Der britische Forscher wurde als «Steve Jobs der Ökologie» gefeiert. Dann musste er die Hochschule nach Belästigungsvorwürfen verlassen. Sein Ruf ist ruiniert. Zu Recht?

Dear Mr. Crowther

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So beginnt eine E-Mail, die der britische ETH-Professor Tom Crowther am 5. August 2024 von zwei Tamedia-Journalisten erhalten hat. Darin teilen die Reporter dem Forscher mit, dass sie über Vorwürfe wegen Fehlverhaltens recherchieren – Fehlverhalten von ihm. Sie konfrontieren den Umweltwissenschafter mit ihren bisherigen Erkenntnissen und geben ihm Gelegenheit, Stellung zu nehmen. Die E-Mail enthält eine lange Liste mit Vorwürfen gegen Crowther.

Drei Wochen später lässt Tamedia die Bombe platzen: «ETH ist ‹schockiert› über Vorwürfe gegen ihren Professor» lautet die Schlagzeile. Mehrere Personen hatten sich bei der Ombudsstelle der Hochschule über den Wissenschafter beschwert. «Sie arbeiteten, forschten oder studierten unter dem Professor», heisst es in dem Artikel. Bei ihren Anschuldigungen gehe es «unter anderem um Annäherungen, die für einen Vorgesetzten nicht adäquat seien».

Die Betroffenen hätten sich zum Teil mehrmals an die Hochschule gewandt. Und, so schreiben die Journalisten in ihrem Artikel: «Trotz der Häufung der Meldungen gegen den Professor wurden sie von der ETH nicht ernst genommen.» Einen der Vorwürfe halten die Tamedia-Zeitungen für besonders schwerwiegend. In ihrer Anfrage an die ETH lassen sie die Hochschule wissen, dass Crowther mutmassliche sexuelle Übergriffe begangen haben könnte.

Noch nennt Tamedia den Namen des beschuldigten Professors nicht. Crowther hatte beim Zürcher Bezirksgericht eine superprovisorische Verfügung erwirkt. Die Reporter durften in dem Artikel auch den Hauptvorwurf gegen den Wissenschafter nicht beschreiben und auch nicht darüber spekulieren.

Es ist das Fanal einer unschönen Geschichte, die nur Verlierer kennt: die Tamedia-Zeitungen, die ETH und vor allem den beschuldigten Forscher.


Am Tamedia-Pranger

Tom Crowther ist nicht irgendein Professor. Der 38-Jährige steht für eine neue Generation von Wissenschaftern: präsent auf allen Online-Kanälen, mit einem Sinn für klare Botschaften und für Zukunftsthemen wie Biodiversität und Klimawandel. Seine Forschungsgruppe, das Crowther Lab, entwickelt sich rasant. Aus einem Einmannbetrieb wird in sieben Jahren eine der produktivsten Abteilungen der gesamten Hochschule.

Bis 2024 fliessen über 25 Millionen Franken an Drittmitteln, eine stattliche Summe für eine einzelne Forschungsgruppe an der ETH. Das interdisziplinäre und sehr internationale Team um den jungen Professor veröffentlicht Hunderte von Studien, viele davon in wichtigen Publikationen wie «Nature» und «Science». Laut Google Scholar wurden diese Arbeiten in den vergangenen Jahren über 20 000-mal zitiert. 2021 bezeichnete der «Guardian» Crowther als «Steve Jobs der Ökologie».

Doch Ende des vergangenen Jahres wird der Professor von seinen Aufgaben entbunden. Sein Vertrag an der ETH – der Brite hatte gute Aussichten auf eine dauerhafte Anstellung – wird nicht verlängert. Seine Forschungsgruppe, ein Team von 40 Doktoranden, Postdoktorandinnen, Datenwissenschaftern und weiteren Mitarbeitenden, wird aufgelöst.

Kurz danach, am 19. Dezember, publizieren die Tamedia-Zeitungen einen zweiten Artikel über Crowther. Erneut schreiben die Journalisten von «Annäherungen, die laut Betroffenen für einen Vorgesetzten nicht adäquat seien». Und sie nennen Crowthers Namen und zeigen ihn auch im Bild.

Der Professor steht in aller Öffentlichkeit als Übeltäter da. Geldgeber der Forschungsgruppe ziehen ihre Mittel ab. Projekte müssen gestoppt werden. Der Fall sorgt auch international für Aufsehen. Die Fachzeitschrift «Nature» berichtet Ende Januar über den gefallenen «Star-Ökologen», der die ETH Zürich wegen mutmasslichen Fehlverhaltens verlassen müsse. Sein Ruf ist ruiniert.

Recherchen der NZZ allerdings zeigen: Der Fall ist weniger klar, als die Berichterstattung von Tamedia vermuten liesse. Es geht um ein Handyvideo, das zu einer Affäre aufgebauscht wird. Es geht um Anschuldigungen gegen einen Professor, die zweifelhaft erscheinen. Und es geht um eine Hochschule, die ihren Angestellten in einem seltsamen Verfahren fallenlässt.


Der Mann auf dem Video

Die Geschichte beginnt im Oktober 2017. Tom Crowther wird an der ETH zum Assistenzprofessor für globale Ökosysteme berufen. Er zieht nach Zürich, nimmt sich eine Dreizimmerwohnung im Hochschulquartier, unweit vom Hauptgebäude der ETH an der Rämistrasse. Er fragt einen Freund, ob dieser bei ihm einziehen wolle. Die beiden Männer gründen eine WG. Sie hatten sich an einer Eliteuniversität in den USA kennengelernt und erste Forschungsprojekte zusammen realisiert. Im Dezember 2017 wird der Mann von dem jungen Professor angestellt, der Datenwissenschafter wird Teil von Crowthers Forschungsgruppe.

Partys, Blödeleien, Alkohol: In der Wohnung der beiden Männer geht es mitunter zu wie in einer Studenten-WG. Auf einem Handyvideo ist zum Beispiel zu sehen, wie jemand versucht, eine Deo-Flasche auf Crowthers Nachttisch mit einem Hammer zu zerschlagen. Gelächter ist zu hören, und die Stimme eines offensichtlich alkoholisierten Mannes. Gefilmt und kommentiert hatte die Szene Crowthers Mitbewohner.

Ein anderes Video wird sich als verhängnisvoll erweisen. Die NZZ hat auch dieses Filmchen gesehen. Es zeigt den Professor eines Abends im Wohnzimmer der WG, mit einer Bierdose unter dem Arm. Und auf einem Stuhl vor ihm in einem ärmellosen Leibchen seinen dösenden Kumpel. Auch diese Aufnahme stammt vom Oktober 2017, auch hier ist Gelächter zu hören. Crowther muss ebenfalls lachen. Dann öffnet er den Reissverschluss seiner Hosen, holt seine Hoden hervor und bewegt sich auf seinen Mitbewohner zu. Dieser wendet sich um, ruft «Okay!» und lacht laut. In dem Moment weicht Crowther kichernd zurück und lässt seine Hoden wieder verschwinden. Dann bricht die Szene ab. Es ist nicht zu erkennen, ob Crowther die Schulter seines WG-Kollegen berührt hat.

