An mehreren Orten im Gazastreifen ist es am Dienstag zu den grössten Protesten seit Kriegsbeginn gekommen. «Raus mit der Hamas!», skandierten dabei einige. Dieser Akt der Auflehnung ist selten – und könnte für Teilnehmer schwere Folgen haben.
Es sind Bilder, die man seit Kriegsbeginn noch nicht gesehen hat: Am Dienstag zogen Hunderte Palästinenser in einem ungewöhnlichen Akt des Protests durch die Strassen von Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen, andere versammelten sich vor dem Spital in der Stadt. Manche schwenkten weisse Flaggen, andere hielten Transparente hoch mit Sätzen wie «Stoppt den Krieg» oder «Kinder in Palästina wollen leben». Ausserdem belegen mehrere Videos, dass zahlreiche Demonstranten Parolen wie «Raus mit der Hamas!», «Hamas-Terroristen!» oder «Ja zu Frieden, nein zur Hamas!» skandierten.
Proteste im Gazastreifen sind selten – vor allem solche, die sich gegen die islamistische Terrororganisation richten, die die Küstenenklave seit 2007 mit eiserner Faust regiert und ihre Kritiker mitunter schnell verschwinden lässt. Auch am Dienstag sollen laut Medienberichten maskierte und bewaffnete Hamas-Mitglieder versucht haben, die Proteste gewaltsam aufzulösen. Dennoch kam es im Verlauf des Tages auch an anderen Orten im Gazastreifen zu spontanen Protesten. Auch am Mittwoch protestierten Hunderte in einem Viertel der Stadt Gaza.
Amazing. Palestinians in Gaza chant »Al Jazeera Out» and »Hamas Out.»
How many times have I been called a »Zionist pig» etc for saying the exact same things that Palestinians in Gaza are now chanting in the streets pic.twitter.com/N5rODGu7Ky
— Drew Pavlou 🇦🇺🇪🇺🇺🇦🇹🇼 (@DrewPavlou) March 26, 2025
Was die Demonstrationen genau ausgelöst hat, ist unklar. Am Montag hatten Terroristen des mit der Hamas verbündeten Palästinensischen Islamischen Jihad mehrere Raketen aus dem nördlichen Gazastreifen abgefeuert, worauf die israelische Armee die Bewohner in grossen Teilen der Stadt zur Evakuierung aufforderte. Der Frust scheint sich aber auch allgemein gegen die Wiederaufnahme des Krieges zu richten. Vergangene Woche hatte Israel eine zweimonatige Waffenruhe gebrochen und erneut mit der Bombardierung des Gebiets begonnen. Inzwischen rückt die Armee auch mit Truppen vor und lässt keine Hilfslieferungen mehr zu.
Den Demonstranten droht brutale Repression
Nach den ersten Protesten in Beit Lahia gingen laut Medienberichten auch Dutzende Palästinenser im drei Kilometer weiter südlich gelegenen Jabalia auf die Strassen. Am Abend erreichten die Demonstrationen dann die Stadt Khan Yunis im Süden des Gazastreifens. «Wenn die Lösung darin besteht, dass die Hamas die Macht im Gazastreifen abgibt, warum tut sie das dann nicht, um die Bevölkerung zu schützen?», zitiert die «Times of Israel» einen Demonstranten namens Majdi.
Gegenüber der «New York Times» sagt der 35-jährige Ahmed al-Masri: «Wir wollen weitermachen, bis das Blutvergiessen aufhört und die Hamas die palästinensische Szene verlässt.» Dass die Demonstranten die Terrororganisation dazu bewegen können, ist allerdings unwahrscheinlich: Während der Waffenruhe hatten Hamas-Vertreter zwar angedeutet, dass sie unter Umständen bereit wären, die politische Macht über Gaza abzugeben. Gleichzeitig hielten sie fest, dass ein Niederlegen ihrer Waffen nicht infrage komme. Israel hingegen beharrt darauf, dass die Hamas künftig weder politisch noch militärisch eine Rolle spielen darf.
Es ist daher fraglich, ob sich die Islamisten auch nur im Geringsten von den Protesten beeindrucken lassen. Vielmehr ist zu befürchten, dass sie wieder mit brutaler Repression gegen die Demonstranten vorgehen werden. Schon 2018 hatte Human Rights Watch in einem Bericht festgehalten, dass die Hamas ihre Gegner regelmässig festnimmt und foltert. Im vergangenen Jahr wurde der palästinensische Aktivist Amin Abed laut eigenen Aussagen von Sicherheitsbeamten der Hamas mit Hämmern und Metallstangen spitalreif geprügelt, weil er sich gegen das Massaker vom 7. Oktober 2023 ausgesprochen hatte. Obwohl die Hamas im Krieg mit Israel stark geschwächt wurde, ist sie nach wie vor die alleinige Ordnungsmacht im Gazastreifen.
Die öffentliche Meinung interessiert die Hamas nicht
Unklar ist, wie gross die gegenwärtige Protestbewegung tatsächlich ist. Auf Videos sind Hunderte, vielleicht einige Tausend Menschen zu sehen, die sich an den Demonstrationen beteiligen. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass die Hamas in den vergangenen Monaten massiv an Unterstützung eingebüsst hat. Laut einer Umfrage vom vergangenen Dezember sprechen sich nur noch fünf Prozent der Menschen im Gazastreifen für eine Hamas-Regierung aus. Allerdings trauten sich bisher aus Furcht vor Repressalien die wenigsten, ihre Kritik offen auszusprechen.
Die Terrororganisation hat sich bisher noch nicht zu den Ereignissen geäussert. Zwar berichteten auch lokale Medien über die Proteste – die Kritik an den Islamisten erwähnten sie allerdings nicht. Es habe sich um «Demonstrationen gegen den Krieg» gehandelt.
Auch in arabischen Medien, die sich sonst auf jede Nachricht aus Gaza stürzen, werden die Ereignisse kaum erwähnt. Die Demonstranten scheinen das registriert zu haben: In manchen Videos ist zu sehen, wie Menschen schreien: «Wir wollen al-Jazeera nicht!» Auch in den sozialen Netzwerken werfen manche Palästinenser dem katarischen Fernsehsender vor, nicht über die Proteste zu berichten.