Jeder Sechste rutscht innert vier Jahren mindestens einmal in die Armut ab. Langfristig sind aber nur 1,5 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Wie viele Menschen in der reichen Schweiz sind arm? Sind es 130 000? Oder 708 000? Oder mehr als 1,5 Millionen? Diese drei Antwortmöglichkeiten sind nicht beliebig. Sie stammen alle aus neuen Erhebungen des Bundes. Doch je nachdem, welche Zahl man wählt, hat dies einen starken Einfluss darauf, wie Armut wahrgenommen wird. Und welche sozialpolitischen Massnahmen als nötig erachtet werden.

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Zumindest am Anfang dieser Woche schien die Antwort glasklar: Arm sind in der Schweiz exakt 708 000 Personen oder 8,1 Prozent der Bevölkerung. So teilte es das Bundesamt für Statistik (BfS) am Montag mit. Diese vom BfS jährlich berechnete Armutsquote veränderte sich damit nur geringfügig, im Vorjahr lag sie bei 8,2 Prozent.

Der Bund leitet die Armutsgrenze von Sozialhilfe-Richtlinien ab. Arm ist demnach, wer pro Monat weniger als 2315 Franken zur Verfügung hat. Oder wer in einer vierköpfigen Familie mit weniger als 4051 Franken leben muss. Hinzu kommen Beiträge für die Krankenversicherung, Sozialversicherungen, Steuern und allfällige Alimente.

Doch die Armutsquote ist nur die halbe Wahrheit. Parallel publizierte das BfS – wenn auch gut versteckt – neue Zahlen aus der sogenannt dynamischen Armutsforschung. Im Gegensatz zur starren Armutsquote kommt hier der Faktor Zeit ins Spiel. Statt nur auf ein separates Jahr zu schauen, werden alle Menschen erfasst, die innert vier Jahren von Armut betroffen waren.

Auf den ersten Blick erscheint das Bild naturgemäss dramatischer. Demnach galten zwischen 2020 und 2023 volle 17,9 Prozent der Bevölkerung in mindestens einem der vier Beobachtungsjahre als arm. Das sind über 1,5 Millionen Menschen.

Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Die meisten verschwinden nach einem oder zwei Jahren wieder aus der Statistik. Und es kristallisiert sich eine Kerngruppe heraus, die es nicht so schnell aus der Armutsfalle schafft. Eine Gruppe, die fortwährend mittellos ist. Deren Zahl ist wiederum deutlich tiefer als die jährliche Armutsquote. Nur 1,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung, also gut 130 000 Personen, galten während der ganzen vier Jahre durchgehend als arm.

«Armut ist in der Schweiz meist von kurzer Dauer», fasst das BfS die Erkenntnisse zusammen. Darüber hinaus zeige ein internationaler Vergleich: «Die Schweiz gehört zu den Ländern mit einem eher niedrigen Anteil an langzeitgefährdeten Personen.»

Wer sind die Dauerbetroffenen?

«Die Zahlen zeigen, dass das Phänomen der Armut viel komplexer ist, als es die Schlagzeilen jeweils suggerieren», sagt Patrick Leisibach, Ökonom beim Think-Tank Avenir Suisse und Lehrbeauftragter an der Universität Luzern. Gerade die Politik sei von einer Verteilungsdebatte geprägt, die suggeriere, dass Menschen lebenslang in einer tiefen Einkommensklasse und in Armut verharren würden, kritisiert Leisibach. Dabei sei die soziale Mobilität in der Schweiz hoch und Armut deshalb oft nur eine vorübergehende Erfahrung.

«Das ist insofern positiv, als dass andauernde Armut für die betroffenen Personen wie für die Gesellschaft weit problematischer ist als kurze Armutsepisoden.» Man dürfe das Phänomen der Armut in der Schweiz keinesfalls verharmlosen, sagt Leisibach. «Aber man sollte es in einen breiteren Kontext stellen.» Offenbar hätten viele Personen, die temporär in den Statistiken auftauchen, auch die Möglichkeit, Einkommenseinbussen zu überbrücken.

Leisibachs Schlussfolgerung: Umso mehr müsste die Politik in der Schweiz auf die Gruppe der dauerhaft armen Menschen fokussieren. Doch das werde zu wenig getan. «Das zeigt sich auch schon daran, dass kaum Untersuchungen zu den Merkmalen und Umständen dauerhaft armer Menschen bestehen.»

Tatsächlich weiss das Bundesamt für Statistik nicht, wer sich hinter der Kerngruppe verbirgt und wie diese sich von den kurzzeitig Armen unterscheidet. Soziodemografische Daten könne man bei der Messmethode über vier Jahre nicht ausweisen, heisst es auf Anfrage.