Der Mann auf dem Stuhl wird Crowther mehrere Jahre später übergriffiges Verhalten vorwerfen – und so den Anfang vom Ende von dessen Karriere an der ETH einläuten. Für den Professor hingegen war es ein Streich unter Freunden, einer von vielen damals.

Mit dieser Sichtweise ist er nicht allein: In dem Gerichtsverfahren nach der superprovisorischen Verfügung gegen die Tamedia-Zeitungen kommen drei Zeugen zu Wort, die an dem Abend des skandalumwitterten Videos ebenfalls anwesend waren. Alle drei sagen aus, dass es sich um einen Streich unter Freunden gehandelt habe. Der Mann auf dem Stuhl sei selber amüsiert gewesen, als er das Filmchen gesehen habe. Danach sei der Abend normal verlaufen.

Die NZZ hat den Mann auf dem Video nach seiner Sicht gefragt. Er wollte keine Stellung nehmen. Vor dem Bezirksgericht argumentiert er, dass er die ETH verlassen habe, um nicht mehr von Crowther abhängig zu sein. Erst im Frühling 2023 habe er genügend Abstand und Mut gehabt, um bei der ETH eine formelle Meldung einzureichen.

Ein Vorfall, zwei diametral verschiedene Perspektiven.

Sicher scheint: Auch nach 2017 pflegten der Mann auf dem Video und Crowther eine enge Freundschaft. Das geht aus Tausenden von Chat-Nachrichten zwischen den beiden Männern hervor, die der NZZ vorliegen. Hinzu kommen Dutzende Fotos: die beiden Freunde zusammen beim Wandern, beim Sightseeing in Zürich, beim Picknicken im Wald. Sie klettern zusammen, joggen zusammen, machen Yoga zusammen, spielen Spiele zusammen. Nach Feierabend treffen sie sich auf ein Bier oder zum Barbecue.

Der Mann macht einen zufriedenen Eindruck, auch beruflich. Immer wieder bedankt er sich bei seinem Freund und Vorgesetzten für dessen Unterstützung im Job. Im Februar 2019 teilt der Professor seinem Mitarbeiter mit, dass dieser eine Lohnerhöhung erhalte. Dessen Reaktion: «Wooohooooo!!!! Danke vielmals!!!!! Ich freue mich auf die Zukunft!»

Von diesen Hintergründen erfahren Tamedia-Leser nichts. Stattdessen schreiben die Reporter: «Klar ist: Die Betroffenen leiden stark unter der Situation.» Eine dieser Personen – der Mann auf dem Video – wird in dem Artikel mit Blick auf die inkriminierte Aufnahme vom Oktober 2017 so zitiert: Es verstehe sich von selbst, «dass die daraus resultierende soziale Dynamik am Arbeitsplatz sich negativ auf meine psychische Gesundheit auswirkte».


Alles für einen Knüller

In ihrer Recherche konzentrieren sich die Tamedia-Reporter auf drei Personen, die dem Professor persönliches Fehlverhalten vorwerfen: den Mann auf dem Video und zwei Frauen. Die drei kennen sich. Sie haben alle im Crowther Lab studiert oder gearbeitet. Alle haben die ETH schon länger verlassen. Das geht aus Recherchen der NZZ sowie der Korrespondenz zwischen Tamedia und dem Professor hervor, die dieser Zeitung vorliegt. Doch für die Anschuldigungen der beiden Frauen – ein Kuss und eine «körperliche Belästigung» – gebe es «keine verlässlichen Belege». Das halten die Reporter am 15. August 2024 in einer zweiten E-Mail an Crowther selber fest.

In ihrem Artikel beschreiben die Journalisten sodann die Meldungen, die die Betroffenen der Hochschule gemacht haben sollen. Gleichzeitig lassen sie wichtige Informationen weg. Zum Beispiel die lange Zeit, die seit der Handyaufnahme verstrichen war. Bis zur Meldung des Mannes auf dem Video im März 2023 waren fünfeinhalb Jahre vergangen. Damals arbeitete er seit fast drei Jahren nicht mehr an der Hochschule. Zu diesem Zeitpunkt mussten ETH-Angehörige unangemessenes Verhalten in der Regel innerhalb von drei Monaten melden. Im Juli 2024 wurde diese Frist auf sechs Monate verlängert. Auch das steht nicht im Artikel von Tamedia.

Die Sichtweise von Crowther wird in dem Bericht in wenigen Sätzen wiedergegeben. Der Professor hatte seine Position gegenüber den Journalisten ausführlich dargelegt. Auf über zwei Seiten nimmt er Stellung zu den Vorwürfen, liefert Kontext, nennt Hintergründe. Er lässt die Tamedia-Reporter wissen, dass es Zeugen gebe, die manche der Anschuldigungen gegen ihn entkräften könnten. Und er verweist auf Abklärungen, die die ETH Zürich bereits eingeleitet habe: Diese Untersuchung werde klare Belege zutage fördern, dass die Vorwürfe gegen ihn konstruiert seien.

Über den Mann auf dem Video schreibt der Professor den Reportern unter anderem: «He acted as though he was one of my closest friends, because he was.» Er sei damals einer seiner engsten Freunde gewesen. 2020 habe er seine Forschungsgruppe verlassen. Er wisse nicht genau, warum ihn der Mann danach zu hassen begonnen habe, teilt Crowther den Journalisten mit. Das war am 19. August, zehn Tage vor der Veröffentlichung des ersten Tamedia-Berichts über die Affäre.

Doch die Reporter lassen den beschuldigten Forscher in ihrem Artikel lediglich sagen, dass alles konstruiert oder verdreht und falsch dargestellt sei. Tamedia stellt sich auf Anfrage auf den Standpunkt, dass es den Journalisten aufgrund der superprovisorischen Verfügung nicht möglich gewesen sei, Crowthers Beschreibungen und Interpretationen der Umstände des Videos zu veröffentlichen. «Des Weiteren äussert sich der Tages-Anzeiger im Moment nicht zu diesen Recherchen», teilt Tamedia weiter mit.


