Dienstag, Januar 20

In Tel Aviv feiern Hunderte die Freilassung von vier verschleppten Soldatinnen. Doch ein Wortbruch der Hamas könnte die Waffenruhe schon bald zu Fall bringen.

Als Daniel Hagari auf der grossen Leinwand sagt, dass die vier jungen Soldatinnen nach 477 Tagen in der Hand der Hamas zurück in Israel seien, bricht die Sonne durch die graue Wolkendecke in Tel Aviv. Der Platz der Geiseln im Zentrum der israelischen Grossstadt wird mit einem Mal in ein warmes Licht getaucht. Hunderte Menschen jubeln, als der israelische Militärsprecher die frohe Botschaft verkündet. Einige wischen sich Tränen aus den Augen.

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Zum zweiten Mal sind israelische Geiseln aus dem Gazastreifen im Rahmen der Waffenruhe freigekommen. Nachdem am vergangenen Sonntag drei Geiseln nach Hause zurückgekehrt waren und Israel dafür neunzig palästinensische Gefangene entlassen hatte, übergab die Hamas am Samstag vier junge israelische Soldatinnen dem Internationalen Roten Kreuz. Die Wehrdienstleistenden waren am 7. Oktober 2023 in der Militärbasis Nahal Oz in der Nähe des Gazastreifens im Einsatz, als die Islamisten den Stützpunkt überrannten.

Äusserlich scheinen die jungen Frauen im Alter zwischen 19 und 20 Jahren unversehrt zu sein, welche psychischen Schäden sie nach 15 Monaten in Gefangenschaft der palästinensischen Terrororganisation erlitten haben, ist noch unklar. Wieder schlachtete die Hamas die Freilassung propagandistisch aus und präsentierte die vier in olivgrüne Uniformen gekleideten Frauen auf einer Bühne in Gaza, bevor sie in die Freiheit entlassen wurden.

«Ich habe sehr gemischte Gefühle», sagt Naomi Drori inmitten der Menschenmenge. Die junge Frau mit den rotblonden Haaren und der blauen Kappe kommt ursprünglich aus München, lebt aber seit 2011 in Tel Aviv. «Ich bin unglaublich erleichtert über alle, die freikommen», sagt sie. «Aber es ist klar, dass sich das Blatt jederzeit wenden kann – und gleichzeitig gibt es so viel Ungewissheit über den Zustand der restlichen Geiseln.»

Die Hamas bricht die Bedingungen des Abkommens

Drori ist mit ihrer Meinung am Samstag auf dem Platz der Geiseln nicht alleine. Hunderte von Menschen jubeln zwar, als die jungen Frauen auf der Leinwand zu sehen sind, als sie erst dem Internationalen Roten Kreuz und dann der israelischen Armee übergeben werden. Doch vielen ist bewusst, dass sich das Abkommen mit der Hamas schon nach der ersten Woche auf tönernen Füssen steht.

Denn zwei Geiseln fehlen an diesem Samstag: Arbel Yehud und Shiri Bibas. Die beiden Frauen sind die letzten Zivilistinnen, die noch in Gaza festgehalten werden. Laut der Übereinkunft zwischen Israel und der Hamas sollten die zivilen weiblichen Geiseln vor den Soldatinnen freikommen. Als die Hamas am Freitagabend die Liste der freizulassenden Geiseln übermittelte, war klar, dass sie das Abkommen gebrochen hatte.

Die 29-jährige Arbel Yehud wird vom Palästinensischen Islamischen Jihad (PIJ) und nicht von der Hamas festgehalten. Laut Medienberichten will die militante Palästinenserorganisation die Geisel nicht freilassen – trotz Druck der Hamas und der PIJ-Führung im Ausland. Weshalb Shiri Bibas nicht freikam, bleibt bis jetzt unklar. Der Armeesprecher Hagari sagte am Samstag, dass grosse Sorge wegen des Schicksals der Bibas-Familie herrsche. Es ist unklar, ob Shiri Bibas noch am Leben ist. Die 33-jährige Frau wurde am 7. Oktober gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern entführt.

Als Reaktion auf den Wortbruch der Hamas kündigte Israels Regierung an, sich nicht wie vereinbart aus dem Zentrum des Gazastreifens zurückzuziehen. Geflohene Palästinenser im Süden des Gazastreifens können somit nicht in den Norden zurückkehren. Gemäss den ursprünglichen Bedingungen sollte dies am heutigen Tag möglich werden. Israel wird die Rückkehr in den Norden erst erlauben, wenn die Zivilistin Arbel Yehud freikommt. Die israelische Armee warnte Menschen in Gaza davor, sich dem Netzarim-Korridor im Zentrum des Gazastreifens zu nähern, wo sich immer noch israelische Soldaten befinden.

Fraglich, ob das Geiselabkommen hält

«Es besteht eine grosse Gefahr, dass das Geiselabkommen nicht vollständig umgesetzt wird», sagt Amit, der ebenfalls in der grossen Menschenmenge im Zentrum von Tel Aviv gebannt auf die Leinwand schaut. Der 25-Jährige mit dem dichten Vollbart will seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen. Er ist schon am frühen Vormittag auf den Platz der Geiseln gekommen, um die Freilassung zu verfolgen. «Wegen der Interessen der rechtsextremen Parteien in der Regierung und Verstössen der Hamas kann die Übereinkunft jederzeit scheitern.»

Bisher hält sich Israel an die übrigen Bedingungen des Abkommens. Laut ägyptischen Medienberichten hat Israel kurz nach der Freilassung der vier Geiseln am Samstag 70 palästinensische Gefangene nach Ägypten transportiert. Insgesamt entlässt Israel pro Soldatin 50 Gefangene. Diejenigen, die wegen des Mordes an Israeli verurteilt sind, dürfen allerdings weder in das Westjordanland noch in den Gazastreifen zurückkehren und müssen stattdessen ins Exil gehen. Gemäss Medienberichten reisen sie aus Ägypten entweder nach Katar oder in die Türkei weiter. Die restlichen 130 Gefangenen wurden nach Ramallah ins Westjordanland gebracht.

Gemäss Berichten der Nachrichtenagentur Reuters und Al Jazeera hat ein hochrangiges Hamas-Mitglied die Vermittler der Waffenruhe darüber informiert, dass Arbel Yehud am Leben ist und bei der nächsten Geiselfreilassung nach Israel zurückkommen wird. Der nächste Austausch von Geiseln und Gefangenen ist für den kommenden Samstag angesetzt. Nachdem die Hamas und Israel schon nach einer Woche Waffenruhe von den ursprünglichen Bedingungen abgewichen sind, ist fraglich, ob das Abkommen bis dahin hält.

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