Sam Nujoma lenkte aus dem Exil eine Befreiungsbewegung, die mithilfe der Sowjetunion für die Unabhängigkeit der einstigen deutschen Kolonie kämpfte. Dann beschwor er als Präsident die nationale Versöhnung.
Sam Nujoma, Freiheitskämpfer und Gründervater Namibias, ist am Samstag im Alter von 95 Jahren gestorben. Das gab Namibias Regierung in einem Statement bekannt. Sie nannte keine Todesursache, schrieb aber, Nujoma sei die letzten drei Wochen krank im Spital gewesen und habe sich nicht mehr erholt.
Sam Nujoma lenkte als Präsident der Befreiungsbewegung Swapo (South-West Africa People’s Organisation) während dreier Jahrzehnte aus dem Exil einen Guerillakampf für die Unabhängigkeit Namibias. 1989 wurde er nach seiner Rückkehr zum ersten Präsidenten des neu unabhängigen Landes gewählt.
Namibia, ein dünnbesiedeltes Land im südlichen Afrika, war von 1884 bis 1914 eine deutsche Kolonie mit dem Namen «Deutsch-Südwestafrika». Zu Beginn des Ersten Weltkriegs übernahm die südafrikanische Armee die Kontrolle über das Gebiet. Während die grosse Mehrheit der afrikanischen Länder um 1960 die Unabhängigkeit erlangte, weigerte sich die Apartheidregierung Südafrikas, aus Namibia abzuziehen – was 1960 zur Gründung der Swapo und sechs Jahre später zum bewaffneten Widerstand führte. Diesen führte die Bewegung unter anderem dank der Hilfe der Sowjetunion letztlich erfolgreich.
Der Kalte Krieg als Kulisse
Sam Nujoma kam im Mai 1929 als erstes von elf Kindern einer Bauernfamilie im nördlichen Namibia zur Welt. Er hütete als Kind die Kühe und Ziegen der Familie, ging nur wenige Jahre zur Schule. Später arbeitete er unter anderem bei einer Walfangstation und als Putzkraft bei der Eisenbahn. In der Hauptstadt Windhoek begann er sich bei Protesten gegen das weisse Mehrheitsregime politisch zu engagieren.
1960 ging er ins Exil, unter anderem nach Tansania und Sambia. Er lobbyierte bei der Uno in New York und bei vielen Regierungen für die Unabhängigkeit Namibias. 1966 stellte die Uno-Generalversammlung Namibia unter die Verwaltung der Vereinten Nationen – was Südafrika ignorierte. Daraufhin begann die Swapo den bewaffneten Kampf, an dem sich Tausende junge Namibier beteiligten.
Namibias Befreiungskampf spielte sich vor den Kulissen des Kalten Kriegs ab. Die Sowjetunion unterstützte die Swapo mit Waffen und bildete die Guerilleros aus. Südafrika rechtfertigte die Besetzung Namibias damit, dass der im südlichen Afrika vorrückende Kommunismus gestoppt werden müsse. Als unter Führung der USA 1989 schliesslich der Abzug der südafrikanischen Truppen ausgehandelt wurde, gehörte zur Vereinbarung auch, dass 50 000 kubanische Soldaten aus dem Nachbarland Angola abziehen würden. Die Kubaner kämpften im dortigen Bürgerkrieg.
Ein Diktator wurde er nicht
Im November 1989 wurde Sam Nujoma zum ersten Präsidenten von Namibia gewählt. Obwohl von seinen Gegnern als Marxist verunglimpft, regierte Nujoma pragmatisch. Er verzichtete auf grossangelegte Enteignungen weisser Landbesitzer, wie sie etwa im nahen Simbabwe stattfanden, und beschwor die nationale Versöhnung.
Kritiker warfen Nujoma dennoch vor, autoritäre Tendenzen zu entwickeln. 1994 wurde er wiedergewählt und liess danach die Verfassung ändern, um 1999 für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. An deren Ende gab er 2005 sein Amt dann ab. Er entging somit dem Schicksal anderer Befreiungskämpfer, die zu Präsidenten und später zu Diktatoren wurden – wie Yoweri Museveni in Uganda oder Robert Mugabe in Simbabwe. Namibia ist heute eine der stabilsten Demokratien Afrikas.
Namibias Regierung hat nach dem Tod Nujomas Staatstrauer verhängt. In ihrer Mitteilung hiess es, Nujoma habe das namibische Volk «in den dunkelsten Stunden unseres Befreiungskampfes heroisch geführt».