Das Urteil des Bezirksgerichts

In den Wochen nach dem Tamedia-Artikel vom August 2024 muss das Zürcher Bezirksgericht über die von Crowther erwirkte superprovisorische Verfügung befinden. Tamedia will die Verfügung zu Fall bringen. Für den Medienkonzern ist klar: Der Tatbestand der sexuellen Belästigung sei ohne weiteres erfüllt. Offen bleibe, ob auch eine Schändung vorliege. «Mehrere renommierte Strafrechtsexperten» würden eine Schändung als erwiesen erachten. Die Reporter hätten das Video diesen Experten «geschildert», argumentiert der Konzern vor Gericht. Das Verhalten Crowthers stehe «im krassen Widerspruch zu dem, was man in der Gesellschaft von einem ETH-Professor erwarte».

Das Bezirksgericht sieht das anders. Am 19. Dezember 2024, nur Stunden nachdem die Tamedia-Zeitungen in ihrem zweiten Artikel den Namen Crowthers genannt und ihn auch im Bild gezeigt hatten, verbietet das Gericht den Journalisten erneut, die Szene aus dem Video mit einem schwerwiegenden Sexualdelikt in Verbindung zu bringen. Die superprovisorische Verfügung vom Sommer ist damit bestätigt. Anders sei ein schwerer Nachteil für den Professor nach diesem Tamedia-Artikel nicht zu verhindern, heisst es in dem Urteil.

Die Richterin begründet ihren Entscheid damit, dass es Tamedia nicht gelungen sei, darzulegen, ob die Handyfilm-Szene den von den Reportern angeführten Fachleuten nur geschildert wurde oder ob sie diese tatsächlich gesehen hätten. Damit würden die Tamedia-Zeitungen «im Ergebnis blosse Vermutungen der Rechtsexperten» veröffentlichen, hält die Richterin fest.

Und: «Im privaten Rahmen ist die Grenze für die Zulässigkeit einer Berichterstattung tiefer anzusetzen.» Da der Vorfall in der Freizeit stattgefunden habe, könne sich Tamedia nicht darauf berufen, dass hier das Verhalten eines ETH-Professors beziehungsweise «seine Einhaltung der ETH-Regulatorien» zur Debatte stehe und ein Medienbericht daher gerechtfertigt sei.

Mit anderen Worten: Auch ETH-Professoren haben ein Recht auf Privatsphäre. Tamedia hat keine Berufung gegen das Urteil eingelegt. Das Verdikt sei ein akzeptabler Kompromiss, teilt der Konzern auf Anfrage mit.


Die öffentliche Reaktion der ETH

Die ETH Zürich sucht derweil einen eigenen Ausweg aus der Krise. Am 14. August kommen der ETH-Präsident Joël Mesot, Julia Dannath, die Vizepräsidentin für Personal und Leadership, und Tom Crowther zu einer Sitzung zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Tamedia-Journalisten hatten die Hochschule und den Forscher zu diesem Zeitpunkt bereits kontaktiert, ihren ersten Artikel aber noch nicht veröffentlicht.

Dannath hatte bereits im Juli mit drei Betroffenen gesprochen, die Vorwürfe gegen Crowther erheben. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um dieselben drei Personen wie in der Recherche von Tamedia. Danach hatten Dannath und Mesot entschieden, die Anschuldigungen abklären zu lassen.

An der Sitzung von Mitte August betonen der Präsident und die Vizepräsidentin mehrmals, dass die ETH den Fall objektiv und fair behandeln werde. Eine Anwaltskanzlei werde die Hochschule bei den Abklärungen unterstützen. Das Team dieser Anwälte wird von einem Juristen angeführt, der mit Dannath eine Weiterbildung an der Universität St. Gallen absolviert hat. Das wird offen so kommuniziert an der Sitzung.

«They will help us find the facts», sagt der ETH-Präsident. Und: «Of course you will be interviewed. Your feedback is important», sagt Mesot zu Crowther laut Sitzungsprotokoll. Natürlich werde er befragt werden, Crowthers Sicht sei wichtig.

Zunächst jedoch soll der Professor schweigen. Dannath erinnert Crowther daran, dass er weder mit den Mitarbeitenden seiner Forschungsgruppe noch mit seinen Partnern noch mit weiteren Journalisten über die Anschuldigungen sprechen dürfe. Sie wisse, dass das schwierig sei. Dennoch sei es für alle das Beste, auf die ausstehenden Abklärungen an der ETH zu verweisen.

Die Vizepräsidentin hat klare Erwartungen an Crowther: keine «Salamitaktik». Wenn ihm irgendetwas einfalle, was für die Abklärungen bedeutsam sein könnte, dann habe er das der ETH proaktiv mitzuteilen. «You have one chance to be treated fairly», also müsse er ehrlich über alles sein, sagt Dannath zu Crowther laut Sitzungsprotokoll.

Nach dieser Sitzung bittet der Professor die von der ETH mandatierte Kanzlei umgehend um einen Termin. Das Treffen findet am 2. September statt. Crowther wird über den ungefähren Zeitplan der Abklärungen informiert. Und er darf seine Sicht auf die Vorwürfe im Tamedia-Artikel darlegen, der wenige Tage zuvor erschienen war. An diesem Treffen stellte Crowther den Juristen von sich aus auch das Handyvideo zur Verfügung. Offiziell befragt wird er von den Juristen damals nicht.

Ein paar Wochen später teilt der Professor der obersten Personalchefin der ETH von sich aus mit, dass er seine ersten Anwaltsrechnungen in dieser Krise aus privaten Fördermitteln seiner Forschungsgruppe bezahlt habe, die für solche Ausgaben vorgesehen seien. Dannath habe ihm geantwortet, dass das nicht erlaubt sei. Im vergangenen Herbst schreibt Crowther an den ETH-Vizepräsidenten für Finanzen: «I am happy to pay these costs back immediately.» Ob er das Geld auf das Konto seiner Forschungsgruppe zurücküberweisen solle, fragt der Professor den Finanzchef der Hochschule. Die E-Mail liegt dieser Zeitung vor. Eine konkrete Antwort auf sein Angebot habe er bis heute nicht erhalten. Die folgenden Rechnungen seines Anwalts habe er aus der eigenen Tasche bezahlt, sagt Crowther gegenüber der NZZ.

Ende August erscheint der Artikel der Tamedia-Zeitungen, und Dannath tut genau das, was sie von allen Beteiligten an der ETH erwartet: Sie verweist auf die laufenden Abklärungen. In einer Stellungnahme auf der Website der ETH teilt die Vizepräsidentin mit, dass die Hochschule keine Vorverurteilung vornehme und auch beschuldigte Personen anhören müsse. Dannath sagt aber auch: «Die Vorwürfe schildern ein Verhalten, das für die ETH Zürich inakzeptabel wäre.» Im Tamedia-Artikel zeigt sich die Hochschule «schockiert über die Anschuldigungen» gegen Crowther. Dannath sagt in dem Bericht von Tamedia: «Ich war schockiert, wie nahe das den Personen immer noch geht», mit denen sie im Juli gesprochen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt kannte die Hochschule Crowthers Position zu den Anschuldigungen bereits. Die Hochschulkommunikation der ETH hatte die Entgegnung des Professors an Tamedia ebenfalls erhalten. Hatte der Professor überhaupt eine faire Chance, sich zu verteidigen?


