Die lebenslange Zugangsberechtigung auf Kidflix kostete nur 180 Dollar. Laut Europol handelt es sich um eine der grössten Pädophilenplattformen weltweit. Nun konnten sie die Website stilllegen – und Verdächtige ermitteln.

(dpa) Ermittler aus mehr als dreissig Ländern haben nach Angaben von Europol ein riesiges Pädophilennetzwerk mit fast zwei Millionen Nutzern weltweit ausgehoben. 79 Personen seien festgenommen worden, teilte Europol mit.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Auch in der Schweiz wurden zehn Personen «wegen mutmasslicher Verbreitung und Nutzung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern» festgenommen, wie das Bundesamt für Polizei (Fedpol) mitteilt. Die Schweiz beteiligte sich an der von Europol koordinierten weltweiten Operation. Involviert waren nebst dem Fedpol die Kantonspolizeien von Basel-Landschaft, Aargau, Bern, Genf, Thurgau, Waadt und Zürich.

In Deutschland durchsuchten die Fahnder 96 Wohnungen in allen Bundesländern ausser Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Bundesweit wird derzeit gegen 103 Beschuldigte ermittelt. Ausserdem konnten auf dem gesicherten Datenmaterial bislang zwei missbrauchte Kinder aus Deutschland identifiziert werden.

Nach Darstellung von Europol geht es bei Kidflix um eine der grössten Pädophilenplattformen weltweit. Demnach soll es sich auch um den bisher grössten Einsatz gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern in Europa handeln.

Tausende Videos und etwa 1400 Verdächtige weltweit

Den Nutzern standen auf der Plattform in der Summe mehr als 91 000 Videos mit einer Gesamtlaufzeit von fast 6300 Stunden zur Verfügung. Im Schnitt wurden laut den Angaben pro Stunde 3,5 neue Videos neu hochgeladen.

Die Server waren am 11. März von deutschen und niederländischen Behörden beschlagnahmt worden, zu diesem Zeitpunkt waren rund 72 000 Videos verfügbar. Weltweit seien etwa 1400 Verdächtige identifiziert worden. Die 79 Festgenommenen stünden nicht nur unter dem Verdacht, Videos von sexuellem Missbrauch von Kindern angeschaut oder heruntergeladen zu haben. Einige von ihnen würden auch des aktiven Missbrauchs verdächtigt.

Die Ermittlungen hatten 2022 begonnen. Die Ermittler von Albanien über Neuseeland bis Kolumbien schlugen zwischen dem 10. und dem 23. März konzertiert zu und durchsuchten in 31 Ländern zahlreiche Wohnungen. Dabei beschlagnahmten sie Tausende elektronische Geräte und Speichermedien, die zum Grossteil nun noch ausgewertet werden müssen.

Ein lebenslanger Zugang zu Kidsflix kostete 180 Dollar

Es handle sich nicht um gefakte oder computergenerierte Aufnahmen, betonte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). «Sondern es sind die Aufnahmen von echtem, realem, brutalem Missbrauch von Kindern.» Der leitende Oberstaatsanwalt Thomas Goger vom Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet bei der Zentralstelle Cybercrime Bayern ergänzte, es sei für die Ermittler zwar ein Spagat gewesen. Doch wenn weiterhin Gefahr gedroht habe, seien sofort Massnahmen zum Schutz der Opfer ergriffen worden.

So wurde der minderjährige Sohn eines 36-Jährigen, der im Zuge der Ermittlungen schon im Januar 2024 im Bereich Chemnitz festgenommen worden war, in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Auch zwei Kinder, die im Haushalt eines 30-Jährigen lebten, dessen Wohnung in Mittelfranken im Januar 2025 durchsucht wurde, befinden sich laut den Angaben nicht mehr in der Familie. Aufgrund der Ermittlungen seien international 39 Kinder in Schutz genommen worden, teilte Europol in Den Haag mit.

Kidflix war nach Angaben von Europol 2021 von Cyberkriminellen errichtet worden und wurde demnach eine der populärsten Plattformen für Pädophile. Über Kidflix konnten Nutzer gegen Bezahlung Videos, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen, laden und auch streamen.

Die Ermittler betonten den neuen Charakter der Plattform, die nicht wie bislang üblich zum Tausch von Dateien, sondern rein zum Geldverdienen aufgesetzt worden sei. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) sagte, dass schon die Namenswahl mit der Anlehnung an den Streaming-Anbieter Netflix die widerliche Haltung der Betreiber zeige. 180 Dollar habe ein lebenslanger Zugang gerade einmal gekostet, Einsteigerpreise hätten im einstelligen Bereich gelegen, schilderte Goger.

Betreiber der Plattform noch nicht gefasst

Die Ermittler konnten die Verdächtigten über die akribische Verfolgung der «Spur des Geldes» identifizieren, obwohl die Bezahlung im Darknet in vermeintlich anonymen Kryptowährungen vonstattenging und die Beteiligten ein hohes Mass an Verschleierungstaktiken beherrschten, wie Goger schilderte.

Dies gelte insbesondere für den Betreiber der Plattform, dessen die Ermittler noch nicht habhaft werden konnten. Der Betreiber «versteht offensichtlich sein Handwerk», sagte Goger. Er sei aber zuversichtlich, auch ihm oder den Hauptverantwortlichen noch auf die Spur zu kommen.

Exit mobile version