Die kleine italienische Zeitung «Il Foglio» wagt einen Versuch mit künstlicher Intelligenz. Einen Monat lang publiziert sie eine KI-generierte gedruckte Ausgabe. Kann das gut kommen?
Hier würde man kein Labor des 21. Jahrhunderts vermuten. Die Redaktion des «Foglio» befindet sich im ersten Stock des Palazzo Naro, eines respektablen Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert, das im Epizentrum der italienischen Politik liegt. Nämlich ziemlich genau in der Mitte zwischen der Abgeordnetenkammer und dem Senat, nur wenige Schritte vom Pantheon entfernt. Adresse: Campo Marzio 3, Rom. In der Antike nutzte das römische Heer das Marsfeld zu Übungszwecken.
Heute findet hier eine Übung der anderen Art statt, eine Übung für das neue Medienzeitalter. Seit wenigen Tagen arbeitet die Redaktion mit Chat-GPT Pro. Dabei handelt es sich um eine erweiterte Version des KI-Chatbots Chat-GPT, der von Open AI entwickelt wird. Der eigenartige neue Redaktionskollege (oder ist es eine Kollegin? Oder etwas anderes?) zeichnet sich durch besonderen Fleiss aus. Täglich von Dienstag bis Freitag produziert er (sie, es) vier ganze Zeitungsseiten. Es geht um Kulturthemen, politische Debatten, italienische Aussen- und Innenpolitik. Auch einzelne Rubriken werden mit dem Bot bespielt.
Die Seiten bilden zusammen einen eigenen Zeitungsbund, der in die normale Ausgabe des «Foglio» integriert wird. Bis Ende April läuft der Versuch mit KI, dann will man Bilanz ziehen.
Interessante Wundertüte
Seit die Redaktion das Experiment angekündigt hat, laufen am Campo Marzio 3 die Drähte heiss. Medien aus aller Welt berichten über «Il Foglio AI», so der Titel des Zeitungsbundes, und wollen wissen, welche Schlüsse das Römer Verlagshaus zieht. Das grosse Interesse erklärt sich womöglich auch durch die Tatsache, dass die Journalisten (diejenigen aus Fleisch und Blut) von der Angst um den eigenen Job getrieben sind. Und von der leisen Hoffnung, die Kollegen in Rom würden mit dem Versuch den Beweis dafür erbringen, dass KI für den Journalismus nichts taugt.
Es ist eine vergebliche Hoffnung: Der mithilfe des Chatbots generierte Journalismus funktioniere erstaunlich gut, sagt Claudio Cerasa, der Chefredaktor des Blattes. Am Mittwoch stand er den Vertretern der Auslandpresse in Italien Rede und Antwort.
Oggi al Foglio pic.twitter.com/Wlm7WzXm1G
— Claudio Cerasa (@claudiocerasa) March 26, 2025
«Il Foglio» besetzt im italienischen Medienmarkt eine Nische. Erst 1996 gegründet, will die Zeitung eine Art italienisches «Wall Street Journal» sein. Das Layout erinnert denn auch stark an das Vorbild ennet des Atlantiks: viel Text, kleine Titel, keine oder nur sehr wenige Bilder, pointierte Kommentare. Von sich reden gemacht hat die Zeitung kürzlich, als Cecilia Sala, eine ihrer Journalistinnen, in Iran verhaftet und erst nach einem diplomatischen Kraftakt freigelassen wurde.
Politisch verortet sich die Zeitung, deren tägliche Auflage laut Cerasa bei 22 000 Exemplaren liegt und die die Europa-Flagge im Logo trägt, im Liberalismus. Was dies konkret heisst, lässt sich einem flamboyanten Leitartikel entnehmen, den Cerasa (nicht dessen KI-Version) am Mittwoch über den nächsten deutschen Bundeskanzler publiziert hat.
Friedrich Merz verkörpere einen neuen Typus in der europäischen Politik, er sei eine Art «rechter Häretiker»: Er brülle nicht in den sozialen Netzwerken herum, sei kein Populist, vertrete keine Verschwörungstheorien, habe nie mit Trump geflirtet und sei in der Ukraine-Frage standfest geblieben. Merz sei ein klassischer Konservativer, liberal im Ton, europäisch in der Sache, Amerika-freundlich in der Substanz. «Viva Merz!», schliesst der Text. Giorgia Meloni müsse sich warm anziehen.