Die Befragungen

In den folgenden Wochen machen sich die Anwälte der beauftragten Kanzlei ans Werk. Sie befragen die drei Personen, die dem Professor persönliches Fehlverhalten vorwerfen: den Mann auf dem Video und die beiden Frauen, die auch in der Recherche von Tamedia auftauchen. Und sie führen Einzelgespräche mit allen Angestellten des Crowther Lab. Es geht um viel: Der ETH-Präsident hatte an der Sitzung vom 14. August klar formuliert, dass er die Resultate dieser Untersuchung bei seiner Entscheidung über Crowthers Zukunft an der Hochschule berücksichtigen werde.

Die Juristen scheinen in den Interviews gezielt vorzugehen. Vor allem die weiblichen Angestellten von Crowther werden mit Fragen konfrontiert, die an das Narrativ von Tamedia erinnern: Mehrere Personen, die meisten von ihnen Frauen, hätten sich bei der ETH über unangebrachte Annäherungen von Professor Crowther beschwert. Ob sich Crowther ihnen gegenüber ungebührlich verhalten habe, wollen die Juristen von den Wissenschafterinnen wissen, die ihnen gegenübersitzen. Ob er Grenzen überschritten, sie bedrängt habe?

Und falls nicht: «Haben Sie mal erlebt oder direkt beobachtet, dass Thomas Crowther etwas Unangebrachtes gesagt hat?» – «Von unangebrachtem Verhalten ist Ihnen nie berichtet worden?» . . .

Eine Angestellte gibt in ihrer Befragung zu Protokoll: «Ich kann den Vorwürfen gegen Tom Crowther kaum glauben. Ich habe ihn nie jemand anderen berühren gesehen, ausser beim Händeschütteln oder wenn er jemandem die Hand auf die Schulter legte.»

Mehrere Mitarbeiterinnen von Crowther fühlten sich in ihren Interviews unter Druck gesetzt, wie sie gegenüber der NZZ sagen. Sie werden von der Anwaltskanzlei auch zu ihrem Privatleben befragt.

Eine andere Wissenschafterin beschreibt ihre Befragung als sehr unangenehme Erfahrung. Die Fragen seien voreingenommen, einseitig und unfair gewesen. Sie habe zur Klärung des Falls beitragen wollen. Stattdessen habe sie sich je länger, je mehr gefragt, ob sie selber beschuldigt werde, etwas falsch gemacht zu haben. Danach sei sie in Tränen ausgebrochen.

Die Anwälte stossen in ihren Abklärungen aber auch auf Personen, die den Professor kritisch sehen und mitunter schwere Vorwürfe gegen ihn erheben.


Die Sache mit dem Kuss

Anfang Dezember 2024 legt die Anwaltskanzlei dem ETH-Präsidenten und der Vizepräsidentin ihren Bericht der Abklärungen vor. Darin finden sich einige Punkte, die für den Professor sprechen. So halten zahlreiche Angestellte Crowthers Forschungsgruppe für den besten Arbeitsort ihrer bisherigen Karriere. Der Professor wird als ein Mann beschrieben, der seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ähnlich behandle wie Freunde. Die meisten Befragten schätzen das, sie halten seinen Umgang für korrekt und beispielhaft, wie es im Bericht wörtlich heisst.

Doch die Kernbotschaft des Dokuments ist eine andere. Denn, so heisst es in dem Text weiter: «Mehrere Angestellte halten diesen Führungsstil für unangebracht.» So habe Crowther eine Doktorandin zum Abendessen eingeladen, um das Thema ihrer Dissertation zu besprechen. Die Frau habe das Angebot abgelehnt. Der Professor spreche auch über private Dinge mit seinen Angestellten und ermuntere sie dazu, ebenfalls private Dinge von sich zu erzählen.

Im gleichen Kapitel, in dem das Verhalten aus Sicht der meisten Mitarbeitenden als beispielhaft beschrieben wird, finden sich folgende Ausführungen: Das Verhalten von Professor Thomas Crowther werde als unangebracht oder gar als aufdringlich empfunden, vor allem von weiblichen Angestellten. Laut «früheren Mitarbeitenden» soll der Professor in den vergangenen Jahren auch diskriminierende Bemerkungen gemacht haben, was zu einer «toxischen Management-Kultur» geführt habe.

Es ist unklar, worauf sich dieser letzte Vorwurf bezieht. Eine Erklärung könnte der Spitzname sein, den Crowther der Managerin der Gruppe gegeben hatte: «Lab Mum». Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte sich vor Jahren darüber beschwert, da er den Begriff für sexistisch hielt – im Gegensatz zur Managerin selbst. Seither habe er die Bezeichnung nicht mehr verwendet, sagt der Professor zur NZZ.

Das steht nicht in dem Bericht der Anwaltskanzlei. Die Anschuldigungen des Mannes auf dem Video und der beiden weiteren Belastungszeuginnen indes werden ausführlich wiedergegeben. Zum Teil übernehmen die Juristen deren Perspektive. Wörtlich schreiben die Anwälte, als Tatsache formuliert: «Thomas Crowther küsste eine Doktoratskandidatin an einer Weihnachtsfeier 2021.»

Der Professor bestreitet dies. Die Frau habe ihn zu küssen versucht, er habe sein Gesicht gerade noch abwenden können, sagt Crowther zur NZZ. Dieser Zeitung liegen zudem schriftliche Aussagen von zwei Augenzeugen vor, wonach der Kussversuch an der Feier des Crowther Lab in der Aelpli-Bar im Zürcher Niederdorf von der Frau ausgegangen sei. Einer von ihnen hält fest, dass der Professor den Annäherungsversuch abgebrochen und sich sofort von der Frau wegbewegt habe. Sie habe eindeutig seine Aufmerksamkeit gesucht an dem Abend. Beide Zeugen würden mit ihren Aussagen auch vor Gericht auftreten, betonen sie gegenüber dieser Zeitung.

Crowther konnte dieses entlastende Material in den Abklärungen der Anwaltskanzlei jedoch nicht vorbringen. Er wurde – anders als der ETH-Präsident im August versichert hatte – nicht interviewt.

Weiter schreiben die Anwälte in ihrem Bericht, dass der Professor unmittelbar nach der Feier einen Termin habe organisieren lassen, um das Thema der Doktorarbeit der Frau zu besprechen. Die Frau habe dann erklärt, dass sie ihre Dissertation nicht unter Crowther schreiben wolle. – Ein Professor, der eine frühere Praktikantin küsst und ihr dann ein Projekt in seiner Forschungsgruppe zu verschaffen versucht: Es wäre ein klares Zeichen dafür, dass Crowther seine Macht missbrauchen wollte.

