Freitag, August 29

Schach ist eine Männerdomäne. Obwohl gerade hier Geschlechtsunterschiede keine Rolle spielen sollten, sind vor dem Brett nicht alle gleich.

Im Schachspiel ist der Fall klar: Die Dame ist die stärkste Figur. Nicht die höchste. Das ist der König. Aber er ist schwach, kann sich selbst nicht verteidigen. Angreifen sowieso nicht. Wird er mattgesetzt, ist das Spiel zu Ende. Und oft ist es die Dame, die es entscheidet. Sie bewegt sich rasch über weite Distanzen, bedroht den König und lässt ihm keinen Ausweg mehr.

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Vor dem Schachbrett allerdings liegen die Dinge anders. Da haben nicht die Damen, sondern die Herren das Sagen. Nach wie vor. Bei Turnieren sind sie bei weitem in der Überzahl, und sie spielen deutlich besser. Die grossen Champions sind ausnahmslos Männer; die einzige Frau, die es je unter die Top Ten der Weltrangliste geschafft hat, war Judit Polgár. Aber das ist zwanzig Jahre her. Zurzeit findet sich unter den ersten hundert keine einzige Frau. Die beste Spielerin, die Chinesin Hou Yifan, liegt auf Platz 142.

Schachturniere sind offen für Männer und Frauen. Doch seit fast hundert Jahren werden daneben auch reine Frauenturniere veranstaltet. Als Fördermassnahme. Weil die Übermacht der Männer so gross war, dass kaum je eine Frau gewann. Dabei wäre Schach doch eigentlich der Sport, in dem Geschlechterunterschiede keine Rolle spielen. Vor dem Brett sind alle gleich. Es geht weder um Muskelkraft noch um Beweglichkeit. Körpergrösse und Schnelligkeit spielen keine Rolle. Spielbrett, Figuren und Regeln sind ohnehin identisch. Männer und Frauen haben die genau gleichen Startbedingungen. Nur aufs Denken kommt es an.

Sollte man meinen. Doch die Sache ist komplizierter. Und sie wird heftig debattiert. Seit langem. Aber gerade jetzt besonders heftig, seit Nora Heidemann im Juni die deutsche U-18-Schachmeisterschaft gewonnen hat. Nora ist siebzehn, kommt aus Spenge in Westfalen und ist eine Transperson. Bis vor wenigen Monaten galt sie offiziell als Junge. Im Herbst des vergangenen Jahres hatte sie ihr Outing. Im Frühling dieses Jahres bewilligte das Standesamt den Antrag auf Geschlechtswechsel und stellte einen neuen Personalausweis aus.

Wann gilt eine Frau als Frau?

Noras Sieg wirft Probleme auf, um die man im Deutschen Schachbund gern einen Bogen machen würde: Welche Kriterien sollen für die Spielklassen gelten? Werden Transpersonen zugelassen? Ab wann gilt eine Frau als Frau, ein Mann als Mann? Und schliesslich schwebt über allem die grosse Frage: Warum spielen Männer so viel besser? Ist es eine Frage der Intelligenz?

Nora Heidemann spielt Schach, seit sie sieben ist. Sie spielte gut. Verglichen mit gleichaltrigen Jungs allerdings nicht herausragend. Nach dem Geschlechtswechsel bewarb sie sich um einen Platz in der deutschen Jugendmeisterschaft. Ganz einfach war das nicht. Die ordentliche Qualifikation über die Bezirks- und Landesmeisterschaften der Mädchen hatte sie nicht durchlaufen können, weil sie in einer anderen Kategorie spielte. Sie musste sich um einen Freiplatz bewerben.

Sie erhielt einen und startete entsprechend ihrer Spielstärke auf Rang 10 ins Turnier. Dann ging es Schlag auf Schlag. Nora gewann sechs Partien und spielte zwei Remis. Noch nie, sagte ihre Mutter den Medien, habe Nora auch nur annähernd so gut gespielt. Nora selbst sagt, sie habe sich unter ihren Gegnerinnen sehr viel wohler gefühlt als unter den Jungs. Sie entschied das Turnier für sich. Gegen siebenundzwanzig andere Spielerinnen.

Das erregte Aufsehen, weit über die Schach-Community hinaus. Die Medien berichteten über die junge Transfrau. Gleichzeitig wurde Kritik laut. Auf Facebook, Twitter, X und Instagram gab es haufenweise Kommentare. Viele gehässig, beleidigend: ein junger Mann, der sich in ein Frauenturnier hineindränge. Schon wieder ein Fall eines mittelmässigen Sportlers, der sich «als Frau tarnt», um gegen Frauen, die hart trainierten, den Sieg nach Hause zu tragen – und erst noch die Frauentoiletten benützt. Dass Nora einen Freiplatz bekommen hatte, wurde kritisiert. Der Schachbund habe das nur getan, um nicht als rückständig zu gelten.

Eine Frau auf neun Männer

Hat Nora nur gewonnen, weil sie gegen Frauen spielte? Auch im Deutschen Schachbund gibt es Vorbehalte. Die Frauenreferentin Nadja Jussupow verlangt, Transfrauen sollten nach dem amtlichen Geschlechtswechsel erst nach einer Sperrfrist zu Turnieren zugelassen werden. Sobald sie biologisch als Frauen gelten könnten, sei alles kein Problem, sagte Jussupow in einem Interview: «Wir haben seit Ewigkeiten Transfrauen im deutschen Schach, die haben die Geschlechtsumwandlung hinter sich, die spielen bei den Frauen mit und sind auch voll akzeptiert.»