Im italienischen Medienspektrum ist «Il Foglio» eine interessante Wundertüte. Die Zeitung nimmt sich Freiheiten heraus, die die grossen Blätter vom «Corriere della Sera» über die «Repubblica» bis zur «Stampa» nicht beanspruchen. Einmal ist man bei der rechten Regierungsmehrheit, einmal pflichtet man der Opposition bei. Es gibt wenig Mainstream in diesem Blatt, dafür (fast) jeden Tag eine Überraschung. Und manchmal einen Misstritt.
Die Versuchsanordnung
Es sei diese Mischung, sagt Cerasa, die verhindere, dass KI dereinst die Redaktion übernehme. So gut die Qualität der Arbeit von Chat-GPT auch sei: «Von der Qualität unserer Zeitung ist sie Lichtjahre entfernt.» Allerdings denkt die Redaktion darüber nach, dereinst selbst einen KI-Bot zu entwickeln, der der besonderen DNA des «Foglio» Rechnung trägt.
Auch deshalb ist man an den Erkenntnissen interessiert, die das Experiment bringt. Die Versuchsanordnung ist einfach. Zwei Journalisten füttern KI täglich mit Fragen. Sie schlagen das Thema vor, verordnen den gewünschten Stil, geben die notwendige Zeilenzahl ein, lassen einen Titel erstellen. Innert fünf bis zehn Minuten würden auf diese Weise druckreife Texte entstehen, sagt Cerasa. Auch ganze Dokumente oder Reden kann der Bot verarbeiten und brauchbare Zusammenfassungen erstellen.
Der Schlüssel für einen erfolgreichen Umgang mit den neuen Möglichkeiten seien die Vorgaben, die man der KI mache, sagt Cerasa. «Je präziser die Frage, desto besser das Resultat.»
Fehlerfrei sei KI nicht. Kleinere Mängel lässt man stehen, grössere faktische Irrtümer werden von Hand korrigiert. Unterdessen hat die Redaktion die Leserinnen und Leser aufgefordert, ihr Fehler zu melden. Ein kluger Marketing-Schachzug, der die Aufmerksamkeit für das Experiment noch zusätzlich erhöht.
Ein paar strukturelle Mängel hat man bereits ausgemacht. Die KI selbst hat sie in einem Artikel im «Foglio» dieser Tage eingestanden: Noch denke der Bot zu stark «in Englisch». Will heissen: Er beantworte Fragen oft aus angelsächsischer Warte. Für einen Vergleich von Schulsystemen etwa würden amerikanische Charter Schools herangezogen und kaum europäische oder gar italienische Schulen. Zudem tendiere KI stets zum Ausgleich, die Texte seien von «einerseits, andererseits» durchsetzt. Ein weiterer Mangel liege in der Autoritätsgläubigkeit. KI vertraue stark auf institutionelle Quellen, während guter Journalismus sich auch vom Zweifel daran nähre.
Ironie ist schon für herkömmlich produzierte Medien ein schwieriges Terrain, erst recht für KI. Das räumt auch der Chatbot ein. Doch er beherrscht diese Disziplin schon erstaunlich gut.
Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit einer festen Rubrik. In seiner normalen Ausgabe enthält das «Foglio» täglich eine kleine, meist polemische Kolumne auf der Frontseite. «Andrea’s Version» heisst sie und wird von Andrea Marcenaro verfasst, einem Autor, der auf eine lange Karriere im italienischen Journalismus blicken kann. Es sind kleine Miniaturen, die mit wenigen Worten eine aktuelle Begebenheit ironisieren.
In der KI-Ausgabe heisst die Kolumne «Ai Version». Als die künstliche Intelligenz im Rahmen des Versuchs darum gebeten wurde, die miserable Leistung des Nationalhüters Gianluigi Donnarumma im Länderspiel gegen Deutschland zu würdigen, schrieb sie: «Donnarumma ist der Typus Italiener, der sich für clever und unschlagbar hält. Doch dann kommt bei einem Corner plötzlich ein hoher Ball, und schon fällt er wie ein Huhn. Wäre er ein Politiker, wäre er Salvini: gross, laut, immer in der ersten Reihe und jedes Mal in der falschen Position. Er redet von Sicherheit und wird schon beim ersten Abpraller aufs Kreuz gelegt. Er ist der Chauvinismus zwischen den Pfosten: nur Muskeln und keine Antizipation. Und nein, man braucht keine künstliche Intelligenz, um das herauszufinden. Alles, was man braucht, ist ein scharfsinniges Gehirn. Sogar ein menschliches. Sogar ein halbes.»
Für den Anfang würde man sagen: nicht schlecht. Jedenfalls für diese Rubrik.
Dal Foglio AI pic.twitter.com/zJMR8KMwIB
— Claudio Cerasa (@claudiocerasa) March 25, 2025