Aber diese Darstellung ist falsch. Eine Doktorarbeit bei Professor Crowther stand zu diesem Zeitpunkt gar nicht zur Debatte. Das zeigen E-Mails, die der NZZ vorliegen. Die Juristen der Kanzlei haben die Korrespondenz von Ende 2021 ebenfalls erhalten, nachdem sie eine weitere Mitarbeiterin von Crowther dazu befragt hatten. Im Bericht berücksichtigt wurden diese Informationen allerdings nicht.

Die Doktoratskandidatin hatte sich selber bereits für ein anderes Gebiet entschieden, als sie im Sommer 2021 ein Praktikum in Crowthers Forschungsgruppe absolvierte. Zum Zeitpunkt der Weihnachtsfeier hatte sie keinen Vertrag mit der ETH. Sie hätte in einer anderen ETH-Gruppe doktoriert und wäre dort von einer anderen Wissenschafterin betreut worden. In der Besprechung nach der Weihnachtsparty im Niederdorf wäre es lediglich darum gegangen, auszuloten, inwiefern die künftige Doktorandin mit Crowthers Team zusammenarbeiten könnte.

Doch auch daraus wurde nichts. Die Finanzierung des Projekts kam nicht zustande, wie die Doktoratskandidatin der Managerin von Crowthers Forschungsgruppe zwei Wochen nach der Feier per E-Mail mitteilte.

Die zweite Belastungszeugin, eine frühere Masterstudentin, wirft Crowther vor, sie 2019 «körperlich belästigt» zu haben, als sie und er allein in seiner Wohnung gewesen seien. Details zu dem mutmasslichen Übergriff erwähnen die Juristen nicht. Nach ihrem Abschluss habe die Frau in Crowthers Forschungsgruppe zu arbeiten begonnen und den Professor auf Distanz gehalten, schreiben die Anwälte in ihrem Bericht. Damals habe die Frau die Annäherung des Professors als einmaligen Fauxpas empfunden. Sie habe erst dann ein Muster des Professors erkannt, nachdem sie «von ähnlichen Fällen von anderen Betroffenen» erfahren habe.

Auch diese Vorwürfe bestreitet der Professor. Er habe keine Ahnung, worauf sich diese Anschuldigungen beziehen sollten, sagt Crowther zur NZZ. «Ich war nie allein mit dieser Frau in meiner Wohnung.»

Es steht Aussage gegen Aussage. Zu Fragen dieser Zeitung wollten die beiden Frauen keine Stellung nehmen.


Die Sache mit der Firma

An der Krisensitzung vom 14. August wird Crowther noch mit einem weiteren Vorwurf konfrontiert. Es geht um Compliance-Fragen. Sie werden später zu einem zentralen Bestandteil dieses Falls. Vorgebracht wurden diese Anschuldigungen von einer weiteren früheren Mitarbeiterin des Crowther Lab, zur gleichen Zeit wie die Vorwürfe der anderen drei Belastungszeugen.

Genaueres erfährt der Professor erst, als ihm in einer weiteren Sitzung mit Joël Mesot und Julia Dannath Anfang Dezember der Bericht der Anwaltskanzlei ausgehändigt wird. Der Hauptvorwurf: Ressourcen der ETH sollen für eine private Firma verwendet worden sein – eine Firma, die Crowther gegründet hat und deren Stiftungsratspräsident er ist. Und das war offenbar kein Einzelfall. Die Liste mit ähnlichen Vorwürfen in dem Report ist lang.

Es gibt allerdings Zweifel an diesen Anschuldigungen. Crowthers Firma ist vor allem eines: eine interaktive Plattform. Umweltwissenschafter auf der ganzen Welt können dort Daten ihrer Arbeit hochladen und somit anderen Forschern zur Verfügung stellen. Nach Angaben der Plattform finden hier Projekte aus 140 Ländern an über 200 000 Standorten sowie 20 000 Nutzer zusammen. Unter anderem für diese (Business-)Idee hat Crowther 2021 einen Preis gewonnen an der ETH.

Der Hauptsitz des Nonprofit-Spin-offs ist in einem schmucklosen Gebäude in Zürich Altstetten untergebracht. Dort arbeiten ein Geschäftsführer und eine Handvoll Mitarbeiter, die die Plattform unterhalten und den Nutzern zum Beispiel beim Hochladen ihrer Daten helfen. In den Abklärungen der Anwaltskanzlei spielt das Spin-off eine wichtige Rolle. Die Anwälte wollen herausfinden, ob ETH-Angestellte tatsächlich für eine private Firma arbeiten. In ihrem Bericht präsentieren sie den Sachverhalt so, als ob dies tatsächlich der Fall sei.

Ein Data-Sharing-Agreement zwischen der Firma und der ETH Zürich jedoch zeigt: Angestellte der Hochschule beziehungsweise des Crowther Lab arbeiten nicht für Crowthers Firma. Sie arbeiten lediglich mit Daten der Plattform, um ihre Forschungsprojekte an der ETH Zürich voranzutreiben. Es ist eine Win-win-Situation: Forscher der ETH füttern die Plattform mit Daten ihrer Arbeit, im Gegenzug erhalten sie Zugang zu Forschungsmaterial, das andere Wissenschafter von irgendwo auf der Welt auf die Plattform hochgeladen haben.

Diese Abläufe sind in der erwähnten Daten-Vereinbarung geregelt. Das Dokument stammt vom Mai 2021. Für die Hochschule unterschrieben haben Tom Crowther und der damalige Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH, Detlef Günther. Auch dieses Dokument kommt in dem Bericht der Anwaltskanzlei nicht vor.

In einer weiteren Übereinkunft ist festgelegt, dass die ETH beziehungsweise das Crowther Lab der Firma für bestimmte Projekte die Dienste von Datenwissenschaftern zur Verfügung stellen und diese Dienstleistungen der Firma dann in Rechnung stellen kann. Seit November 2023 können solche Services einen Umfang von bis zu 500 000 Franken ausmachen. Auch dieses Dokument bleibt in dem Bericht der Anwälte unerwähnt.

In ihrem Fazit kommen die Juristen zu dem Schluss, sowohl belastende als auch entlastende Aussagen über Tom Crowther zutage gefördert zu haben. Die Statements der drei Belastungszeugen und das Compliance-Kapitel wirken jedoch sehr unvorteilhaft für den beschuldigten Professor.

Die Anwaltskanzlei wollte sich zu den Fragen der NZZ nicht äussern.


