Freitag, Januar 23

Das Schicksal der über Jahre von ihrem Mann und fremden Männern vergewaltigten Rentnerin Gisèle Pelicot hat niemanden kaltgelassen. Diese Woche werden die Urteile über ihre Peiniger gesprochen. Drei Frauen und ein Mann erzählen, was der Fall Pelicot bei ihnen ausgelöst hat.

Seit dem 2. September stehen in Avignon Dominique Pelicot und 50 weitere Männer vor Gericht. Sie alle sind angeklagt, die 72-jährige Gisèle wiederholt missbraucht zu haben, nachdem sie zuvor von ihrem Ex-Mann ohne ihr Wissen mit Drogen betäubt worden war. Der sogenannte Mazan-Prozess – benannt nach dem südfranzösischen Dorf, wo die Verbrechen passierten – fand weltweit Beachtung. Das hat auch damit zu tun, dass das Opfer darauf bestand, den Prozess öffentlich zu machen, damit «die Scham die Seiten wechseln» könne, wie Gisèle Pelicot sagte. Für Donnerstag werden die Urteile erwartet. Vier Franzosen erzählen, wie sie den Fall erlebt haben.

Karine, 51 Jahre, Lehrerin, derzeit beurlaubt

Man kann nicht anders, als von der monströsen Natur dieser Taten erschlagen zu werden. Ich habe viel über den Fall gelesen, und neben dem eigentlichen Verbrechen hat mich vor allem das fehlende Schuldbewusstsein der Täter entsetzt. Viele Angeklagte haben ja ausgesagt, dass sie davon ausgegangen seien, dass das Einverständnis des Ehemanns ausreiche, um seine Frau vergewaltigen zu dürfen.

Ich glaube, dass solche Verbrechen überall und jederzeit passieren können, natürlich nicht nur in Frankreich. Es hat mich auch nicht wirklich überrascht, dass die Vergewaltiger ganz normale Männer sind. Die Monster sind fast immer «Messieurs Tout-le-monde». Es gibt in unserer Gesellschaft immer noch ein sehr patriarchalisches Denken. Und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Ich habe auch mit meinen Schülern darüber gesprochen und festgestellt, dass viele Schwierigkeiten mit dem Konzept der gegenseitigen Zustimmung bei sexuellen Handlungen haben. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Fortschritte bei den jüngeren Generationen, viele sind aufgeklärter als ihre Eltern.

Und trotzdem müssen wir noch so viel tun. Wie kann es sein, dass wir immer noch darüber diskutieren, ob die Art, wie eine Frau sich kleidet, angemessen ist? Ob ein Rock vielleicht zu kurz ist? Dahinter steckt stets die Vermutung, dass das Opfer seine Vergewaltigung provoziert haben könnte. Ich komme aus einer Generation, in der sexuelle Übergriffe nicht notwendigerweise als Straftat angesehen wurden. Da war es normal, dass dir jemand seine Hand auf die Oberschenkel legte, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Ich würde gerne glauben, dass der Mazan-Prozess etwas bewirkt. Ich bin da skeptisch, aber es wäre wünschenswert, dass aus der Aufarbeitung dieser Verbrechen doch noch etwas Gutes erwächst. Ich bewundere Gisèle Pelicot und hoffe, dass ihr Mut, ihre Kraft, alles öffentlich zu machen, nicht umsonst gewesen ist. Frankreich muss auf jeden Fall sein Sexualstrafrecht verschärfen, wie das zum Beispiel Spanien getan hat. Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müssten.

Alice Cordier, 27 Jahre, «rechte Feministin»

Als ich zum ersten Mal von dem Fall hörte, hat mich eine Sache besonders schockiert. Dominique Pelicot soll gesagt haben, dass er seine Frau für ihren Rassismus habe bestrafen wollen und dass er sie deswegen von solchen Männern habe vergewaltigen lassen, die rassistisch diskriminiert worden seien. Das kam mir wahnsinnig vor. (Anmerkung der Redaktion: Dominique Pelicot soll laut einem psychiatrischen Gutachten geäussert haben, dass es ihn besonders erregt habe, dunkelhäutige und arabische Männer nach Hause einzuladen. Die Mehrheit der angeklagten Männer ist jedoch weiss.)

