In Paris wurde ein Jugendlicher von zwei Teenagern erstochen, weil er sein Mobiltelefon nicht herausrückte. Die Täter hatten schon vorher Verbrechen begangen.
Es passierte am Freitagabend vor dem Jules-Noël-Sportzentrum im 14. Arrondissement von Paris. Elias B., ein 14-jähriger Schüler, hatte gerade sein Fussballtraining beendet und verliess das Gelände, als ihn zwei Jugendliche in schwarzen Jogginghosen, 16 und 17 Jahre alt, ansprachen.
Die Jugendlichen wollten sein Handy. Elias weigerte sich, es herauszugeben. Daraufhin zog einer von ihnen ein Messer und stach dem Schüler ins Schlüsselbein. Die Täter rannten davon. Ein Freund des Opfers rief den Notarzt und leistete Erste Hilfe. Er konnte später auch die Täter identifizieren. Aber Elias erlag am Samstagmorgen im Spital seinen schweren Verletzungen.
Getötet, nur für ein Handy? So sieht es aus. Bei seinen Angehörigen und Freunden löste die Nachricht vom sinnlosen Tod des Schülers Trauer und Entsetzen aus. Elias B. war ein beliebter, fussballbegeisterter junger Franzose jüdischen Glaubens. In wenigen Wochen wäre er 15 Jahre alt geworden.
Grosszügiges Strafrecht
Die Polizei nahm die Tatverdächtigen bereits eine Stunde nach der Messerattacke in den Wohnungen ihrer Eltern fest. Dabei stellte sich heraus, dass einer der beiden Teenager schon wegen Diebstahl, Erpressung und Waffenbesitz, der andere wegen Raubüberfällen der Polizei bekannt war. Gemeinsam waren sie im Oktober einem Richter wegen eines gewalttätigen Raubüberfalls vorgeführt worden. Im Juni 2025 sollten sie vor dem Jugendgericht erscheinen.
Sie hatten, wie die meisten minderjährigen Straftäter in Frankreich, von einem Verfahren profitiert, wonach zunächst nur die Schuld festgestellt und erst in einer späteren Verhandlung das Strafmass verkündet wird. Dies soll als erzieherische Massnahme gelten: Jugendliche erhalten so die Chance, sich noch einmal zu bewähren. Verboten war es in diesem Fall den beiden jungen Männern strengstens, Kontakt untereinander zu haben. Doch diese Auflage nahmen sie offensichtlich genauso wenig ernst wie die Besuche eines Sozialarbeiters, der regelmässig bei den Familien vorbeischaute.
Nach ihrer Festnahme zeigten sich die beiden Jugendlichen (deren Namen von den französischen Medien nicht offengelegt werden dürfen) geständig. Nach Angaben des Polizeipräfekten von Paris, Laurent Nuñez, gab der Ältere von ihnen zu, mit dem Messer zugestochen zu haben. Das Opfer habe er nicht gekannt, erklärte Nuñez, der Handy-Diebstahl sei demnach das einzige Motiv für den tödlichen Angriff gewesen. «Wir haben es mit einer unerträglichen Zunahme und Verschärfung der Gewalt bei Minderjährigen zu tun», beklagte sich der Polizeipräfekt gegenüber dem Fernsehsender BFMTV.
Frankreichs konservativer Innenminister Bruno Retailleau verurteilte die Tat als «barbarisch». Er sei «entsetzt über diese grundlose Gewalt», die das Ergebnis eines Orientierungsverlustes sei und auf die Frankreich nicht mit «richterlicher Laxheit» reagieren dürfe. Sein Amtskollege im Justizministerium, Gérald Darmanin, kündigte eilig die Ernennung von mindestens hundert zusätzlichen Jugendrichtern in den nächsten zwei Jahren an, um ein «dysfunktionales» System zu reparieren.
Messerstecher immer jünger
Schon lange – und immer wieder nach schweren Gewaltverbrechen, bei denen Minderjährige beteiligt sind – wird in Frankreich gefordert, das Jugendstrafrecht zu verschärfen. Dem Parlament liegt dazu ein Gesetzesentwurf vor, bei dem es unter anderem um die Einführung eines Schnellverfahrens für Jugendliche über 16 Jahre und um die Umkehrung des Prinzips der Strafmilderung für Minderjährige geht: Eine härtere Bestrafung wäre danach nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Den Mördern von Elias drohten im Fall einer Verurteilung 20 Jahre Haft.
Kritiker einer Gesetzesverschärfung argumentieren, dass nicht die Geschwindigkeit der Verfahren, sondern der Mangel an Ressourcen für die Umsetzung der Urteile das grösste Problem sei. «Entgegen der landläufigen Meinung ist unsere Jugendgerichtsbarkeit schnell», zitiert «Le Parisien» Kim Reuflet, die Chefin der Richtergewerkschaft. «Was wir brauchen, sind mehr Sozialarbeiter und Bewährungshelfer.» Auch seien höhere Strafen schon heute oft die Regel, so Reuflet.
Die Tat vom Wochenende ist kein Einzelfall. Erst im Dezember starb an einem Pariser Gymnasium ein 16-Jähriger, nachdem er von einem 15-Jährigen mit einem Messer verletzt worden war. Gewaltverbrechen unter Jugendlichen häufen sich, und die Schläger und Messerstecher werden immer jünger, wie die Polizei kürzlich festgestellt hat. Lag das Durchschnittsalter der verhafteten Täter im Jahr 2023 noch bei 17 Jahren und 10 Monaten, sank es 2024 auf 16 Jahre und 10 Monate.