Der Armutsforscher Oliver Hümbelin von der Berner Fachhochschule für soziale Arbeit hat indes Hinweise auf die Gruppe. «Die klassischen Risikofaktoren sind bei der Langzeitarmut nochmals verschärft», fasst Hümbelin zusammen. «Im Vergleich zur Gesamtgruppe hat es übermässig viele Menschen mit wenig Bildung, Menschen aus Staaten ausserhalb der EU und Efta, solche mit gesundheitlichen Einschränkungen und besonders Alleinerziehende und Grossfamilien.» Die Erkenntnisse stammen aus einer Auswertung, die er bisher nicht publiziert hat.

Hümbelin warnt davor, die Armutsquote und die dynamischen Armutszahlen gegeneinander auszuspielen: «Es sind vielmehr Erhebungen, die zusammengenommen ein besseres Gesamtbild der Armutslage in der Schweiz schaffen.» Hümbelin sagt aber auch, dass die Armutsdynamik bei der öffentlichen Diskussion oft zweitrangig sei und deshalb tatsächlich die Gefahr bestehe, dass Langzeitbetroffene etwas aus dem Fokus gerieten.

Wie kann man dieser Gruppe helfen? Für Hümbelin ist die Sache klar. Er nennt beispielsweise Programme für Langzeitbezüger in der Sozialhilfe. Und er sagt: «Für Familien, deren Armut mit der Betreuungssituation zusammenhängt, wären Ergänzungsleistungen das beste Instrument.» Diese gebe es heute schon in vier Kantonen.

Patrick Leisibach hält dem entgegen: «Viele der politischen Forderungen zur Armutsbekämpfung, wie Mindestlöhne oder Prämienverbilligungen bis weit in den Mittelstand, wirken jeweils sehr ungezielt.» Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeige vor allem eines: «Armutspolitik sollte primär Arbeitsmarktpolitik sein, denn das Armutsrisiko hängt nach wie vor stark von der Arbeitsmarktteilnahme ab.» Um den dauerhaft Armen zu helfen, müsse der Fokus «auf die berufliche Integration sowie die Förderung von Bildungschancen armutsbetroffener Menschen» gelegt werden.

Ein Reservoir an potenziell Armen

Die Forschung legt nahe, dass Armut keine Konstante ist, sondern dass Armutslagen beweglich sind. Sie zeigt auch, dass manche Menschen wiederholt in die Armutszone geraten. Eine Kernfrage kann der Bund auch diesbezüglich nicht beantworten.

Es geht um die genannten 17,9 Prozent der Bevölkerung, die innert vier Jahren mindestens einmal als arm galten. Ist diese Kurzarmut in der Schweiz eine Art Reservoir mit den immer gleichen Menschen, die mal in die Armut geraten und dann wieder herausfinden? Oder sind alle paar Jahre wieder neue Menschen betroffen – wie junge Eltern und Studierende, die vielleicht ein- oder zweimal in ihrem Leben eine Armutsepisode durchlaufen?

Die Politik müsse jedenfalls auch diese relativ grosse Gruppe im Auge behalten. Das sagt Josef Zweimüller, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Er zählt insbesondere Working Poor dazu. «Wenn es gelingt, die Arbeitssituation dieser Menschen etwas zu verbessern, dann kann man schon viel gegen kurzzeitige Armut ausrichten.»

Ohnehin wünscht sich Zweimüller mehr Differenzierung in der Armutsdebatte. «Armut ist ein extrem heterogener Zustand», sagt Zweimüller. «Es gibt Altersarme, denen man ganz anders helfen muss als Erwerbstätigen.» Und insbesondere die Kinderarmut müsse man separat angehen, sagt Zweimüller. In der Schweiz stellen Kinder knapp einen Drittel derjenigen, die Sozialhilfe beziehen. «Kinder können sich nicht selber helfen, und es besteht ein grosses gesellschaftliches Interesse, dass sie nicht lange in Armut leben müssen.»

Derzeit ist der Bund daran, Wissenslücken in der Armutspolitik zu schliessen. Dazu dient das Nationale Armutsmonitoring, welches sich im Aufbau befindet. Laut beteiligten Personen geht es auch darum, zu verstehen, wie Armutsprozesse im Detail verlaufen und bei welchen Gruppen eine direkte Unterstützung am meisten bringt.

Wer mehr über Armut weiss, kann sich klare Ziele setzen. So hat sich die Schweiz mit der Ratifizierung der Uno-Agenda 2030 vorgenommen, die Armut bis 2030 zu reduzieren. Die Frage ist nur: Bei welcher Zahl soll sie ansetzen?

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