Ein Gespräch über die Macht der pädokriminellen Täter und den Kampf der Ermittler.

Nach mehrjährigen Ermittlungen ist es den Behörden gelungen, eine riesige Streamingplattform für pädokriminelle Inhalte im Darknet zu zerschlagen. Die Plattform Kidflix ist laut Angaben der europäischen Polizeibehörde Europol mit 1,8 Millionen Nutzern eines der grössten pädokriminellen Netzwerke weltweit. Europol bezeichnete die Zerschlagung denn auch als den bisher grössten Einsatz gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern in Europa.

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Die Staatsanwältin Sandra Muggli und Serdar Günal Rütsche, Chef Cybercrime bei der Kantonspolizei Zürich, über versteckte digitale Tauschbörsen, die Macht der Täter und den Kampf der Ermittler.

Welche Bedeutung hat die Schliessung?

Sandra Muggli: Es ist ein Zeichen dafür, dass auch das Darknet kein rechtsfreier Raum ist. Die Gesetze zum Schutz der sexuellen Integrität von Kindern gelten auch in diesem vermeintlich anonymen Raum. Häufig führt ein solcher Ermittlungserfolg in der Szene zu einiger Unruhe und wirkt sich auch auf die Stimmung auf anderen Plattformen aus.

Welche Bedeutung hatte das Netzwerk innerhalb der Szene?

Muggli: Die Plattform bot ihren Nutzern die Möglichkeit einer kostenlosen Registrierung. Da aber nur bei kostenpflichtigen Abos uneingeschränkt und in guter Auflösung auf die verfügbaren Inhalte zugegriffen werden konnte, entschieden sich viele der Nutzer früher oder später für eine Bezahlvariante. Bezahlt wurde dabei regelmässig in Kryptowährungen.

Ist das üblich bei pädokriminellen Plattformen?

Muggli: Nein, aber auch nicht ungewöhnlich. In aller Regel steht in dieser Szene ein Tauschhandel im Vordergrund. Personen, die eine entsprechende Neigung in diesem Bereich haben, agieren zumeist triebgesteuert und nicht in monetärer Absicht, weshalb entsprechendes Bildmaterial einen höheren Wert hat als Geld. Aber wer kein geeignetes Bildmaterial hat, das er zur Verfügung stellen könnte oder will, der greift auch auf bezahlte Services zurück, um seine sexuellen Phantasien zu befriedigen. Das zeigt dieser Fall.

Das Netzwerk agierte im Darknet. Behörden weltweit sprechen allerdings von einer Flut von Kinderpornografie im Internet. Passiert das alles im Versteckten?

Serdar Günal Rütsche: Wir staunen, wie schnell wir im Netz auf verbotene Inhalte stossen. Auch in offenen Foren, wo sich niemand registrieren muss. Vieles findet aber auf geschlossenen Plattformen statt, häufig im Darknet. Wir erhalten auch viele Anzeigen und Verdachtsmeldungen aus der Bevölkerung. Dazu steigen die Meldungen aus dem Ausland massiv an. 2024 erreichten uns über die private amerikanische Nonprofitorganisation National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) 15 736 Meldungen. Für 2025 gehen wir von einem Anstieg um zehn Prozent aus.

Wie muss man sich die pädokriminelle Szene im Netz vorstellen?

Muggli: Zuoberst stehen die Betreiber und Administratoren der Foren. Es sind meistens Einzelpersonen, die aber teilweise mit anderen Betreibern vernetzt sind. In Deutschland gelang es den Ermittlern deshalb auch schon, mehrere Betreiber auf einmal dingfest zu machen. Dann gibt es die Moderatoren. Das sind privilegierte User, die sich in den Foren stark engagieren und die Regeln durchsetzen. Sie stehen in Kontakt mit den Betreibern und können fehlbare User bei einem Regelverstoss hinauswerfen. Und dann gibt es die einfachen User.

Das tönt nach strikten Hierarchien.

Muggli: Ja, alles folgt strikten Regeln. Das ist das Absurde an dieser Szene: In den Foren gibt es beispielsweise auch eine Art «Knigge», an den man sich zu halten hat. Viele User sehen sich als die «guten» Pädokriminellen, die wollen kein Material mit weinenden Kindern. Diese Täter wollen vielmehr das Gefühl haben, dass das Kind beim Missbrauch freiwillig mitmache. Für sie ist es wichtig, dass die Kinder auf den Aufnahmen lachen und keine Schmerzen zu sehen sind. Die bilden sich ein, dass sie nichts Schlechtes tun würden. Die andere Gruppe sind jene, die auch den Schmerz der Kinder sehen wollen. Dort spielen häufig sadistische Komponenten und Machtphantasien eine Rolle. Sie gelten unter den «Guten» als die «Bösen» und werden an vielen Orten nicht toleriert. Für diese Täterschaft gibt es wiederum eigene Seiten.

