Tage Zeit für Verhandlungen. Aber wenn die USA keine Verhandlungslösung wollten, werde die EU eine «ausgewogene, klare und entschlossene Antwort» geben.
Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie unterstützte die Strategie der EU-Kommission. Die US-Zölle seien «ein beispielloser Angriff» auf das internationale Welthandelssystem, freien Handel und globale Lieferketten. Der Verband der chemischen Industrie mahnte alle Beteiligten, einen kühlen Kopf zu bewahren. Eine Eskalationsspirale würde den Schaden nur vergrössern.
Mit einem letztjährigen Anteil von 10 Prozent sind die USA das wichtigste Zielland für deutsche Güterausfuhren. Die wichtigsten Exportprodukte sind Autos und Autoteile, auf die bereits ein US-Zoll von sogar 25 Prozent in Kraft getreten ist, Maschinen und Pharmazeutika. Letztgenannte scheinen die USA vorerst auszunehmen. Laut einer Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte der kumulierte Schaden der neuen Zölle für die Bundesrepublik über die vierjährige Amtszeit Trumps rund 200 Milliarden Euro betragen. Das deutsche Bruttoinlandprodukt wäre 2028 etwa 1,5 Prozent niedriger als ohne Zölle.
London: Das Ziel ist ein rasches Handelsabkommen
Auf britische Exporte in die USA fällt ein Zoll von 10 Prozent an. Das ist deutlich weniger als für Güter aus der EU – und weniger, als die Labour-Regierung von Keir Starmer befürchtet hatte. Was der konservative «Daily Telegraph» als «Brexit-Dividende» feierte und Labour-Kreise auf Starmers diplomatisches Geschick zurückführten, scheint aber vor allem eine Folge des ausgeglichenen Güterhandels zwischen den USA und Grossbritannien zu sein.
Starmer erklärte am Donnerstag bei einem Treffen mit Unternehmern, die Zölle würden die britische Wirtschaft belasten. Die Regierung hält sich alle Optionen offen, will aber auf Gegenzölle verzichten. Vielmehr setzt Starmer nach wie vor auf den Abschluss eines Handelsabkommens mit Washington. Die Verhandlungen darüber kamen in den letzten Tagen gut voran.
London ist offenbar bereit dazu, die Regulierung und die Steuerbelastung für amerikanische Tech-Firmen sowie die Zölle für amerikanische Fleisch- und Fischimporte zu verringern. Die Labour-Regierung hofft, dass man sich mit Washington innert kurzer Zeit handelseinig wird – und dass Trump seine Zölle gegen Grossbritannien dann wieder zurücknimmt.
Nairobi: Ende der Zollprivilegien für mehr als 30 Länder
In Afrika sind China und die EU für fast alle Länder die wichtigeren Handelspartner als die USA. Entsprechend sah man der Eskalation im Handelskrieg gelassen entgegen. Wenn, hat man Angst vor indirekten Effekten: dass etwa Chinas Wirtschaft durch Trumps Handelskrieg geschwächt werden könnte und dadurch die Nachfrage nach Kupfer oder Kobalt aus Afrika sinkt.
Eine Ausnahme zur afrikanischen Gelassenheit gibt es. Trumps Handelspolitik dürfte der African Growth and Opportunity Act (Agoa) den Todesstoss versetzen. Das 2000 unter Präsident Clinton gestartete Programm gewährt mehr als 30 afrikanischen Staaten zollfreien Zugang bei fast 2000 Produkten zum amerikanischen Markt. Gerade für Südafrika, dem Trump am Mittwoch auch noch Importzölle von 30 Prozent auferlegt hat, war Agoa wichtig.
Das Programm läuft im September aus, eine Verlängerung ist unwahrscheinlich. Dies, obwohl auch republikanische Abgeordnete die Weiterführung befürwortet hatten. Sie hofften, Agoa könnte ein Gegengewicht zur chinesischen Dominanz in Afrika schaffen. Stattdessen eröffnet der amerikanische Rückzug neue Chancen für Länder wie die Türkei, Indien, Russland oder die Vereinigten Arabischen Emirate, die in Afrika stärker Fuss gefasst haben in den vergangenen Jahren.
Paris: Schwerer Schlag für die Weinindustrie
«Handelskrieg – Die Welt unter Schock», titelte der konservative «Figaro» am Donnerstag. Auch die französische Regierungssprecherin Sophie Primas zeigte sich von der «imperialistischen Haltung» des Verbündeten schockiert.
Alle Charmeoffensiven Emmanuel Macrons, so konstatiert man in Paris, prallten offensichtlich an Donald Trump ab. Frankreich werde sich bei Gegenmassnahmen jetzt eng mit der EU abstimmen, kündigte Primas an, aber die Nervosität ist gross. Besonders für zwei Säulen der französischen Exportwirtschaft, Wein und Milchprodukte, sind die Strafzölle ein schwerer Schlag.
Zwar bleiben die Winzer und Brenner vorerst von den 200 Prozent verschont, die Trump im März als Vergeltung für die geplanten EU-Zölle auf amerikanischen Whiskey angedroht hatte. Doch schon jetzt rechnen Branchenvertreter mit mindestens einer Milliarde Euro Verlust, nachdem zahlreiche Weinausfuhren im Rhonetal und in anderen Weinregionen gestoppt worden sind.