Die Freistellung

Crowther ist fassungslos, als Joël Mesot ihm den Bericht am 3. Dezember 2024 im Büro überreicht. Der ETH-Präsident und die Vizepräsidentin hatten den Report einen Tag zuvor erhalten und sich so bereits ein Bild gemacht von der Affäre, die die Hochschule seit Monaten beschäftigt. Das Sitzungsprotokoll lässt tief blicken. Für Julia Dannath ist klar: Offenbar arbeiten mehrere ETH-Angestellte gratis für Projekte der Firma, die Crowther gegründet hat.

Die Anschuldigungen wegen persönlichen Fehlverhaltens gegen Crowther hingegen spielen in dieser Besprechung eine untergeordnete Rolle. Dannath sagt dazu lediglich: «Yes, there is something in the report.» Und sie lässt den Professor wissen, dass es in seiner Forschungsgruppe sowohl «super fans» als auch solche gebe, die sich unwohl fühlten. Von Machtmissbrauch, übergriffigem Verhalten oder mutmasslichen Straftaten ist in dem Gespräch jedoch keine Rede.

Ungemütlich ist die Lage für den Professor dennoch. Irgendwann sagt Joël Mesot zu ihm: «Wir müssen die Institution schützen.» Gemeint ist die ETH. Der Bericht enthalte «substanzielle Hinweise» darauf, dass Compliance-Regeln missachtet worden seien. Es gebe viele offene Fragen. «Wir müssen handeln.»

Crowther wird freigestellt, zunächst bis Ende Januar. Den Bericht, der laut Mesot die Erkenntnisse der Abklärungen zusammenfasst, darf er mit nach Hause nehmen. Es wird ihm eine Frist gesetzt. Seine Antworten müssen innert zehn Tagen beim ETH-Präsidenten und bei der Vizepräsidentin eintreffen, also spätestens am 13. Dezember um 13 Uhr. Und er darf mit niemandem darüber sprechen ausser mit seinem Anwalt.

Crowthers Reaktion, als er den Report in der Sitzung ein erstes Mal durchblättert: «This is all absolutely bizarre!» Wo seien die Belege der Gegenseite? Wer mache all diese Anschuldigungen? Das müsse er wissen. Sonst könne er sich unmöglich verteidigen.

Doch die Vorwürfe in dem Bericht bleiben anonym. Es handle sich nicht um eine offizielle Untersuchung, sondern lediglich um eine informelle Abklärung, sagt Dannath dazu. Das bedeutet auch: Belege, die Crowthers Perspektive stützen würden, sind nicht gefragt. Der Professor soll den Bericht lediglich mit schriftlichen Kommentaren versehen.


Die Antwort des Professors

Im Dezember also soll der beschuldigte Forscher den Bericht der Anwaltskanzlei lediglich kommentieren. Stattdessen schreibt er eine detaillierte Replik. Und er übt Selbstkritik: Ja, er habe die Grenze zwischen Freundschaft und beruflichen Beziehungen manchmal verwischt. Er habe Doktorandinnen und Doktoranden zu Abendessen und Partys eingeladen. Aber sein eigener Betreuer in Grossbritannien habe das damals auch so gemacht, als er noch Doktorand gewesen sei. Er habe das als Zeichen der Anerkennung empfunden, schreibt Crowther.

In den vergangenen Jahren hätten insgesamt über 160 Männer und Frauen in seiner Forschungsgruppe gearbeitet. Die meisten hätten seine offene Art geschätzt. Dennoch tue es ihm aufrichtig leid, dass sein Führungsstil manchen Mitarbeitenden unangenehm sei. Er werde das ändern.

Dann wird Crowther deutlich. «But I must be clear», schreibt er, eine romantische, körperliche oder intime Annäherung von ihm gegenüber Angestellten seiner Forschungsgruppe habe es nie gegeben. Und: Die meisten Compliance-Vorwürfe seien falsch. Das könne er belegen. Dennoch tue es ihm leid, falls er oder sein Team das eine oder andere Detail übersehen haben sollten. Das werde er umgehend korrigieren.

Der Professor versucht, den Report der Anwaltskanzlei zu widerlegen. Er erwähnt Dokumente, die er nicht vorbringen darf. Er verweist auf 44 gegenwärtige und frühere Mitarbeitende, die ihm helfen wollten und denen er nicht antworten konnte, da die ETH ihm dies verboten hatte.

Vergeblich.


Schlamperei?

Am 17. Dezember 2024 teilt der ETH-Präsident Joël Mesot dem Professor in einer weiteren Sitzung mit, dass er ihm keine Festanstellung geben werde. Bis zur Publikation des ersten Tamedia-Artikels deutete wenig darauf hin, dass die Hochschule ihren jungen Forscher nicht zum ordentlichen Professor befördern würde. Die Tenure-Track-Kommission des Departements für Umweltsystemwissenschaften hatte deutlich für ihn votiert, mit 24 zu 2 Stimmen bei 2 Enthaltungen. Eine Kommission der gesamten ETH kam zu einem ähnlich klaren Ergebnis.

Aber das war vor dem Artikel in den Tamedia-Zeitungen vom August. Danach wurden andere Überlegungen wichtiger.

Und die Zeit drängte. Crowthers Tenure-Verfahren hatte sich in die Länge gezogen. Denn: Bis kurz vor der Tamedia-Recherche im vergangenen Sommer standen Vorwürfe wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen ihn im Raum. Recherchen deuten darauf hin, dass diese Anschuldigen gegen ein Paper des Crowther Lab von dem Mann in dem Video stammen. Die ETH untersuchte die Vorwürfe, im Juli 2024 wurden sie ad acta gelegt. Die Anschuldigungen hatten sich als falsch erwiesen. Das geht aus einer E-Mail des Scientific Integrity Office der ETH an Crowther und weitere Autoren der Studie hervor, die der NZZ vorliegt.

Eine Nichtweiterbeschäftigung Crowthers hätte Konsequenzen. Für die Angestellten seiner Forschungsgruppe müsste eine Anschlusslösung gefunden, bisherige Geldgeber des Crowther Lab müssten bei der Stange gehalten oder für andere Forschungsprojekte der ETH gewonnen werden. Das müsste rechtzeitig in die Wege geleitet werden können, also lange vor dem Ende von Crowthers Vertrag im September 2025.

Mesot war unter Zeitdruck. Und so entscheidet der ETH-Präsident: Crowther muss die Hochschule verlassen.

Interessant ist die Begründung, die Mesot dem britischen Professor laut Sitzungsprotokoll präsentiert. Junge ETH-Forscher erhielten Zeit, um sich zu entwickeln und um sich als Professoren zu beweisen: als Wissenschafter, Führungspersonen, als Träger der ETH-Kultur. Seine Verantwortung als Präsident sei es, die gesamte Zeit eines sogenannten Tenure-Tracks zu berücksichtigen. Und bei Crowther sei diese für beide Seiten intensiv gewesen – «for you and also for us», sagt der ETH-Präsident zu seinem Mitarbeiter. Deswegen habe er entschieden, dem Professor keine Festanstellung zu geben.