Als immer mehr Details ans Licht kamen, habe ich Wut und Hass auf diese Männer verspürt. Dann habe ich mir gesagt, dass natürlich nicht alle Männer so sind. Es gibt viele gute Männer, die wissen, wie man seinen Impulsen gegenüber stark bleibt. Deswegen hat sich mein Männerbild durch den Prozess auch nicht geändert. Aber ein Problem sind Plattformen wie jene, wo sich die Vergewaltiger verabredet hatten. Es gibt jede Menge pornografische Websites, wo Videos von bestimmten sexuellen Praktiken gezeigt werden, die Vergewaltigungen ähneln.

Männer sind gewalttätiger als Frauen, das ist eine biologische Tatsache. Aber wir leben in einer Zivilisation, und Zivilisation bedeutet für mich, dass Männer lernen, ihre Triebe zu kontrollieren. Wenn Männer sowieso schon Schwierigkeiten haben, sich selbst zu kontrollieren, dann fungieren solche Websites wie die Büchse der Pandora. Da werden die Männer regelrecht «ent-zivilisiert». Insofern würde ich mir wünschen, dass der Prozess auch dazu führt, dass es eine strengere Regulierung der Pornografie gibt und ein besseres Verständnis für den Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Gewalt gegen Frauen.

Bestimmte Bereiche der Pornografie, davon bin ich überzeugt, tragen zur Kultur der Vergewaltigung bei. Wo Frauen so tun, als ob sie schlafen oder betrunken sind oder zum Sex gezwungen werden. Und dann kommt noch hinzu, dass Pornos süchtig machen können. Dann kommt vielleicht irgendwann der Moment, wo ein klassischer Pornofilm nicht mehr ausreicht und man sich etwas Illegales, Perverses im Internet sucht. Ich sehe nicht, wie wir eine zivilisierte Gesellschaft bleiben können, wenn wir diese Art von Inhalten weiterhin zulassen.

Und dann gibt es natürlich das Problem, dass manche Männer offenbar glauben, dass sie sich an einer Frau vergehen können, wenn ihr Ehemann das erlaubt. Das ist wie im Mittelalter, wenn der Mann glaubt, seine Frau verfüttern zu können, und wenn andere Männer glauben, dass es normal sei, sich an ihr zu vergehen, ohne dass sie sicher sein können, dass die Frau ihr Einverständnis gegeben hat. Für die Vergewaltiger wünsche ich mir hohe Strafen. Ich würde mich freuen, wenn Monsieur Pelicot eine unbegrenzte lebenslange Haft bekäme. Es gibt sogenannte lebenslange Haftstrafen, aber nach zwanzig Jahren kommen die Vergewaltiger wieder raus. Ich würde mir eine echte lebenslange Haftstrafe wünschen, um die klare Botschaft zu senden: Nein, Sie können Ihre Frau nicht prostituieren. Nein, Sie können sie nicht auf diese Weise vergewaltigen lassen.

Benjamin, 44 Jahre, wissenschaftlicher Mitarbeiter

Zuerst war dieser Fall für mich nur einer von vielen «faits divers» (vermischten Nachrichten). Ich war angewidert, aber habe mich auch nicht näher mit dem Thema beschäftigt. Möglicherweise war ich schon abgestumpft, wie so viele von uns. Aber dann ist mir doch etwas klargeworden: Diese Verbrechen sind ja nur zufällig aufgedeckt worden, weil Pelicot dabei erwischt wurde, wie er im Supermarkt Frauen unter die Röcke filmte. Das heisst, es hätte auch niemandem auffallen können und dieser Mann hätte noch ewig so weitermachen können. Mit anderen Worten: Es gibt da draussen wahrscheinlich noch andere Pelicots, von denen wir nichts wissen. Als mir das bewusst wurde, war ich total entsetzt.