Die USA machen rund 20 Prozent der französischen Exporte für Alkoholika aus und sind für die Produzenten als Absatzmarkt unersetzlich (3,8 Milliarden Euro Umsatz 2024). Parallel schlug am Donnerstag auch die Milchwirtschaft des Landes Alarm. Ihre Exporte in die USA hatten sich zuletzt verdoppelt und lagen bei 350 Millionen Euro im Jahr.
Delhi: Verpuffte Charmeoffensive
Indiens Premierminister Narendra Modi hatte frühzeitig auf eine Charmeoffensive gesetzt, um Trump milde zu stimmen. Nur Wochen nach dessen Amtseinführung reiste Modi ins Weisse Haus und signalisierte Indiens Bereitschaft, den USA in Streitfragen entgegenzukommen. Er ging sogar so weit, als einer der wenigen Staatsführer der Welt Trumps Netzwerk Truth Social beizutreten. Jüngst setzte er sich mit Nachdruck dafür ein, die Verhandlungen über ein bilaterales Handelsabkommen voranzubringen.
Noch einen Tag vor der Verkündung der Zölle zeigte sich ein früherer indischer Diplomat im Gespräch davon überzeugt, dass Indien gut vorbereitet sei. Die Auswirkungen würden nicht so dramatisch werden, meinte er. Doch wie andere verbündete Staaten wurde auch Indien nicht verschont. Indien sei ein sehr, sehr harter Handelspartner, sagte Trump bei seinem Auftritt im Rosengarten. Er habe Modi gesagt: «Du bist ein Freund von mir, doch du behandelst uns nicht gut.»
Am Tag danach tröstete man sich in Indien damit, dass es andere asiatische Länder noch viel härter getroffen hat. Kommentatoren zeigten sich überzeugt, dass dies einen relativen Wettbewerbsvorteil für Indien bieten könnte. Manche Ökonomen sehen auch eine Chance, Indiens hohe Handelsbarrieren zu senken und die lähmende Bürokratie abzubauen. Modi selbst äusserte sich zunächst nicht zu Trumps Zöllen, sondern reiste zu einem Regionalgipfel in Bangkok.
Ottawa: Erleichterung mit Einschränkung
Kanada erhält wie Mexiko keine «reziproken» Zölle auferlegt. Die Freude darüber hält sich in Ottawa jedoch in Grenzen, weil das Land unter den bereits eingeführten Importzöllen auf Autos, Aluminium und Stahl besonders leidet – ebenso wie auf den Zöllen, die Trump verhängt hat, weil Kanada an der Grenze angeblich zu wenig gegen den Drogenschmuggel tut.
«Wir werden diese Zölle mit Gegenmassnahmen bekämpfen», sagte Mark Carney, der neue Premierminister. Trumps Massnahmen würden «das Welthandelssystem fundamental verändern», was Millionen von Kanadiern direkt betreffen werde. Carney kündigte für Donnerstag eine umfassende Antwort an.
Seine Liberale Partei hat vom Handelsstreit mit den USA profitiert, weil die Wähler im früheren Notenbanker Carney offenbar einen glaubwürdigen Gegenpol zu Trumps Kraftmeierei sehen; in Umfragen hat die Partei ihren grossen Rückstand auf die oppositionellen Konservativen wettgemacht – weshalb Carney für den 28. April Wahlen angekündigt hat. Es ist zu erwarten, dass Kanada zumindest nach aussen weiterhin eine harte Linie gegenüber Trump fährt, weil die Kanadier wütend sind und solche fordern.
Mexiko-Stadt: Verzicht auf Kritik und Gegenzölle
In Mexiko herrscht Erleichterung darüber, dass Trump sowohl auf harsche öffentliche Kritik an Mexiko als auch auf neue Zölle gegen den grössten Handelspartner der USA verzichtet hat. So bleiben Güter, die unter dem Abkommen USMCA in die USA exportiert werden, weiterhin von Zöllen befreit.
Güter, die nicht unter das von Trump in seiner ersten Amtszeit ausgehandelte Freihandelsabkommen fallen, werden aber wie bereits angekündigt mit zusätzlich 25 Prozent belegt. Diese Zölle waren im März mit der Begründung eingeführt worden, dass Mexiko nicht genug gegen den Zustrom von illegal einreisenden Migranten und Drogen über die amerikanische Grenze unternehme.
Sollte Washington hier in Zukunft zu einer positiven Einschätzung kommen, werde man diese Zölle auf 12 Prozent senken, erklärte Trump. Es wird erwartet, dass Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ihre Linie beibehält, auf öffentliche Kritik an Trump und auf Gegenzölle zu verzichten. Bis anhin ist Mexiko damit gut gefahren.
Autoren: Matthias Kamp, Peking, Thomas Milz, Mexiko-Stadt, André Müller, New York, Niklaus Nuspliger, London, Daniel Imwinkelried, Brüssel, René Höltschi, Berlin, Samuel Misteli, Nairobi, Daniel Steinvorth, Paris, Ulrich von Schwerin, Mumbai, Rewert Hoffer, Tel Aviv, Lorenz Honegger