Dann fallen zwei Begriffe, die sich laut Mesot wie ein roter Faden durch Crowthers Zeit an der Hochschule gezogen haben: «neglicence and sloppiness», Fahrlässigkeit und Schlamperei. Ein neues Argument gegen den britischen Forscher.


Neid unter Ökologen

Die Zeit von Tom Crowther an der ETH Zürich war tatsächlich intensiv. 2019 präsentierte das Crowther Lab eine spektakuläre Studie. Ein Team des Professors hatte errechnet, dass auf der Erde eine Billion zusätzliche Bäume natürlich wachsen könnten, wenn der Mensch nicht eingriffe. Crowthers Team hatte die Ergebnisse der Untersuchung in der Fachzeitschrift «Science» plakativ als effizienteste Methode bezeichnet, um CO2 zu binden. In der globalen Forschergemeinde wurde die Studie heftig kritisiert. Die Autoren mussten nachbessern und ein Korrigendum publizieren.

An der ETH wurde Crowthers Arbeit ebenfalls attackiert – von einem Professor des gleichen Departements. Dieser hatte dem Briten vorgeworfen, Daten der kritisierten Studie von 2019 manipuliert zu haben. Zu Unrecht, wie sich zeigen sollte. Detlef Günther, der damalige ETH-Vizepräsident für Forschung, hatte die Anschuldigungen geprüft und für falsch befunden. Der Professor, ebenfalls ein Ökologe, musste sich vor mehreren weiteren Professoren entschuldigen für seine Angriffe gegen Crowther. Das bestätigen mehrere Quellen gegenüber dieser Zeitung.

Der Mann gab offenbar trotzdem keine Ruhe. Er und ein anderer Forscher aus dessen Forschungsgruppe kritisierten Crowther und seine Mitarbeitenden weiter, bezeichneten deren Projekte als langweilig, irrelevant und fehlerhaft. Doktoranden und Studenten des Crowther Lab wurden von den beiden Professoren unter Druck gesetzt. Das belegen E-Mails mehrerer Quellen und Dokumente. Im Herbst 2022 beschwerte sich Crowther bei der Ombudsstelle der ETH darüber. Auch das nützte nichts. Als «Nature» im Januar über den Fall Crowther berichtete, postete sein Gegenspieler einen giftigen Kommentar auf Linkedin.

Die Anschuldigungen gegen Crowther und sein Team gingen so weit, dass sich ein weiterer Ordinarius verpflichtet fühlte, die ETH-Schulleitung darüber zu informieren. In seinem Schreiben findet dieser Professor klare Worte: Crowther werde gemobbt, und zwar seit Jahren. Er selber habe dies mehrfach miterlebt, auch an Sitzungen im Department.

Verschickt wurde der Brief am 11. Dezember 2024 – ein paar Tage vor dem Treffen also, an dem Mesot seinem Mitarbeiter vorhält, immer wieder unsauber gearbeitet zu haben.


Das Statement der ETH

Und die Vorwürfe wegen unangebrachter Annäherungen, derentwegen sich die ETH im Sommer 2024 in aller Öffentlichkeit «schockiert» gezeigt hatte?

Dazu sagt Joël Mesot an der Sitzung von Mitte Dezember kaum etwas. In einem Brief des ETH-Präsidenten an Crowther von Ende Januar 2025 kommen diese Anschuldigungen nicht vor. Mesot schreibt lediglich: Das Vertrauen sei weiter beschädigt worden, da vertrauliche Informationen offenbar an Medien weitergereicht worden seien. Daher bleibe Crowther freigestellt bis zum Ende seines Vertrages im September.

Die Mitarbeitenden des Crowther Lab werden am 18. Dezember 2024 darüber informiert, dass ihr Chef die ETH verlassen müsse. Der ETH-Präsident habe kein Vertrauen mehr in ihn. Die Vorwürfe des persönlichen Fehlverhaltens würden nicht weiter untersucht, da klare Belege fehlten. Freigestellt bleibe der Professor wegen Compliance-Fragen. So steht es in den Notizen von mehreren Mitarbeitenden des Crowther Lab, die bei der Bekanntmachung zugegen waren. Weitere Angestellte der Forschungsgruppe bestätigen diese Darstellung.

Auf Linkedin und X bringen Stunden später Dutzende Angestellte und ehemalige Forscher des Crowther Lab ihre Solidarität mit dem Professor zum Ausdruck. Eine belgische Doktorandin schreibt, sie habe Crowther als aussergewöhnlichen Wissenschafter und mitfühlenden Leader erlebt, der sich um das Wohlergehen jedes Einzelnen im Team gekümmert habe.

Im Februar 2025 wird die Forschungsgruppe online einen offenen Brief publizieren, um «zu einer ausgewogenen Perspektive beizutragen». Für sie sei das Crowther Lab ein Ort des gegenseitigen Respekts, von Wertschätzung und Unterstützung gewesen. Unterschrieben haben 39 frühere und gegenwärtige Mitarbeitende des Professors.

Crowther befindet sich allerdings weiterhin in einer schwierigen Lage, als er am 17. Dezember 2024 mit dem ETH-Präsidenten und der Leiterin des Rechtsdiensts der Hochschule die Modalitäten seines Abgangs bespricht. Wie würde die ETH die Öffentlichkeit informieren?

Für Crowther ist das die entscheidende Frage. «For my life to continue», sagt er laut Sitzungsprotokoll, müsse das Pressecommuniqué fair sein. Er habe niemanden belästigt und gegen keine ETH-Regeln verstossen. Das müsse in der Mitteilung klar festgehalten werden. Denn: Wer werde ihn sonst anstellen? «‹Tages-Anzeiger› is ready», sagt Crowther, «they will present me as an absolute monster!»

Noch in der gleichen Woche erfahren die Tamedia-Zeitungen, dass die Anwälte der Kanzlei ihren Zwischenbericht zum Fall Crowther vorgelegt haben. Sie fragen nach bei der Hochschule, die Medienstelle antwortet mit einem knappen Statement: «Nach einer sorgfältigen Evaluation» sei der ETH-Präsident zu dem Schluss gekommen, dass das Vertrauen für eine unbefristete Anstellung nicht gegeben sei. Der Professor werde die Hochschule verlassen und bleibe freigestellt. Er bestreite die Vorwürfe. Die Klärungen seien noch im Gange.

Das genügt den beiden Tamedia-Reportern. Am 19. Dezember publizieren sie ihren zweiten Artikel zum Fall Crowther, mit Name und Bild und unter dem Titel: «Weltbekannter Klima­forscher muss die ETH nach Vorwürfen verlassen». Crowther äussert sich nicht in dem Text. Die Hochschule hatte ihn angewiesen, nicht mit Medien zu sprechen.

