Die Autobranche ist über die Kontinente hinweg enorm verflochten. Die deutschen Hersteller produzieren in der EU ebenso wie in den USA und exportieren auch von dort. Doch der von Trump angezettelte Zollkrieg fügt auch Schweizer Zulieferern schweren Schaden zu.
Aus dem Albtraum wird Realität: Die vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump in der Nacht auf Donnerstag angekündigten Zölle in Höhe von 25 Prozent ab dem 3. April auf Importe von Fahrzeugen und Autoteilen treffen vor allem die deutschen Hersteller hart. Die Aktienkurse von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz lagen zu Handelsbeginn jeweils rund 5 Prozent im Minus, erholten sich dann aber etwas. Trump hatte in den vergangenen Monaten mehrfach hohe Zölle auf Fahrzeugimporte angekündigt, nun macht er vermutlich ernst.
Die USA sind das wichtigste Exportland
Die USA waren laut dem Statistischen Bundesamt im vergangenen Jahr mit einem Anteil von 13 Prozent das bedeutendste Zielland aller aus Deutschland exportierten Fahrzeuge. Der Wert der Ausfuhren dürfte etwa zwischen 15 und 20 Milliarden Euro gelegen haben. Auf den Rängen zwei und drei der wichtigsten Zielländer folgen das Vereinigte Königreich (11 Prozent) und Frankreich (7 Prozent). China ist nicht unter den Top 3, weil die Konzerne intensiv im Reich der Mitte produzieren.
In den Vereinigten Staaten wird knapp die Hälfte der verkauften Neuwagen importiert. Dabei stammen rund 90 Prozent der Einfuhren aus fünf Ländern, nämlich Mexiko, Japan, Südkorea, Kanada und Deutschland.
Trump will mit dem Protektionismus nun einheimische Hersteller wie General Motors (GM), Ford und zum Teil Stellantis (mit Marken wie Chrysler, Jeep, Dodge und RAM) vor der ausländischen Konkurrenz schützen. Das dürfte aber nur teilweise funktionieren, da auch die amerikanischen Anbieter stark auf Freihandel setzen und beispielsweise Fahrzeuge und Autoteile aus dem südlichen Nachbarland Mexiko importieren.
Porsche, Ferrari und Volvo Cars stark betroffen
Laut der amerikanischen Investmentbank Stifel sind im Hinblick auf das individuelle Verkaufsvolumen Porsche und Ferrari am stärksten von den Zollplänen betroffen. Die beiden Marken würden 25 beziehungsweise 24 Prozent ihrer globalen Produktion in den USA absetzen. Danach folgten Volvo Cars, BMW und Mercedes-Benz mit 16 bis 15 Prozent. Beim Volkswagen-Konzern insgesamt sind lediglich 8 Prozent der Verkäufe betroffen.
Diese Zahlen verschieben sich etwas, wenn man auch die Produktion der einzelnen Hersteller in den USA berücksichtigt. Während die Anteile von Porsche, Ferrari und Volvo in etwa gleich bleiben, sinken sie für Mercedes-Benz und BMW auf 9 Prozent und für den Volkswagen-Konzern auf 6 Prozent. Im Hinblick auf die Profitabilität dürften die Zölle aus Sicht der Stifel-Experten den höchsten Einfluss auf Volvo haben, danach würden BMW und Mercedes folgen.
Innerhalb des Volkswagen Konzerns träfen die angekündigten Zölle wohl am stärksten die beiden Marken Porsche und Audi, denn beide produzieren bisher nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Wolfsburger haben zwar ein Werk im Bundesstaat Tennessee, doch dort fertigen sie keine Fahrzeuge der beiden Premium-Marken, die einen Grossteil des Konzerngewinns erwirtschaften.
Problematisch ist zudem, dass mit dem Jetta und dem Tiguan zwei in den USA beliebte Modelle aus Mexiko importiert werden. Audi produziert zudem das SUV Q5 ebenfalls in Mexiko. Weitere Importe des Konzerns in die USA kommen stark aus Brasilien und Deutschland.
BMW und Mercedes-Benz produzieren vor Ort
BMW fertigt bereits seit 1992 in Spartanburg in South Carolina und zwar derzeit überwiegend Geländewagen der Modelle X3 bis X7 und den XM. Im Jahr 2022 hatten die Bayern für die USA Investitionen von rund 1,7 Milliarden Dollar angekündigt, wovon rund 1 Milliarde in die Erweiterung des Werks und 700 Millionen Dollar in den Aufbau einer Batteriefabrik im benachbarten Woodruff fliessen sollten.
Im vergangenen Jahr haben die Münchner ins Spartanburg rund 400 000 Fahrzeuge produziert, was in etwa dem Verkaufsvolumen in den USA entspricht. Allerdings wurden etwas mehr als die Hälfte der dort produzierten Fahrzeuge exportiert. Dabei gingen knapp 100 000 Einheiten in die EU, danach folgten mit grossem Abstand China, Grossbritannien und Kanada. Zugleich importierte BMW rund 250 000 Fahrzeuge in die USA, von denen wiederum deutlich mehr als die Hälfte aus der EU kamen.
BMW-Chef Zipse hat zwar in der Vergangenheit mehrfach betont, dass die globale Aufstellung den Konzern resilient und wettbewerbsfähig mache. Zölle würden hingegen Handel und Innovationen bremsen und eine Negativspirale in Gang setzen. Er hatte deshalb dafür plädiert, die EU solle ihre Zölle auf das Niveau der USA senken.