Hinter pädokriminellen Plattformen stecken häufig transnationale Netzwerke. Wie sehen diese aus?

Günal Rütsche: Der Moderator könnte sich in Österreich befinden, der Betreiber beispielsweise in Australien, und manchmal kennen sich die beiden nicht einmal. Sie wollen Material austauschen, aber keine persönliche Beziehung.

Reden wir von organisierter Kriminalität?

Günal Rütsche: Der Unterschied zur organisierten Kriminalität ist, dass es hier meistens nicht um das Finanzielle geht. Die technischen Betreiber verdienen mit dem Austausch von Kinderpornos aber auch Geld.

Muggli: Pädokriminelle agieren häufig als Einzeltäter, haben aber ein Interesse daran, ihre eigene Neigung salonfähig zu machen. Die wollen ihre eigene Spielwiese haben, um sich auszutauschen. Vor dem Internet waren sie isoliert. Heute merken sie, dass sie nicht allein sind, dass es Tausende gibt, die gleich denken wie sie. Dann passiert etwas Seltsames: Es fallen alle Hemmungen. Die Folge ist eine Art Realitätsumkehr. Plötzlich regen die sich über die Kinderschützer auf, die noch immer nicht begriffen hätten, dass Kinder ein Recht auf Sexualität hätten. Die vielen gleichgesinnten Nutzer dienen ihnen dabei als Legitimierung ihrer Ansichten.

Und dann sinkt die Hemmschwelle?

Muggli: Sie schaukeln sich gegenseitig auf. Da gibt es User, die noch nie Kinder missbraucht haben, aber darüber phantasieren. Je mehr Missbrauchsmaterial von anderen Tätern konsumiert wird, desto mehr wächst bei einigen diese Phantasie. Noch grösser wird der Drang, wenn solche Personen aktiv von anderen Gleichgesinnten zu diesem Schritt ermutigt und animiert werden. Es gibt auch ein Handbuch für Pädophile. Dort wird erklärt, wie man sich Kindern nähern kann. Wie man das Vertrauen der Eltern erschleichen kann.

Besteht so die Gefahr, dass diese Leute dann selbst aktiv werden und sich an Kindern vergehen?

Muggli: Meistens nicht, es kommt aber durchaus vor. In vielen Fällen begnügen sich die Nutzer mit dem Ausleben ihrer Neigung in der virtuellen Welt. Hier ist die Waffe der Computer. Nicht wenige dieser Nutzer verlieren sich dabei völlig in dieser virtuellen Welt.

Was sind das für Leute?

Muggli: Bei den Administratoren handelt es sich wegen der erforderlichen technischen Skills häufig um ziemlich introvertierte Leute, oft Computernerds. Bei den Moderatoren und anderen aktiven Teilnehmern beobachtet man oft das Bedürfnis nach Einfluss und den Wunsch, gesehen zu werden. In der realen Welt sind sie unbedeutend, in den Foren haben sie die Möglichkeit für einen Heldenstatus.

Und woher haben sie all das Material, das sie austauschen?

Günal Rütsche: Sie haben es aus dem Internet. Denn nur wenige der User in diesen Foren stellen eigenes Material her. Darum ist das auch so wertvoll. Wer selber herstellt, ist dort der Held.

Wer sind die Opfer für das Material?

Muggli: In der Regel geschieht der Missbrauch innerhalb der Familie oder im nahen Umfeld der Opfer. Die Täter sind also Väter, Onkel, Lehrer, Trainer, Krippenleiter. Der Täter, der aus dem Busch springt oder ein Kind verschleppt, ist hingegen die absolute Ausnahme.

Kinderporno-Netzwerke zu knacken, gilt bei Ermittlern als technische Herausforderung. Die Täter wissen sich zu verbergen, Posts und Inhalte sind häufig verschlüsselt. Wie kommen Sie trotzdem an die Täter heran?

Günal Rütsche: Wir dürfen verdeckt fahnden und verdeckt ermitteln. In dem Rahmen dürfen wir auch bestehende Profile übernehmen. Und seit 2024 dürfen wir – im Rahmen der gesetzlichen Grenzen – auch Material zeigen.

Von was für Material reden wir da?

Muggli: Das Gesetz gibt uns hier den Spielraum vor. Aus taktischen Gründen möchten wir aber dazu keine weiteren Angaben machen.