Tamedia hält auf Anfrage fest, dass man an der Berichterstattung über den Fall festhalte. Die beiden Artikel seien von grossem öffentlichem Interesse gewesen, da das Meldesystem der ETH hier während Jahren nicht richtig funktioniert habe. Zur Untermauerung zitiert der Konzern die Vizepräsidentin Julia Dannath, die im Sommer gegenüber den Tamedia-Zeitungen sagte: «Ich glaube, dass wir auch aus diesem Fall sehr viel lernen.»


Die Abklärungen gehen weiter

Seither schweigt die ETH. Die Mitarbeiter des Crowther Lab sollen in den kommenden Wochen über die weiteren Abklärungen informiert werden. Bis dahin werde der Fall untersucht, «um sich eine Meinung zu bilden», wie es im Januar in einer E-Mail an alle Mitarbeitenden von Crowther heisst. Die «vorläufigen Erkenntnisse» der Anwaltskanzlei seien lediglich als ein Teil eines grösseren Prozesses zu verstehen.

Am 17. Januar wird der freigestellte Professor doch noch offiziell befragt. Es geht um die Compliance-Fragen. Die Hochschule will es genauer wissen. Die Fragen an Crowther stellen der Vizepräsident für Finanzen und Controlling und der Accounting-Chef der ETH. Erneut geht es vor allem um die Plattform, die Crowther gegründet hat. Und um eine Zusammenarbeit mit der Universität Amsterdam. Auch in diesem Fall steht die Frage im Zentrum, ob eine ETH-Angestellte des Crowther Lab für eine andere Organisation gearbeitet habe, ein Spin-off der niederländischen Partneruniversität der ETH.

Auch hier lautet die Antwort: nein. Die Wissenschafterin arbeitete nicht für dieses Spin-off. Die beiden Hochschulen teilten sich die Kosten der Kooperation. Das eine Jahr finanzierte die eine Seite die Projekte der Postdoktorandin, das andere die andere. Das geht aus einer schriftlichen Vereinbarung der beiden Forschungsinstitutionen von 2022 hervor. Auch dieses Dokument trägt die Unterschrift von Detlef Günther, dem früheren ETH-Vizepräsidenten für Forschung.

Erst jetzt – als bereits klar ist, dass er die Hochschule verlassen muss – kann Crowther diese Dokumente vorlegen und persönlich dazu Stellung nehmen. Die Compliance-Sitzung von Mitte Januar war für mehrere Stunden angesetzt. Laut Protokoll hatte Crowther bereits nach 75 Minuten alle Fragen beantwortet. Aber das reicht der ETH nicht. Ende Januar schreibt Mesot an Crowther: «Hinweise auf Verstösse gegen Compliance-Regeln konnten noch nicht ausgeräumt werden.» Der ETH-Vizepräsident für Finanzen werde das weiter überprüfen, lässt Mesot seinen Mitarbeiter wissen.

Ein anderer Professor des Departments für Umweltsystemwissenschaften bezeichnet das Verfahren gegenüber der NZZ als Hexenjagd. Die ETH müsste ihren Betrieb einstellen, wenn alle Forschungsgruppen nach den gleichen Compliance-Massstäben durchleuchtet würden wie das Crowther Lab. Darüber diskutieren mehrere Professoren im Januar auch per E-Mail. Einer der Umweltwissenschafter schreibt: «Ich bin schockiert, wie Crowther von der ETH behandelt wurde.»

Am 20. Februar schliesslich darf Tom Crowther zu den Belästigungsvorwürfen persönlich Stellung nehmen – und weitere Dokumente vorlegen: Chats , Fotos, Zeugenaussagen. Er hatte Julia Dannath Ende Januar darum gebeten. «There is so much evidence that I have not had the chance to show you», schreibt er der ETH-Vizepräsidentin in einer E-Mail. Dannath versichert ihm, dass der Schlussbericht der gesamten Abklärungen zum Fall Crowther fair formuliert sein werde.

Dieses Dokument soll in den kommenden Wochen publiziert werden. Es ist möglich, dass dort Verfehlungen von Crowther auftauchen, die der NZZ bei der Publikation dieser Recherche nicht bekannt sind.

Die NZZ hat der ETH Zürich mehrere Fragen zukommen lassen. Ebenso dem ETH-Professor, über den sich Crowther bei der Ombudsstelle beschwert hatte. Am vergangenen Donnerstag antwortet die Hochschule mit einem Statement: Die Abklärungen zum Fall Crowther seien noch im Gange. «Die ETH Zürich wird die Fragen der NZZ daher gerne beantworten, sobald diese Abklärungen abgeschlossen sind.» Kurz danach trifft ein Abmahnungsschreiben ein, in dem die Rechtsvertreterin der ETH die NZZ auffordert, eine Publikation der vorliegenden Recherche zu unterlassen.


Ein Trauerspiel

Der Fall zeigt, dass Hochschulen sehr schnell in Bedrängnis geraten können, wenn sie in aller Öffentlichkeit mit schweren Anschuldigungen gegen einen leitenden Angestellten zu kämpfen haben. Das Phänomen liess sich vor zwei Jahren auch in der Medienbranche beobachten, als im Zuge von #MeToo ähnliche Vorwürfe gegen Journalisten der «Republik» und des «Magazins» laut wurden.

Für Universitäten bedeuten solche Krisen ein Minenfeld. Sie müssen reagieren und das entsprechend kommunizieren. Die vielen jungen, selbstbewussten und intelligenten Menschen, die bei ihnen studieren oder forschen, erwarten das von ihnen. Die ETH hätte nach dem Tamedia-Artikel im Sommer die Ruhe bewahren und die Lage genau analysieren können. Sie hat sich für einen anderen Weg entschieden.

Am Ende hinterlässt diese Geschichte nur Verlierer: die Tamedia-Zeitungen, die glaubten, einen Skandal aufgedeckt zu haben und mit ihrer These scheiterten vor Gericht. Die ETH Zürich, die fragwürdige Abklärungen durchführt und immer wieder neue Argumente gegen Crowther anführt. Die Mitarbeitenden des Crowther Lab, die sich einen neuen Betreuer suchen müssen oder ihre Stelle verlieren werden.

Und Tom Crowther, einen einst gefragten Forscher, der wieder ganz von vorne anfangen muss. Bis zum zweiten Tamedia-Artikel im Dezember 2024 erhielt er Hunderte E-Mails pro Tag. Jetzt sind es wenige pro Woche. Er gilt als Unperson, ob schuldig oder nicht.

Jetzt will er erst einmal abtauchen – und meditieren. Weit weg von der ETH.

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