Auch Mercedes-Benz fertigt seit über 30 Jahren in den USA am Standort Tuscaloosa in Alabama. Dort werden ebenfalls überwiegend sportliche Geländewagen produziert, nämlich die Modelle GLE, GLS, das EQS SUV, das EQS SUV Maybach und der GLS Maybach. Rund zwei Drittel der Produktion gehen in den Export. Die Stuttgarter sind deutlich zurückhaltender mit der Veröffentlichung von Zahlen als BMW. Doch auch Mercedes-Benz dürfte den Grossteil der Produktion in die EU verkaufen.
Auch die Schweizer Industrie lebt von Autogeschäften
Die Autoindustrie hat in der Schweiz längst nicht das riesige Gewicht, das sie in Deutschland hat. Doch ihr Beitrag zur Schweizer Wirtschaft ist gleichwohl nicht zu vernachlässigen.
Insgesamt arbeiten schätzungsweise rund 30 000 Personen bei Unternehmen, die als Zulieferer Komponenten für die Autobranche produzieren. Dies sagt aber noch nicht alles, denn auch viele Hersteller von Maschinen sind in der Schweiz stark von Geschäften mit dem Autosektor abhängig. Insgesamt zählt die Branche der Schweizer Maschinenbau-, Elektro- und Metallunternehmen knapp 330 000 Beschäftigte.
Wie Martin Hirzel, der Präsident des Branchenverbands Swissmem ausführt, ist die Lage bei vielen Autozulieferern und Maschinenbaufirmen ohnehin angespannt. Die Unternehmen spürten die schwache Konjunktur in ihrem Hauptabsatzmarkt Europa.
Zölle bedeuten eine dritte schwere Belastung
Hirzel, der die Autobranche als ehemaliger Konzernchef des Winterthurer Zulieferers Autoneum bestens kennt, erwähnt ein zweites Problem: das Wegbrechen einst hochprofitabler Geschäfte mit China. Weil die Hauptkunden der Schweizer Industrie im Bereich der Automobilproduktion, Mercedes-Benz, BMW und der Volkswagen-Konzern, Marktanteile im Reich der Mitte verloren hätten, übten sie seit geraumer Zeit verstärkt Druck auch auf Schweizer Zulieferer aus. «Volumen und Margen sind ins Rutschen geraten», sagt Hirzel.
Vor diesem Hintergrund treffen die US-Zölle Schweizer Autozulieferer und Maschinenhersteller zu einem denkbar günstigen Eindruck. «Die Lage ist sehr ungemütlich», meint der Swissmem-Präsident.
Wer trägt die Kosten?
Die wenigsten Autoteile aus Schweizer Produktion gehen direkt in die USA. Meist machen sie einen Umweg beispielsweise über die Werke von Mercedes-Benz im Raum Stuttgart. Weil ein Teil davon von dort in Containern für die Weiterverarbeitung nach Amerika verfrachtet wird, verteuern die Zölle aber auch Lieferungen von Komponenten aus Schweizer Fabriken. Dasselbe trifft für Teile zu, die in deutschen Autowerken verarbeitet und als fertige Fahrzeuge dann in die Vereinigten Staaten ausgeführt werden.
Hirzel ist sich sicher, dass die Zölle die Nachfrage nach europäischen Autos in den USA verringern werden. Bei Fahrzeugen, die gleichwohl noch einen Abnehmer finden, fragt sich, wie weit es den Herstellern gelingen wird, die Zölle weiterzugeben.
Nach Einschätzung von Hirzel, der neben seiner Tätigkeit als Swissmem-Präsident auch als Verwaltungsrat der beiden Schweizer Autozulieferer Dätwyler und Ronal aktiv ist, dürften Autobauer und deren Lieferanten einen bedeutenden Teil der Belastung wohl selbst tragen müssen. «Für Zulieferer aus der Schweiz bedeutet dies, dass sie noch mehr Margendruck ausgesetzt sein werden.»
Wegen der angespannten Geschäftssituation haben sich nach Beobachtung von Swissmem bereits in den vergangenen Monaten bei Autozulieferern und Maschinenherstellern Fälle von Kurzarbeit gehäuft. Die Branche wäre dringend auf zusätzliche Aufträge angewiesen. Anderenfalls drohen Entlassungen.
Aufbau einer US-Fabrik ist eine langwierige Sache
In einer vorteilhafteren Lage mit Blick auf die US-Zölle sind Unternehmen, die in Amerika eigene Fabriken betreiben. Bei den grossen kotierten Schweizer Zulieferern Autoneum, Feintool, SFS und Georg Fischer ist dies allesamt der Fall. Auch der Kunststoffproduzent Ems, der rund 60 Prozent des Umsatzes mit Kunden aus der Autoindustrie erwirtschaftet, verfügt über amerikanische Produktionsstätten.
Anders präsentiert sich die Situation bei vielen kleineren Zulieferern aus der Schweiz, die primär für Abnehmer in Deutschland und anderen europäischen Ländern arbeiten. Den Aufbau von US-Produktionsstätten erachtet der Swissmem-Präsident für sie in den seltensten Fällen als opportun. Er gibt zu bedenken, dass die dort dominanten amerikanischen, japanischen und koreanischen Autohersteller bereits über ein Netzwerk von etablierten Zulieferern verfügten.
Auch dauere es, sagt Hirzel, erfahrungsgemäss drei bis vier Jahre ab dem Investitionsentscheid, um eine neue Fabrik zu bauen. «Trump wird dann bereits nicht mehr an der Macht sein. Und wer weiss, ob sein Nachfolger im Weissen Haus an den Zöllen festhalten wird?».
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