Deswegen ist das für mich auch viel mehr als nur ein «fait divers», es geht um eine grundsätzliche Krise in unserer Gesellschaft, die so etwas zulässt. Es geht um das ungerechte Verhältnis zwischen Männern und Frauen, um Macht und um Gewalt gegen Frauen. Einige Leute haben auf X und Tiktok mit der Kampagne «Pas tous les hommes» (Nicht alle Männer) reagiert. Aber das fand ich schwach. So etwas bewirkt am Ende nur, dass wir Männer eben nicht darüber nachzudenken brauchen, was sich vielleicht grundsätzlich ändern muss. Ist doch logisch, dass nicht alle Männer Vergewaltiger sind.

Mazan ist auf jeden Fall eine Zäsur. Es gab im ganzen Land Demonstrationen, und im Privaten hat der Fall sowieso niemanden kaltgelassen. Wir haben viel darüber diskutiert in meiner Familie, in meinem Freundeskreis. Nur die Reaktionen der Politik haben mich bis jetzt enttäuscht. Da wurde nur an der Oberfläche gekratzt. Aber ich denke, im Unterschied zu #MeToo, wo Frankreich schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen ist, wird sich dieses Mal etwas bewegen auf lange Sicht.

Amandine Boiteux, 41 Jahre, IT-Projektleiterin

Meine erste Reaktion war Ekel, ein Ekel bis hin zum Brechreiz. Ich habe mich auch kurz gefragt, ob es sich nicht um Fake News handle. Dann erinnerte ich mich an die Gruppenvergewaltigungen in den Kellern der Vorstädte, wo junge Mädchen vergewaltigt worden waren. Ich dachte an den Film «Angeklagt» mit Jodie Foster. Oder an Jane Campions Serie «Top of the Lake», wo Kinder unter Drogen gesetzt und vergewaltigt werden. Das beruht alles auf wahren Begebenheiten. Ich habe mich auch an meine eigene Kindheit erinnert, in der ich ein Opfer sexuellen Missbrauchs geworden war.

Ich habe dann versucht, nicht zu viel zu lesen und zu sehen, weil es mich zu sehr belastete. Ich habe mich auch über die Berichterstattung geärgert, die teilweise sehr sensationsgierig war . . . Ein Prozess bleibt ein Prozess, und es mag ungerecht erscheinen, aber so ist es nun einmal: Die Angeklagten haben das Recht, sich zu verteidigen, und die Anwälte verteidigen ihre Mandanten, indem sie die Tatsachen herunterspielen. So funktioniert unsere Justiz.

Es gibt die Tendenz, dass das Justizsystem die Opfer zu Schuldigen macht und sie ein zweites Martyrium durchleben lässt. Das war auch der Grund, warum ich in meinem eigenen Fall nie Anzeige erstattet habe, ich hatte bis zu meinem 38. Lebensjahr keine Zeit dafür, und dann habe ich mich damit abgefunden, die Vergangenheit nicht auszugraben, sie dort zu lassen, wo sie ist, wie die Mehrheit der Missbrauchsopfer.

Ich denke, dieser Prozess hat den Menschen gezeigt, was es bedeutet, ein Opfer sexuellen Missbrauchs in Frankreich zu sein, und wie es ist, einen solchen Prozess zu durchleben. Was ich gerne sehen würde, ist ein Wandel in der Art und Weise, wie diese Gerichtsfälle behandelt werden. Ich würde mir wünschen, dass Anzeigen bei der Polizei besser aufgenommen werden und dass man Opfer besser auf diese Art von Prozessen vorbereitet. Und vor allem, dass die Menschen es wagen, sich Gehör zu verschaffen und Anzeige zu erstatten. Das ist immer noch zu selten der Fall.

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