Dienstag, Januar 20

Es gebe bereits heute reichlich Möglichkeiten, in Grönland zu investieren, sagt Naaja Nathanielsen. Von Trump als Objekte bezeichnet werden möchten die Grönländer nicht.

Dänemark schickt marode Fregatten und Soldaten auf Hundeschlitten. Donald Trump junior besticht in Nuuk Obdachlose, damit sie mit «Make America great again»-Dächlikappen für die internationale Presse posieren. Und der Direktor eines australischen Bergbauunternehmens droht mit Schadenersatzforderungen, falls die Grönländerinnen und Grönländer im März keine Regierung wählen, die das Abbauverbot für Uran kippt. Einen Monat vor den Wahlen auf Grönland herrscht auf der Insel Ausnahmezustand.

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Frau Nathanielsen, die ganze Welt blickt nach Grönland, seit Donald Trump gesagt hat, dass er die Insel kaufen wolle. Ist diese Aufmerksamkeit eine Chance oder eine Gefahr für Ihr Land?

Das hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln. Uns ist noch immer nicht klar, was die USA genau wollen. Die Rede war von totaler Kontrolle und dem Besitz unseres Landes. Wir sind nicht einverstanden mit dieser Rhetorik. Grönland ist eine Demokratie mit eigener Regierung und einem eigenen Parlament, ein Rechtsstaat und seit vielen Jahren ein Verbündeter der USA. Die Aufmerksamkeit kann in etwas Positives verwandelt werden, aber sie kann auch für Unruhe und Unsicherheit sorgen.

Wie gross ist denn die Unsicherheit in der Bevölkerung im Moment?

Gross. Die Menschen sind besorgt und wütend. Viele wundern sich über die Aussagen. Als ehemalige Kolonie reagieren wir empfindlich, wenn über uns als Objekte gesprochen wird, die man verkaufen oder kaufen kann. Wir sind Menschen. Eine indigene Bevölkerung. Das sollte respektiert werden – gerade von unseren Alliierten.

Kann man die USA unter Trump denn noch zu den Alliierten zählen?

Sie sind unsere Verbündeten, sie haben Militärpräsenz auf der Insel. Aber die Weltordnung ändert sich gerade. Der US-Vizepräsident bezeichnete Dänemark kürzlich als schlechten Alliierten. Die Klimakrise, der Krieg in Europa, die wirtschaftliche Situation nach der Pandemie: Es gibt viele Probleme, die wir gemeinsam bewältigen müssen. Eine zugespitzte Rhetorik unter Freunden ist da kontraproduktiv. Einen gemeinsamen Nenner finden zu können trotz unterschiedlichen Meinungen, ist heute wichtiger denn je.

Sowohl Sie als auch Grönlands Ministerpräsident Mute B. Egede haben Offenheit signalisiert, wenn es um eine stärkere Kooperation mit den USA geht.

Wir haben nichts gegen amerikanische Investitionen. Unsere Beziehungen zu allen amerikanischen Regierungen waren gut. Wir verstehen, dass sich die USA um ihre nationale Sicherheit sorgen, und sind offen für eine stärkere militärische Präsenz der Amerikaner oder der Nato. Unsere Sicherheit hängt von der Verteidigungsfähigkeit der Amerikaner ab. Wir sind offen für Gespräche mit dem neuen Präsidenten und seiner Administration. Aber wir stehen nicht zum Verkauf. Wir wollen keine Amerikaner sein.

Und auch keine Dänen. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, um über die Unabhängigkeit zu diskutieren?

Wir sprechen darüber schon seit den siebziger Jahren, und ich möchte betonen, dass wir darüber niemandem von aussen Rechenschaft ablegen müssen. Es ist ein langer Prozess. Bei der Unabhängigkeit geht es nicht nur um eine Staatsgründung und um Partnerschaften. Es geht um die Wirtschaft und den Wohlfahrtsstaat. Um Stolz und Kultur. Wir arbeiten schon lange an Reformen und daran, unsere Wirtschaft zu diversifizieren.

Grönland ist in hohem Masse abhängig von dänischen Subventionen, trotz all den wertvollen Rohstoffen, die sich unter dem Eis verbergen. Was läuft da schief?

Da läuft nichts schief. 2009 erhielten wir den vollen Zugang zu den Mineralien. Die Probleme, mit denen wir heute kämpfen, betreffen die Bergbauindustrie weltweit. Es fehlt an Risikokapital für langfristige Investitionen. Wir sind in hohem Masse von der Fischerei abhängig. Das muss sich ändern. Neben dem Mineralsektor wollen wir auch den Tourismus und die Energiebranche ausbauen.

Wie könnte denn eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA aussehen?

Es gibt bereits heute viele Möglichkeiten, in Grönland zu investieren, es besteht also kein Grund, Grönland zu kaufen. Jeder, der unsere Mineralien, Fische oder Energie importieren will, darf das gerne tun. Derzeit halten amerikanische Unternehmen nur eine von Dutzenden Bergbaulizenzen, sie rennen hier also offene Türen ein. Aber es gibt natürlich Regulationen, die sie einhalten müssen.

Der Abbau von Uran wurde verboten, und es werden keine neuen Lizenzen zur Erschliessung von Erdöl- und Gasvorkommen vergeben. Das dürfte Trump wenig interessieren.

Wir haben Gesetze, an die sich alle halten müssen, und sehr hohe Standards, um die Umwelt zu schonen und Korruption und sozialer Ausbeutung vorzubeugen. Die Bevölkerung befürwortet den Bergbau. Unsere Justiz funktioniert. Und wir sind es gewohnt, als Kleinstaat zwischen Supermächten zu navigieren.

Sie machen sich also keine Sorgen, den Handlungsspielraum zu verlieren, wenn die Amerikaner ihre Präsenz auf Grönland ausweiten?

Wir gehen davon aus, dass unsere Verbündeten Verbündete bleiben und die Gesetze einhalten. Wenn jemand unsere Grenzen nicht respektiert, dann können wir nicht viel tun. So ist es nun einmal, wenn man aus einem kleinen Land kommt.

Durch die Anbindung an Dänemark ist Grönland Teil der EU und der Nato. Das schützt die Autonomie. Wenn die Insel unabhängig würde, wäre sie auf sich alleine gestellt. Was würde das bedeuten?

Die Idee der Unabhängigkeit ist ja genau, dass man auf sich allein gestellt ist. Aber ist gibt noch kein Referendum. Diese Frage ist also sehr hypothetisch.

Hat Dänemark die Verteidigung Grönlands vernachlässigt?

Dänemark hat zu wenig getan. Die Verteidigung und Überwachung der Arktis wurde in den letzten zwanzig Jahren vernachlässigt. Aber nicht nur Dänemark, sondern ganz Europa war wohl etwas naiv. Wertschöpfungsketten wurden nach China verlagert und Energie von Russland bezogen. Jetzt hat man realisiert, dass das keine gute Idee war. Wenn wir nicht anfangen, in westliche Verbündete und die grüne Wende zu investieren, werden die Probleme noch grösser.

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