Günal Rütsche: Man muss das Vertrauen der Gegenseite gewinnen können. Das ist nur möglich, wenn wir selbst Material in die Foren bringen. Das ist oft eine Gratwanderung. Und es braucht Zeit. Es ist höchst anspruchsvoll, einen Account von einem zuvor verhafteten User zu übernehmen. Diese Leute haben ihre Geschichte, man kann nicht plötzlich auftauchen und sich als diese Person ausgeben. Auch wird man schnell enttarnt, wenn man nur von Montag bis Freitag zu den Bürozeiten arbeitet.

Die Ermittler müssen das sichergestellte Bildmaterial auch sichten. Eine oft sehr belastende Aufgabe. Wie gehen Sie da vor?

Günal Rütsche: Das ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die wir haben. All das Material, das ein Pädokrimineller über Jahre angesammelt hat, muss ausgewertet werden. Nur so können wir es den Beschuldigten vor Gericht auch nachweisen. Wir reden von Millionen von Bildern und Videos. Ein Ermittler allein wäre dazu gar nicht in der Lage. Darum müssen wir über neue Technologie reden, insbesondere über den Einsatz von technischen Hilfsmitteln.

Setzen Sie bereits KI ein?

Günal Rütsche: Wir benutzen einen automatisierten Vorfilter. Aber wir haben heute noch keine geeignete Software, die unterscheiden kann, ob man nun eine Darstellung vor sich hat, die in der Schweiz verboten ist, oder ob die abgebildeten Personen wirklich unter 16 Jahre alt sind. Das müssen noch immer Spezialisten der Polizei übernehmen. Dort kommen wir personell an unsere Grenzen. Wir schauen darum mit grossen Anbietern nach der geeigneten Technologie. Aber wenn die Firmen etwas für uns in dem Bereich entwickeln sollen, müssen sie Material haben. Und genau das geht nicht. Wir können Microsoft nicht Kinderpornografie zur Verfügung stellen, damit die Maschine lernen kann. Da geraten wir an ethische und rechtliche Grenzen.

Muss denn jedes einzelne Bild gesichtet werden? Ob jemand eine Million oder zwei Millionen kinderpornografische Aufnahmen besitzt, spielt für die Bestrafung vor Gericht ja keine entscheidende Rolle.

Muggli: Ein Ermittler kann bei einer Million ausgewerteten Bildern nicht sagen: Jetzt haben wir genug Material. Denn nur ein Bild weiter könnte jenes darunter sein, bei dem der Täter nicht nur konsumiert hat, sondern selbst einen Übergriff begangen hat. Dann wäre der Aufschrei in der Bevölkerung zu Recht gross, wenn wir das übersehen.

In den letzten Jahren sind neue Phänomene hinzugekommen. Eines davon nennt sich Sextortion. Erwachsene Täter bringen Minderjährige dazu, ihnen Nacktbilder von sich zu schicken. Dann drohen sie, die Aufnahmen zu veröffentlichen, sollten sie nicht weiteres explizites Material erhalten. Hat dieses Phänomen zugenommen?

Günal Rütsche: Das ist schwierig zu beurteilen, weil die meisten Fälle unbemerkt bleiben. Wir gehen aber davon aus, dass es viel mehr Sextortion-Fälle gibt, als bei der Polizei angezeigt werden. Die Dunkelziffer ist riesig.

Jeder zweite Jugendliche ist laut Studien schon online sexuell belästigt worden.

Günal Rütsche: Das ist die logische Folge des Nutzerverhaltens. Die Jugendlichen sind auf diesen Plattformen, das Austauschen wird immer einfacher und anonymer.

Muggli: Die Kinder und Jugendlichen bewegen sich auf den Plattformen teilweise sehr naiv. Sextortion ist ein Problem – auch bei männlichen Jugendlichen. Wenn ein Täter ein Fake-Profil eines gutaussehenden Mädchens erstellt und dann von einem männlichen Jugendlichen ein Dickpic fordert, braucht es zumeist wenig weitere Überzeugungsarbeit. Wir haben deshalb sehr viele männliche Opfer. Und die Täter gehen sehr geschickt vor.

Wie meinen Sie das?

Muggli: Die Kinder und Jugendlichen sehen sich häufig – abgesehen von Sextortion-Fällen – gar nicht als Opfer. Sie wollen vielmehr die Likes und bieten dafür ihren Körper an. Das Schlimmste für viele ist, wenn die Follower abspringen und die Likes ausbleiben. Ich habe schon Videos gesehen von zwölfjährigen Mädchen, in denen diese ankündigten, sie würden für fünf weitere Likes ihre Vagina zeigen. Sie merken manchmal nicht einmal, dass sie in ihrer sexuellen Integrität verletzt wurden.