Also ist Schach doch kein genderneutraler Sport? Nein, sagt Jussupow, die selbst lange Turnierschach gespielt hat. Männer seien grösser und muskulöser und hätten mehr Ausdauer. Bei längeren Partien seien sie deshalb konzentrierter. Zudem hätten Männer ein besseres räumliches Orientierungsvermögen, sagt die deutsche Schachgrossmeisterin Elisabeth Pähtz. Das helfe beim Vorausberechnen von Spielvarianten. Ein weiteres Handicap der Frauen sei die Menstruation. Sie kenne Kolleginnen, die ihre Periode vor wichtigen Spielen mit Medikamenten aufschöben.

Handfeste Nachteile also. Körperliche Nachteile. Trotzdem hält der Weltschachverband an offenen Turnieren fest. Und an der Überzeugung, Schach sei ein inklusiver Sport. Auch der Deutsche Schachbund hat nach dem Wirbel um Nora Heidemanns Sieg die Zulassungspraxis zu Turnieren nicht geändert. Man hat sich für Inklusion entschieden. Es sei ja wohl Konsens, lässt sich der Sportchef des Schachbunds in der Presse zitieren, dass Männer nicht besser denken könnten als Frauen.

Das ist tatsächlich Konsens. Aber was heisst besser denken? Und: Ist die Überlegenheit der Männer aufs Schach beschränkt, oder zeigt sich darin ein grundsätzliches Intelligenzgefälle? Für viele Topspieler ist das Ganze ein quantitatives Problem: Je breiter die Basis, desto höher die Spitze. Weil mehr Männer als Frauen Schach spielten, seien die Männer auch unter den besten Spielern besser vertreten. Tatsächlich ist der Frauenanteil im Turnierschach tief. Weltweit liegt er bei unter zehn Prozent. Nur, auch bei Spielen wie Go, Scrabble oder Bridge schwingen die Männer an Turnieren obenaus, obwohl sie dort zum Teil untervertreten sind.

Konzentration ist alles

Warum das so ist, kann nur ansatzweise erklärt werden. Die Wissenschaft liefert keine einfachen Antworten. In einem sind sich Hirnforscher und Neurophysiologen einig: Männer sind im Durchschnitt nicht intelligenter als Frauen. Allerdings ist die Intelligenz anders über die Population verteilt. Bei den Männern gibt es mehr Ausreisser. Nach oben und unten. Salopp gesagt: Unter den Männern hat es mehr unterdurchschnittlich Intelligente, aber auch mehr Genies.

Hat der Gender-Gap beim Schach also keine biologischen Ursachen? Jein, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Die körperlichen Unterschiede wie Grösse und Muskelmasse hält er für unerheblich. Allerdings, sagt er, seien bei guten Schachspielern bestimmte Persönlichkeitseigenschaften stark ausgeprägt: Sie seien gewissenhaft, sehr konzentrationsfähig und ehrgeizig. Und verfügten über ein überdurchschnittliches Arbeitsgedächtnis. Das heisst: Sie können eine Fülle von Informationen gleichzeitig bereithalten und verarbeiten.

In diesen Eigenschaften, sagt Jäncke, unterscheiden sich Männer im Durchschnitt kaum von Frauen. Herausragende Schachspieler zeichnen sich aber auch durch ein ausserordentliches visuelles Vorstellungsvermögen aus. Und da, sagt Jäncke, seien Männer im Vorteil. Nicht grundsätzlich, aber im Durchschnitt. Das heisst, es gibt mehr Männer, bei denen die Eigenschaft besonders gut entwickelt ist. Dass eine Transfrau aufgrund der Tatsache, dass sie biologisch ein Mann ist, im Schach grundsätzlich einen Vorteil hat, glaubt Jäncke nicht.

Nicht zu unterschätzen sei allerdings das Training. «Wir haben uns das genau angeschaut», sagt Jäncke, «und es hat sich gezeigt, dass das Ranking eines Spielers in der Rangliste des Schachbunds mit der Anzahl Trainingsstunden korreliert.» Mit andren Worten: Ohne Talent geht nichts, aber erst Arbeit führt zum Erfolg.

Spielen Männer auch deshalb besser, weil sie «nerdiger» sind? Sich gern in Probleme vertiefen, die rein praktisch gesehen völlig irrelevant sind? Es gebe Thesen, die in diese Richtung wiesen, sagt Jäncke. Er selbst sei da allerdings skeptisch.

Schwarze Schwäne

So klar der Gap zwischen Männern und Frauen beim Schach ist: Erklären lässt er sich nicht so leicht. Schachspielerinnen sind schwarze Schwäne. So selten, dass man sie sich anscheinend nur als Ausnahmewesen vorstellen kann. Die Netflix-Serie «The Queen’s Gambit» erzählte vor ein paar Jahren die fiktive Geschichte von Beth Harmon, einem Waisenmädchen, das zum Schach-Profi wird. Zum Star.

Nur, hinter den Erfolgen, die sie am Brett feiert, lauert der Abgrund: Tabletten, Alkohol. Eine Frau, die so gut Schach spielt, war ohne persönliche Abgründe nicht denkbar. Nora Heidemann sieht das Ganze pragmatisch. Dass die Leistungsunterschiede biologische Ursachen haben, glaubt sie nicht. Wenn erst einmal gleich viele Frauen Schach spielten wie Männer, sei das Problem gelöst, sagte sie in einem Schach-Onlineportal. Bis dahin dürfte es freilich noch dauern.

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