Mit einer unbedarften Bemerkung unterschlägt der amerikanische Vizepräsident die britischen Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak – und verletzt den Nationalstolz der Briten.
Der Remembrance Day am 11. November gehört in Grossbritannien zu den wichtigsten Feiertagen. Gedacht wird nicht nur des Endes des Ersten Weltkriegs und der rund 880 000 damals getöteten britischen Soldaten, sondern auch der vielen weiteren Briten in Uniform, die seither im Kampf für Freiheit und Demokratie ihr Leben verloren. Politiker demonstrieren Patriotismus, indem sie sich eine Mohnblume ans Revers heften – eine Hommage an die Blumen auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Flandern. Respektlosigkeit gegenüber der Erinnerungskultur gilt als Sakrileg – ähnlich wie Kritik am Nationalen Gesundheitsdienst (NHS).
«Tiefe Respektlosigkeit»
Vor diesem Hintergrund stach der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance vor einigen Tagen mit einer unbedarften Äusserung auf Fox News in ein politisches Wespennest. Er zeigte sich skeptisch gegenüber der von London und Paris propagierten «Koalition der Willigen», die zur Überwachung eines Waffenstillstands Truppen in die Ukraine schicken könnte: «Amerika wirtschaftlich an der Zukunft der Ukraine zu beteiligen, ist eine viel bessere Sicherheitsgarantie, als 20 000 Soldaten aus einem x-beliebigen Land, das seit 30 oder 40 Jahren in keinem Krieg gekämpft hat.»
Die Aussage wurde gerade von konservativen Politikern als Beleidigung der britischen Truppen kritisiert, die im Irak oder in Afghanistan an der Seite der USA gekämpft hatten. Der konservative Schattenverteidigungsminister James Cartlidge sprach von einer «tiefen Respektlosigkeit». Johnny Mercer, ein Kriegsveteran und ehemaliger Tory-Staatssekretär im Verteidigungsministerium, bezeichnete Vance als «Clown».
Die Boulevardpresse leistete wacker Schützenhilfe: Der konservative «Daily Express» sprach von einer «Beschimpfung» der 636 in Afghanistan und im Irak gefallenen Kriegshelden. Das Revolverblatt «Daily Star» veröffentlichte ein Bild des amerikanischen Vizepräsidenten unter dem Titel «J. D. Dunce», was so viel wie «J. D. Dummkopf» bedeutet.
Starmers subtiler Seitenhieb
Bis anhin waren viele der Zuspitzungen aus dem Munde von Vance bei britischen Rechten auf Sympathien gestossen. Im letzten Sommer hatte er Grossbritannien in Anspielung auf die propalästinensischen Demonstrationen als «erstes islamistisches Land mit Nuklearwaffen» bezeichnet. Als er an der Sicherheitskonferenz in München die angebliche Begrenzung der Meinungsfreiheit in Grossbritannien geisselte, war dies Wasser auf die Mühlen konservativer Kulturkämpfer.
Nun aber wies selbst Nigel Farage, der die rechtsnationale Reform-Partei präsidiert und Donald Trump freundschaftlich verbunden ist, die Aussagen von Vance entrüstet als «falsch, falsch und nochmals falsch» zurück. Gemessen an der Bevölkerungsgrösse habe Grossbritannien in Afghanistan ähnlich viel Geld und Truppen gestellt wie die USA – und ähnlich viele Soldaten verloren.
Die erhitzten Gemüter beruhigten sich nur unmerklich, als Vance präzisierte, er habe im Interview die tapferen Alliierten Grossbritannien und Frankreich weder genannt noch gemeint. Denn da kein anderes Land Bereitschaft zur Entsendung von Truppen signalisiert hatte, blieb unklar, wen ausser den Briten und den Franzosen Vance mit seiner Breitseite gemeint haben könnte.
Ein Sprecher des Vizepräsidenten erklärte, Vance habe bloss zum Ausdruck bringen wollen, dass kein europäisches Land die militärischen Ressourcen habe, um Russland ohne amerikanische Hilfe abzuschrecken. Diese unangenehme Wahrheit hörte man im gekränkten Königreich ungern. Dies, obwohl auch Premierminister Keir Starmer die Entsendung seiner «Koalition der Willigen» von einer «Rückversicherung» aus Washington abhängig macht.
Starmer vermied es, Vance direkt zu widersprechen, holte aber zu einem subtilen Seitenhieb aus: An der wöchentlichen Fragestunde im Unterhaus verlas er bedeutungsschwanger die Namen von sechs britischen Soldaten, die vor genau dreizehn Jahren in Afghanistan nach dem Beschuss ihres Fahrzeugs das Leben verloren. «Wir werden ihren Mut und ihr Opfer nie vergessen!»