Und wie gehen die Täter bei Sextortion vor?

Muggli: Sie geben sich als junge hübsche Frau oder jungen hübschen Mann aus. Sie beginnen zu flirten und zu umgarnen. Und irgendwann bringen sie die Opfer dazu, Nacktbilder zu schicken. Dann heisst es: Entweder schickst du mehr Material, oder die Aufnahmen werden an alle deine Follower verbreitet. Die Täter steigern auch ihre Forderungen, die Opfer müssen immer weitergehen und machen sich so noch erpressbarer. Sie geraten unter enormen psychischen Druck. Für viele Betroffene ist das Leben ruiniert, es gab im Ausland auch schon Suizidfälle.

Wer sind die Täter?

Muggli: Im Gegensatz zu klassischem Missbrauch im realen Leben sind es hier meist unbekannte Personen, die ihre Opfer nach dem Zufallsprinzip auswählen. Es geht um sexuelle Befriedigung und um Macht.

Aus dem Ausland ist bekannt, dass organisierte Kriminelle vermehrt Jugendliche ins Visier nehmen, um von ihnen Geld zu erpressen.

Muggli: Die Sextortion-Fälle von Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben, zielen auf Bildmaterial. Bei Erwachsenen ist es anders, dort wird häufig Geld verlangt.

Was soll man dagegen unternehmen?

Günal Rütsche: Das beginnt bei den Eltern. Sie sollten nicht alles von ihren Kindern auf Social-Media-Plattformen teilen.

Wieso ist das problematisch?

Günal Rütsche: Nehmen wir das Bild eines Mädchens im Badekleid. Kriminelle können es mithilfe von künstlicher Intelligenz schnell in ein Nacktbild verwandeln. Momentan ist KI zwar noch nicht so weit, dass man ein KI-Bild nicht mehr von einem echten unterscheiden kann, aber künstliche Intelligenz kommt dorthin. Ein Bild in der Badehose sollte beispielsweise nicht als Profilbild verwendet werden.

Viele Eltern setzen auf technologische Kontrolle ihrer Kinder.

Günal Rütsche: Das ist der völlig falsche Ansatz. Man darf die Kinder nicht technologisch kontrollieren, sondern man muss sie begleiten. Zudem wissen die Kinder, wie man technische Kontrollen umgeht. Eltern sollten Bescheid über solche Plattformen wissen, damit die Kinder sie um Rat fragen können. Es fängt schon beim Profilbild an. Damit werde ich angesprochen, im besten Fall von einem Schulkameraden, im schlimmsten aber von einem Sextortion-Täter, der sich als Kind ausgibt. In der Pflicht sind übrigens auch die Tech-Anbieter.

Die Social-Media-Anbieter behaupten, sie nähmen den Kinderschutz sehr ernst.

Günal Rütsche: Die Anbieter tun zu wenig. Instagram toleriert zwar keine Pornografie auf seiner Plattform. Aber Instagram kontrolliert nicht, ob jemand alt genug ist oder ob die Profile echt sind. Man muss deshalb schauen, dass die Kinder nicht von Tiktok und Instagram erzogen werden, das ist nämlich Sache der Eltern. Wir können das Ganze nur mittels Prävention lösen und müssen den Abstand zwischen den Kindern und den Geräten wieder vergrössern.

Muggli: Es ist am Ende wie mit den Drogen. Man wird es nicht hinbekommen, das Kind von den Drogen fernzuhalten, weil sie überall sind. Das Ziel ist, dass man dem Kind sagt, was die Risiken sind. Es muss merken, dass eine Gefahr da ist, auch wenn es ein vermeintlicher Justin-Bieber-Typ ist, der es anschreibt. Ziel muss deshalb sein, gar nicht erst Opfer zu produzieren.

Australien hat eine Alterslimite für Social Media eingeführt. Was halten Sie davon?

Günal Rütsche: Es braucht eine Regulation der grossen Tech-Player. Ohne wird es nicht gehen. Man darf die Kinder nicht allein auf diesen Plattformen lassen. Pornografie ist das eine, Radikalisierung das andere. Diese Thematik haben wir auch. Das sind virale Themen, die kursieren, ohne dass das jemand kontrolliert.

Wie soll die Regulierung aussehen?

Günal Rütsche: Eine klare Identifikation des Alters wäre sinnvoll. Wie bei den Banken, mittels Ausweis. Ein Zwölfjähriger kann kein Bankkonto eröffnen, weshalb soll er das dann bei Social-Media-Plattformen können?

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